Heimatfreunde Horchheim erhalten eine „Energiespende“
Sparkasse Koblenz unterstützt Vereine mit 100.000 Euro
Pressemitteilung vom 01. Februar 2023
Dank eines von der Stadt Koblenz initiierten Hilfsprogramms profitierten 46 Koblenzer Vereine von insgesamt rund 100.000 Euro, die die Sparkasse Koblenz bereitgestellt hat. Im Rahmen eines kleinen Empfangs in der Hauptstelle der Sparkasse kamen am 1. Februar die Vereine zusammen, um einen symbolischen Spendenscheck entgegenzunehmen. Empfangen wurden die rund 70 Vereinsvertreter von Matthias Nester, dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Koblenz, und Oberbürgermeister David Langner.
Noch im Dezember 2022 haben die Vereine, die die Soforthilfe beantragt haben, ihre Energiespende erhalten. Voraussetzungen waren ein Nachweis der erhöhten Energiekosten und die Gemeinnützigkeit des Vereins. „Die lokalen Vereine leisten wichtige Arbeit für das Gemeinwohl in unserer Stadt. Da ist es für uns als Sparkasse Koblenz selbstverständlich, sie zu unterstützen und ihr Fortbestehen zu sichern, indem wir einen Teil ihrer gestiegenen Energiekosten tragen“, erklärte Matthias Nester in seiner Begrüßungsrede.
Kaum einer konnte sich auf diese schwierigen Zeiten vorbereiten, in denen wir uns gerade befinden. Nicht nur im privaten Bereich sind Menschen von der Energiekrise betroffen, sondern auch das ehrenamtliche Engagement verschiedener Koblenzer Vereine steht bei den steigenden Kosten auf der Kippe. Die Stadt Koblenz, die die Vereinsarbeit bereits finanziell unterstützt, hätte die Hilfen gern erhöht, doch die Haushaltslage und die Vorgaben haben dies nicht zugelassen. Aus diesem Grund ist Oberbürgermeister David Langner auf Matthias Nester zugegangen, um eine Unterstützung des Ehrenamtes zu finden.
Sparkassenchef Matthias Nester (links vorne) überreicht gemeinsam mit Oberbürgermeister David Langner (Dritter von links) an rund 40 Vereine symbolische Spendenschecks. Foto: Michael Jordan
„Zu den finanziellen Herausforderungen dieser Zeit gehören die gestiegenen Energiekosten, die gerade Vereine, deren Einnahmemöglichkeiten durch die Pandemie eingeschränkt wurden, sprichwörtlich kalt erwischt haben. Da die Stadt wegen ihrer angespannten Haushaltslage nicht einspringen konnte, bin ich der Sparkasse Koblenz sehr dankbar, dass sie den Vereinen auf unseren Vorschlag hin großzügig geholfen hat“, so David Langner.
Zusätzlich zu den 46 Vereinen, die bereits jetzt ihre Spende erhalten haben, gibt es noch weitere Koblenzer Vereine, deren Anmeldung im vergangenen Jahr zu spät eingegangen ist oder denen Nachweise fehlten. Sie sollen in diesem Frühjahr mit einer Energiespende unterstützt werden.
Wohl mancher Horchheimer könnte sich nach dem Sinn und der Berechtigung eines solchen Artikels fragen, da man sich doch als Einheimischer und somit des „Horchheimer Platts“ mächtig fühlt. Die Tatsache aber, dass von den Horchheimer Bürgern nur noch ein geringer Prozentsatz richtig „Platt“ sprechen kann, ist ein Beweis dafür, wie sehr unser Heimatdialekt zu verschwinden droht und sich mit den Sprachelementen anderer Dialekte zu vermischen beginnt. Die Zeiten, in denen in der Schule noch „Platt“ unterrichtet wurde, sind schon lange vorbei, und so geraten durch die Schule und durch die Notwendigkeit, sich der hochdeutschen Sprache bedienen zu müssen, viele Redensarten und Wörter unseres Dialektes in Vergessenheit.
Ein weiterer Grund dafür ist aber auch, dass das Interesse am Dialekt doch sehr gering ist, und es oft als mangelhafte Bildung angesehen wird, sich im Gespräch seiner Mundart zu bedienen. In dieser Beziehung belehrt uns aber die Wissenschaft eines Besseren, denn die Mundartforschung hat sich heute immer mehr zu einem selbständigen Zweig der Philologie entwickelt, dient sie doch der Erforschung der kulturellen Entwicklung eines Volkes und vor allem der Sprache selbst. Um der Gefahr des völligen Verschwindens unseres Dialekts entgegenzuwirken, soll das Folgende darum ein Versuch sein, einige charakteristische Ausdrücke aus dem richtigen „Horchheimer Platt“ zu sammeln und sie den Horchheimer Bürgern wieder in Erinnerung zu rufen, damit nicht auch noch dieser an und für sich schon wichtige Rest in Vergessenheit gerät.
Als Überleitung in unser kleines „Wörterbuch“ möchte ich hier ein Gedicht bringen, das mir wegen seines treffenden Inhalts sehr am Platze scheint.
Moddersproch Wer alldäschlich Platt doht schwätze, goht domit kei Ehr verletze. Manchmol trifft mer Leit im Lewe, die net mie gewohnt sich gewe, weil se wolle huhdeitsch rede, dohn se grod donehwertrete. Denne rat ich: Laßt die Faxe! Schwätzt doch, wie dat Maul et kann, wie de Schnawel eich gewachse, dann wierd ihr de best verstann!
Wesentlicher Bestandteil einer Mundart sind auch die überall so beliebten Spitznamen, die aus dem Gemeinschaftsleben einfach nicht fortzudenken sind. Darum soll nicht versäumt werden, an dieser Stelle einige typische Horchheimer Spitznamen aufzuzählen.
Wir hoffen, daß wir bei unserer Aufzählung niemand zu nahe getreten sind, denn da all diese Namen nicht in böser Absicht geschrieben sind, glauben wir, daß uns auch niemand böse Absichten unterlegen wird.
Original-Artikel aus der Horchheimer Kirmeszeitung 1967 und 1968
Horchheimer erinnern sich daran, wie sie 1944/45 mit Hunderten in ihren „Bunker“ flüchteten
Artikel aus der Rhein-Zeitung vom 13. Oktober 2021
von Redakteurin Katrin Steinert
Der 576 Meter lange Eisenbahntunnel zwischen Horchheim und Pfaffendorf wird zurzeit abgerissen, um ihn größer neu zu bauen. In das Großprojekt der Deutschen Bahn, das seit August dieses Jahres läuft, fließen 40 Millionen Euro, wie der Konzern auf mehrfache Nachfrage unserer Zeitung mitteilt. Während die Abrissbagger und Meißel dem Fels zu Leibe rücken, erinnern sich Zeitzeugen daran, wie sie mit Hunderten anderen Horchheimern in den Kriegsjahren 1944 und 1945 in dem alten Tunnel Schutz suchten – immer wenn über ihnen amerikanische und britische Bomber flogen.
Margot Stoll ist eine dieser Zeitzeugen. Die 81-jährige Seniorin war damals vier beziehungsweise fünf Jahre alt. Immer dann, wenn die Sirenen Fliegeralarm meldeten, musste sie mit Mutter und Geschwistern in „das Tunnéll“, wie die Einheimischen den Tunnel nennen. Die Familie lebte in der Meesstraße, gute 600 Meter Fußweg entfernt. Die Kinder waren nie ganz ausgezogen, bereit, jederzeit loszulaufen.
Margot Stoll erzählt: „Bei Alarm hieß es: „Schnell, schnell, anziehen und ab in das Tunnéll.“ Mäntelchen drüber, Schuhe an, Tasche mit Essen geschnappt, und los ging es, auch bei Regen und Schnee. Der Alarm kam zu jeder Tages und Nachtzeit. Die kleine Margot, ihre Geschwister, die Mutter und Großmutter machten sich auf den Weg zum schützenden Bauwerk, Hunderte andere mit ihnen. „Einmal trat meine Oma in der Eile in eine Weiche“, berichtet die 81-Jährige. Sie erinnert sich daran, wie jemand den Schuh rausholte und zurückgab. „Die Leute halfen sich alle gegenseitig“, sagt sie.
Der Tunnel war der einzige Schutz der Horchheimer. Die benachbarten Pfaffendorfer hatten einen richtigen Bunker. Die Horchheimer kamen von allen Seiten. Hinunter zur schützenden Öffnung führten von oberhalb der Beckenkampstraße Trampelpfädchen, berichtet Margot Stoll. Wer weiter weg wohnte wie sie selbst, der harrte manchmal tagelang im kalten zugigen Tunnel aus. „Nur meine Mutter ist mal heimgelaufen, um etwas für uns zu kochen.“
Wie es damals im Tunnel aussah, davon erzählt ein Bild des Horchheimer Malers Alfred Erich Euchler (1888–1968). Das hängt heute im Eifeler Landschaftsmuseum in der Mayener Genovevaburg. Die Szenerie zeigt eine Ansammlung von Menschen im Eisenbahntunnel, viele Frauen, Kinder und Senioren sind dicht gedrängt, dazwischen Kinderwagen, Bänke, Betten. In einer der Mauernischen sitzen Kinder auf einem Sofa, oben in einem Bogen ist ein Bett eingebaut, auf dem Kinder liegen, weit im Hintergrund des Tunnels ist eine Dampflok zu sehen. Im Horchheimer Ortsmuseum ist ein DIN-A3-großer Abzug des Bildes zu sehen.
1944 im Horchheimer Eisenbahntunnel bei Luftangriff gemalt von Alfred Erich Euchler
Margot Stolls Familie schlief nur eine Armlänge entfernt vom Gleis. Der Vater hatte seinen Lieben 1944 aus Balken und Brettern ein Etagenbett und eine Bank für den Tunnel gezimmert, bevor er als Beladeschaffner für die Eisenbahn nach Sibirien abgeordnet wurde. Ihre Mutter war mit dem vierten Kind schwanger und schlief mit einem unten, die anderen oben. „Alles war mit so fiesen grauen Decken abgehängt, weil die Züge so nah standen“, sagt die 81-Jährige.
Ein Mann, der heute noch am Tunnel wohnt und immer mal wieder schaut, wie die aktuellen Abrissarbeiten vorangehen, erinnert sich im Gespräch mit unserer Zeitung daran, dass es damals Nummern im Tunnel gab, die an den Wänden standen und den Familien anzeigten, wo ihr Platz ist. „Wir hatten die 27“, berichtet der über 80-Jährige. „Jeder wusste genau, wem welche Sachen gehörten.“ Jede Familie hatte aber Angst vor Plünderung, wenn sie zwischendurch zu Hause war und ihre Sachen im Tunnel zurückließ.
Die kleine Margot und die jüngeren Kinder mussten bei Fliegeralarm immer am Platz bleiben, während Ältere freier herumlaufen durften. „Es fuhren ja Züge auf den beiden Gleisen, zwar langsam, aber das war ja trotzdem gefährlich“, berichtet Margot Stoll. Außerdem konnten Kinder im Gewusel und in der Dunkelheit verloren gehen. Die Seniorin erinnert sich noch gut an die direkten Nachbarn im Tunnel. Vor ihnen war die Familie Rippelbeck, „das waren bessere Leute“. Die Frau drückte die kleine Margot öfter. Sie sagte immer: „Wenn der Krieg zu Ende ist, kriegst du was.“
Portal des Horchheimer Tunnels
Auch der 86-jährige Horchheimer Helmut Mandt flüchtete als Zehnjähriger mit Mantel und Köfferchen über die Bächelstraße in den Tunnel. Er erinnert sich, dass dort auch Militärfahrzeuge abgestellt wurden, um vor den Angriffen zu schützen. „Für uns Kinder war es toll, darauf rumzuklettern“, sagt er und weiß, dass nur Kinder so unbefangen sind. Im schützenden Bauwerk hielten auch ab und zu Lazarettzüge, die stöhnende Verletzte transportierten. Auch Züge mit Zwangsarbeitern stoppten hier.
Daran erinnert sich Robert Stoll, der Mann von Margot Stoll, noch genau. „Einige von denen haben immer so „Holz-Bippchen“ gemacht und wollten die gegen Brot tauschen“, erzählt der 91-Jährige. Als es einmal zum Tauschgeschäft mit den Spielzeughühnern kommen sollte, sah dies ein Bewacher und wollte den Handel unterbinden. Da kam es fast zum Aufstand, die Horchheimer wurden laut und vertrieben den Aufseher, erzählt Robert Stoll und lacht stolz. Er war Teenager und wohnte nur einen Katzensprung vom Tunnel entfernt. So konnte er tagsüber auch schnell mal heim flitzen. Einmal spielte er draußen, als plötzlich eine Luftmine auf den Tunnelfels fiel. „Es gab eine enorme Druckwelle, ich flog weg und lag unter Fremdarbeitern.“ Die halfen auch im Ort. Die Druckwelle war auch im Tunnel zu spüren. Wäre die Luftmine vor die Öffnung gefallen, hätte sie viele getötet.
Die Seniorin Margot Stoll hat noch heute etwas, das sie an die Zeit im Tunnel erinnert und an die Frau, die die kleine Margot damals umarmte und ihr versprach, ihr etwas zu schenken, wenn der Krieg vorbei ist. Die Frau hielt ihr Versprechen. Margot Stoll besitzt seitdem kostbare Puppenspielzeugmöbel aus Rattan. In den vergangenen Jahrzehnten haben daran nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Kinder, Enkel und Urenkel Freude gehabt.
Robert StollMargot StollHelmut Mandt
Zeitzeugen Robert Stoll, Margot Stoll und Helmut Mandt
Viele Jahrzehnte war das Hinweisschild am Eingangsportal des Tunnels befestigt und diente hunderten von Lokomotivführern beim Vorbeifahren als Positionshinweis: Horchheimer Tunnel 576 m. Im Zuge der Umgestaltung und Sanierung des Tunnels verlor das Hinweisschild seine Gültigkeit und Richtigkeit, denn der sanierte Tunnelkörper wird einige Meter länger sein. Normaler Weise wird dann der alte Hinweis einfach ausgemustert und durch einen neuen sang und klanglos ersetzt.
Auf Initiative von Thomas Hüllen, Hoschemer Urgewächs und verdienter Feuerwehrmann, wurde am 31. März 2022 dieses Schild der Ersten Vorsitzenden der Heimatfreunde, Gertrud Block, im Beisein einiger Mitglieder des Vorstands, von dem Projektleiter der DB Netz AG Stephan Nink und der Tunnelpatin Jana Heimann, DB Netz Koblenz, überreicht, und zwar im Inneren des Tunnels. Vorher erfolgte für alle Teilnehmer eine Sicherheitsbelehrung und die Ausstaffierung mit Sicherheitskleidung und Schutzhelmen.
Herr Nink erklärte dort die augenblicklichen Arbeiten im Tunnel und gab einige Erläuterungen über die nächsten Schritte im Bauablauf. Während der Übergabe des Schilds ruhten auf Veranlassung von Stephan Nink die Bauarbeiten, die Arbeiter an den Bohrhämmern kamen somit in den Genuss einer kleinen Verschnaufpause.
Mit diesem Schild ist ein weiteres Stück Originalität von Horchheim für unser Museum gesichert werden. Ein geeigneter Platz wird sicherlich schnell gefunden sein. Hervorzuheben ist nochmals die Umsicht von Thomas Hüllen, dessen Initiative es zu verdanken ist, dass das Schild zukünftig im örtlichen Museum aufgestellt sein kann, aber auch herzlichen Dank gilt den Akteuren der DB-Netz, die sich für diese kleine Feier die Zeit genommen haben.
Der Vorstand der Heimatfreunde vor dem Tunnelportal des Horchheimer EisenbahntunnelBaustelle im Horchheimer EisenbahntunnelTunnelschild Horchheimer Eisenbahntunnel vor der ÜbergabeBauarbeiten am Tunnelportal HorchheimDampflok kommt aus dem Horchheimer EisenbahntunnelTunnelportal HorchheimTunnelportal PfaffendorfPortal des Horchheimer Eisenbahntunnels kurz nach dem KriegBlick auf die Einfahrt zum Horchheimer Eisenbahntunnel vor der Elektrifizierung in den 1950er Jahren
Im Sommer 1889 reifte bei der Verwaltung der Aktiengesellschaft Löhnberger Mühle (das Stammhaus lag in Löhnberg a. d. Lahn) der Entschluß, das Unternehmen um eine Mühle am Rhein zu erweitern. Sie sollte den Bedarf an Roggenmehl decken und russischen Roggen mit einheimischen Produkten verarbeiten. Die angestrebte Tageskapazität lag bei 1000 Sack Roggen. Zunächst dachte man an einen linksrheinischen Standort in der Nähe der Königsbach. Eine eingehende Untersuchung durch die Direktoren Simon, Schulte, Macco sowie Mühlenbaumeister Ehrenberg warf etliche technische Probleme auf, so daß man sich für einen anderen Platz entschied: Auf der rechten Rheinseite, zwischen Rhein und Eisenbahnlinie.
Ein 1,5-Millionen-Projekt
Die Generalversammlung der Aktiengesellschaft genehmigte 1890 unter Nr. 1 der Tagesordnung „die Errichtung einer Mühle in Niederlahnstein“.
Zwar liegt die Löhnberger Mühle eindeutig auf Lahnsteiner Gebiet, doch die Horchheimer haben diesen imposanten Industriebau schon lange als ihre „Müll“ gedanklich eingemeindet. Vor 90 Jahren fiel der Startschuß zu den Bauarbeiten, die am Rheinufer eine funktionsgerechte, aber auch in ihrer Baugestalt interessante Großmühle entstehen ließen.
Mit dem Ausgraben der Fundamente wurde am 7. Mai 1890 begonnen. Nach Vorschrift der Strombauverwaltung musste die Front des Gebäudes um 26 m von der Korrektionslinie zurück gesetzt werden, um die wünschenswerte Verbreiterung des Strombettes zu ermöglichen. Der Boden bis zum Rheinspiegel wurde abgetragen und fortgeschafft. Das Ausbaggern unter dem Wasserspiegel übernahm die Strombauverwaltung. Nach gut zweijähriger Bauzeit konnte man am 16.9. 1892 mit den Mahlungen beginnen. Die Anlage galt als in jeder Hinsicht musterhaft und war nach den damals neuesten technischen Erkenntnissen eingerichtet.
Krisenzeiten
Im Jahre 1910 geriet die Roggenmüllerei in eine mißliche Lage und die Löhnberger Mühle in Zugzwang. Man wich von der Eingleisigkeit ab und verarbeitete täglich neben 50 t Roggen auch 70 t Weizen. Für die Arbeiter war es in dieser Zeit schwer, ihre Familien zu ernähren. Noch schwieriger wurde die Situation in den Jahren 1920 – 22, als die Nachwirkungen von Weltkrieg und Versailler Vertrag voll über die Zivilbevölkerung hereinbrachen. Mehl wurde wie vieles andere zur raren Kostbarkeit. Die Löhnberger Mühlenarbeiter als „Leute an der Quelle“ wußten sich zu helfen. Sie fuhren mit Werkzeugkasten, die auf die Fahrräder geschnallt waren, zur Arbeit. Bei der Heimfahrt waren die Werkzeugkasten und die Farbdosen der Anstreicher mit kostbarem Mehl angefüllt. Der Werksleitung war dieser Mundraub zwar bekannt, wurde aber mit einem Augenzwinkern übergangen. Nachdem sich die Lage wieder normalisiert hatte, bekamen die Arbeiter und Angestellten ihre regelmäßige Mehlzuteilung.
Neuer Besitzer
Ende 1929 erwarb Herr Kampffmeyer, der Vater des jetzigen Besitzers, die Aktienmehrheit des Kapitals und gründete Ende 1939 die Rheinisch-Nassauische Lagerei- und Speditionsgesellschaft. Die Familie Kampffmeyer betreibt seit Generationen den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen und die Verarbeitung von Getreide. Die Gruppe mit ihren Handelshäusern, Getreidemühlen, anderen Nahrungs- und Futtermittelproduktionsstätten sowie Dienstleistungsbetrieben zählt zu den führenden Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft in der Bundesrepublik und in Europa. Einige Jahre später ging das Unternehmen der Löhnberger Mühle unter dem Namen „Rheinisch-Nassauische Lagerei und Spedition Kurt Kampffmeyer“ in den Alleinbesitz von Herrn Kampffmeyer über.
Riesige Lagerkapazität
Zunächst einmal beschränkte man sich auf die Lagerung und den Umschlag von Mühlenfabrikaten, In- und Auslandsgetreide und Bearbeitung und Wiederverladung der Getreideernte aus Rheinland-Pfalz. Mit 15000 t Fassungsvermögen Lagerraum war die ehemalige Löhnberger Mühle das größte Lagerhaus am Mittelrhein. Durch den Bau einer Lagerhalle für Getreide und andere Güter mit einer Kapazität von 18000 t vergrößerte sich der Betrieb gewaltig. Dam alten massiven Backsteinbau sieht man es nicht an, daß er im Laufe der Jahre mit den modernsten Getreideverarbeitungsanlagen und Förderelementen ausgerüstet wurde.
Einstieg in das Ölgeschäft
Wegen der riesigen Lagerkapazität war es unumgänglich, zwei neue Krananlagen zu bauen (Kapazität 4 und 7 t). Weiter wurden alle modernen Anlagen geschaffen, wie ein betonierter Lagerplatz, eine Waggonwaage, eine Fuhrwerkswaage und eine Erweiterung des Gleisanschlusses zum Bahnhof Niederlahnstein. Durch den Bau eines Großtanklagers mit der Möglichkeit des Umschlages und der Lagerung von Kraftstoffen und Heizöl nahm das Unternehmen weiteren Aufschwung. Straßentankwagen und Bahnkesselwagen versorgten die nähere und weitere Umgebung mit flüssigen Brennstoffen.
Als 1963 der Rhein zugefroren war, versorgte die Rheinisch-Nassauische als einziges Großlager in der Umgebung die Verbraucher mit Öl. Heute hat die Rheinisch-Nassauische Lagerei und Spedition Niederlassungen in Köln, Krefeld, Duisburg und Dortmund. Die ehemalige Löhnberger Mühle beschäftigt zur Zeit 70 Personen, davon rund 10% Horchheimer.
Die Geschäftsführung unter Leitung von Herrn Grotkamp befindet sich in Niederlahnstein. Zur Zeit lagern in der Löhnberger Mühle Düngemittel, Getreide, feste Brennstoffe und Mineralöl. Für das Getreide stehen spezielle Lagerhallen zur Verfügung, in denen zum Beispiel Weizen bis zu 10 Jahren gelagert werden kann.
Die Masse der Anlieferungen erfolgt per Schiff, und zwar mit Küstenmotorschiffen aus England, Skandinavien und den Benelux-Ländern, vereinzelt auch per LKW. Noch heute wird das Getreide aus der Umgebung angeliefert. Vor der Einlagerung werden Proben der Lieferung in Hamburg einer eingehenden Untersuchung auf Lagerfähigkeit, Schädlinge usw. unterzogen.
Rheinfront mit Kran 11890Rheinfront mit Kran 2Kran zur Rheinseite
Löhnberger Mühle 2022 — Fotos: A. Weber
Bemerkungen zur Baugestalt der Löhnberger Mühle
von Udo Liessem
Horchheimer Kirmeszeitung 1980 Seite 59
Das 19. Jahrhundert ist mit einer Fülle von Bauaufgaben konfrontiert worden, denen es nicht gewachsen war, für die es keine entsprechende Baugestalt gab. Deswegen wurden solche Bauten mit einem äußeren Formenapparat drapiert, der aus anderen Bereichen des Bauens kam; darunter litt jedoch keinesfalls die Funktionstüchtigkeit des Objektes. Diese ‚Verkleidung‘ mit artfremden Motiven galt insbesondere für Industriebauten. Das Finden eigener Bauaussagen für Industriebauwerke ist, bis auf wenige Ausnahmen, erst im 20. Jahrhundert befriedigend gelöst worden. Das ausgehende vorige Jahrhundert, die Jahre nach der Reichsgründung 1871, brachte eine riesige Zahl von Firmengründungen und Erweiterungen bestehender Fabrik- und Produktionsanlagen. Hierzu gehörten auch Großmühlen. Zwar war der Typ der Mühle eine jahrtausendalte Bauaufgabe, die schon in der Antike mit Bravour gelöst worden war. Für die nun entstehenden Großmühlen aber gab es noch keine entsprechenden Vorbilder.
Ursprünglich Roggenmühle
Solch eine Großmühle war die unmittelbar an der Grenze zu Horchheim errichtete Löhnberger Mühle, direkt am Rhein gelegen, ausgestattet mit einer eigenen Schiffsverladeeinrichtung und rückwärtigem Gleisanschluß. Sie ist 1890 – 92 nach Plänen des Mühlenbaumeisters C. Ehrenberg (Berlin) errichtet worden, eine Roggenmühle, die 1911 teilweise auf Weizenmehlfabrikation umgestellt wurde und dazu erweitert werden musste.
Anleihen beim Mittelalter
Bei der Löhnberger Mühle handelt es sich um einen Massivbau, ausgeführt in dunkelbraunen Ziegeln. Parallel zum Rhein liegt der Hauptbau, der über 15 Achsen verfügt und in seitlichen Flügeln ausläuft, so daß eine hufeisenförmige Anlage entsteht. Sie ist nach dem Land zu offen und bildet hier einen Hof, der bewußt Assoziationen an einer „cour d’honneur“ wachrufen soll.
Die seitlichen Flügel verfügen zwar ebenfalls über 15 Achsen, doch ist hier die Achsenstellung viel dichter, so daß diese Bauten kürzer als die Hauptfront sind. Stromaufwärts ist an das Hauptgebäude ein weiterer Bau angefügt, von gleicher Höhe, jedoch nach Osten einspringend, der ein Achsenverhältnis von 3:7 aufweist. Im Winkel zwischen Haupt- und Nebenbau erhebt sich ein schlanker quadratischer Turm, der die gesamte Gebäudegruppe um zwei Geschosse überragt und mit vier durch Zinnen geschmückte, zwischen steinerne Geländer gespannte Ecktürmchen abschließt, deutliche Anlehnung an mittelalterliche Feudalarchitektur. Der für den Produktionsablauf notwendige Turm soll durch sein Dekor zum Symbol unternehmerischer Leistung werden.
Der ganze riesige Baukörper, einschließlich der Flügelbauten und des südlichen Anbaus ist einheitlich sechs Stockwerke hoch. Zwei Sockelgeschosse, drei Hauptgeschosse und ein Abschlußgeschoß folgen einander. Dabei werden die drei Zonen jeweils durch kräftige, profilierte Gurtbänder geschieden. Das reiche Hauptgesims mit einem stark vorspringenden Konsolenfries trägt die rings umlaufende Attika, hinter der sich das flache Dach verbirgt.
Renommierfassade
Folgende Betrachtungen gelten nur noch der Stromfassade, die als Haupt- und Schaufront ausgebildet wurde.
Nicht nur den Geschäftspartnern das Mühlenbesitzers, sondern auch den schon damals sehr zahlreichen Rheintouristen sollte die Anlage imponieren und im Gedächtnis haften bleiben. Folglich ist die riesige Front künstlerisch durchgestaltet worden:
Die drei äußeren und die drei mittleren Achsen sind risalitartig um Weniges vor die Front gezogen worden, ein Mittel, daß aus der Schloßbauarchitektur kommt. Hier werden schon die 3 Flügel angedeutet; durch das Vor- und Zurückspringen wird die Front belebt. Der Mittelrisalit ist etwas breiter als die beiden Seitenrisalite, auch überragt er die beiden mit seiner Attika um ein Geringes. Bei den Risaliten ist die Attika in ihrem mittleren Bereich aus Balustern gebildet, während sie sonst einen durchgehenden Mauerstreifen darstellt. Übrigens werden die drei Achsen der äußeren Risalite von Mauerstreifen flankiert, die über große gemauerte Spiegel verfügen.
Verwandtschaft mit Schloß Stolzenfels
Obwohl nur wenige stilistische Mittel bei der Ausstattung der Stromfassade angewandt wurden, die sich zudem ständig wiederholen, kommt keinerlei Eintönigkeit auf, nur eine distanzierte, wiederum beabsichtigte Kühle. Eine Belebung bilden die Risalite. Die Symmetrie unterbricht der südliche Anbau mit dem schlanken Turm.
Die Formen atmen einen vornehmen Spätklassizismus, der seine Berliner Herkunft nicht verleugnen kann. Letztlich sind es sogar Schinkelbauten wie die Bauakademie in Berlin gewesen, die Vorbildcharakter getragen haben. Somit ist der Bogen, wie merkwürdig das auch berührt, von der Löhnberger Mühle zum schräg gegenüber liegenden Schloß Stolzenfels geschlagen, das auch weitgehend durch Schinkel bei seinem Wiederaufbau geformt worden ist.
Blick Richtung KoblenzAttika am MittelbauTurm vom Dach aus gesehen 1Turm vom Dach aus gesehen 2Turm vom Dach aus gesehen 3Blick vom Dach in InnenhofRheinseite mit Blick auf BrauereiBlick Richtung Lahnstein
Löhnberger Mühle 2022 II — Fotos: A. Weber
Eingang TreppenhausIm GebäudeTreppenhausLagerraumSchaltbrettBlick vom Dach in InnenhofBühne Mittelrhein-MusikfestivalInnenhof mit UhrenturmDirektorenvillaGleisanbindung im InnenhofKran am StromhafenInnenhof Panoramaansicht