Robert Stoll – Ein Leben für Horchheim

In memoriam
Robert Stoll

* 24. September 1930

† 04. März 2023

Robert Stoll 80. Geburtstag

Am 04. März 2023 hat Robert sein geliebtes Hoschem im gesegneten Alter von 92 Jahren für immer verlassen müssen.

Robert kann auf ein erfülltes, reiches Leben zurückblicken, auf ein Leben zum Wohl seiner Familie und auf ein Leben, das geprägt war von großer Liebe zu seinem Heimatort.

Hier geboren, war er gleichsam heimatliches Urgestein. Er hat nicht nur einen Baum gepflanzt, ein Haus gebaut, mit seiner lieben Margot eine Familie gegründet, Kinder, Enkel und Urenkel heranwachsen sehen, nein Robert hat sich für unseren Ort in vielfältiger Weise engagiert, er hat große und tiefe Fußstapfen hinterlassen.

Die Liste seiner Verdienste ist lang: Er war immer aktiver Frontmann, wenn es um unseren Ort, um den Erhalt und das Bewahren unserer Kulturschätze und unseres örtlichen Brauchtums ging. Nach dem Krieg war er Mitinitiator unserer Kärmes, Robert hat die „Kärmeszeidung“ mit aus der Taufe gehoben, viele Berichte und Artikel entstammten seiner Feder. In der Rubrik „Von Fest zu Fest“ hat er viele Jahre das gesellschaftliche Leben geschildert und kommentiert.

Die Liste seiner außerordentlichen Verdienste um unser Hoschem ließe sich beliebig fortsetzen.

Sein besonderes „Steckenpferd“ aber, in das er viel Zeit und Liebe investiert hat, das waren die „Heimatfreunde Horchheim“. Im März 1991 hat er zusammen mit anderen den Verein gegründet. In vielen Funktionen und als jahrelanges Vorstandsmitglied gestaltete Robert die Geschichte und Geschicke der „Heimatfreunde“. Unter seiner Führung wurden die „Heimatfreunde“ zu einer mitgliederstarken Gemeinschaft. Mit großer Leidenschaft und Sachkunde sammelte er erhaltenswerte Exponate aus unserer Ortsgeschichte. Unter seiner Federführung und durch seine Überzeugungskraft erwarb der Verein das Gebäude in der Alten Heerstraße, das heutige Ortsmuseum.

Mit großem Respekt blicken wir Horchheimer auf seine herausragende Lebensleistung.

Robert hat sich um unser Hoschem in herausragender Weise verdient gemacht.

Wir werden die Erinnerung an ihn in großer Dankbarkeit in unserem Herzen bewahren.

Klaus Peter Baulig


Ein Leben für Horchheim

aus: Horchheimer Kirmes Magazin 2006 „Robert Stoll – 75 und kein bisschen leise“ von Joachim Hof

Robert Stoll wurde am 24. September 1930 in Horchheim geboren. Das Geburtshaus ist heute Emser Straße 301. Roberts Vater war Schneider, und weil die Werkstatt zeitweise zu klein war, ist die Familie in die „Vehgass“ – heute Alte Heerstraße – 6 umgezogen.

1937 kam Robert in die Schule, die er aber wegen des Krieges nur knapp sieben Jahre besuchen durfte. Der Krieg fing am 1. September 1939 an.

Robert war, als der Krieg zu Ende war, 14 Jahre alt. Er kam in die Lehre bei der Görres-Druckerei. Der Weg von Horchheim zur Druckerei war sehr abenteuerlich. Zu Fuß oder auf den Puffern der Straßenbahn ging es nach Ehrenbreitstein. Dort war die Ponte und mit einem Passierschein konnte der Rhein überquert werden, um in der Gymnasialstraße zur Arbeit zu gelangen.

Die Görresdruckerei war die einzige Druckerei, die noch so erhalten war, dass gedruckt werden konnte: Lebensmittelkarten, Ausweise und was die Militärregierung dringend brauchte. Normales Papier gab es nicht, nur mannshohe Zeitungspapierrollen. Die mussten mit der Trummsäge in bedruckbare Größen zerlegt werden, ob Chef oder Lehrling, alle mussten mit anpacken.

Nach drei Jahren Lehrzeit wurde Robert nach den Regeln der Schwarzen Zunft gegautscht. Seinen ersten Gehilfenlohn erhielt er schon in D-Mark ausgezahlt, also im Juni 1948.

Er war knapp 18 Jahre alt. „Da hatten wir auch schon mit der Kirmes angefangen, 1947 mit ein paar Jungen, die Alten durften ja nicht, weil sie noch nicht entnazifiziert waren und alles von der Militärregierung genehmigt werden musste. Wir hatten zwar noch keinen Zug gemacht, aber ein wenig gefeiert. Es gab dünnes Bier, wir sind zur Mosel raus gefahren und haben ein paar Flaschen Wein organisiert und gefeiert“.

1949 hat der Streichs Jupp, der im heutigen Museum gewohnt hat, den Vorsitzenden gemacht. 1949 ist auch die erste Kirmeszeitung erschienen. Die 1950er Zeitung wurde dann schon professionell mit Anzeigen herausgegeben und mit Gewinn verkauft. Die Mitarbeiter in der Görresdruckerei sorgten dafür, dass Robert für die Kirmestage Urlaub machen konnte.

1958 haben Robert und Margot geheiratet. Dann kamen die Kinder Michael, Petra und Andrea. Robert musste sich um die Familie kümmern.

In den 1970er Jahren ist Robert wieder verstärkt bei der Kirmes-Zeitung eingestiegen. Hannes Leichum war damals Chefredakteur. Robert war bei den Mitarbeiterbesprechungen immer dabei. 1993 wurde Robert in den wohlverdienten Schriftsetzer-Ruhestand verabschiedet und hoffte, sich seinem Hobby, dem Lesen, verstärkt widmen zu können.

Aber weit gefehlt, denn 1991 hatte er sich ein neues Ziel gesetzt: bei den Heimatfreunden Horchheim mitzuarbeiten. Er wurde in der Gründungsversammlung am 13. März 1991 zum 1. Vorsitzenden gewählt und behielt dieses Amt über vier Legislaturperioden – 12 Jahre lang – inne. In kürzester Zeit brachte er den Verein auf 450 Mitglieder. In seiner Amtszeit konnte das Haus Alte Heerstraße 14 zum Museum restauriert und später als Eigentum des Vereins erworben werden.

Joachim Hof


Horchheimer Kirmes Magazin

Robert Stoll – 75 und kein bisschen leise
von Joachim Hof, Horchheimer Kirmes Magazin 2006

„Lass Horchheim dir befohlen sein“ – Gedanken zum 80. Geburtstag von Robert Stoll
von Lars Weinbach, Horchheimer Kirmes Magazin 2011




Ein Jahrhundert Horchheim im O-Ton: Die Geschichten der Zeitzeugen

Die Heimatfreunde Horchheim haben mit der Veröffentlichung einer Sammlung von Tonaufnahmen ein neues Kapitel der lokalen Geschichtsforschung aufgeschlagen. Die Interviews, die der damalige Vorstand zwischen 2000 und 2008 im Rahmen eines sogenannten Oral-History-Projekts aufgezeichnet hat, zeigen das Leben in Horchheim im 20. Jahrhundert aus persönlicher Sicht. In der Rubrik „Erzählte Geschichte“ auf ihrer Website stehen diese Aufnahmen nun für interessierte Hörer bereit.

Einblicke in die Lebenswelt vergangener Generationen

Die Interviews geben Einblicke in zentrale Themen der Horchheimer Ortsgeschichte: die Jugendzeit der Befragten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Erlebnisse in den Kriegsjahren und die Herausforderungen und Erfolge im Berufsleben. Namen wie Ewald Fischbach, Werner Wiemers und Jule Lay stehen stellvertretend für viele, die ihre Erinnerungen an eine bewegte Zeit teilten. Diese persönlichen Zeugnisse helfen zu verstehen, wie historische Ereignisse auf lokaler Ebene wirkten.

Die Methode: Oral History als wissenschaftliches Werkzeug

Oral History, ein etabliertes Verfahren der Geschichtswissenschaft, dokumentiert nicht nur historische Fakten, sondern auch die subjektiven Wahrnehmungen und Gefühle der Zeitzeugen. Die in Horchheim aufgezeichneten Gespräche zeichnen sich durch ihren Fokus auf individuelle Erlebnisse aus, die die soziale und kulturelle Geschichte des Ortes veranschaulichen. Diese Methode ermöglicht es, die Vergangenheit aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und neue Perspektiven auf bekannte Ereignisse zu gewinnen.

Technik und Umsetzung

Aufgezeichnet wurden die Gespräche mithilfe eines Aiwa Minidisc Recorders (AM-F65), einer damals fortschrittlichen Technologie, die qualitativ hochwertige Audioaufnahmen erlaubte. Die Aufnahmen fanden sowohl vor Ort in Horchheim als auch in der „Gut Stuff“ des Ortsmuseums der Heimatfreunde statt. Insgesamt entstanden etwa 25 Stunden Audiomaterial, das vom damaligen Vorstand der Heimatfreunde Joachim Hof, Hans Lehnet, Helmut Mandt und Robert Stoll zusammengestellt wurde. Dank der Unterstützung von Mechthild Hof, die den originalen Recorder zur Verfügung stellte, konnten diese Tondokumente nun überspielt und für die Nachwelt erhalten werden.

Themen der Interviews

Die Gespräche decken ein breites Spektrum von Themen ab:

  • Jugendjahre in Horchheim: Von Dorffesten und Alltagsbräuchen bis hin zu den Herausforderungen des Alltags in der Vorkriegszeit.
  • Kriegsjahre: Die Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs, darunter Evakuierungen, Bombardierungen und die Rückkehr zum Wiederaufbau.
  • Berufsleben: Einblicke in traditionelle Handwerke, Landwirtschaft, und die sich wandelnde Arbeitswelt in Horchheim im Laufe des Jahrhunderts.

Erzählte Geschichte: Eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Die Aufnahmen sind weit mehr als historische Quellen; sie sind lebendige Zeugnisse, die Emotionen, Dialekte und die persönliche Färbung der Berichte bewahren. Dies macht sie zu einer unschätzbaren Ressource für die Ortsgeschichte. Zugleich werfen sie methodische Fragen auf: Wie objektiv kann Geschichte sein, wenn sie aus subjektiven Erinnerungen besteht? Welche Rolle spielt die mündliche Überlieferung in einer zunehmend digitalisierten Welt?

Zugang und Nutzung

Die Interviews können online auf der Website hearthis.at im Profil der Heimatfreunde Horchheim angehört werden.

https://hearthis.at/heimatfreunde-horchheim

Aus urheberrechtlichen Gründen sind die Aufnahmen in erster Linie für die museale Präsentation vorgesehen. Interessenten werden gebeten, sich für weitergehende Nutzungsanfragen direkt an die Heimatfreunde Horchheim zu wenden.

Mit diesem Projekt leisten die Heimatfreunde Horchheim einen Beitrag zur Bewahrung des kulturellen Erbes und eröffnen eine lebendige Perspektive auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die „erzählte Geschichte“ schafft so eine Brücke zwischen den Erfahrungen früherer Generationen und den Fragestellungen der Gegenwart.



Begriff Oral History

Der Begriff Oral History entstand Mitte des 20. Jahrhunderts in den USA und beschreibt eine Methode der Geschichtswissenschaft, die auf mündlichen Zeitzeugenberichten basiert. Die Ursprünge des Begriffs und der Methode lassen sich auf die Einführung tragbarer Aufnahmegeräte und das gestiegene Interesse an der sozialen und kulturellen Geschichte zurückführen.

Historischer Ursprung des Begriffs

Erste Verwendung: Der Begriff wurde in den 1940er Jahren durch den US-amerikanischen Historiker Allan Nevins an der Columbia University geprägt. Nevins war ein Pionier der Oral History und initiierte 1948 das „Columbia Center for Oral History Research“, das erste institutionalisierte Oral-History-Projekt.

Technologische Basis: Die Verfügbarkeit tragbarer Tonbandgeräte in den 1940er und 1950er Jahren machte es möglich, mündliche Überlieferungen systematisch und in hoher Qualität aufzuzeichnen. Dies ermöglichte es Historikern, Stimmen und Geschichten einzufangen, die zuvor nur schwer dokumentierbar waren.

Entwicklung der Methode

Fokus auf soziale Geschichte: In den 1960er und 1970er Jahren erlebte die Oral History einen Aufschwung, da sie sich als Methode eignete, die Geschichte marginalisierter oder unterrepräsentierter Gruppen zu dokumentieren. Arbeiter, Frauen, ethnische Minderheiten und andere Gruppen fanden durch diese Methode eine Stimme in der Geschichtsschreibung.

Kritische Reflexion: Mit der Etablierung der Methode kam es auch zu Kritik. Historiker wie Lutz Niethammer in Deutschland wiesen darauf hin, dass mündliche Berichte oft subjektiv und selektiv sind, wodurch sie eine kritische Quellenanalyse erfordern. Niethammer bezeichnete den Begriff als „unglückliches, aber öffentlichkeitswirksames Schlagwort“, da er sowohl die Methode als auch das Ergebnis beschreibt.

Etablierung und heutige Bedeutung

Internationalisierung: In den Jahrzehnten nach ihrer Einführung wurde die Oral History auch außerhalb der USA zunehmend genutzt, etwa in Großbritannien, Deutschland und Italien. Der englische Begriff hat sich international durchgesetzt, obwohl in einigen Sprachen auch Übersetzungen wie „mündliche Geschichte“ oder „erzählte Geschichte“ verwendet werden.

Erweiterung des Geschichtsverständnisses: Oral History hat das Geschichtsverständnis grundlegend verändert, indem sie zeigte, dass Geschichte nicht nur aus großen Ereignissen und „offiziellen“ Dokumenten besteht, sondern auch aus den individuellen Erfahrungen und Erzählungen von Menschen.

Fazit

Der Begriff Oral History ist ein Produkt des Zusammenspiels von technologischer Innovation, gesellschaftlichem Wandel und einem neuen Verständnis von Geschichte. Obwohl er weiterhin diskutiert wird, hat sich die Methode als wertvolles Werkzeug etabliert, um die Vielfalt und Komplexität menschlicher Erfahrungen zu dokumentieren.

Text und Fotos: Andreas Weber




Weinbau und Landwirtschaft in Koblenz-Horchheim

Weinbau im Dorf Horchheim

Horchheim, liebevoll „Hoschem“ genannt, liegt malerisch am rechten Rheinufer zwischen Niederlahnstein und Koblenz-Pfaffendorf. Der sanfte Anstieg zur Horchheimer Höhe, die bis zu 390 Meter hoch ist, bietet nicht nur eine atemberaubende Aussicht, sondern auch ideale Bedingungen für den Weinbau.

Der Ortsname mit der Endung „-heim“ deutet auf eine Siedlungsgeschichte zwischen dem 6. und 12. Jahrhundert hin. Die älteste Kirche, 1130 erbaut, erinnert an die christliche Tradition, die hier seit Jahrhunderten gepflegt wird.

Im Mittelalter war das Dorf eng mit Klöstern und Adelsgeschlechtern verbunden, die hier Besitz hatten und den Weinbau förderten. Horchheim entwickelte sich zu einem wichtigen Zentrum des Weinbaus – eine Tradition, die bis 1920 die Region prägte.

Aus jener Zeit sind nur wenige sichtbare Spuren erhalten geblieben – etwa alte Flurnamen oder vereinzelte Reste von Weinbergsmauern. Doch in den Archiven finden sich zahlreiche Aufzeichnungen, die die Geschichte des Horchheimer Weinbaus in all seinen Höhen und Tiefen dokumentieren.

In seinem Werk über die Siedlungs- und Flurnamen kommt Jungandreas zu dem Schluss, dass der Weinbau in Horchheim die Landwirtschaft deutlich überwog (1962). Prößler ergänzt 2013: „Berühmtestes Weindorf am Rhein im Raum Koblenz schon im Spätmittelalter war Horchheim.“

Horchheims ehemalige Weinlagen

Die Fluren zwischen dem Rhein und der Waldgrenze waren früher fast vollständig dem Weinbau gewidmet. Die überwiegende Nutzung der Horchheimer Flur für Weinstöcke zeigt sich auch in den zahlreichen überlieferten Flurnamen, die bis heute bekannt sind.

In Aufzeichnungen der Jesuiten finden sich Namen wie:

  • Im mittleren Anwend
  • Auf dem Arfeld
  • Im Drytten Eymer
  • Auf der Loh
  • In der Oberhaukert
  • Auf Preyspell
  • Am Schemel
  • Im Wiesenpatt

Auch im Grenzgebiet zu Niederlahnstein, insbesondere in der Lage „In der Hellen“, wurde Wein angebaut. Dieser Bereich, heute als Horchheimer Höll bekannt, verdankt seinen Namen dem mittelhochdeutschen Wort helde oder Halde, was „sanft abfallender Hang“ bedeutet – ein treffender Ausdruck für die topographische Beschaffenheit dieser Lage.

Spuren dieses historischen Weinbaus lassen sich noch heute erkennen: Am Grenzpfad Horchheim-Lahnstein, beginnend beim Aufstieg Weitenborn und entlang des Pfades nach Lahnstein, sind gut erhaltene Weinbergsmauern der ehemaligen Lage „Horchheimer Höll“ zu finden. Weitere Überreste bezeugen den Weinbau in der oberen Bächelstraße sowie am Hang des Pechlerbergs, wo noch heute Weinbergsmauern erhalten geblieben sind.

Der Schwarze Weg

Die nahegelegene Flur unweit der Wendelinuskapelle in Richtung Dorf trägt noch heute den Namen „Feld am schwarz’ Helligen Stock“. Der Weg, der dorthin führte, wurde im Volksmund „Der schwarze Weg“ genannt.

Manfred Gillissen entdeckte in Quellen des Klosters Dyrstein bei Diez bereits für das Jahr 1390 einen Hinweis auf ein Wegekreuz am Eingang des Dritteneimerwegs. Auf der Jesuiten-Flurkarte von 1684 ist an dieser Stelle ebenfalls ein Kreuz verzeichnet. Es wird vermutet, dass dieses Kreuz möglicherweise auch an die Pesttoten des 17. Jahrhunderts erinnerte.

Seit 2012 erinnert eine Keramiktafel an der Ecke Dritteneimerweg/Weitenbornstraße an dieses historische Wegekreuz, den „schwarz Hilligestock“. Die Umsetzung geht auf die Bemühungen der Horchheimer Heimatfreunde, Hans Feldkirchner und die Initiative von Peter Wings zurück.

Die Keramiktafel zeigt neben einem Ausschnitt der Jesuiten-Flurkarte auch drei Weinbütten. Sie verweisen auf die sogenannten Drittelsweinberge, bei denen die Eigentümer jährlich ein Drittel der gelesenen Trauben als Abgabe erhielten.

Hoschemer Rude

Die „Käs“-Skulptur

Am 28. Juni 1998 wurde die „Käs“-Skulptur feierlich eingeweiht. Sie wurde vom Horchheimer Bildhauer und Goldschmied Josef Welling entworfen und vereint die Symbole „Hoschemer Käs“, „Hoschemer Wein“ und „Hoschemer Geselligkeit“.

Um 1900 lebten viele Horchheimer noch vom Weinbau. Um ihre kargen Mahlzeiten im Weinberg etwas aufzuwerten, stellten sie nach einem traditionellen Rezept kleine, weiße Handkäse aus Kuhmilch her. Die Käsekegel wurden mit Kümmel gewürzt und auf der Fensterbank zum Trocknen aufgestellt.

Am Römerplatz – an der Ecke Alte Heerstraße/Emser Straße – gab es damals gleich vier Weinlokale: Puth, Holler, Brühl und Killian. Genau hier wurde die „Käs“-Skulptur aufgestellt.

Die Skulptur zeigt in drei plastischen Motivbildern das Leben in Horchheim zu jener Zeit:

  • Der Weinbau: Winzer und Winzerin besteigen mit Korb und Hacke die steilen Weinberge. Auf der anderen Seite fahren sie mit einem Ochsenkarren die mühevoll geernteten Trauben ein.
  • Die Käseherstellung: Eine Frau steht am Küchentisch, formt den Handkäs‘, setzt ihn in einen Steintopf und stellt ihn zum Trocknen auf die Fensterbank. Gleichzeitig klettern die „Pänz“ (Kinder) an der Mauer hoch und naschen heimlich von der „wohlriechenden“ Köstlichkeit.
  • Die Geselligkeit: Die Horchheimer sitzen vergnügt im Wirtshaus, essen Käs‘ und trinken Wein. Über allem thront auf einem Weinfass „dä Hoschemer Panz“ – eine symbolische Figur. Mit einer Hand hält er sich die Nase zu, während er mit der anderen Hand den guten Käs‘ anbietet.

Landwirtschaft in Horchheim

Über die Viehgasse durch die Hohl zur Horchheimer Höhe

Das Ackerland in Horchheim lag größtenteils auf der Höhe. Hier gedieh vor allem Getreide, das weniger intensive Pflege benötigte als der Wein. Ein Nachteil war die lange Fahrzeit mit den Ochsen oder Fahrkühen. Die Strecke von etwa vier bis sechs Kilometern konnte daher meist nur einmal am Tag bewältigt werden. Die Fahrtzeit dauerte oft zwei bis drei Stunden, doch Eile hatte man nicht. Die Bauern nahmen ihre Mahlzeiten mit und vesperten im Grünen.

Der Weg zur Höhe war nicht befestigt, sondern lediglich mit Kies bedeckt, dessen Oberfläche uneben und schwer zu befahren war. Er führte von der Dorfstraße über die Viehgasse durch die Hohl zu den Feldern auf der Schmidtenhöhe. Der Weg diente nicht nur der Feldarbeit, sondern auch dem Transport von Erntegut, Holz und anderen Feldfrüchten zurück ins Dorf.

Die schwer beladenen Wagen – beladen mit Heu, Getreide, Holz oder anderen Gütern – setzten dem Weg erheblich zu. Wurde die Bremse zu fest angezogen, blockierten die Räder, und die schleifenden Reifen rissen Kerben und Löcher in den Straßenbelag. Dadurch litt die Kiesdecke stark und musste regelmäßig repariert werden. Die Instandsetzung dieser Schäden war Gemeinschaftsarbeit, die vom Ortsvorstand organisiert wurde.

Alte Straßennamen wie Striehgass (Strohgasse), Vehgass (Viehgasse) oder Trift zeugen noch heute von der landwirtschaftlichen Nutzung dieser Wege.

Die Horchheimer Feldflur umfasste insgesamt 905 Morgen:

  • 654 Morgen Ackerland,
  • 100 Morgen Rebland,
  • 151 Morgen Wiesen.

Nach einer Erhebung aus dem Jahr 1719 betrug der Durchschnittsertrag der vier Bodenklassen insgesamt 1.379 Malter und sechs Simmer. Ob zu dieser Zeit bereits Kartoffeln – damals Grundbirnen genannt – angebaut wurden, ist ungewiss. In der Region lassen sich Kartoffeln erst 1754 in Boppard nachweisen.

Arbeit in der Landwirtschaft

Im 19. Jahrhundert bildeten Landwirtschaft und Weinbau die Haupterwerbsquellen der Horchheimer Bevölkerung. Hinzu kamen ländliche Handwerksberufe, die eng mit der Agrarwirtschaft verbunden waren, wie Küfer, Schmiede oder Stellmacher. Weitere Handwerker deckten die alltäglichen Bedürfnisse der Dorfbewohner ab, beispielsweise Schuster, Schneider, Bäcker oder Metzger.

Die Erträge der Landwirtschaft hingen stark vom Wetter ab. Zu viel Sonne ließ den Boden austrocknen, wodurch die Pflanzen vertrockneten. Andererseits erschwerte ein regenreiches Jahr die Heu- und Getreideernte erheblich.

Die Arbeit in der Landwirtschaft war hart. Ein Arbeitstag dauerte von fünf Uhr früh bis abends sieben Uhr, zur Erntezeit sogar noch länger. Männliche Tagelöhner verdienten etwa zehn Silbergroschen, während Frauen nur fünf Silbergroschen erhielten. Zum Vergleich: Ein Brot von vier bis sechs Pfund kostete in normalen Erntejahren zwischen fünf und sieben Silbergroschen. Ein Knecht wurde jährlich mit 22 Talern, einem Paar Schuhen und einem Kittel entlohnt; eine Magd erhielt 18 Taler und ebenfalls ein Paar Schuhe.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts ging der Getreideanbau offenbar immer mehr zugunsten der Viehhaltung zurück. Ein möglicher Grund dafür war, dass der Getreideanbau zu arbeitsintensiv war.

Anton Struth schrieb 1910 erstaunt:

„Wenn man bedenkt, dass bei dem damaligen Weinbergbestand und dem ausgedehnten Ackerland, besonders auf dem Walde, wo zu der Zeit nicht die Hälfte der Wiesen war, sondern alles fast Ackerland, welches zur Bebauung und Ernte viel mehr Zeit in Anspruch nahm als die Wiesen, so muss man staunen, wie die Arbeiten alle bewältigt werden konnten, besonders da die Frucht, Korn, Weizen, Gerste durch die Sichel geschnitten und nur Hafer gemäht wurde.“

Nach dem Ersten Weltkrieg kam der Weinbau und der damit verbundene Weinhandel weitgehend zum Erliegen. Dennoch spielten Ackerbau (Getreide, Kartoffeln, Flachs), Obstanbau und Viehhaltung weiterhin eine wichtige Rolle. Bis in die 1960er Jahre blieb die Landwirtschaft ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, auch wenn die Zahl der Haupterwerbsbetriebe zurückging und die Nebenerwerbsbetriebe stetig zunahmen.

Viehzucht

Um 1719 gab es in Horchheim einen Bestand von 125 Stück Großvieh, was für ein Winzerdorf eine beachtliche Zahl war. Auf jedes Stück Großvieh war eine Simpeleabgabe von fünf Pfennigen zu entrichten.

Die Ställe beherbergten tragfähiges und nicht tragfähiges Rindvieh, dazu gehörten Ochsen, Kühe, Jungvieh und Kälber. Die Wiesen auf der Höhe oder auch der Wald dienten als Viehweide.

Die Wiesen lieferten Heu für das Winterfutter. Es konnte nur so viel Vieh eingestallt werden, wie Heu als Winterfutter zur Verfügung stand. Häckselstroh wurde als Beifutter verwendet, jedoch in erster Linie als Einstreu. In Notzeiten durfte auch Waldlaub als Ersatz verwendet werden. Diese Nutzung war jedoch nur mit einer speziellen Erlaubnis des Ortsvorstandes oder des Försters gestattet und wurde nur ungern erteilt, da das Laub als wichtige Grundlage für den Waldboden galt.

Etwa 60 Schweine konnten im Jahr mit einer guten Eckernernte gemästet werden. Diese Zahl dürfte aufgrund von praktischen Erfahrungen festgelegt worden sein, da eine zu hohe Schweinepopulation den Waldaufwuchs schädigte. Wie ihre wilden Verwandten, Wildschweine, wühlten sie den Boden auf der Suche nach Nahrung und verhinderten somit die natürliche Verjüngung des Waldes.

Nach 1815 gewann die Schafhaltung an Bedeutung. Es wurde eine Schäferei-Genossenschaft gegründet. Um 1840 beschäftigte die Genossenschaft einen Schäfer und einen Knecht für rund 400 Tiere, die auf gemeindeeigenen, verpachteten Grundstücken weideten. Doch bereits 1848 wurde die Genossenschaft aufgelöst, und die Gemeinde erwarb den 1819 errichteten Schafstall, der nahe der Gemarkungsgrenze zu Niederlahnstein lag. Der Schafstall wurde 1881 noch einmal instand gesetzt, doch mit dem Niedergang der Schafzucht verfiel er später.

1890 hielten 74 Landwirte insgesamt 162 Kühe. Die Gemeinde stellte zwei Zuchtstiere der Westerwälder Rasse zur Verfügung. Die meisten Bauern besaßen jedoch selten mehr als drei Stück Vieh. Oft war es nur eine einzelne Kuh im Stall.

Horchheimer Wald

Horchheim verfügte über einen ansehnlichen Gemeindewald, in dem Laubholzbestände etwa zwei Drittel der Fläche ausmachen und naturnahe Wälder mit größeren Beständen das Landschaftsbild prägen.

Die Grenzen dieses Waldes wurden mehrfach von Vorstehern und Einwohnern überprüft, um die genaue Lage der Grenzsteine zu bestätigen und im Gedächtnis zu bewahren. Eine solche Überprüfung wurde im Grenzbegangsprotokoll von 1604 erstmals dokumentiert.

Auf Nachfragen der amtlichen Kommission im Jahr 1719 gaben die Taxatoren des Erzstift Trier an, dass es niemandem gestattet war, Laub, Pfähle (für die Weinberge) oder Brandholz aus dem Wald zu entnehmen.

Außerdem durfte der Wald nicht als Viehweide genutzt werden, da die Tiere durch das Abfressen der aufkommenden Sämlinge den natürlichen Aufwuchs verhinderten. Einzige Ausnahme waren Schweine, die während eines guten Eckernjahrs (Jahre mit ausreichendem Eichelsamen) zur Mast in den Wald getrieben werden durften. Ein gutes Eckernjahr trat etwa alle zehn Jahre ein und war für die Mastwirtschaft von großer Bedeutung.

Es herrschte bereits ein starkes Bewusstsein für die Verantwortung gegenüber der Natur, und die Verantwortlichen sorgten dafür, dass der Wald nicht durch planloses Abholzen und Beweiden zerstört wurde. Eine solche Vernichtung hätte das Dorf, das auf den Wald angewiesen war, in den Ruin gestürzt. In dieser Hinsicht zeigte sich bereits eine umfassende und nachhaltige Waldwirtschaft.

Neu war, dass der Wald nun als Wirtschaftsgut betrachtet wurde. Die Sachverständigen teilten den Baumbestand in Nutzholz und Brennholz ein. Diese Einteilung ermöglichte eine genauere Übersicht über die Qualität des Waldes, was eine bessere Planung und Nutzung der Ressourcen zur Folge hatte.


Geschichte des Weinbaus

Nach der Eroberung Galliens und Germaniens durch die Römer um 50 v. Chr. bildete der Rhein die Grenze des Römischen Reiches. Hinweise auf römischen Weinbau verdichteten sich durch Funde von Weinbaugeräten wie Winzermessern, Sicheln und Weingefäßen, sowie durch frühe Nennungen von Weinbergen, die bald nach den Römern auftauchten.

Im Allgemeinen, wie Tacitus für die Germanen schreibt, wurde vergorenes Getreide, also der Urtyp des Biers, konsumiert.

In unserer Region waren es die keltischen Fürsten, die vor etwa 2.500 Jahren die ersten Weintrinker waren. In ihren reich ausgestatteten Gräbern fanden sich antike Weingefäße wie Weinamphoren, Becher, Kannen und Trinkgefäße, die mit ins Grab gelegt wurden – vermutlich zur Nutzung im Jenseits, aber auch zur Freude der Archäologen.

Mittelalter

Bereits um 1018 wurde Wein in Pfaffendorf angebaut, und seit 1019 ist der Rebenanbau in Ehrenbreitstein belegt. Es liegt nahe, dass der Weinbau zu dieser Zeit auch in Horchheim bekannt war, da die günstige Lage am Rhein ideale Bedingungen für den Rebanbau bot.

Aus den bäuerlich tätigen Kreisen dieser Zeit sind keine schriftlichen Nachrichten überliefert. Aber die auf den Adelshöfen und den klösterlichen Besitzungen arbeitenden Ackers- und Weinbergsleute sowie alle anderen Kräfte, die für die dörfliche Infrastruktur notwendig waren, um die materiellen Grundlagen für den ritterlichen Lebensstil zu sichern und für die Dienstleistungen entlang eines schiffbaren Flusses und im Forst zu sorgen, hat es ohne Zweifel gegeben, auch wenn sie im Dunkel der Überlieferung verbleiben.

Volksgetränk Wein

Im Mittelalter war Wein ein gängiges Volksgetränk, wobei wenig auf die Qualität geachtet wurde. Der Weinverbrauch war enorm. Schätzungen zufolge lag der Verbrauch bei 100 bis 150 Litern pro Kopf und Jahr, in den Weinbaugebieten stieg der Wert sogar auf bis zu 300 Liter.

Als Getränke standen vor allem Wasser, Milch und Wein zur Verfügung. Letzteren trank man meist mit Wasser verdünnt. Nur in sonnenreichen Jahren konnte der durchgegorene Most einen trinkbaren Wein liefern. Oft wurde der Geschmack durch Honig oder Gewürze verbessert. Zusätzlich stellte man alkoholische Getränke aus vergorenen Früchten wie Äpfeln, Johannisbeeren oder Stachelbeeren her.

Um den Wein genießbar zu machen, fügten die Menschen oft Honig und Gewürze wie Muskatnuss, Nelken, Pfeffer oder Zimt hinzu. Auch Kräuter oder Obst wurden von einigen Winzern beigemischt, um dem Wein eine spezielle Geschmacksrichtung und eine eigene Note zu verleihen.

Eine weitere Variante war der in der Region um Koblenz beliebte Würzwein. Dieser wurde durch eine heftige Gärung des Mosts in einem beheizten Raum hergestellt und erinnerte im Geschmack an den heutigen Glühwein.

Begüterte Klöster und Stifte

Die Kirche und die Klöster förderten den Weinbau maßgeblich und waren ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in der Region. Schon im Mittelalter war der Weinbau durch die kirchlichen Institutionen verbreitet worden, da Wein für die Feier der heiligen Messe unerlässlich war und darüber hinaus das wichtigste Alltagsgetränk der Bevölkerung darstellte. Dies erklärt den Erwerb von Wingerten und die zentrale Bedeutung des Weinbaus für Horchheim.

Im Jahr 1719 hielten vierzehn Klöster, Stifte oder kirchliche Einrichtungen Besitzungen in Horchheim. Dazu gehörten unter anderem die Dominikaner aus Koblenz, das Florinsstift, die Franziskanerinnen von St. Georg im Vogelsang, die Jesuiten, das Kastorstift, die Karmeliter, die Kartäuser sowie das Kloster Oberwerth. Weitere bedeutende Einrichtungen waren die Klöster Altenberg, Marienstatt, Niederwerth und Rommersdorf.

Der Weinhandel und die geschickte Bewirtschaftung des Grundbesitzes sicherten den Klöstern eine solide Kapitalbasis, die sie für Instandhaltungen, Umbauten oder Neubauten nutzten. Damit verbunden war die Schaffung von Arbeitsplätzen für die lokale Bevölkerung.

Zur Kontrolle der Pachtverhältnisse setzten die Klöster sogenannte „Windelboten“ oder „Herbstherren“ ein. Diese prüften den Zustand der Weinberge und stellten sicher, dass die vertraglichen Vereinbarungen eingehalten wurden. Die Traubenernte durfte nur mit ihrer Zustimmung beginnen. Während ihres Aufenthalts erhielten die Boten Unterkunft und Verpflegung vom jeweiligen Pächter. Bei wiederholtem Verstoß gegen die Pachtverträge drohte der Entzug des Pachtguts.

Trotz der strengen Aufsicht genossen die Klöster hohes Ansehen in der Bevölkerung, was sich in Form von Spenden und Schenkungen widerspiegelte.

Die Verteilung der 402.650 Weinstöcke in Horchheim im Jahr 1719 stellt sich wie folgt dar:

  • Klöster: 123.485 Stöcke (30,7 %)
  • Adel: 81.765 Stöcke (20,3 %)
  • Auswärtige und sonstige Besitzer: 46.785 Stöcke (11,6 %)
  • Horchheimer: 150.615 Stöcke (37,4 %).

Den Horchheimer Hausvorständen, Handwerkern und Tagelöhnern verblieb somit ein Anteil von 37,4 Prozent der Weinstöcke, während über 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in fremdem Besitz waren.

Insgesamt erzielten die Wingerte in Horchheim aus den veranschlagten 402.650 Stöcken im Durchschnitt einen Ertrag von 67 Fudern zu je 900 Liter, vier Ohm zu 150 Liter Wein. Dies entspricht einem Gesamtertrag von 60.900 Litern Wein.


Adelsfamilien in Horchheim

Neben den Klöstern besaßen im 18. Jahrhundert auch zehn Adelsfamilien Land- und Weinbergsflächen in Horchheim. Diese Familien gehörten verschiedenen Adelsschichten an, darunter der Hochadel, der Trierer Lehnshof, der Beamtenadel und der herrschaftliche Ortsadel.

Zu den Hochadeligen zählten die Landgrafen von Hessen-Darmstadt und die Fürsten von Nassau, die allerdings nur geringe Flächen besaßen.

Der Trierer Lehnshof war stärker vertreten, darunter die Herren von Eltz mit 8.670 Weinstöcken und 14½ Morgen Feldern und Wiesen, der Freiherr von Eyß mit 4.480 Weinstöcken und 11 Morgen Land, die Grafen von Metternich mit 6.347 Weinstöcken und 11 Morgen Flächen, die Herren von Hunolstein mit 4.580 Weinstöcken und 8 Morgen Acker.

Dem Beamtenadel gehörten die Familien von Schoeben und von Umbscheiden an.

Der herrschaftliche Adel in Horchheim, der ursprünglich aus dem Trierer Lehnsadel stammte, umfasste die Familien von Heddesdorf und von Reiffenberg (später von Eyß). Diese Adelshäuser dominierten das Dorfgeschehen mit ihren umfangreichen Besitzungen. Allein die Familien Heddesdorf und Reiffenberg verfügten über 49.452 Weinstöcke, die in drei Klassen unterteilt waren: 25.003 Stöcke (50,6 %) in der ersten Klasse, 15.089 Stöcke (30,5 %) in der zweiten Klasse, 9.360 Stöcke (18,9 %) in der dritten Klasse.

Die Adelshöfe hatten positive wirtschaftliche Auswirkungen auf Horchheim. Durch die Nachfrage nach gewerblichen Dienstleistungen und Arbeitskräften wurden die Handwerksbetriebe gestärkt und zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen.

Pächter und Winzer

Die Pächter der Weinberge mussten ein Drittel oder sogar die Hälfte der Traubenernte abgeben. Gleichzeitig waren sie für die gesamte Bewirtschaftung des Wingerts verantwortlich, darunter Arbeiten wie das Schneiden, Binden und die Pflege der Weinbergsmauern. Obwohl die Abgaben hoch waren, akzeptierten viele Pächter die Bedingungen aufgrund der guten Weinlagen oder aus anderen persönlichen Gründen.

Die behördlich festgelegten Preise und der Kelterbann erschwerten es, höhere Erlöse zu erzielen. Diese Regelungen führten zur Produktion von Massenwein, da große Mengen nötig waren, um ausreichende Einnahmen zu erzielen.

Zur Deckung des Lebensunterhalts benötigte eine Winzerfamilie etwa 4.000 bis 5.000 Weinstöcke. Von den 75 Hausvorständen in Horchheim verfügten jedoch nur vier Familien (5,3 Prozent) über diesen Bestand. Da der Weinbau allein für viele Familien nicht ausreichte, um den Lebensunterhalt zu sichern, waren zusätzliche Beschäftigungen oder ein bescheidener Lebensstil notwendig. Dennoch trug der Weinbau wesentlich zur Lebenshaltung bei, und in guten Jahren konnten Überschüsse verkauft werden.


Weinjahre im 18. Jahrhundert

In dem besonders guten Weinjahr 1697 blühten schon am 26. Mai die Reben, und die ersten Trauben konnten bereits am 25. Juli geerntet werden. Der Beginn der Traubenlese war am 17. Oktober.

1701 und 1703 fiel die Traubenernte hingegen schlecht aus. Viele Winzer blieben auf ihren Beständen sitzen, und einige versuchten, den Wein mit problematischen Mitteln zu verbessern.

Hans Jakob Erni, ein Küfer aus Esslingen, wurde 1706 hingerichtet, nachdem er die beiden Jahrgänge derart manipuliert hatte, dass einige Weintrinker nach dem Genuss starben.

Im 18. Jahrhundert wurden erstmals umfassendere Rebsortenverordnungen erlassen. Die Bischöfe von Trier, die Kurfürsten der Pfalz, die Bischöfe von Speyer sowie die Grafen von Leiningen erließen diese Verordnungen. Sorten wie Riesling, Traminer und Ruländer (nach 1711) wurden empfohlen, während Heunisch, Trollinger, Elbling und Gutedel ausgehauen werden sollten. Es entwickelte sich ein allgemeines Qualitätsbewusstsein. Die Verordnungen zielten hauptsächlich auf die Sicherung des Zehnten, die Vermeidung von Ernteausfällen durch Frost und die Bekämpfung von Schädlingen wie dem Rebstecher.

Im Jahr 1719 wurde die Zählung der Rebstöcke durch die Taxatoren neu organisiert, die nun auch eine Klassifizierung der Wingerte vornahmen. Der Weinbau wurde nach Stockzahl berechnet. Zuvor war dies anhand von Pflanzabständen geschehen, was zu Unklarheiten bei der Bestimmung von Grundstücksgröße und Ertrag geführt hatte. Ab jetzt mussten die Felder nach dem Trierer Landmaß vermessen werden.

Das Weinjahr 1719 war gut, mit einer frühen Traubenblüte im Mai und einer Weinlese ab dem 28. September. Der Wein wurde wegen seines süßen, vollen Geschmacks als „Hutzelbrühe“ bekannt und gilt als einer der kostbarsten Weine der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Das Jahr 1720, ein weiteres als „gesegnet“ bezeichnetes Jahr, war für den Weinbau vorteilhaft. Ein Fuder Wein kostete zwischen 12 und 30 Reichstalern, während Rindfleisch und Butter zu günstigen Preisen zu haben waren.

Die Zehntverordnung von 1731 betraf nun auch die früheren Weingärten, die nun für den Anbau von Feldfrüchten wie Gemüse und Rüben genutzt wurden.

Der Kurfürst von Trier verbot im Jahr 1750 die Aufwertung von Wein durch Zusatzstoffe, die sogar Todesopfer gefordert hatten, um den Wein wieder naturrein auf den Markt zu bringen.

Erst mit der Agrarreform der Französischen Revolution begann eine nachhaltige Veränderung im Weinbau. Diese Reformen führten zu einem qualitativen Wandel in der Kellerwirtschaft, der eine nachhaltige Änderung in Anbau und Verarbeitung mit sich brachte. Die Nachfrage nach Qualitätswein setzte neue Standards in der Branche.

1775 wurde der Rauch des verbrannten Schwefels als Mittel zur Weinherstellung eingeführt, und die Bedeutung der Spätlese auf dem Johannisberg im Rheingau wurde wiederentdeckt.

Johann Friedrich Deinhard gründete 1793/94 ein Einzelhandelsgeschäft in Koblenz, aus dem sich später eine bedeutende Weinhandlung und Sektkellerei entwickelte.

In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts stieg der Weinkonsum. Um die Nachfrage zu befriedigen, legten die Winzer in Horchheim zusätzliche Weingärten zwischen der Hauptstraße und dem Rhein an. Diese Lagen waren jedoch in ungünstigen Jahren frostgefährdet, was sich besonders in den schwächeren Jahren um 1800 bemerkbar machte, als Frühjahrsfröste den Rebstöcken zusetzten und der Ertrag entsprechend niedrig war.

Weinjahre im 19. Jahrhundert

Erst mit dem Ablösen der Zehntrechte und der Lockerung der engen Lesevorschriften sowie mit der Entstehung größerer Weingüter setzte das Qualitätsbewusstsein ein. Die herausragendsten Jahre dieser Entwicklung waren 1811 und 1822, in denen großartige Auslesen entstanden.

Das Jahr 1811 gilt als das „berühmteste Weinjahr des Jahrhunderts“, gefolgt von den ebenfalls ausgezeichneten Jahren 1822 und 1834.

Ab 1814 konnte die Grundsteuer aus einer Tabelle ermittelt werden, in der die Weinberge in sechs Klassen eingeteilt waren.
Im preußischen Gebiet war es nach 1816 möglich, Naturalabgaben durch Geldzahlungen abzulösen.

Während die Ernte und Weinlese 1817 außergewöhnlich ertragreich waren, war der starke Preisanstieg bei Grundnahrungsmitteln durch die sehr schlechte Ernte des Vorjahres bedingt.

Der bedeutendste jüdische Einwohner Horchheims im 19. Jahrhundert war der Berliner Bankier Joseph Mendelssohn, der 1818 das Anwesen des Hofrates Fritsch erwarb und auch den Hof des Kosters Altenberg hinzunahm. Die Familie hielt sich vor allem im Sommer und zur Weinlese in Horchheim auf.

Der Ortsvorsteher Beckenkamp berichtete, dass die Gemeindemitglieder, die 1805 Weinberge neu anlegten, Zinskorn-Ablösungen zahlen mussten. Diese Ablösungen wurden teilweise durch Gelder aus der Gemeindekasse vorfinanziert.

1827 besuchte der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy erstmals das Weingut seiner Familie in Horchheim und berichtete in einem Brief an seine Eltern von den schönen Erlebnissen während der Weinlese.

1831 versuchten einige Weinbergspächter, zusätzlich Gemüse oder Obst zwischen den Reben anzubauen, um den Ertrag zu steigern. Dies wurde von den herrschaftlichen Eigentümern jedoch verboten, da dies dem Boden Nährstoffe entziehen würde.

Ein tragischer Unfall ereignete sich am 18. Juni 1839, als Karl Göbel sich beim Schroten eines Stückfasses Wein das rechte Bein zerschmetterte und später seinen Verletzungen erlag.

Die Einführung der Oechsle-Waage im Jahr 1840 erleichterte die Voraussage der späteren Weinqualität. Diese Messmethode ist noch heute im Einsatz.

Die Horchheimer Champagnerfabrik und andere lokale Unternehmen wie Geschwister Holler, Anton und August Killian, Josef Puth senior und Sohn Josef junior begannen ab 1846 damit, Trauben aufzukaufen und in ihren umfangreichen Kelleranlagen zu keltern.

Ab 1850 konnten auch Pfarrzehnten und -drittel durch Geldzahlungen ersetzt werden. Die Weinberge in Horchheim waren nun größtenteils von Abgaben befreit, außer den Lagen im Lahnsteiner Gebiet.

Der Wechsel von Rohrzucker zu billigerem Rübenzucker ab 1857 ermöglichte es, eine konstante Weinqualität zu erzeugen, was den Preisschwankungen des Weins zugutekam. Die Weinpreise schwankten früher stark je nach Jahr und Qualität.

Die Witwe von Joseph Mendelssohn schenkte 1876 einen Weinberg zur Erweiterung des Friedhofs, der 1854 ursprünglich für etwa 18 Protestanten in Horchheim konzipiert worden war.

Um 1880 änderte sich das Konsumverhalten der Weintrinker, die nun leichtere, rassigere Weißweine bevorzugten. Dies führte zu verfeinerten Kellereitechniken, die allerdings auch einen erhöhten Kapitalbedarf mit sich brachten. Viele Winzer konnten diese Investitionen nicht mehr stemmen, was zu einem Rückgang des Weinbaus führte.

Der Hauptlehrer Wüst empfahl 1888 den Anbau von Frühburgunder-Reben, während für weniger gute Lagen größere Beerenarten wie die österreichischen empfohlen wurden, die gut zu Weißwein verarbeitet werden konnten.

Durch die Senkung der Landwirtschaftszölle unter Graf von Caprivi ab 1891 wurden ausländische Weine, besonders aus Italien und Frankreich, günstiger und traten in Konkurrenz zu den heimischen Weinen.

Im späten 19. Jahrhundert fanden durch steigende Löhne und die zunehmende Industrialisierung viele traditionelle Arbeitskräfte bessere Verdienstmöglichkeiten in den Fabriken. Der Weinbau begann zunehmend in den Hintergrund zu treten, da ein Vollerwerbsbetrieb nicht mehr genug Einkommen für eine Familie generieren konnte.

20. Jahrhundert

Ab 1900 konzentrierten sich die Horchheimer zunehmend auf den Anbau von Obst und Erdbeeren verschiedener Sorten. Um die Ernte effizient zu verarbeiten wurden Obstsammelstellen eingerichtet.

1920 wurde in Horchheim der letzte Weinberg der Familie Holler gerodet.

Bis zum Ende des Weinanbaus in den 1920er Jahren war der Horchheimer „Rote“ als Weinmarke der Region noch bekannt.
Das letzte Fass Rotwein aus Horchheim wurde im Kirmeszug 1924 auf einem Wagen mitgeführt und später in Original-Viertelchen zum Ausschank gegeben. Damit verlor Horchheim seine jahrhundertelange Tradition als Weinort am Mittelrhein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine massive Rationalisierung im Weinbau ein. Die gestiegenen Löhne und Materialkosten machten den Kleinwinzern das wirtschaftliche Überleben schwer. Viele Rebflächen lagen brach. Aufstrebende Winzer übernahmen diese Flächen und integrierten sie in ihre bestehenden Besitzungen.

Die Entwicklung des Weinbaus im 20. Jahrhundert brachte tiefgreifende Veränderungen in kürzester Zeit. Aus einem handarbeitsintensiven Berufszweig wurde ein technisch hochentwickeltes Arbeitsfeld. Dennoch blieb der Wein, geprägt von Witterung, Winzer, Rebsorte und Standort, stets das zentrale Produkt der Region.


Weinbau Stichwortverzeichnis

Anbautechnik

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Weinbau stetig, besonders in den ersten 50 Jahren und nach den Weltkriegen. Die größten Änderungen kamen jedoch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Die traditionellen, engen Weinberge mit niedrigen Laubwänden und wenig Abstand zwischen den Reben wichen modernen, großzügigeren Anlagen. Die neuen Anbausysteme mit 2 Meter Reihenabstand und 1,20 Meter Stockabstand ermöglichte den Einsatz von Maschinen statt Handarbeit. Zu den Neuerungen zählten mechanische Rebenschneider, Fräsen, Mulchen, und schließlich auch die Erntemaschinen.

Früher mussten Winzer den Boden von Hand befreien, um unerwünschtes Wachstum zu kontrollieren, besonders in feuchten Jahren. Mit den größeren Zeilenabständen konnten sie nun auf die Begrünung der Böden umstellen. Diese Umstellung, unterstützt durch Maschinen wie Mulcher und Fräsen, trug nicht nur zur Reduzierung der Bodenerosion bei, sondern verhinderte auch Verdichtungen durch schwere Maschinen. Zudem senkte sich der Bedarf an Dünger, da der natürliche Nährstoffkreislauf durch den grünen Bewuchs effektiv unterstützt wurde. Der Düngeraufwand konnte so auf ein Drittel des Wertes aus den 1950er Jahren gesenkt werden.

Aufwertung des Weins

Im 19. Jahrhundert wurden Weine, die als zu herb galten, oft mit ungesunden Substanzen wie Bleiglätte (Blei(II)-acetat) versetzt, um ihre Süße zu steigern. Dieser „Bleizucker“ war einfach herzustellen und wirkte als preiswerte Methode, um sauren Wein zu verfeinern. Doch der Genuss dieses mit Blei versetzten Weins war äußerst gefährlich, da er zu Bleivergiftungen und sogar zum Tod führen konnte. Auch Silberglätte und Wismut wurden verwendet, um Weine zu verbessern, wobei diese ebenfalls gesundheitsschädlich waren.

Zur Klärung oder „Schönung“ des Weins setzte man diverse Mittel ein. Eine gängige Mischung bestand aus gestoßenem Maringlas (Selenit), Alabaster, Salz und, je nach Empfehlung, auch Hefe oder Franzbranntwein. Maringlas, auch bekannt als Selenit, wurde nicht nur als Schönungsmittel, sondern auch als Fenstermaterial verwendet, da es in flachen Platten vorkam.

Branntwein

Ein erheblicher Teil des unverkäuflichen Weins wurde von den Weinbrennern Braun und Hergerath zu Branntwein verarbeitet. Dieses alkoholische Getränk hatte sich im Laufe der Zeit zu einem Laster entwickelt, dem sowohl die Kirche als auch die Obrigkeit mit restriktiven Maßnahmen begegneten. Erst der steigende Bierkonsum führte zu einem spürbaren Rückgang des Branntweinverbrauchs. Die Verarbeitung von überschüssigem Wein zu Branntwein war für die Winzer eine der wenigen legalen Methoden, um die „staubtrockene“ Flüssigkeit dennoch gewinnbringend zu verkaufen.

Drittelweinberge

Bei den Drittelweinbergen wurde die Ernte in drei Bütten aufgeteilt, bei den halbpachtigen Wingerten entsprechend in zwei Behälter. Diese Form der Verpachtung war für die Pächter nachteilig: Sie mussten nicht nur die Hälfte der Ernte abgeben, sondern auch die im Pachtvertrag festgelegten Leistungen erfüllen. Ob eine mögliche höhere Qualität den Nachteil ausglich, ließ sich nicht überprüfen. Der Beauftragte des Eigentümers entschied, welches Behältnis für die Trauben verwendet wurde, immer im Sinne des Besitzers. Erst nachdem die Ernte der Drittel- und Halbschiedsweinberge abgeschlossen war, durfte mit der Ernte der anderen Wingerten begonnen werden. Unter diesen Bedingungen ist anzunehmen, dass die Trauben nicht immer mit der nötigen Sorgfalt geerntet wurden, da Laub und unansehnliche, kranke Beeren die Erntemenge erhöhten, die zwischen Pächter und Eigentümer geteilt werden musste.

Dünger

Anfallender Naturdünger wie Mist oder Jauche war für die Weinberge und Felder unverzichtbar und daher sehr begehrt. Diese tierischen und menschlichen Hinterlassenschaften dienten als grundlegender Dünger, der für die Pflege der Weinberge notwendig war.

Zusätzlich streute man Asche auf die Felder und versuchte, mit Stein- oder Schiefermehl die Weinberge zu verbessern. Diese Maßnahmen waren jedoch nur Notlösungen, die keine nennenswerten Wachstumsschübe brachten.

Besonders wertvoll war die Jauche, die reich an Stickstoff und Kalium war (obwohl das damals noch unbekannt war). Ihre wachstumsfördernde Wirkung war jedoch unbestreitbar. Die Bauern sammelten Jauche in Gruben und brachten sie in Holzfässern auf Wagen, um sie auf den Feldern zu verteilen. Wie begehrt dieser Dünger war, zeigt sich daran, dass die Fäkalien aus öffentlichen Gebäuden, einschließlich Pfarrhäusern, öffentlich versteigert wurden.

Rebschädlinge

Ein großes Problem im Weinbau waren die Rebschädlinge. Besonders der „Rote Brenner“, ein Schadpilz, und die Grauschimmelfäule bereiteten den Winzern große Sorgen. Nachdem der „echte Mehltau“, eine Pilzkrankheit, dank der Einführung resistenter amerikanischer Reben in den Griff bekommen wurde, brachte man gleichzeitig die unbekannte Reblaus (Phylloxera vitifoliae) nach Europa, die schnell zur weiteren Bedrohung wurde.

Die Reblaus ist eine Pflanzenlaus, die im 19. Jahrhundert aus Nordamerika eingeschleppt wurde und bis heute als eine der schlimmsten Bedrohungen für den Weinbau gilt. Um die Plage zu bekämpfen, rodete man rigoros befallene Parzellen, wobei Neubepflanzungen ausblieben. Der Einsatz von Schwefel oder Kupfervitriol-Kalk-Lösungen zur Bekämpfung verteuerte den Wein erheblich.

Die Bekämpfung der Schädlinge entwickelte sich über die Jahre. Anfangs spritzte man Weinberge regelmäßig mit schädlichen Mitteln wie Arsen, DDT und Kupfer. Heute hingegen verfolgt man einen Rebschutz, der auf Befallsprognosen basiert und umweltfreundlichere, effektivere Mittel nutzt, die nur noch wenige Anwendungen erfordern. Mittlerweile werden auch Nützlinge wie Spinnmilben gefördert, Pheromone gegen Traubenwickler eingesetzt und resistentere Rebsorten sowie Unterlagen gegen die Reblaus verwendet, sodass in vielen Fällen auf direkte chemische Bekämpfung ganz verzichtet werden kann.

Rodung

Die Rodung eines Weinberges war eine teure und langwierige Angelegenheit. Sie führte zu einem Ernteausfall von acht Jahren. Ein gerodeter Weinberg blieb zunächst fünf Jahre „driesch“, das heißt, er lag trocken und unbebaut, um dem Boden Zeit zur Erholung zu geben. Neupflanzungen blieben für drei Jahre von Abgaben befreit, da in dieser Zeit noch kein Ertrag zu erwarten war. Neben dem Verlust an Ernte musste man neue Reben besorgen, bezahlen und pflanzen. Auch der Transport der Reben und der Kauf von Weinbergspfählen trugen erheblich zu den Kosten bei.

Traubensorten

Um 1719 wurde hauptsächlich der Elbling oder Kleinberger als weiße Traube angebaut, während der Riesling in der Region kaum vertreten war. Der Elbling war eine frühreife, ertragreiche Sorte, die jedoch wenig Bukett besaß. Der Wein hatte eine geringe Säure und war daher nicht besonders lagerfähig.

Für Rotweine kultivierte man den Schwarzen Clävner und den Schwarzen Burgunder. Letzterer wurde zunächst als Bleichart bezeichnet, weil man ihn heller als üblichen Rotwein kelterte. Bei der Herstellung ließ man die zerquetschten Beeren nur kurz in der Maische stehen, bevor man den Traubensaft abfüllte. Das Ergebnis war ein hellrötlicher Wein, der nach der Gärung eine bleiche Farbe erhielt. Der Bleichert war also kein eigener Wein, sondern eine spezielle Kelterungstechnik.

Im Laufe der Zeit gab man in Horchheim den Anbau weißer Trauben auf und konzentrierte sich nur noch auf Rotweinsorten, insbesondere den Bleichert. Dieser Name, besonders an der Ahr bekannt, bezeichnete hellroten Wein, der durch das frühzeitige Trennen von Maische und Beeren nach der Kelterung entstand. Die Rebsorte, die dafür genutzt wurde, war ein Frühburgunder.

Der Begriff „Bleichert“ (früher auch „Bleichart“) für diesen hell gekelterten Rotwein, der vor der Etablierung des Begriffs Rosé verwendet wurde, taucht bereits 1664 im Mayschoßer Schatzbuch auf. Besonders an der Ahr und am Niederrhein war der Begriff „Ahrbleichert“ verbreitet. Heute sind diese Bezeichnungen durch Weingesetze nicht mehr zulässig.

Weinmaße

Um 1719 gab es noch keine einheitlichen Weinmaße. Im Trierer Raum war das „Trierer Fuder“ verbreitet, das in Enkirch 987,663 Liter und im Oberamt Trarbach 1004,095 Liter maß. Am Rhein und an der Mosel bis Bernkastel wurde vor allem das „Kölner Fuder“ mit 873,6 Litern als Handelsmaß genutzt.

Weitere gängige Maße waren das Fuder (900 Liter), das Ohm (150 Liter) und das Viertel (6¼ Liter). Die Kommission legte für die Besteuerung des Weins den Durchschnittsertrag aus guten und schlechten Jahren fest: In der ersten Klasse wurden 9.000 Stöcke, in der zweiten 11.000 Stöcke und in der dritten 14.000 Stöcke als Grundlage für ein Fuder (900 Liter) herangezogen.

Der Begriff „Fuder“ bezieht sich auf ein Volumenmaß, das vor der Einführung des metrischen Systems weit verbreitet war, besonders im Alten Reich. Es bezeichnete das Volumen einer Fuhre oder Wagenladung, vor allem für Flüssigkeiten wie Wein, aber auch für Bier, Wasser und Massengüter wie Holz, Kohle, Sand und Salz. Etymologisch leitet sich „Fuder“ von „Faden“ ab, einem alten Längenmaß, das die Spanne zwischen den ausgestreckten Armen eines Mannes bezeichnete (ca. 1,80 m).

Weinzuckerung

In den 1980er Jahren geriet die Weinzuckerung in den Fokus, aber nicht wegen ihrer normalen Anwendung – sondern wegen eines großen Betrugs. 1985 wurde in Österreich ein Weinbetrug aufgedeckt, der bis an die Mosel reichte. Tanklaster, die Glykol – ein süßliches Frostschutzmittel – transportierten, fielen auf. Dieses wurde verwendet, um den Moselwein, der für seine herbe Note bekannt war, mit Diethylenglykol zu versetzen. Das machte ihn für norddeutsche Verbraucher süßlicher und günstiger. Doch Glykol ist hochgiftig und schädigt Leber, Nieren und Nerven. Nach dem Skandal und dem Gerichtsurteil war die Geschichte jedoch schnell vorbei.

Zur Weinzuckerung: Damals, wie auch heute noch, wurde Zucker verwendet, um den Alkoholgehalt des Weins zu steigern – eine Technik, die als Chaptalisation bekannt ist. Hierbei wird dem gärenden Traubensaft Zucker zugesetzt, um den Alkohol um ein bis zwei Prozent zu erhöhen. Das Aufzuckern kam nicht nur bei ungünstigen Wetterbedingungen zum Einsatz, sondern auch, um eine frühere Lese auszugleichen. Nahezu unreife Trauben wurden zur Vorbeugung kommender Ernteausfälle durch Schädlingsbefall oder Stare abgelesen und der Mangel an Süße durch Zucker ausgeglichen.

Der große Glykolwein-Skandal führte zu einem der strengsten Weingesetze der Welt und verschärften Kontrollen in Europa. Seitdem muss jede Flasche Wein mit einer staatlichen Banderole versehen sein, bevor sie verkauft werden darf. Der Begriff „Haustrunk“, bei dem Zucker, Wasser sowie Wein- und Zitronensäure zugegeben wurden, verschwand aus den Gesetzbüchern. Auch der beliebte Uhudler, besonders im Südburgenland als Haustrunk konsumiert, wurde bis zu seiner Legalisierung 1992 verboten.

Winzerregel

Eine alte Winzerregel besagt: „Großer Rhein, kleiner Wein – kleiner Rhein, großer Wein.“ Sie bezieht sich auf die Wetterbedingungen, die den Wein beeinflussen. Ein „großer Rhein“ bedeutet viel Regen, was oft zu einem weniger intensiven, dünneren Wein führt. Ein „kleiner Rhein“ dagegen – also viel Sonnenschein – sorgt für optimale Reifebedingungen und somit für einen kräftigeren, qualitativ hochwertigeren Wein.


Postkartengrüße


Quellen- und Literaturverzeichnis

Horchheim 1214 – 2014

Eine Festschrift zur Geschichte der Katholischen Pfarrei St. Maximin und des Stadtteiles Koblenz-Horchheim aus Anlass des 800-jährigen Bestehens der Pfarrei

Herausgeber:
Heimatfreunde Horchheim e. V. in Verbindung mit dem Ortsring und der Pfarrei
Redaktion: Hans Josef Schmidt
ISBN: 978-3-00-045925-2

Horchheimer Alltag zu Beginn des 18. Jahrhunderts

Mitteilungen aus dem kurtrierischen Lagerbuch von 1719
mit Vergleich zur Neuzeit

Bearbeitet von Hans Lehnet
Herausgeber: Heimatfreunde Horchheim e.V., 2012
Autor: Hans Lehnet, Koblenz-Horchheim

Die Geschichte des Horchheimer Weinbaues

Eigenverlag Hans Lehnet 2024
Autor: Hans Lehnet, Koblenz-Horchheim

Texte bearbeitet von Andreas Weber

Bildnachweis: Sammlung Heimatfreunde Horchheim e.V.


Horchheimer Kirmes-Magazin


Kirmes-Magazin 2008 – Horchheim um 1800 – Umbrüche in einem berühmten Weinort – von Berthold Prößler

Der Artikel behandelt den Niedergang des Horchheimer Weinbaus infolge der Revolutionskriege, der Säkularisation und des wirtschaftlichen Wandels. Klöster und Adelsfamilien verloren ihre Besitzungen, unrentable Weinberge wurden gerodet und 1920 ging die jahrhundertealte Weinbautradition endgültig verloren.


Kirmes-Magazin 1978 – Weinbau in Horchheim – von Hans Gerd Melters

Der Artikel berichtet über die Wiederbelebung des Horchheimer Weinbaus durch Hobbywinzer in den 1970er Jahren. Er erinnert an die einstige Blütezeit des Weinortes, die 1920 mit dem Ende des kommerziellen Weinbaus endete, und beschreibt die Herstellung eines eigenen Rieslings aus einem alten Rebstock.


Kirmes-Magazin 1972 – Hoschemer Käs – von Dick Melters

Der Artikel erzählt die Geschichte des „Hoschemer Käs“, einer traditionellen Horchheimer Spezialität aus Handkäse, die früher von den Weinbauern zubereitet wurde. Der Käse wurde auf Fensterbänken getrocknet und mit Kümmel gewürzt. Anekdoten, wie die der tropfenden Käsekegel auf Schuljungen, erklären den Spitznamen „Hoschemer Käs“, den die Einwohner bis heute tragen. Abschließend wird das ursprüngliche Rezept für den Käse vorgestellt.


Kirmes-Magazin 1965 – Das Ende der Horchheimer Weinberge – von Heinrich Wolf

Die kurfürstlichen Weinberge in Horchheim wurden 1789 aufgrund schlechter Erträge auf Anordnung des Kurfürsten ausgerottet und in Ackerland umgewandelt. Die Weinberge wurden versteigert, und die neuen Pächter mussten sie umgestalten. 1800 war der Prozess noch nicht abgeschlossen.





Zum Gedenken an Helmut Mandt

Helmut Mandt

* 22. März 1935

† 09. Oktober 2024

Geboren wurde er am 22. März 1935 in Horchheim. In der Bächelstraße 52 wuchs er auf, lebte dort bis zu seinem überraschenden Tod am 09.10.2024. Helmut besuchte, mit kurzer Unterbrechung bedingt durch die Wirren des Weltkriegs, die hiesige Volksschule bis zum Abschluss. Im Anschluss folgte eine Lehre bei der Deutschen Post als Kfz-Mechaniker. 1961 wechselte er zur Berufsfeuerwehr, ein Schritt den er, wie er immer in Gesprächen äußerte, nie bereute. Er war mit großer Leidenschaft Feuerwehrmann. Er unterzog sich hier verschiedenen Spezialausbildungen. So war er auch ausgebildeter Rettungstaucher. Beim Einsturz der in Bau befindlichen Südbrücke im November 1971 war er als Taucher eingesetzt.

Im Dezember 1962 heiratete er Rosemarie Bötzel. Aus dieser Ehe ging ein Sohn hervor. Im April 1978 verstarb seine Ehefrau. Drei Jahre später ehelichte er Monika Reis, die ihm zwei Söhne schenkte. Diese Ehe wurde 10 Jahre später geschieden. Helmut war begeisterter Opa. Stolz und voller Freude erzählte er von seinen beiden Enkelchen.

Wenn man Helmut besuchen wollte und er nicht in seiner Wohnung anzutreffen war, so fand man ihn fast immer in seinem großen Garten. Diesen bestellte er mit großer Hingabe bis zu seinem plötzlichen Tod. Selbst im hohen Alter kletterte er noch auf seine Obstbäume und beschnitt diese in atemberaubender Höhe. Am Schluss der Laudatio im Kirmes-Magazin anlässlich seines 80. Geburtstags ist zu lesen: „… der liebe Gott möge Dich noch viele Jahre in Deinem Garten werkeln lassen, er möge Dir aber auch die Weisheit des Alters schenken und Dich überzeugen, nicht mehr auf die Bäume zu klettern.“

Daneben fand er immer Zeit, sich in seinem geliebten Horchheim einzubringen: 1958 war er einer der Gründungsmitglieder des BBC, in den 1970er Jahren gehörte Helmut mehrere Jahre dem geschäftsführenden Vorstand an. 1991 hob er den Verein der „Heimatfreunde“ mit aus der Taufe. In den ersten 20 Jahren hatte er das Amt des Schatzmeisters und viele Jahre das des 2. Vorsitzenden inne. Bis zu seinem Tod war er Beisitzer, unterstützte den Verein tatkräftig und unermüdlich: Er trug die Vereinsmitteilungen aus, verkaufte die Jahreskalender, machte das Museum „winterfest“ und sorgte immer für den Blumenschmuck am Museum. Bei den schon zur Tradition gewordenen Veranstaltungen „Liebenswertes Horchheim“ war er wortgewaltiger und sachkundiger Moderator.

Eine Würdigung Helmuts bliebe unvollständig, ohne einen fundamentalen Eckpfeiler seiner Lebensgestaltung zu erwähnen: Seine unerschütterliche Bindung an die Glaubenslehre der katholischen Kirche. Von früher Kindheit an war er Mitglied in der „Katholischen Jugend“ und dann als Jugendlicher Gruppenführer. Er engagierte sich in den verschiedensten Gremien seiner Pfarrgemeinde St. Maximin. Er war überzeugtes, aber auch kritisches, praktizierendes Mitglied in der katholischen Kirche.

Mit seinem Tod hat Horchheim einen tatkräftigen und liebenswerten Mitmenschen verloren, der sich um seinen Heimatort in höchstem Maß verdient gemacht hat. Wir werden ihn sehr vermissen und wir werden uns immer mit Freude an ihn und sein Wirken erinnern und ihn in unseren Herzen bewahren.

Chapeau und vielen Dank Helmut Mandt!

Klaus-Peter Baulig


Photo Helmut Mandt © Achim Friederich




Führung durch die Festung Ehrenbreitstein

29. Juni 2024 | An einem sonnigen Sommertag trafen sich die Teilnehmer der Führung durch die Feste Ehrenbreitstein am Nachmittag vor dem Empfangsgebäude. Gespannt warteten sie auf die Ausführungen des Kunsthistorikers Manfred Böckling, der im Auftrag der Heimatfreunde Horchheim diese Exkursion leitete.

„Wir werden gleich langsam ins Innerste der Festung vorstoßen, auch teilweise durch die Gebäude hindurch. Bis wir dann irgendwann im Bereich des Oberen Schlosshofes ankommen, werden wir noch einige Räume von innen sehen. Sie werden einiges über die Verteidigung der Festung, den Alltag der Soldaten und vieles mehr erfahren“, so Manfred Böckling.

Die Führung durch die Festung Ehrenbreitstein beginnt ganz unspektakulär: Die Teilnehmer benötigen lediglich ihr Ticket, um die Sperren zu passieren und sich vor den Toren der Festung zu versammeln. Trotz einiger Treppen und gelegentlicher Notwendigkeit zu improvisieren, z.B. mit Aufzügen, herrscht gute Stimmung unter den maximal 30 Teilnehmern.

Einige der Anwesenden erinnern sich an frühere Zeiten, als die Festung in deutlich schlechterem Zustand war und als Abenteuerspielplatz diente. Damals konnte man überall frei herumlaufen, und der Kuppelsaal, in dem sich ein veraltetes Café befand, hatte seinen eigenen, nostalgischen Charme. Heute ist die Festung gut restauriert, für Besucher aber auch teurer geworden.

Mit der Bundesgartenschau 2011 wurden zahlreiche neue Einrichtungen und Attraktionen geschaffen. Eine davon ist die Klanginstallation, die den damaligen Soldatenalltag akustisch nachempfindet. Die Installation soll den Besuchern einen Eindruck vermitteln, wie das Leben in der Festung geklungen hat, und so die historische Atmosphäre wieder aufleben lassen.

Von der Römerzeit bis heute

Die Festung Ehrenbreitstein, ein strategischer Punkt über dem Rhein, blickt auf eine 5000-jährige Geschichte zurück. Bereits in der Antike war der Felsen befestigt. In der Römerzeit befand sich hier ein militärischer Vorposten, der vom 2. bis zum 5. Jahrhundert bestand.

Im Mittelalter wurde die Anlage vom Erzbischof von Trier im 12. Jahrhundert stark ausgebaut. Mit dem Aufkommen der Feuerwaffen begann um das Jahr 1520 der Ausbau zu einer wehrhaften Festung. Trotz zahlreicher Angriffe, insbesondere nach der Französischen Revolution, fiel die Festung erst 1799 und wurde 1801 von den Franzosen gesprengt.

Nach einer Phase der Ruinen übernahm Preußen 1815 das Rheinland und begann mit dem Wiederaufbau. Ab 1817 wurde die Festung in nur elf Jahren komplett neu errichtet und bis 1918 als militärischer Stützpunkt genutzt. Seit den 1920er Jahren steht die Festung unter Denkmalschutz und ist heute ein bedeutendes Kulturdenkmal.

Aufbau der Anlage

Die Festung Ehrenbreitstein ist nach Norden am stärksten ausgebaut, weil vom dort am ehesten ein Angriff möglich war. Die übrigen Seiten waren aufgrund der steilen Hänge nur schwer anzugreifen. Diese natürliche Abwehr wurde durch eine mehrschichtige Verteidigungsstruktur ergänzt. Im Norden bot ein gestaffeltes System aus gedecktem Weg, zwei Wällen mit vorgelagerten Gräben eine starke Verteidigungslinie. Angreifer wären auf diesem Weg ständig dem Kreuzfeuer ausgesetzt gewesen, ohne Deckung finden zu können.

Die steilen Hänge auf den anderen Seiten der Festung machten direkte Angriffe nahezu unmöglich. Das Rheinufer und die Hangseite wurden durch zusätzliche Bauwerke wie den Johannesturm gesichert. Die Zufahrt zur Festung, der Felsenweg, war durch fünf starke Tore geschützt und führte direkt ins Zentrum der Anlage.

Auf der Angriffsseite blicken uns meist 2 Meter dicke Mauern entgegen. Die beeindruckende Kombination aus natürlicher und baulicher Verteidigung machte die Festung zu einem schwer einnehmbaren Bollwerk.


Feldtor

Beim Betreten der Festung Ehrenbreitstein passieren die Teilnehmer das Feldtor, das erste von mehreren Toren der Festung. Das Feldtor erhielt seinen Namen, weil es den Zugang zum Vorfeld der Festung gewährleistet. In Zeiten der Belagerung diente es dazu, Ausfälle aus der Festung zu ermöglichen, bei denen Truppen dem Angreifer entgegentreten konnten. Es liegt etwas tiefer, um Truppen Bewegungen aus einer gedeckten Position heraus zu ermöglichen. Ursprünglich waren alle Tore der Festung aus Holz gefertigt; einige dieser historischen Holztore sind noch erhalten. Im Jahr 1874 wurde das Feldtor modernisiert, um es den fortschreitenden Entwicklungen in der Waffentechnik und Munition anzupassen.

Die strategische Position des Tors und die umgebenden Schießscharten sorgten dafür, dass ein Angreifer von verschiedenen Punkten aus beobachtet und beschossen werden konnte. Die Kanonen waren präzise auf das Tor ausgerichtet, um einen direkten Durchbruch zu verhindern. Die Geschützstellungen im oberen Stockwerk ermöglichten es, das gesamte Vorfeld zu beschießen und den Feind auf Distanz zu halten.

Turm Ungenannt

Wir betreten nun den sogenannten „Turm Ungenannt“. Die Tore der Festung Ehrenbreitstein waren durch tiefe Gräben geschützt, wobei der vor dem Turm Ungenannt besonders tief ausfiel. Über diese Gräben führte eine bewegliche Brücke, meist eine Zugbrücke, die mit Ketten und Rollen versehen war. An den Seiten des Tores befinden sich noch immer die Haken, mit denen die Zugbrücke gesichert werden konnte, um den Zugang zu blockieren. Zusätzlich sind massive Eichenholztore eingebaut, die auch Kanonenbeschuss eine Weile standhielten und bis spätestens 1823 installiert wurden.

Der Turm Ungenannt trägt seinen etwas kuriosen Namen aufgrund einer interessanten Anekdote. Reste einer zerschossenen Inschrifttafel aus rotem Sandstein erinnern daran, dass im Juni 1821 ein russischer und ein preußischer Prinz hier gemeinsam gemauert haben. Diese gemeinsame Tätigkeit führte zu der Geschichte, dass man sich nicht einigen konnte, welchem Prinzen das Gebäude gewidmet werden sollte. So entschied man sich humorvoll, den Turm „Ungenannt“ zu nennen.

Der Name selbst hat jedoch eine viel ältere Tradition. Bereits um 1700 existierte hier in der kurtrierischen Festung ein Bauwerk mit dem Namen „Ungenannt“. Der genaue Grund für diese Namensgebung ist nicht überliefert, aber es wird vermutet, dass es vielleicht aus Einfallslosigkeit oder aus anderen, heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen geschehen ist. Diese Anekdote zeigt, dass auch ein Turm, der „Namenlos“ genannt wird, letztlich einen Namen trägt.

Wir gehen nun etwas weiter voran. Auch zwischen den Gebäuden wurden Zugbrücken installiert, um bei Bedarf die Festung schrittweise zu sichern und den Zugang zu kontrollieren.

Hauptwall

Der Hauptwall der Festung Ehrenbreitstein bildete die erste große Verteidigungslinie. Im oberen Stockwerk positionierte man Geschütze, die auf das Vorfeld wirkten. Auf dem Dach waren ebenfalls Geschützstellungen angelegt, hinter einer hohen Deckung aus Erde, der Brustwehr, etwa 5 Meter tief. Zwischen den Geschützstellungen wurden später Traversen errichtet, um seitlichen Beschuss zu verhindern. Das grasbewachsene Dach diente nicht nur der Erdbindung, sondern auch der Tarnung und dem Schutz vor Wasserinfiltration bis zu den Gewölben. Die Außenseiten der Festungswerke blieben meist unverputzt, vermutlich aus Tarnungsgründen, um die Festung von außen weniger auffällig zu gestalten und sie der Sicht des Angreifers ansatzweise zu entziehen.

Ravelin

Genau in der Mitte des Hauptwalls sind wir auf dem Ravelin angekommen.

Der Ravelin der Festung Ehrenbreitstein ist ein spitz zulaufendes Festungswerk, das eigenständig erbaut wurde. Es diente dazu, den Hauptgraben zu verteidigen und direkte Angriffe abzuwehren. Als zentraler Bau des bis 1819 errichteten Hauptwalls schützte der Ravelin die Kurtine, den Bau zwischen den beiden Bastionen des Retirierten Walls, des letzten Walls, und verhinderte das Eindringen des Feindes in den Oberen Schlosshof der Festung. In der deutschen Übersetzung wird der Ravelin auch als Wallschild bezeichnet.

Die Wände hier sind dünn, etwa 2 Meter dick nach außen hin, aber nach innen hin nur etwa 80 Zentimeter. Diese Struktur war darauf ausgelegt, Angreifer daran zu hindern, vernünftige Deckung zu finden, falls sie bis hierher vordringen konnten. Um in die Festung einzudringen, hätten Angreifer versucht, große Lücken, Breschen, in den Wall zu schießen, um dann darüber einzudringen. Das hätte einen großen Schuttkegel im Graben verursacht, über den man hätte klettern können. Ein solcher Vorstoß wäre äußerst schwierig und aufwendig gewesen, besonders da die Verteidiger im letzten Wall ihre Ressourcen konzentriert hätten. Die Landbastion, ähnlich wie die Rheinbastion auf der anderen Seite, verfügt über drei Ebenen mit Schießscharten, die den gesamten Wall und den Graben umfassend unter Beschuss nehmen konnten. Für einen Angreifer war dies keine gute Position, solange die Verteidigung gut aufgestellt war.

Contregarde

Die linke und rechte Contregarde sind Teile des Hauptwalls mit Geschütz- und Wohnkasematten. An den beiden inneren Enden befinden sich Pulvermagazine.

Pulvermagazin

Die Pulvermagazine der Festung Ehrenbreitstein waren strategisch wichtig für die Lagerung von Schwarzpulver. Es wurden strenge Sicherheitsmaßnahmen eingehalten, darunter Sicherheitsschleusen, um Funkenbildung zu vermeiden. Diese Magazine waren gut geschützt und verteilt, um das Risiko einer Explosion zu minimieren. Trotzdem war Schwarzpulver immer eine gefährliche Substanz, wie ein Brand in einem „Friedens-Laboratorium“ in Lützel zeigte. Die Festung hatte mehrere solcher Magazine, die nah an den Geschützpositionen platziert waren, um eine schnelle Versorgung zu gewährleisten.

Früher war die Tür hier immer verschlossen. Rauchen war im Inneren natürlich streng verboten. Die Soldaten durften auch nichts mitbringen, das Funken erzeugen konnte, wie Taschenmesser oder andere Gegenstände. Außerdem mussten sie draußen Filzschuhe über ihre genagelten Stiefel ziehen, um Funkenbildung zu verhindern.

Retirierter Wall

Der Retirierte Wall ist die dritte und innerste Verteidigungslinie der Festung Ehrenbreitstein. Er liegt hinter dem Glacis (Vorfeld) und dem Hauptwall und bildet das letzte große Hindernis vor dem Inneren der Festung. Diese Linie besteht aus dem Retirierten Graben, der Land- und Rheinbastion sowie der Kurtine.

Im letzten Festungsgraben der Festung Ehrenbreitstein waren Angreifer stark benachteiligt. Links und rechts des Grabens ragen die Rheinbastion und die Landbastion empor, jeweils mit drei Ebenen voller Schießscharten, die es ermöglichten, den gesamten Graben ohne Lücken unter Beschuss zu nehmen. Die Kurtine vor ihnen war mit genau 68 Gewehrscharten ausgestattet, die präzise auf den Zugangsweg und den Tunnelausgang gerichtet waren, die Hauptwege für den Eintritt in den Graben. Diese Schutzmaßnahmen wurden strategisch platziert, um potenzielle Angriffe gezielt abzuwehren. Es war offensichtlich, dass die Verteidiger große Anstrengungen unternommen hatten, um die Zugänge zu sichern und die Angriffsmöglichkeiten zu minimieren.

Kurtine

Der Retirierte, d.h. zurückgezogene Graben der Festung Ehrenbreitstein wird von der 18 Meter hohen Kurtine sowie der Rhein- und Landbastion begrenzt. Die Kurtine, ein gerader Verbindungswall mit Gewehr- und Kanonenscharten, verbindet die beiden Bastionen und bildet den Abschluss zum Oberen Schlosshof. Das Tor der Kurtine wird durch 68 Schießscharten und zwei Kanonenscharten gesichert und ist von einem Bogen aus diamantartig geformten Sandsteinblöcken mit einem preußischen Adler aus Gusseisen darüber umrahmt.

Wenn Sie die Kurtine passieren, erreichen Sie den Oberen Schlosshof, das Herzstück der Feste Ehrenbreitstein. Als Besucher gelangen Sie, ähnlich wie ein Angreifer von außen, meist vom Vorfeld aus dorthin. Mögliche Zugänge aus dem Tal sind der „General-Aster-Weg“ sowie der Felsenweg und der Schrägaufzug.

Schlosshof

Der Obere Schlosshof ist das zentrale Herzstück des Ehrenbreitsteins. Der Name „Schlosshof“ bezieht sich auf die historische Bedeutung des Ortes als Teil der Festungsanlage unter dem Kurfürsten von Trier. Die Architektur hier, besonders die Kurtine, die im Prinzip aus drei aufeinandergesetzten Carnotschen Bogenmauern besteht, in der nördlichen Front, erinnert an antike Aquädukte und zeigt den Einfluss des Klassizismus, der bei der Errichtung der Festung als Baustil prägend war. Diese Gestaltung hatte nicht nur ästhetische Gründe, sondern hatte auch praktische Zwecke, wie die Hervorhebung der Hauptwache im Erdgeschoss und des Kommandantensitzes im oberen Geschoss des Pfeilerportikus. Dies sicherte eine klare Orientierung innerhalb der Festung, besonders wichtig für die militärische Organisation und Kommunikation während der Verteidigung.

Exerzier- und Ausbildungsplatz

Der Schlosshof diente nicht nur als zentraler Platz der Festung, sondern auch als Exerzier- und Ausbildungsplatz für die Soldaten. Täglich wurden hier 3 bis 4 Stunden lang Übungen durchgeführt, vor allem in den kühleren Morgenstunden, da der Platz die Hitze stark reflektierte. Der Bodenbelag bestand aus einem speziellen Material, das den genagelten Stiefelsohlen der Soldaten entgegenkam und das Pflastern des großen Platzes überflüssig machte, was teuer und rutschig gewesen wäre. Trotzdem mussten Schlaglöcher regelmäßig mit Kies und Sand gefüllt werden, eine Praxis, die bis heute fortgesetzt wird.

Ursprüngliche Farbfassung

Der Schlosshof wurde wieder komplett nach der ursprünglichen Farbfassung gestaltet, die bereits um 1830 verwendet wurde. Es dominierte ein helles Ocker, das nicht nur den Hof selbst, sondern auch die Rückwände und viele Wände zur Stadt hin prägte. Selbst auf der Feste Franz und dem Fort Asterstein war diese Farbgebung teilweise zu sehen, ebenso auf dem Fort Konstantin. Diese Farbwahl verstärkte die Sichtbarkeit der Festung von innen heraus und unterstrich Preußens militärische Präsenz, die bereits von den Touristen auf dem Rhein aus wahrgenommen werden konnte. Die große Fahne, die auf der Festung wehte, war ebenfalls imposant und betonte die Präsenz der preußischen Streitkräfte.

Festungskirche

Die Festungskirche auf dem Ehrenbreitstein hat eine vielseitige Geschichte hinter sich. Ursprünglich in die Verteidigungsanlagen integriert, diente sie auch als Lagerraum für Pulver und war während des Zweiten Weltkriegs sogar als Autowerkstatt genutzt worden. Nach dem Krieg wurde sie reaktiviert und fungiert seit den 1950er Jahren wieder als katholische Kirche. Die jüngst abgeschlossene Restaurierung erfolgte unter Berücksichtigung ihrer früheren Gestaltung, einschließlich des gelben Anstrichs und der Halbbogenfenster aus Backstein. Heute wird die Kirche für Gottesdienste, aber auch für Vorträge, Konzerte und andere Veranstaltungen genutzt.

Aussichtspunkt

Die Festung Ehrenbreitstein, die hier am Aussichtspunkt etwa 110 Meter über dem Rhein thront, bietet einen atemberaubenden Blick auf Koblenz und die weit entfernten Landschaften von Hunsrück und Eifel.

Ich möchte Ihren Blick doch noch mal kurz in die Rheinlandschaft in unserer Stadtlandschaft lenken. Wir haben uns jetzt intensiv mit dem Ehrenbreitstein beschäftigt. Der stand aber nicht alleine da. Ganz Koblenz wurde von Festungswerken umschlossen, um den Zusammenfluss von Rhein und Mosel mit seiner hohen strategischen Bedeutung auch lückenlos verteidigen zu können. Ich will nur kurz einige der Festungswerke noch mal andeuten. Links auf der Höhe, auf der Karthause, lag die umfangreiche Feste Kaiser Alexander. Darunter sehen Sie auf halber Höhe noch das Fort Konstantin mit dem gelben Kehlturm. Dann war die Stadt befestigt, der Stadtwall begann in Höhe der Pfaffendorfer Brücke. Er schlug einen Viertelkreis bis in Höhe der Moselbrücken. Wenn Sie von den Moselbrücken aus nach rechts schauen, sehen Sie da auf ein Uhr noch im Hang auf dem Petersberg die Feste Kaiser Franz, die jetzt wieder sehr schön freigestellt ist, ähnlich wie teilweise das Fort Asterstein hier südlich des Ehrenbreitsteins. Wir wissen inzwischen, dass auch die Feste Franz zur Stadt hin teilweise hellgelbe Mauern zeigte, das heißt, sie war ähnlich sichtbar wie der Ehrenbreitstein hier oben, also: wer durch das Stadtgebiet unterwegs war, hat diese mächtige Festung auch wahrgenommen. Dazu gehörten auch die Touristen. Ab etwa 1820 kam der Tourismus wieder ins Rheinland und die Touristen besuchten auch den Ehrenbreitstein.

Nach dem Abschluss der Führung bedankten wir uns herzlich bei Manfred Böckling für seinen ausgezeichneten Vortrag. Auch das Wetter spielte heute wunderbar mit und trug zur positiven Stimmung bei. Helmut Mandt erinnerte die Teilnehmer freundlich an die Möglichkeit, den Verein mit einer kleinen Spende zu unterstützen. Die hohe Beteiligung hat uns sehr gefreut, und wir hoffen, dass Sie die Führung ebenso genossen haben wie wir. Bis zum nächsten Mal!

Im Anschluss verweilten die Teilnehmer noch gemütlich im Panoramacafé oder bei der Jugendherberge. Bei einem kühlen Bier oder einem erfrischenden Getränk genossen sie den herrlichen Panoramablick auf Koblenz und das Deutsche Eck, den Zusammenfluss von Rhein und Mosel. Die Atmosphäre war harmonisch, und alle waren sich einig, dass es eine rundum gelungene Veranstaltung der Heimatfreunde war.


Stichwortverzeichnis

Ausstellung „Stationen der Festungsgeschichte“

Die Ausstellung im Turm Ungenannt zur Geschichte des Ehrenbreitsteins führt von den Anfängen als vorgeschichtliche Wehranlage um 1000 vor Christus und als römischer Militärposten ab dem 2. Jahrhundert, der eine wichtige Rolle bei der Grenzsicherung spielte, bis hin zur Umwandlung in eine mittelalterliche Burg unter Erzbischof Hillin im 12. Jahrhundert. Hillin ließ die Burg mit tiefem Graben, mächtigen Mauern und einem charakteristischen fünfeckigen Bergfried ausbauen. Die Burg diente sowohl als Residenz als auch als Verwaltungssitz. Im 16. Jahrhundert begann Erzbischof Richard von Greiffenklau, die Burg zu einer modernen Festung auszubauen. Diese Entwicklung führte bis ins 18. Jahrhundert, als die kurtrierische Festung Ehrenbreitstein ihren finalen Ausbauzustand mit umfassenden Festungswällen erreichte. 1626-1629 wurde das Residenzschloss Philipsburg am Fuße der Festung errichtet. Die Festung war ein bedeutender strategischer Punkt, der mehrere Belagerungen überstand, bis sie 1799 kapitulierte. Als Schatzkammer beherbergte sie über lange Zeit wertvolle Reliquien wie den Heiligen Rock. 1801 sprengten die Franzosen die Festung, die später von den Preußen auf den Ruinen wieder aufgebaut wurde, jedoch in kleinerem Umfang als die ursprüngliche Anlage.


Breschbögen

Im Hauptwall der Festung sind viele Breschbögen zu sehen, die dazu dienten, das Brescheschießen zu erschweren. Diese Bögen wurden übereinander angelegt, um das Mauerwerk zu stabilisieren. Ihr Zweck war es, den Angreifern zu erschweren, durch gezieltes Feuern die Mauern zum Einsturz zu bringen. Durch Schießversuche wurde jedoch festgestellt, dass diese Bögen nicht immer effektiv waren. Wenn der Angreifer es schaffte, lange genug zwischen die Bögen zu feuern, verloren sie ihren Halt und brachen zusammen. Aus diesem Grund wurden solche Bögen nicht mehr im letzten Wall errichtet, der erst nach 1820 gebaut wurde. Vermutlich spielte auch der hohe Kostenfaktor eine Rolle, da diese Bögen tief gemauert und personalintensiv waren. Die Festung erwies sich jedoch als stabil genug, um auf diese teuren Breschbögen zu verzichten, da die starken Gewölbe und Mauern ausreichend widerstandsfähig waren, wie bereits erwähnt.


Festungshaft

Bis 1909 besaß der Ehrenbreitstein eine Festungs-Stubengefangenen-Anstalt zur Verbüßung der Festungshaft. Die Festungshaft war eine ehrenvolle Bestrafung im deutschen Strafgesetzbuch, die noch bis in die 60er Jahre formell existierte, aber nicht mehr angewendet wurde. Sie bot Gefangenen einige Vergünstigungen, wie die Möglichkeit, gute Verpflegung von außerhalb zu erhalten und gelegentlich Stadtspaziergänge zu machen, allein auf Ehrenwort. Politische Sträflinge und Duellanten wurden im 19. Und frühen 20. Jahrhundert häufig zu Festungshaft verurteilt. Das Duell war offiziell verboten, aber weitgehend toleriert. Diese Strafform war eine symbolische Bestrafung und wurde als ehrenvoll angesehen, wie das Beispiel von Alfred von Kiederlen-Wächter zeigt, der 1894 nach einem Duell Festungshaft antreten musste, jedoch nach vier Wochen begnadigt wurde und wieder in den diplomatischen Dienst zurückkehren konnte.

Der Arrest als übliche Militärstrafe war weniger komfortabel als die Festungshaft. Die normalen Arrestzellen waren zwar beheizbar und hatten bestimmte Standards, jedoch waren sie für Soldaten nicht so komfortabel wie für Offiziere, mit unterschiedlichen Strafarten und Bedingungen je nach Schwere des Vergehens.


Festungskrieg

Im Festungskrieg wurden Angriffe äußerst planvoll durchgeführt. Infanteristen wurden nicht wahllos in die Festungen geschickt, da sie zu kostbar waren. Ingenieuroffiziere und andere Offiziere waren gut mit dem Wissen über Festungen vertraut. Beim Eindringen in eine Festung konnten sie sich gut orientieren und wussten, wie sie vorgehen mussten. Trotz regionaler Unterschiede waren europäische Festungen in ihrer Struktur relativ ähnlich. Dies ermöglichte es den Ingenieuroffizieren, klare Angriffsstrategien zu entwickeln und die Infanteristen und Artilleristen entsprechend zu instruieren, bevor die eigentlichen Angriffe begannen. Zunächst wurde oft intensiv mit Kanonen geschossen, bevor die Infanterie eingesetzt wurde. Der Festungskrieg war daher durch eine methodische Vorgehensweise geprägt.


Geschütze der Preußen

Um das Jahr 1830 spielten in preußischen Festungen verschiedene Waffentypen eine entscheidende Rolle, darunter die Haubitze, die neben Mörsern wichtig war. Haubitzen konnten in flachen Bahnen schießen sowie Geschosse im hohen Bogen werfen. Sie verwendeten schwere Eisenkugeln sowie hohle Kugeln mit Schwarzpulver und einer Brandröhre. Letztere zündete das Pulver im Ziel und war besonders verheerend gegen Menschenansammlungen und leichte Befestigungen.

Die Lafetten der Geschütze waren im Königreich Preußen blau gestrichen und erlaubten die flexible Positionierung auf den Festungswällen. Die schwersten Geschütze waren die 24-Pfünder, die 12-kg-Kugeln verschossen. Diese wurden von vorne geladen, eine komplexe Prozedur. Die Kanonen hatten eine Reichweite von bis zu 3-4 Kilometern, wirkten aber am besten auf 1000-1500 Meter. Ihre robusten Gusseisenrohre wurden in Qualitätstests erprobt und konnten über tausendmal ohne Schäden feuern.

Die Kanonen verursachten bei Tests auf Mauern tiefe Trichter und erforderten viele hundert Schüsse für größere Breschen. Spezielle Lafetten wie die niedere Rahmen-Lafette erleichterten die Bedienung. Eisenringe unter den Schießscharten sicherten die Kanonen während des Feuers. Der Zusammenbau der Geschütze erfolgte mit Flaschenzügen, was den technischen und logistischen Aufwand der schweren Artillerie verdeutlichte.

Die Kanone „Greif“ ist ein historisches Symbol der Macht und Stärke, benannt nach dem Fabelwesen, das halb Löwe, halb Adler ist. 1524 gegossen für den Erzbischof von Trier zum Zerstören von Türmen und Mauern, war sie für den Angriff auf Festungen gedacht. Sie verschoss 70 kg schwere Kugeln auf kurze Distanzen, optimal bis etwa 1000 Meter, um mittelalterliche Mauern zu durchbrechen.

Mit einem 4,50 Meter langen Rohr und einem Gewicht von neun Tonnen war der Greif technisch beeindruckend. Er wurde mehrmals nach Paris und zurück transportiert, symbolisierte 1984 bei seiner Rückkehr nach Deutschland die deutsch-französische Freundschaft. Trotz seines prunkvollen Aussehens war der Greif eine funktionale Waffe, mit moderner Konstruktion und typischen Elementen wie Delfinen zum Anbringen von Tauen sowie mit Schildzapfen zum Auflegen auf eine Lafette.


Kasematten

Die Kasematten der Festung Ehrenbreitstein sind moderne Versionen des aus dem Italienischen stammenden Begriffs „Casa matta“, was „mit Erde bedecktes Haus“ bedeutet. Der Begriff wurde später als „casematte“ ins Französische übernommen und ist ein Beispiel für die Übernahme französischer Festungsbautechnik im deutschen Kontext. Die Gebäude sind mit einer bis zu vier Meter dicken Erdschicht bedeckt. Diese Erdschicht sollte Kanonenkugeln abfangen und deren Aufprallenergie reduzieren, um die darunter liegenden Gewölbe zu schützen.


Kulturgutschutzdepot

Die Festungsanlage war ursprünglich bombensicher und schusssicher konstruiert. Ende des 19. Jahrhunderts wurde dies aufgrund fortschrittlicher Waffentechnik jedoch zunehmend problematisch, und die Koblenzer Festungsanlagen wurden nur begrenzt verstärkt.

Im Zweiten Weltkrieg war die Festung Ehrenbreitstein nicht mehr bombensicher. Sie erlitt insgesamt 20 Bombentreffer, wovon vier die Gebäude direkt trafen. Ein Beispiel hierfür ist eine Fliegerbombe, die im November 1944 vier Kasematten der Langen Linie unbrauchbar machte.

Die Festung hatte damals wenig militärische Bedeutung, obwohl noch drei leichte Flugabwehrgeschütze dort standen. Sie diente hauptsächlich als Kulturgutschutzdepot, wo Museen und Archive aus dem Rheinland und sogar aus Ostfriesland ihre wertvollen Sammlungen aufbewahrten. Der Fokus lag auf Brandschutz, nicht auf Bombenschutz, obwohl nur wenige Bomben direkt die Gebäude trafen, was den Schaden an Archivalien und Museumsgütern relativ gering hielt.

Trümmerschutt lag in der Langen Linie noch bis kurz vor der Bundesgartenschau. Ursprünglich gab es Pläne, die Gewölbe wiederherzustellen, die jedoch nicht umgesetzt wurden.


Lange Linie

Die „Lange Linie“ auf der Festung Ehrenbreitstein ist ein zweigeschossiger langgezogener Kasemattenbau, der parallel zur Zufahrt beim Feldtor verläuft und sich neben dem Turm Ungenannt befindet. Die Lange Linie stellt neben dem Turm Ungenannt mit Geschützen eine weitere Verteidigungsmöglichkeit von der Seite, der Flanke, ins Vorfeld dar.


Soldatenleben

Die Festungsräume, einschließlich der Schießscharten, waren mit verglasten Fenstern ausgestattet. Dies war notwendig, um die Bewohner vor den Elementen zu schützen und eine gewisse Wohnqualität zu bieten. Für die Soldaten, die längere Zeit in der Festung dienten, war dies essentiell. Obwohl die Räume nicht so warm geheizt wurden wie heute üblich, boten sie mit etwa 18 bis 19 Grad Celsius dennoch eine akzeptable Lebensbedingung. Fast jeder Raum war mit einem Kanonenofen ausgestattet, und überall waren Kochnischen in den Festungswerken eingebaut.

Verpflegung

Die Verpflegung der Soldaten war gut organisiert. Ursprünglich sollten sie in ihren Stuben kochen, was jedoch ineffizient war. Stattdessen wurden zentrale Küchen eingerichtet, die mehrere Kompanien versorgten. Diese Küchen wurden von Unteroffizieren oder Köchinnen geleitet und konnten meist bis zu 300 Mann bedienen. Kartoffeln wurden häufig verwendet und vor dem Dienst von zwölf Mann geschält. Mittags gab es kräftige Suppen und Eintöpfe, die Verpflegung war reichhaltig mit viel Fett, Kohlenhydraten und Brot. Jeder Soldat erhielt alle fünf Tage drei Kilogramm Brot und täglich 100 Gramm Fleisch, was über dem Durchschnitt der Normalbürger lag.

Frauen spielten durchaus eine Rolle auf der Festung. Jede Kompanie konnte eine Frau als Köchin oder Wäscherin einstellen. Viele Frauen arbeiteten auch als Marketenderin und betrieben Kantinen, in denen Soldaten alles Notwendige kaufen konnten, wie Schuhcreme, Schnürsenkel und zusätzliche Verpflegung. Diese Frauen waren die Ehefrauen von Unteroffizieren und lebten gemeinsam mit ihren Männern in eigenen Wohnungen innerhalb der Festung.

Wein, Bier und Schnaps

In den preußischen Kernlanden spielte Weinbau keine große Rolle, mit Ausnahme von Gebieten wie Schlesien. Daher war Wein in der Versorgung der preußischen Truppen nicht prominent vertreten. Anfänglich wurden französische Weine für die Stärkung von Kranken im Lazarett und die Versorgung von Offizieren eingelagert, was jedoch zu Verwaltungsprotesten führte. Daraufhin erlaubte eine neue Anordnung aus Berlin auch die Lagerung von Moselwein, was zumindest eine gewisse Vielfalt brachte.

Im preußischen Militär wurden im Kriegsfall auch Zutaten zum Bierbrauen eingelagert, was in Koblenz aufgrund der zahlreichen Brauereien problemlos umsetzbar war. Der Konsum von Schnaps spielte jedoch nur in besonderen Situationen eine Rolle. Nach intensivem Training konnten Soldaten bis zu zwei Zentiliter Schnaps pro Tag erhalten, nach einem heftigen Gefecht waren es vier Zentiliter pro Mann. Der Zweck dieser Allokation war nicht, Soldaten betrunken zu machen, sondern vielmehr, ihre Gesundheit zu stärken und die Moral zu heben. Branntwein war ein alltägliches Getränk in vielen Teilen der Bevölkerung und wurde auch an Wachsoldaten ausgegeben, bis in Berlin beschlossen wurde, dass Kaffee möglicherweise besser geeignet sei. Außerhalb von Kriegssituationen spielte der Konsum von Schnaps keine wesentliche Rolle im preußischen Dienstalltag.


Weblinks

Kulturzentrum Festung Ehrenbreitstein

Sehenswürdigkeiten – Festung Ehrenbreitstein

Festung Ehrenbreitstein oberhalb von Koblenz

Detailgenauer Plan der Kurfürstlichen Festung Ehrenbreitstein

Text und Fotos © Andreas Weber 2024 – Nach einer Transkription des Vortrags von Manfred Böckling
Lektorat: Manfred Böckling