Tag des offenen Tunnels

4. Juni 2023 | An einem sonnigen Sonntagmorgen in Horchheim herrscht reger Betrieb auf dem Platz zwischen den Gleisen. Während sich der Grill langsam erwärmt, ist es erstaunlich ruhig, denn der übliche Baustellenlärm ist verstummt. Selbst diejenigen, die keine offizielle Einladung zum „Tag des offenen Tunnels“ im Briefkasten hatten, spüren die lebendige Atmosphäre und wissen, dass in ihrem Dorf etwas Besonderes stattfindet.

Es erwartet uns ein einzigartiger Einblick in das noch im Bau befindliche Projekt. Die große Resonanz zeigt, dass viele Bürgerinnen und Bürger von Horchheim daran interessiert sind, mehr über den Tunnel zu erfahren und an der Führung teilzunehmen. Es bietet sich die Gelegenheit, sonst verborgene Bereiche des Tunnels zu erkunden und den Fortschritt der Bauarbeiten hautnah mitzuerleben. Ausgestattet mit den gerade verteilten Bauhelmen machen wir uns nun auf den Weg am Nordportal des Horchheimer Tunnels.


Willkommen im Horchheimer Tunnel

Tag des offenen Tunnels | Photos © Achim Friederich

Als wir den Horchheimer Tunnel betraten, wurden wir herzlich von Stephan Nink, dem Projektleiter der DB Netz AG für diese beeindruckende Baumaßnahme, begrüßt.

Der Tunnelbau ist ein sehr individueller Prozess, da jedes Projekt seine eigenen Besonderheiten aufweist. Unterschiedliche Geologien, Einflüsse und Tunnelquerschnitte spielen dabei eine entscheidende Rolle. In diesem Fall wird wieder ein eingleisiger Querschnitt gebaut. Ursprünglich war der Tunnel, als er im Jahr 1902 in Betrieb genommen wurde, zweigleisig. In den 60er Jahren wurde die Strecke elektrifiziert und die Oberleitung eingebaut, wodurch kein Platz mehr für beide Gleise vorhanden war. Ein Gleis wurde entfernt und das verbleibende Gleis in die mittlere Lage des Tunnels verlegt. Diese Besonderheit führt dazu, dass der neue Tunnel etwas größer gebaut wird, als wenn ein komplett neuer Tunnel errichtet werden würde. [1]

Für den Tunnelvortrieb wurden verschiedene Vortriebsklassen gewählt, die aufgrund der geologischen Gegebenheiten variieren. Wenn das Gestein stabil ist, sind weniger Sicherungsmittel erforderlich, wie zum Beispiel Anker, die hier zu sehen sind. Auch die Außenschale kann dünner gestaltet werden, da das Gestein von Natur aus stabil genug ist.

Die durchschnittliche Überdeckung über dem Tunnel beträgt maximal 38 Meter. Das geologische Material im Tunnel ist im Großen und Ganzen homogen und stammt hauptsächlich aus dem Rheinischen Schiefergebirge. Es besteht aus Tonsteinen und Sandsteinen, darunter auch besonders harte quarzitische Sandsteine. Die Schichtungen im Schiefergebirge spielen eine wichtige Rolle und können bei richtiger Positionierung des Meißels eine natürliche Aufspaltung bewirken. Es ist jedoch schwierig, die genaue Beschaffenheit der Schichtungen im Voraus vorherzusagen. Durch Bohrungen und Erkundungsmaßnahmen wurden Informationen über den Untergrund gewonnen, aber dennoch erfordert der Tunnelbau eine kontinuierliche Überwachung und Anpassung. Geologen und Fachleute sind vor Ort, um die täglichen Entscheidungen und Vorgehensweisen entsprechend festzulegen. [2]

Anstatt Sprengvortrieb zu verwenden, haben wir uns für den Meißelvortrieb entschieden. Ursprünglich hatten wir den Sprengvortrieb geplant, aber es stellte sich heraus, dass dies nicht notwendig war. Die Entscheidung basierte auf technischen und geologischen Gegebenheiten, die nicht immer vorhersehbar sind, sowie wirtschaftlichen Überlegungen. Es gab nur wenige Bereiche im Tunnel, die gesprengt oder aus technischen Gründen sinnvoll gewesen wären. Die Umstellung vom Meißel- zum Sprengvortrieb hätte zusätzlichen Aufwand bedeutet, wie die Beschaffung und Lagerung von Sprengstoff sowie erhöhte Sicherheitsmaßnahmen. Letztendlich waren viele froh, dass auf die Sprengung verzichtet wurde.

Ein wesentlicher Aspekt beim Tunnelbau ist die tägliche Festlegung des Vortriebsfortschritts, die in den sogenannten Ausbaufestlegungen dokumentiert wird. Hierbei wird festgelegt, wie viel Gestein abgebaut wird und was davon freistehend bleibt. Teilweise konnten wir 1,5 Meter Gestein abbauen, sodass eine Freistellung von 1,5 Metern entstand. Anschließend wurde Spritzbeton aufgetragen und so weiter, und teilweise sind wir bis auf 75 Zentimeter heruntergegangen. Dies wird als Abschlaglänge bezeichnet. Die Abschläge, die wir durchgeführt haben, beinhalten das Abbrechen des Gesteins auf dieser Länge, die Sicherung und den anschließenden Einbau der Außenschale, bevor der nächste Abschlag erfolgt.

Es wurden umfassende Beweissicherungsmaßnahmen getroffen, obwohl keine direkte Gefährdungssituation bestand. Die Überdeckung und der umgebende Fels ließen keine größeren Probleme erwarten. Grundsätzlich besteht beim Tunnelbau die Möglichkeit, dass übertage Setzungen auftreten. Beim Bau eines neuen Tunnels ist es üblich, dass der Berg versucht, das entstandene Loch wieder zu schließen und sich zusammenzuziehen. Daher werden Tunnel etwas größer ausgebrochen, um eine gewisse Prognosemarge zu berücksichtigen. In diesem Fall hatten wir eine Sicherheitsmarge von zehn Zentimetern, die mögliche Verformungen berücksichtigt. [3]

Die Tunnelvortriebsarbeiten sind nun abgeschlossen, und die lauten Aktivitäten gehören größtenteils der Vergangenheit an. Der Fokus liegt nun auf dem Einbau einer Innenschale, die aus Beton besteht.

[1] Auch die Wahl des Kreisprofils hat mit der Breite des alten Tunnels zu tun, der durch seine ursprüngliche Zweigleisigkeit relativ breit war. Der Querschnitt des neuen Tunnels wurde so gewählt, dass möglichst wenig Fels ausgebrochen und möglichst wenig Beton eingebaut werden musste. Es wäre theoretisch möglich gewesen, einen noch kleineren Querschnitt zu wählen, aber das hätte bedeutet, dass deutlich mehr Beton verwendet werden müsste. Daher wurde ein Kompromiss gefunden, um den Tunnel effizient und wirtschaftlich zu gestalten.

[2] Der Schiefer ist nicht horizontal, sondern geneigt. Es gibt eine problematische Seite, auf der der Schiefer in den Tunnel rutschen möchte, während die andere Seite stabil ist und sich von selbst hält. Bei der Konstruktion des alten Tunnels haben unsere Vorfahren diese Gegebenheit berücksichtigt. Dort, wo der Schiefer in den Tunnel eingefallen ist, haben sie ihn mit Mauerwerk ausgekleidet, während auf der anderen Seite der reine Fels freigelassen wurde. Daher gibt es nicht überall eine alte Tunnelinnenschale, sondern teilweise besteht der Tunnel direkt aus dem natürlichen Fels.

[3] Da der alte Tunnel bereits vorhanden war, hatte der Berg bereits die Gebirgsverformungen vorgenommen. Daher stellten sich bei der aktuellen Baumaßnahme nur geringe Verformungen untertage und keine Setzungen übertage ein. Solche Themen sind eher relevant im städtischen U-Bahnbau oder in ähnlichen Situationen, wo man direkt unter den Fundamenten von Gebäuden arbeitet. In diesem Fall waren solche speziellen Maßnahmen jedoch nicht erforderlich.


Startpunkt Nordportal

Beim Betreten des Nordportals der Baustelle ist es ratsam, aufzupassen, wo man hintritt, denn Baustellen gelten allgemein als gefährliche Umgebungen. Dennoch war deutlich zu erkennen, dass hier viel aufgeräumt und auf Sauberkeit geachtet wurde.

Tag des offenen Tunnels | Photos © Achim Friederich

Der Tunnel weist Wasser auf, was nicht ungewöhnlich ist, insbesondere in bergigen Regionen. Es gibt mehrere Quellen hier im Berg, mit denen wir während des Vortriebs umgehen mussten. Das Rheinische Schiefergebirge, durch das der Tunnel führt, besteht aus tonigem Gestein. Bei Kontakt mit Wasser bildet sich viel Schlamm. Eine effektive Wasserhaltung, also das kontinuierliche Abpumpen des Wassers, war daher von großer Bedeutung, um ein Überfluten der Baustelle zu verhindern.

Tunnelnassbereich

Ein Bereich des Tunnels, der Tunnelnassbereich, wurde hier im Norden eingerichtet. Dabei handelt es sich um die Ulmendrainage mit offenen Schächten und Revisionsschächten, um die Leitungen spülen zu können. Die Drainageleitung verläuft hier hinten in einer Art Lücke, und durch die Löcher in der Wand gibt es Verbindungen zum Berg, durch die das Wasser ungehindert und ohne Betonkontakt in die Drainage fließen kann.

Im alten Tunnel gab es ein großes Problem mit Versinterungen, also Kalkablagerungen an den Wänden. Diese Ablagerungen möchten wir in der neuen Drainage natürlich vermeiden, da sie die Leitungen verstopfen und den Reinigungsaufwand erhöhen würden.

Gewölbeschalwagen

Der Gewölbeschalwagen spielt eine zentrale Rolle beim Betonbau. Die Bewehrung wird eingebaut, und der Schalwagen wird präzise auf Maß ausgefahren, um dann einen 10 Meter langen Block zu betonieren, was der Regelblock ist. Für das Gewölbe, das Sohlgewölbe und den Aufbeton, auf dem wir gerade stehen, werden etwa 30 Betonmischer mit je 8 Kubikmetern benötigt.

Die gesamte Konstruktion der Wagen, einschließlich des Nachbehandlungswagens und des Bewehrungswagens vorne, erfolgt auf Schienen, um entsprechend bewegt werden zu können.

Fließbeton

Beim Fließbeton muss natürlich der Druck berücksichtigt werden, da enorme Kräfte auftreten. Der Beton wird nach und nach verdichtet.

Der untere Bereich des Tunnels ist nun komplett fertig. Die Innenschale, der Aufbeton und die Bewehrungsstäbe sind eingebaut. Hier befindet sich auch die Anschlussbewehrung für die oberen Bereiche.

Gleitschicht

Eine Gleitschicht, bestehend aus einer Luftpolsterfolie, wird auf die raue Außenschale aufgebracht, die zuvor zu sehen war. Diese Folie ermöglicht dem Ortbeton, der darauf betoniert wird, eine freie Aushärtung. Der Beton zieht sich beim Aushärten zusammen, und um Zwangsrisse zu vermeiden, wird diese Gleitschicht verwendet.


In der Tunnelmitte

In der Mitte des Tunnels befinden wir uns nun. Über uns sehen wir den ehemaligen Lüftungsschacht, der früher für Dampflokomotiven genutzt wurde. Dieser Schacht bildet eine Verbindung zwischen den verschiedenen geologischen Schichten. Unten befindet sich das Schiefergebirge und oben das Sedimentgestein. Das Wasser fließt von oben herab. Während der Bauzeit fangen wir dieses Wasser hier auf. Um den Wasserhaushalt im Berg nicht zu verändern, wird am Ende eine Entwässerungsleitung eingebaut, die durch die neue Tunnelinnenschale verläuft und seitlich nach unten führt.

Tag des offenen Tunnels | Photos © Achim Friederich

Es ist interessant zu wissen, dass bis in die 80er Jahre Trinkwasser im Tunnel gewonnen wurde. Aus Gründen des Sulfatgehalts wurde diese Praxis jedoch eingestellt. Dennoch waren die gesamten Anlagen noch vorhanden. Wir haben diese Quellfassungen entsprechend ausgebaut.

Nachbehandlungswagen

Die Nachbehandlungswagen spielen eine wichtige Rolle. Es handelt sich um drei Wagen, jeweils 10 Meter lang, was insgesamt 30 Meter Betonnachbehandlung ergibt. Am Ende wird eine Folie verwendet, um den Beton vor dem Austrocknen zu schützen und die Temperatur hoch zu halten. Hier haben wir auch die Möglichkeit, das Ganze feucht zu halten. Gelbe Leitungen sind zu sehen, an denen ein Computer angeschlossen ist, der die relative Luftfeuchtigkeit und die Temperatur messen kann. So können wir den Beton optimal aushärten lassen. Die Nachbehandlung und die richtigen Temperaturen und Feuchtigkeitsbedingungen sind entscheidend für die Endfestigkeit des Betons. Es ist wichtig, dass der frische Beton nicht einfach der Umgebungsluft ausgesetzt wird.

Wenn wir hier in der Tunnelmitte zurückschauen, können wir die aufeinanderfolgenden Arbeitsschritte im Tunnel deutlich erkennen. Vorne befindet sich der Spritzbeton, gefolgt von der Trennfolie, dann kommt die Bewehrung (die sich noch im Schalwagen befindet) und schließlich die Nachbehandlung. Diese drei Hauptarbeitsschritte sind hier gut zu erkennen.

Betonkosmetik

Der Endzustand des Tunnels wird durch die sogenannte Betonkosmetik erreicht. Falls es Abplatzungen oder Kiesnester gibt, werden diese behoben. Manchmal werden auch die Stutzen, in die der Beton eingefüllt wurde, noch etwas abgeschliffen, falls nötig.

Tunnelbankette

Die sogenannten Tunnelbankette werden jetzt beidseitig gebaut. Auf der Fluchtwegseite befindet sich ein mindestens 1,20 Meter breiter Fluchtweg, der zum Ausgang in Richtung Straße führt. Auf dieser Seite befinden sich auch Handläufe, Beleuchtung und Notrufsäulen, die im Ernstfall von großer Bedeutung sind.

Notruf-Tableau

Ein wichtiges Element in der Tunnelbaustelle ist das Notruf-Tableau. An jeder Stelle im Abstand von etwa 150 Metern befindet sich ein solches Tableau, das mit einem Telefon ausgestattet ist. Im Notfall kann jeder Bergarbeiter von hier aus direkt nach außen telefonieren. Dies ist besonders wichtig, da wir uns immer noch unter Tage befinden. Der Handyempfang ist hier schlecht, aber es gibt WLAN, über das man nach draußen telefonieren kann. Das Notruf-Tableau ermöglicht es, jeden im Notfall zu erreichen.

Bauwerksinspektion

Die Bauwerksinspektion des Tunnels wird gemäß klaren Vorgaben durchgeführt. Alle sechs Jahre wird ein spezialisierter Fachmann für die Tunnelinspektion hinzugezogen. Mit seinem Hammer prüft er beispielsweise auf Hohlstellen oder andere strukturelle Mängel.

Darüber hinaus führt die Bahn auch Tunnelscans durch. Sobald die Bauarbeiten abgeschlossen sind, wird auch hier ein Scan durchgeführt. Dieser Scan ermöglicht es, jeden Riss, Temperaturunterschiede und das Vorhandensein von Wasser hinter den Tunnelwänden zu erkennen. Die Scans werden im Laufe der Jahre, insbesondere bei den Inspektionen alle sechs Jahre, übereinandergelegt, um Veränderungen präzise zu erkennen. Denn bei Bauwerken dieser Art sind nicht nur die äußere Erscheinung, sondern vor allem die Veränderungen von entscheidender Bedeutung.


Zielpunkt Südportal

Schließlich erreichen wir das Südportal des Tunnels, nachdem wir 582,5 Meter vom Nordportal aus zurückgelegt haben. Hier am Südportal wird eine neue Böschung entstehen, um das Erscheinungsbild zu verschönern.

Tag des offenen Tunnels | Photos © Achim Friederich

Tunnelpatin

Jana ist die Tunnelpatin, was bedeutet, dass der Tunnel während der Bauzeit diesen Namen trägt. Nach Abschluss der Bauarbeiten wird er wieder den Namen Horchheimer Tunnel tragen.

Heilige Barbara

Es ist eine Tradition, dass Tunnel, die gebaut werden, nach einer Frau benannt werden. Die Tunnelpatin repräsentiert dabei symbolisch die heilige Barbara auf Erden. Die Bergleute und Tunnelbauer pflegen eine reiche Tradition, in der die heilige Barbara eine bedeutende Rolle spielt. Für einige Bergleute ist es sogar ein Ritual, den Tunnel erst zu betreten, wenn eine geweihte Figur der heiligen Barbara anwesend ist.

Jedes Jahr am 4. Dezember, dem Tag der heiligen Barbara, wird ihr zu Ehren gefeiert. Bergleute und Minenarbeiter danken der heiligen Barbara dafür, dass während der Tunnelarbeiten keine Unfälle passiert sind. Die Tunnelpatin, in diesem Fall Jana, übernimmt die Rolle der Schutzpatronin und trägt dazu bei, dass der Tunnel sicher gebaut werden kann.

Gestaltung Südportal

Das neue Portal wird voraussichtlich nicht mit Zinnen gestaltet sein, aber es wird wieder mit Bruchsteinen verkleidet sein. Bei der Bahn ist Beton in der Regel die Standardwahl, das steht außer Frage. Doch in diesem Fall, aufgrund der innerstädtischen oder dörflichen Lage, wurde darauf geachtet, dass das Erscheinungsbild am Ende etwas nostalgisch anmutet und dem gewohnten Bild entspricht.

Fertigstellung

Der Horchheimer Tunnel wird voraussichtlich am 27. Oktober 2023 um 5.00 Uhr morgens fertiggestellt sein.

Nach der beeindruckenden Führung durch den Horchheimer Tunnel genießen wir nun die gesellige Atmosphäre am Bratwurststand und tauschen uns mit anderen Besuchern aus. Wir sind von der Arbeit der DB Netz AG und dem Fortschritt des Bauprojekts beeindruckt. Dabei erinnern wir uns auch an unsere Vorfahren, die vor 120 Jahren mit den damaligen technischen Möglichkeiten den Grundstein für dieses bemerkenswerte Bauwerk gelegt haben. [4]

[4] Es wird interessant sein zu sehen, wie sich in Zukunft die Diskussion über den CO2-Ausstoß und die Betonherstellung entwickeln wird. Es ist fraglich, ob in ähnlichem Umfang wie bisher Beton eingesetzt wird. Im Tunnelbau wurde bisher viel mit Beton gearbeitet, da Beton normalerweise eine langfristige Lösung bietet, bei der man selten eingreifen muss. Mittlerweile wird sogar das Gleis in fester Fahrbahn, also in Beton, verlegt, um auf den Schotter verzichten und die Instandsetzung erleichtern zu können. Dies verhindert Setzungen des Gleises und reduziert die Staubentwicklung aus Arbeitsschutzgründen. Wenn etwas solide und nachhaltig gebaut wird, kann man normalerweise für die nächsten 100 bis 150 Jahre Ruhe haben, sofern keine unvorhergesehenen Fehler oder geologischen Bedingungen auftreten, die nicht vorhersehbar waren. In diesem Fall wird wieder Schotter eingebaut, da dies bereits in der Planung vorgesehen war. Die alten Schwellen und Schienen werden wiederverwendet, da sie noch in gutem Zustand sind. Lediglich der Schotter wird erneuert.


Text © Andreas Weber 2023 – Nach einer Transkription des Vortrags von Stephan Nink

Photos © Achim Friederich 2023 – Alle Rechte vorbehalten




Führung über den Koblenzer Hauptfriedhof

21. Mai 2023 | Heimatfreunde Horchheim veranstalten eine Führung über den Hauptfriedhof Koblenz

Unter der sach- und fachkundigen Führung von Manfred Böckling M. A., der auch durch seine Stadtführungen sehr bekannt ist, wurde zunächst die allgemeine Geschichte des Friedhofs, auch als Park für die Toten und Lebenden bezeichnet, sehr anschaulich dargestellt.

Der Friedhof wurde am 28. Mai 1820 feierlich eingeweiht und ist heute in seiner Gesamtheit ein bedeutendes Denkmal und die größte Parkanlage der Stadt. Die vielfältig gestalteten Grabstätten in einer einzigartigen Parklandschaft spiegeln den Umgang mit dem Tod und die Formen des Totengedenkens seit den 1820er Jahren wider. Christliche Formen finden sich ebenso wie antikisierende. Steinerne Grabsteine stehen neben gusseisernen Grabmälern aus der Sayner Hütte.

Hochinteressant waren die Grabstätten bekannter Koblenzer Persönlichkeiten mit ihren größtenteils kunstvollen Gestaltungen: General August von Goeben, das neogotische Denkmal für Oberbürgermeister Carl Heinrich Lottner, Gartenbaudirektor Karl Stähle, die Grabstätten der Familien Firsbach und Burkhard/Grisar, die Grabstätten der Koblenzer Jesuiten, die Breitstele des Koblenzer Bildhauers Rudi Scheuermann für Ministerpräsident Peter Altmeier und dessen Frau Gretel, die Familiengräber der Gebrüder Friedhofen, das Familiengrab des Stadtbaumeisters Friedrich Wilhelm Mäckler, die Gruft der Unternehmerfamilie Spaeter und, und, und…

Nach etwa zwei Stunden endete die Führung mit einem kräftigen Gewitterguss.

Übrigens: Die Führungen durch Herrn Böckling sind sehr zu empfehlen.




Reise in die Vergangenheit

Horchheim lädt zur Reise in die Vergangenheit ein

Mit Helmut Mandt von den Heimatfreunden werden Objekte im Ortsmuseum lebendig

Rhein-Zeitung vom 10. September 2021 | Redakteurin: Katrin Steinert | Foto: Katrin Steinert

Der Einheimische Helmut Mandt ist in Horchheim aufgewachsen und kann einiges aus dem Ort berichten. Hier steht er vor einer Bildkopie, die den Eisenbahntunnel als Zufluchtsstätte im Zweiten Weltkrieg zeigt, was er selbst erlebt hat. Dass Koblenz durch einen Horchheimer zur Großstadt wurde, zeigt ein Foto mit dem 100.000. Schängel (oben, rechts). Daneben steht eine der unzähligen Prozessionsfiguren, die dem Museum zugetragen wurden. Das Schild unten rechts steht für den Wegfall einer Bahnverbindung für die Horchheimer. Ende Mai 1988 waren die Einheimischen abgehängt.

Horchheim. Wer das Ortsmuseum der Heimatfreunde Horchheim besuchen will, lässt sich dabei am besten von jemandem begleiten, der hier aufgewachsen ist und viel zu den Fotos und Ausstellungsstücken erzählen kann. Helmut Mandt ist so einer. Der 86-Jährige stammt aus dem Ort und gehört zu den Gründungsmitgliedern des Museums. Er wurde von der Vorsitzenden der Heimatfreunde, Gertrud Block, ausgesucht, um uns durch die Ausstellungsräume zu führen. Ein Glücksgriff. Mandt kennt nicht nur viele Geschichten, sondern hat auch einiges erlebt.

Das wird klar, als er beim Rundgang im Obergeschoss vor einem DIN-A 3-großen Bild stehen bleibt. Es zeigt eine Ansammlung von Menschen im Horchheimer Eisenbahntunnel. In einer Mauernische sitzen Kinder auf einem Sofa, weit im Hintergrund ist eine Dampflok zu sehen. Mandt erzählt: „Wir hatten keinen Bunker in Horchheim und waren alle im Krieg im Tunnel.“ Er selbst war gerade zehn Jahre alt, als die Sirenen heulten: Fliegeralarm. Mit seiner Mutter und einem Köfferchen eilte er über die Bächelstraße ins schützende Bauwerk – wie Hunderte andere. „Auch Militärfahrzeuge wurden dort abgestellt, um sie vor den Angriffen zu schützen. „Für uns Kinder war es toll, darauf rumzuklettern“, sagt Mandt und grinst spitzbübisch. Das Bild, das hier hängt, ist eine Farbkopie. Das Original des Horchheimer Malers Alfred Erich Euchler (1888–1968), der später in Andernach und Mayen wirkte, hängt im Eifeler Landschaftsmuseum in der Mayener Genovevaburg.

Dass es heute überhaupt dieses Museum in Horchheim gibt, liegt an den Heimatfreunden. Damals gab es Einheimische, die am Ortsgeschehen interessiert waren und die Idee hatten, Historisches zu erhalten, berichtet Mandt. Das sprach sich rum, und so wurde der Verein 1991 gegründet. Mandt wurde zum Schatzmeister gewählt. „Dann haben wir eine Basisstation gesucht.“ Die fand der Verein in einem Raum der Grundschule. „Unser erstes Ausstellungsstück war eine gelbe Telefonzelle“, erinnert sich der 86-Jährige. Sie wurde in der Schulaula aufgestellt und mit Bildern von Horchheim bestückt. Mandt erklärt: „Wir wollten Schülern zeigen, dass es uns gibt.“ Bis zum eigenen Heimatmuseum dauerte es dann nicht mehr lang. Dem Verein wurde ein uraltes Haus in der Alte Heerstraße 14 angeboten. „Man überließ es uns mietfrei, aber die Auflage war, es zu versichern.“ Später konnte es durch Mitgliedsbeiträge und Spenden gekauft werden.

„Wir haben es mit großer Eigenleistung und viel Manpower so hergerichtet, dass wir es als Museum nutzen konnten“, sagt Mandt und fügt augenzwinkernd hinzu: „Da waren wir alle auch 30 Jahre jünger.“ Den Grundstock des Museums kann man heute noch im Obergeschoss anschauen: Zig Bilder auf Stellwänden nach Kategorien geordnet – etwa Kirchen, Vereine, Persönlichkeiten. Zusammengetragen wurden sie von dem Horchheimer Heinrich Fischer, um sie auf Pfarrfesten auszustellen. „Die Familie stellte uns die Bilder von Fischer zur Verfügung“, erzählt Mandt dankbar.

Vieles, was man im Museum sehen kann, entstammt früheren Haushalten oder Firmen. Umtriebigen Mitgliedern ist es zu verdanken, dass ein Stück des alten Horchheims hier aufbewahrt wird. „Wir werden auch heute noch angerufen und gefragt: „Könnt ihr das gebrauchen?“, sagt Mandt. Sogar Grabungsfunde gibt es hier, weil aktive Mitglieder stets zur Stelle waren, wenn irgendwo der Boden aufgemacht wurde. So kam beim Neubau einer Mauer eine alte Leitung aus Ton zutage, die das bekannte Mendelssohn-Palais mit Wasser versorgte.

Einzug ins Museum fanden neben unzähligen Prozessionsfiguren und -kreuzen, die in Fenstern standen, auch Milchkannen, schicke alte Damenhüte, ein Auslieferungsfahrrad der Metzgerei Puth, die alte Kinokasse, eine alte Waschmaschine, das alte Bahnschild von 1988, das bekannt gab, dass ab dem 29. Mai 1988 der Bahnhaltepunkt „Horchheimer Brücke“ aufgehoben wird, ein Klavier aus dem Mendelssohn-Palais oder auch aussagekräftige Bilder von dem mehrfach ausgezeichneten Fotografen Karl-Heinz Melters.

Als Helmut Mandt am Ausgang ankommt, blättert er durch den Wandkalender. Den geben die Heimatfreunde jedes Jahr heraus. Mandt bleibt bei einem Bild hängen, das den Einsturz der Südbrücke am 10. November 1971 zeigt. Er selbst war 34 Jahre bei der Koblenzer Berufsfeuerwehr im Einsatz, so auch an diesem Tag als Taucher. „Wir sind um 14:20 Uhr ausgerückt“, weiß der 86-Jährige noch genau: „Aber das ist eine andere Geschichte“, sagt Mandt zum Abschied.


Artikel aus der Rhein-Zeitung von Freitag, 10. September 2021




Karl Wörsdörfer (1919-1994)

Karl Wörsdörfer bei einem Ausflug der TUS Horchheim

Karl Wörsdörfer

* 1919
† 1994

Karl Wörsdörfer, geboren am 21. August 1919 in der Südlichen Vorstadt, kam 1948 mit seiner Familie nach Horchheim. Hier fasste er schnell Fuß und wurde zu einer wertvollen Bereicherung der Vereinswelt. Männerchor, Carnevalsverein (HCV) und Kirmesgesellschaft boten ihm ein breites Podium. Seine Paraderolle war „Oberst Itzeplitz“, ein Gütezeichen in der Koblenzer Faasenacht. 1950 schenkte er den Horchheimern ihr Heimatlied „O Horchheim, mein Horchheim“, dessen Text zum ersten Mal in der Kirmes-Zeitung 1952 gedruckt wurde.

Über die Entstehung des Liedes sagte er: „Im Herbst 1950 machte ich einen Feierabend-Spaziergang mit meinem damals dreijährigen Sohn Klaus durch den Park am Rhein, auch ‚Allee‘ genannt. Beim Anblick der herrlichen, hohen Bäume, der Schiffe auf dem Rhein, der Liebespärchen und des über der Brüstung lehnenden Rentnerklubs überkam mich eine friedliche Stimmung, die mich auf dem Heimweg zur Mendelssohnstraße begleitete. Zu Hause setzte ich mich hin und versuchte, diese Stimmung in ein paar Verse umzusetzen.“

Nach einigen Versuchen hatte „Wurscht“ eine Walzermelodie hinzugefügt, denn wenn man am und vom Rhein singt, konnte es ja auch nur ein Schunkellied sein. Die Melodie, primitiv auf einem selbst gebastelten Notenblatt festgehalten, wurde dann vom Horchheimer Organisten Hans Wüst mit viel Freude „musikalisch hingetrimmt“.

Bei der Karnevalssitzung des Männerchores am 11. November 1950 erfolgte im Gesellenhaus die Uraufführung. Die Nachfrage war so groß, dass das Lied mit Unterstützung durch Hans Wagner auf Postkarten gedruckt werden konnte, die sogar bis nach Amerika verschickt wurden, aber schon bald vergriffen waren.

„Wurscht“ Wörsdörfer starb am 12. Juni 1994 im Alter von 74 Jahren.

Karl Wörsdörfer war auch lange bei der TuS Horchheim aktiv und noch bis kurz vor seinem Tod Übungsleiter der Altherrenturner.

Karl Wörsdörfer als Oberst Itzeblitz
Karl Wörsdörfer als Oberst Itzeblitz

1953 Horchheim Karneval HCV
v.l. Wilma Klepzig, Kath. Dörr, Hannes Kalkhoven, Manfred Korbach, Jule Rech, Karl Wurscht Wörsdörfer


Horchheimer Kirmes Magazin 1976 | Jestatten Oberst Itzeblitz

Horchheimer Kirmes Magazin 1995 | In memoriam Karl Wörsdorfer





Hans Wüst (1909-1963)

Hans Wüst

* 1909
† 1963

Hans Wüst wurde am 11. September 1909 in Duisburg-Großenbaum geboren. Nach seiner Schulzeit absolvierte er zunächst eine Klavierbauer-Lehre bei der berühmten Firma Mand in Koblenz.

Er stammte aus einer Familie, in der die Musik immer eine große Rolle spielte. Sein Großvater Heinrich Wüst (1832–1916) kam 1857 als Lehrer, Küster und Organist nach Horchheim. Auch sein Vater Josef (1878–1945) fungierte eine Zeitlang als Organist an St. Maximin. So kam es nicht von ungefähr, dass Hans Wüst bereits im Alter von 15 Jahren (1924) als Organist an St. Maximin tätig war.

Seine ersten musikalischen Gehversuche unternahm er allerdings als Autodidakt. Die entscheidende musikalische Fortbildung erhielt er am Konservatorium in Koblenz. Sein Mentor war Adolf Heinemann, Organist an St. Florin und damals bereits ein in Koblenz bekannter Orgelkünstler. Ihm eiferte Hans Wüst nach und machte sich ebenfalls schon bald im Koblenzer Raum einen Namen. Dabei kam ihm nicht zuletzt auch das eineinhalbjährige Studium an der Rheinischen Musikschule in Köln ab 1930 zugute. Mit Bravour legte er ein vorgezogenes Examen bei seinen Lehrmeistern Prof. Wilhelm Maler (Musiktheorie) und P. Baumgartner (Klavierunterricht) ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Hans Wüst 1945 die Leitung des Horchheimer Kirchenchores.

Drei Messen hat er geschrieben: die Ostermesse „Christ ist erstanden“ (1940), die Weihnachtsmesse mit Melodieanfängen bekannter Weihnachtslieder (1945/46) und die Marienmesse „Salve Regina“ (1952).

Daneben komponierte er mehrere Liedsätze und Motetten und schrieb auch die Harmonie zum Horchheimer Nationallied nach Text und Melodie von Karl Wörsdörfer.

Seit 1955 war Wüst zudem Musiklehrer am Johannes-Gymnasium Lahnstein. Er verstarb leider viel zu früh am 18. Januar 1963.

Orgel in St. Maximin Foto: Jürgen Dewald
Orgel in St. Maximin | Foto: Jürgen Dewald


Ein Leben für die Musik – Hans Wüst zum 100.

Horchheimer Kirmes-Magazin 2009 | Rolf Heckelsbruch erinnert an Horchheims bedeutenden Organisten und Chorleiter

In diesem Jahr, in dem die musikalische Welt dreier Großer der Musikgeschichte gedenkt – nämlich des vor 250 Jahren gestorbenen barocken Opern- und Oratorienfürsten Georg Friedrich Händel, des vor 200 Jahren gestorbenen Schöpfers der Wiener Klassik Joseph Haydn und des im selben Jahr, 1809, geborenen, mit Horchheim auf besondere Weise verbundenen frühvollendeten Romantikers Felix Mendelssohn Bartholdy –, kann man in einem solchen Jahr, ohne in den Verdacht provinzlerischen Kirchturmdenkens zu geraten, eines Hans Wüst gedenken, den kein Musiklexikon je erwähnte? Versuchen wir es dennoch und setzen dem vor hundert Jahren, im September 1909 in Duisburg geborenen, aber von Jugend an bis zu seinem Tod 1953 in Horchheim wirkenden Kirchenmusiker ein kleines Denkmal im Schatten der Bronzestatuen der drei Großen. Denn wahre Schaffenskraft definiert sich nicht immer nur über den Eintrag in geschichtlichen Nachschlagewerken.

Es gibt einen Grund dafür: Hans Wüst zählte, wie manch anderer auch, zu jenen weitgehend unbekannt gebliebenen, aber von der Musik durchdrungenen und für sie lebenden Naturen. Sie standen und stehen zwar nie im Fokus des Musiklebens, aber ohne sie würde diesem Musikleben der Boden entzogen sein. Ihre unermüdliche Arbeit an der Basis ist das eigentliche Fundament, aus dem heraus sich bisweilen schöne Talente entwickelt haben, weil sie den Menschen das Wichtigste an der Musik zu vermitteln wussten: die Freude an ihr.

Dass Hans Wüst eine genuin musikalische Natur war, zeigte sich darin, dass er – wie man in der Familie erzählte – bereits mit vier Jahren erste Spielversuche am Harmonium unternahm. Vielleicht kein Wunder, denn sein Großvater Heinrich Wüst (geb. 1832), ab 1857 langjähriger Küster und Organist an St. Maximin in Horchheim, war gleichzeitig Lehrer und Chorleiter. Ein musikalisch professionell ausgebildeter, mit allen Wassern der Harmonielehre und des Tonsatzes gewaschener Musiker, der, bevor er auf der Orgelbank Platz nehmen konnte, um zu präludieren, den Gemeindegesang zu begleiten oder den Chor zu leiten, die Altarkerzen anzuzünden und über Sakristei und Kirchenraum zu wachen hatte. So verkörperte er geradezu die im ländlich‑kirchlichen Leben früherer Jahrhunderte bestehende klassische Dreifaltigkeit von Küster, Lehrer und Organist.

Organist und Küster an St. Maximin war dann auch Heinrichs Sohn Josef Wüst (1878–1945), in dessen Fußstapfen wiederum sein Sohn Hans trat, der seinen Vater an musikalischem Können aber weit übertraf und – zumal nach 1945 – das Horchheimer Musikleben nachhaltig prägte.

Zunächst brach der junge Hans Wüst zur autodidaktischen Ochsentour in die Welt der Musik auf. Und damit er auch einen handfesten praktischen Beruf erlernte, ließ er sich bei der einst renommierten Koblenzer Klavierbaufirma Mand als Instrumentenbauer ausbilden. Sein Glück war, dass er über das Koblenzer Musikinstitut den damals an der Florinskirche wirkenden Orgelvirtuosen Adolf Fleinemann kennenlernte. Er wurde ihm ein Vorbild und väterlicher Freund, der das Talent des jungen Wüst erkannte und nach Kräften förderte.

So glänzte dieser schon mit 18 Jahren an der Horchheimer St.-Maximin-Orgel mit Franz Liszts technisch ebenso schwieriger wie gestalterisch anspruchsvoller Bearbeitung über das berühmte B‑A‑C‑H‑Thema – ein Werk, von dem sein Sohn und heutiger St.-Maximin‑Organist Hans‑Peter Wüst zu Recht sagt, es sei „ein schwerer Hammer“.

Damit ist angedeutet, dass es sich hier um eine ganze Wüst‑Dynastie handelt, die seit 1857 die Horchheimer Orgelbank besetzt hält. Der zweite Sohn von Hans Wüst, Gisbert, hat sich nach Orgelstudien und Meisterkursen in St. Medard zu Bendorf darüber hinaus den Ruf eines exzellenten Organisten erworben.

Um voll professionell zu sein, absolvierte Hans Wüst zusätzlich von 1930 an ein erfolgreiches zweijähriges Studium an der Rheinischen Musikschule in Köln in den Fachgebieten Musiktheorie und Klavier und machte sich darüber hinaus im Koblenzer Raum einen geachteten Namen als Konzertorganist. Er schrieb Filmmusik und spielte auch zum Tanz auf. Eigentlich hätte er nun parallel zu seiner Tätigkeit an St. Maximin eine vielversprechende Karriere aufbauen können. Doch dieser Traum zerplatzte am Wahnsinn des Zweiten Weltkrieges, aus dem er mit einer Krankheit zurückkehrte, die ihn in der Folgezeit immer wieder aufs Krankenbett warf und ihn bis zu seinem Tod im Alter von erst 54 Jahren begleitete.

Umso größer ist die Lebensleistung von Hans Wüst für die Musik und insbesondere für die Musica sacra zu werten, die ihn als zutiefst religiös denkenden Menschen – so sein Sohn Hans‑Peter – allzeit erfüllte. Zeugnis davon geben unter anderem drei von ihm komponierte und heute noch vielfach aufgeführte Messen für vierstimmigen Chor und Orgel zur Weihnachts- und Osterzeit sowie die Marienmesse „Salve Regina“. Dazu schrieb er Motetten- und Liedsätze und – als echter Horchemer, der er war – zu Karl Wörsdörfers Heimathymne „Oh Horchheim, oh Horchheim“ die Klavierbegleitung.

Unter seiner Leitung erreichte der Chor an St. Maximin seine Blütezeit. Zudem erfüllte er einen Lehrauftrag für Musik am Lahnsteiner Johannes‑Gymnasium und war seinen beiden Söhnen der beste Lehrer. Dass er in seinem Denken und Wirken tief in der Tonsprache der Spätromantik, mit Bruckner als einem der Fixsterne, verankert blieb, dass er immer bedachte, für wen er schrieb – nämlich für die Menschen, die er aus seiner Chorleiterpraxis kannte und deren Möglichkeiten er bei allen Aufführungen einzuschätzen wusste –, das war sein musikalisches Credo. Zur Avantgarde hätte er nie zählen können, noch hätte er es gewollt.

An der Orgel war er ein großartiger Improvisator, wie sich sein Sohn Hans‑Peter erinnert. Denn tief im Inneren war Hans Wüst wohl auch ein Künstler, der dieses Künstlersein sicher gerne ausgelebt hätte. Doch die äußeren Umstände – Krieg, Krankheit und bisweilen auch das musikalische Unverständnis des ein oder anderen Pfarrherrn – hinderten ihn an seiner vollen Entfaltung. Einzig sein Orgelspiel am Ende eines Hochamtes, wenn er im freien Spiel ein Kirchenliedthema in allen Formen und kontrapunktischen Veränderungen bis hin zur Fuge gestaltete, zeigte sein großartiges Können. Ob sich ältere Horchheimer Kirchenbesucher dessen noch erinnern können, wagt Hans‑Peter Wüst zu bezweifeln. Denn so ein Nachspiel konnte bis zu zwanzig Minuten dauern – und da standen wohl die meisten schon vor der Kirche.

Rolf Heckelsbruch

Horchheimer Kirmeszeitung 1963