Jochen wurde am 21.07.1942 in Betzdorf geboren. Nach dem Besuch der dortigen Volksschule und des Gymnasiums leistete er seinen Grundwehrdienst als Gebirgsjäger in Bad Reichenhall und Berchtesgaden ab. Im Anschluss an seine Militärzeit begann er im April 1964 sein Studium für das Lehramt an Volksschulen an der EWH in Koblenz, das er im November 1966 erfolgreich mit dem 1. Staatsexamen abschloss.
Während seines Studiums wohnte Jochen in der Mittelstraße als „möbilierter Herr“, so seine Redewendung. Eines Tages, auf dem Weg zur EWH begegnete er auf der Horchheimer Brücke dem Hoschemer Mädchen Mechthild Arens, seiner späteren Ehefrau. Sie heirateten 1968 in unserer Pfarrkirche St. Maximin.
Beide zogen nach Willroth im Westerwald, wo sie als Lehrer tätig waren. Dort wurden auch ihre drei Söhne Matthias, Stefan und Dominik geboren. Ziel beider war es allerdings, Horchheim zu ihrem Lebensmittelpunkt zu machen. Deshalb bauten sie im Garten von Meckis Eltern in der Mendelssohnstraße ihr zukünftiges Haus, in das Jochen viel Arbeitskraft und Herzblut gesteckt hat. 1973 zog die Familie von Willroth nach Horchheim.
Seit 1973 unterrichtete Jochen an der Volksschule in Ehrenbreitstein, von 1976 bis 2004 war er mit je einem halbem Stundendeputat an der Hauptschule auf dem Asterstein als Lehrer und an der Stadt- und Kreisbildstelle Koblenz als deren Leiter tätig.
Jochen war nicht nur leidenschaftlicher, hoch engagierter und von seinen Schülern geliebter Lehrer, sondern auch begeisterter und talentierter Hobbyfotograf. So war er in der glücklichen Lage, als Bildstellenleiter Beruf und Hobby zu verschmelzen.
Sein größtes „Hobby“ war aber seine Familie, sie bedeutete ihm Ruhepol und Anker, aus ihr schöpfte er Kraft, besonders später in den Jahren seiner schweren Erkrankung. Jochen war liebevoller Ehemann, der in seiner Mecki immer eine gleichberechtigte und vertrauensvolle Partnerin sah. Er packte im Haushalt engagiert mit an, seine Kochkünste begeisterten Familie und Freunde. Seinen Kindern war er geduldiger, aber auch konsequenter Vater, der ihnen die Welt erklärte und in ihnen die Liebe zur Natur weckte und förderte.
Aus dem „Siegerländer“ war in den Jahren seit seinem Zuzug ein echter Hoschemer geworden. Jochen wurde Mitglied im Männerchor, arbeitete als Redakteur viele Jahre in der Kirmeszeitung mit und schrieb viele beachtenswerte Artikel und Beiträge, er zeigte großes Interesse an unserer Ortsgeschichte. So war es geradezu zwangsläufig, dass er zu den Gründungsmitgliedern der Heimatfreunde Horchheim im Jahr 1991 gehörte. Hier engagierte er sich außerordentlich, war maßgeblich bei dem Erwerb des Museumsgebäudes in der Alten Heerstraße beteiligt und viele Jahre Schriftführer.
Jochen prägte den Verein entscheidend als Erster Vorsitzender seit 2004 und hinterließ tiefe Fußstapfen. Trotz stärkster gesundheitlicher Probleme seit 2008 begleitete er bis 2018 dieses Ehrenamt mit enormer Hingabe und riesigem Engagement. Er organisierte gekonnt Tagesfahrten und Veranstaltungen, und dies ist umso beachtens- und bewunderungswerter, da sein Gesundheitszustand sich immer mehr verschlechterte und dramatisierte.
Jochen ertrug seine Krankheit mit großer, wirklich bewundernswerter Geduld und Tapferkeit, nie beklagte er sich, nie jammerte er, nie verlor er seinen Lebensmut und seinen Humor. Er war ein immer positiv denkender Mensch geblieben. Er lebte nach seinem Motto: „Wir können die Situation nicht ändern, dann müssen wir das Beste daraus machen.“
Am 20. Februar 2020 ist Jochen verstorben. Seine Mecki, seine Söhne, deren Ehefrauen und die Enkel haben den so geliebten Mittelpunkt ihrer Familie verloren. Er hinterlässt eine große Lücke.
Wir alle haben einen liebens- und bewundernswerten, tatkräftigen Menschen verloren, der sich sehr um unseren Ort verdient gemacht hat.
Wir werden Jochen nicht vergessen und ihn in unseren Herzen behalten.
Am 04. März 2023 hat Robert sein geliebtes Hoschem im gesegneten Alter von 92 Jahren für immer verlassen müssen.
Robert kann auf ein erfülltes, reiches Leben zurückblicken, auf ein Leben zum Wohl seiner Familie und auf ein Leben, das geprägt war von großer Liebe zu seinem Heimatort.
Hier geboren, war er gleichsam heimatliches Urgestein. Er hat nicht nur einen Baum gepflanzt, ein Haus gebaut, mit seiner lieben Margot eine Familie gegründet, Kinder, Enkel und Urenkel heranwachsen sehen, nein Robert hat sich für unseren Ort in vielfältiger Weise engagiert, er hat große und tiefe Fußstapfen hinterlassen.
Die Liste seiner Verdienste ist lang: Er war immer aktiver Frontmann, wenn es um unseren Ort, um den Erhalt und das Bewahren unserer Kulturschätze und unseres örtlichen Brauchtums ging. Nach dem Krieg war er Mitinitiator unserer Kärmes, Robert hat die „Kärmeszeidung“ mit aus der Taufe gehoben, viele Berichte und Artikel entstammten seiner Feder. In der Rubrik „Von Fest zu Fest“ hat er viele Jahre das gesellschaftliche Leben geschildert und kommentiert.
Die Liste seiner außerordentlichen Verdienste um unser Hoschem ließe sich beliebig fortsetzen.
Sein besonderes „Steckenpferd“ aber, in das er viel Zeit und Liebe investiert hat, das waren die „Heimatfreunde Horchheim“. Im März 1991 hat er zusammen mit anderen den Verein gegründet. In vielen Funktionen und als jahrelanges Vorstandsmitglied gestaltete Robert die Geschichte und Geschicke der „Heimatfreunde“. Unter seiner Führung wurden die „Heimatfreunde“ zu einer mitgliederstarken Gemeinschaft. Mit großer Leidenschaft und Sachkunde sammelte er erhaltenswerte Exponate aus unserer Ortsgeschichte. Unter seiner Federführung und durch seine Überzeugungskraft erwarb der Verein das Gebäude in der Alten Heerstraße, das heutige Ortsmuseum.
Mit großem Respekt blicken wir Horchheimer auf seine herausragende Lebensleistung.
Robert hat sich um unser Hoschem in herausragender Weise verdient gemacht.
Wir werden die Erinnerung an ihn in großer Dankbarkeit in unserem Herzen bewahren.
Klaus Peter Baulig
Ein Leben für Horchheim
aus: Horchheimer Kirmes Magazin 2006 „Robert Stoll – 75 und kein bisschen leise“ von Joachim Hof
Robert Stoll wurde am 24. September 1930 in Horchheim geboren. Das Geburtshaus ist heute Emser Straße 301. Roberts Vater war Schneider, und weil die Werkstatt zeitweise zu klein war, ist die Familie in die „Vehgass“ – heute Alte Heerstraße – 6 umgezogen.
1937 kam Robert in die Schule, die er aber wegen des Krieges nur knapp sieben Jahre besuchen durfte. Der Krieg fing am 1. September 1939 an.
Robert war, als der Krieg zu Ende war, 14 Jahre alt. Er kam in die Lehre bei der Görres-Druckerei. Der Weg von Horchheim zur Druckerei war sehr abenteuerlich. Zu Fuß oder auf den Puffern der Straßenbahn ging es nach Ehrenbreitstein. Dort war die Ponte und mit einem Passierschein konnte der Rhein überquert werden, um in der Gymnasialstraße zur Arbeit zu gelangen.
Die Görresdruckerei war die einzige Druckerei, die noch so erhalten war, dass gedruckt werden konnte: Lebensmittelkarten, Ausweise und was die Militärregierung dringend brauchte. Normales Papier gab es nicht, nur mannshohe Zeitungspapierrollen. Die mussten mit der Trummsäge in bedruckbare Größen zerlegt werden, ob Chef oder Lehrling, alle mussten mit anpacken.
Nach drei Jahren Lehrzeit wurde Robert nach den Regeln der Schwarzen Zunft gegautscht. Seinen ersten Gehilfenlohn erhielt er schon in D-Mark ausgezahlt, also im Juni 1948.
Er war knapp 18 Jahre alt. „Da hatten wir auch schon mit der Kirmes angefangen, 1947 mit ein paar Jungen, die Alten durften ja nicht, weil sie noch nicht entnazifiziert waren und alles von der Militärregierung genehmigt werden musste. Wir hatten zwar noch keinen Zug gemacht, aber ein wenig gefeiert. Es gab dünnes Bier, wir sind zur Mosel raus gefahren und haben ein paar Flaschen Wein organisiert und gefeiert“.
1949 hat der Streichs Jupp, der im heutigen Museum gewohnt hat, den Vorsitzenden gemacht. 1949 ist auch die erste Kirmeszeitung erschienen. Die 1950er Zeitung wurde dann schon professionell mit Anzeigen herausgegeben und mit Gewinn verkauft. Die Mitarbeiter in der Görresdruckerei sorgten dafür, dass Robert für die Kirmestage Urlaub machen konnte.
1958 haben Robert und Margot geheiratet. Dann kamen die Kinder Michael, Petra und Andrea. Robert musste sich um die Familie kümmern.
In den 1970er Jahren ist Robert wieder verstärkt bei der Kirmes-Zeitung eingestiegen. Hannes Leichum war damals Chefredakteur. Robert war bei den Mitarbeiterbesprechungen immer dabei. 1993 wurde Robert in den wohlverdienten Schriftsetzer-Ruhestand verabschiedet und hoffte, sich seinem Hobby, dem Lesen, verstärkt widmen zu können.
Aber weit gefehlt, denn 1991 hatte er sich ein neues Ziel gesetzt: bei den Heimatfreunden Horchheim mitzuarbeiten. Er wurde in der Gründungsversammlung am 13. März 1991 zum 1. Vorsitzenden gewählt und behielt dieses Amt über vier Legislaturperioden – 12 Jahre lang – inne. In kürzester Zeit brachte er den Verein auf 450 Mitglieder. In seiner Amtszeit konnte das Haus Alte Heerstraße 14 zum Museum restauriert und später als Eigentum des Vereins erworben werden.
Joachim Hof
Horchheimer Kirmes Magazin
Robert Stoll – 75 und kein bisschen leise von Joachim Hof, Horchheimer Kirmes Magazin 2006
Geboren wurde er am 22. März 1935 in Horchheim. In der Bächelstraße 52 wuchs er auf, lebte dort bis zu seinem überraschenden Tod am 09.10.2024. Helmut besuchte, mit kurzer Unterbrechung bedingt durch die Wirren des Weltkriegs, die hiesige Volksschule bis zum Abschluss. Im Anschluss folgte eine Lehre bei der Deutschen Post als Kfz-Mechaniker. 1961 wechselte er zur Berufsfeuerwehr, ein Schritt den er, wie er immer in Gesprächen äußerte, nie bereute. Er war mit großer Leidenschaft Feuerwehrmann. Er unterzog sich hier verschiedenen Spezialausbildungen. So war er auch ausgebildeter Rettungstaucher. Beim Einsturz der in Bau befindlichen Südbrücke im November 1971 war er als Taucher eingesetzt.
Im Dezember 1962 heiratete er Rosemarie Bötzel. Aus dieser Ehe ging ein Sohn hervor. Im April 1978 verstarb seine Ehefrau. Drei Jahre später ehelichte er Monika Reis, die ihm zwei Söhne schenkte. Diese Ehe wurde 10 Jahre später geschieden. Helmut war begeisterter Opa. Stolz und voller Freude erzählte er von seinen beiden Enkelchen.
Wenn man Helmut besuchen wollte und er nicht in seiner Wohnung anzutreffen war, so fand man ihn fast immer in seinem großen Garten. Diesen bestellte er mit großer Hingabe bis zu seinem plötzlichen Tod. Selbst im hohen Alter kletterte er noch auf seine Obstbäume und beschnitt diese in atemberaubender Höhe. Am Schluss der Laudatio im Kirmes-Magazin anlässlich seines 80. Geburtstags ist zu lesen: „… der liebe Gott möge Dich noch viele Jahre in Deinem Garten werkeln lassen, er möge Dir aber auch die Weisheit des Alters schenken und Dich überzeugen, nicht mehr auf die Bäume zu klettern.“
Daneben fand er immer Zeit, sich in seinem geliebten Horchheim einzubringen: 1958 war er einer der Gründungsmitglieder des BBC, in den 1970er Jahren gehörte Helmut mehrere Jahre dem geschäftsführenden Vorstand an. 1991 hob er den Verein der „Heimatfreunde“ mit aus der Taufe. In den ersten 20 Jahren hatte er das Amt des Schatzmeisters und viele Jahre das des 2. Vorsitzenden inne. Bis zu seinem Tod war er Beisitzer, unterstützte den Verein tatkräftig und unermüdlich: Er trug die Vereinsmitteilungen aus, verkaufte die Jahreskalender, machte das Museum „winterfest“ und sorgte immer für den Blumenschmuck am Museum. Bei den schon zur Tradition gewordenen Veranstaltungen „Liebenswertes Horchheim“ war er wortgewaltiger und sachkundiger Moderator.
Eine Würdigung Helmuts bliebe unvollständig, ohne einen fundamentalen Eckpfeiler seiner Lebensgestaltung zu erwähnen: Seine unerschütterliche Bindung an die Glaubenslehre der katholischen Kirche. Von früher Kindheit an war er Mitglied in der „Katholischen Jugend“ und dann als Jugendlicher Gruppenführer. Er engagierte sich in den verschiedensten Gremien seiner Pfarrgemeinde St. Maximin. Er war überzeugtes, aber auch kritisches, praktizierendes Mitglied in der katholischen Kirche.
Mit seinem Tod hat Horchheim einen tatkräftigen und liebenswerten Mitmenschen verloren, der sich um seinen Heimatort in höchstem Maß verdient gemacht hat. Wir werden ihn sehr vermissen und wir werden uns immer mit Freude an ihn und sein Wirken erinnern und ihn in unseren Herzen bewahren.
Fotojournalist Lothar Stein: Lokale und internationale Fotografie
Category: Menschen
4. Januar 2025
Der Horchheimer Fotograf Lothar Stein hat mit vielen Bildern zahlreiche Momente unserer Heimat festgehalten. Besonders hervorzuheben ist sein Beitrag zur Publikation der Heimatfreunde anlässlich der 800-Jahrfeier von Horchheim. Darüber hinaus übernimmt er für das Ortsmuseum der Heimatfreunde Horchheim die Objektfotografie. Seine Aufnahmen werden auf der Online-Plattform „museum-digital“ des Museumsverbands Rheinland-Pfalz präsentiert, was einen wichtigen Beitrag zur Dokumentation und öffentlichen Zugänglichkeit unserer lokalen Geschichte darstellt.
Die Zusammenarbeit mit Fotoagenturen ermöglichte ihm Reisen in viele Länder und die Arbeit für verschiedene Auftraggeber. Seine internationalen Einsätze als Fotoreporter brachten ihm nicht nur wertvolle Erfahrungen, sondern auch eine Fülle an beeindruckenden Bildserien, die wir im Anschluss noch genauer vorstellen werden.
Immer auf dem Sprung: der Fotograf Lothar Stein „Ich glaub’, mich tritt ein Pferd“
von Rolf Heckelsbruch
Horchheimer Kirmes Magazin 2001, S. 50 – 55
Schuhmachern sagt man ja bekanntlich nach, sie trügen schiefe Absätze. Wann, um Himmels willen, sollten sie auch dazu kommen, ihre eigenen Schuhe zu richten? Und wann sollte ein Fotograf dazu kommen, sich selber zu fotografieren? Fragt man den Fotografen Lothar Stein nach solch einem Porträt, dann sagt er: „Owei! Jetzt wird’s schwierig“. Und er sucht unter hunderten von interessanten Reportagebildern aus vielen Ländern und Orten, die er besucht hat, nach einem Bild, das ihn selber zeigt, um endlich, nachdem er eins gefunden hat, zu sagen: „Aber darauf sehe ich ja wie ein Verbrecher aus“. Ist er aber nicht. Er trägt lediglich seine Arbeitskluft: zerbeulte Jeans, zerknittertes Hemd, eine robuste Jacke mit vielen Taschen. Und er steht auf einer provisorischen Piste vor einem Frachtflugzeug, mit dem er eben gelandet ist und mit dem ein amerikanischer Pilot – „Kein anderer traute sich den waghalsigen Flug zu“, sagt Stein – 1992 Nahrungsmittel in das von Bürgerkrieg und Hunger zerrüttete Somalia flog. Und in ein afrikanisches Bürgerkriegsland fliegt man als Reporter nun einmal nicht im feinen Nadelstreifenzwirn.
Erzählt der 1954 in Horchheim geborene Lothar Stein von den damaligen Tagen in der somalischen Hauptstadt Mogadischu, dann erfährt man, dass dies nicht gerade erholsame Tagen waren. „Nur in Begleitung gut bezahlter und gut bewaffneter Bodyguards konnte man sich auf die Straße wagen“. Und wenn dann 13- oder 14jährige Kindersoldaten spielerisch mit der Maschinenpistole auf ihn zielten und spaßeshalber ein paar Salven in die Luft ballerten, dann sorgte dies auch nicht gerade für gute Laune. Und Stein sinniert: „Ich frage mich heute noch, wie die an die G3-Sturmgewehre der Bundeswehr gekommen sind“.
Überhaupt: Viele Fragen könnte man sich in so einem afrikanischen Land stellen, in dem sich, wie in vielen. anderen, Korruption, Verbrechen, Vetternwirtschaft und schreiende Not nicht fein säuberlich trennen lassen. Und er berichtet, wie er in einer Caritas-Dependance einen dieser undurchschaubaren Clan-Fürsten um Hilfe für seine Leute bitten sah, während er am Handgelenk eine Rolex-Armbanduhr trug, „die ich mir nie leisten könnte“, sagt Stein. Aber deshalb nichts mehr spenden? Keine Hilfe mehr leisten? Da hat der Fotograf auch andere Bilder im Kopf. In einem Krankenhaus: Verwundete, elende Menschen in überfüllten Zimmern, auf den Fluren, in schmutzigen Betten und-auf der Erde. „So etwas sieht man bisweilen auch im Fernsehen, aber man greift dabei zu Käsebrötchen und Bier, weil man den infernalischen Gestank von Blut, Urin und Scheiße nicht in der Nase hat“. Ein Gestank, in dem eine Ärztin versucht zu helfen, wo nach zu helfen ist. Eine Situation, von der sie glaubt, so ähnlich müsse sie wohl in den Hospizen des Mittelalters gewesen sein. Aber vermutlich war sie dort besser.
Nun geht es in solch einem Fotoreporterleben Gott sei Dank nicht immer um Leben oder Tod, es sei denn, um den Tod eines. schwarzen Stieres in der Arena von Pamplona, was ja auch irgendwie ein Tod zuviel ist. Doch Lothar Stein hat über den rituellen Kampf der Matadores mit der Kreatur eine packende Bildserie gemacht.
Aber er sah auch friedliche Ereignisse durch den Sucher seiner Kamera. Etwa in Taizé, jenem burgundischen Pilgerort, den Roger Schutz 1949 mit einer Hand voll Gleichgesinnter aus christlichem Glauben und aus den Schrecken des Krieges heraus als einen alle Religionen übergreifenden Ort der Kontemplation und Stille gründete. Ein Ort, der vor allem zu einem weltweiten Pilgerziel für junge Menschen wurde. Lothar Stein konnte dort – was eigentlich der Kamera verborgen bleiben sollte – die Weihe neuer Brüder durch Frère Roger fotografieren.
Und in seinem dort entstandenen Foto von einem nachdenklichen jungen Mann, der mit seiner brennenden Kerze gleichsam wie das Gesicht aus der Menge hervorragt, zeigt Lothar Stein, dass in der intuitiven Erkenntnis eines kurzen Moments und dem gleichzeitigen Druck auf den Auslöser „die entscheidende Qualität eines Fotografen liegt. Was heißt, gewisse Dinge zu sehen und sich von ihnen bewegen zu lassen“. Darin jedenfalls sah der große irische Schriftsteller George Bernhard Shaw schon zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts das Geheimnis der Fotografie begründet. Nämlich in der einzigartigen Möglichkeit, eine Sekunde für alle Zeit stillstehen zu lassen.
Pfarrkirche St. MaximinGräbersegnung an AllerheiligenHerbststimmung am RheinMendelssohn-AlleeUnterhalb der RheinbrückenDas ehemalige Schwimmbad im DornröschenschlafGeschichts- und Historientreffen auf der SchmidtenhöheIn der MeesstraßeJunge Christin aus Eritrea, 2014 in Horchheim angekommen
Wie kommt man dazu, Fotoreporter zu werden? Auf Umwegen. Die Horchheimer Grundschule stand für Lothar Stein am Anfang. Dann der Weg ins Oberlahnsteiner Gymnasium. Das Abitur und der Beginn eines Kunstgeschichtlichen Studiums an der Mainzer Uni. Das Ziel: Kunsterzieher. „Aber irgendwie war mir der Stoff zu trocken“, sagt Stein. Keine allzu große Begeisterung löste er zunächst bei seinen Eltern aus, als er sich für ein Studium der Fotografie an der Dortmunder Gesamthochschule entschloss. Er legte seine Fotomappe vor – und überzeugte mit seinen Bildern. Unter mehr als hundert Bewerbern gehörte er zu den wenigen, die einen Studienplatz erhielten. Acht Semester Theorie und Praxis, unter anderem bei dem renommierten Fotografen und, so Stein, „liebenswerten Chaoten“ Pan Walter.
Dann, 1981, eine Bildreportage aus der Dortmunder Westfalenhalle. Sechs-Tage-Rennen. Sechs Tage und sechs Nächte fotografierte Lothar Stein im Wechsel mit zwei Studienkollegen die manchmal wilde, nachts auch schon mal gemächliche Jagd über die ovale Piste. Sie fotografierten Fans und Fahrer, Freaks und „Abgefüllte“. Und weil den Champions, unter ihnen „Didi“ Thurau, die Bilder gefielen, standen den drei Fotografen auch Massageräume, Kabinen und Kojen offen. Ein Jugendmagazin druckte ihre Bilder, dann die Fachzeitschrift „photo“, und die Leitung der Westfalenhalle ermöglichte ihnen eine Ausstellung.
Das war noch nicht der Durchbruch, aber von nun an ging’s bergauf. Lothar Stein fand Zugang zu einer Reihe exzellenter Bildreporter, die für die Fotoagentur „present“ arbeiteten. Für sie und andere Auftraggeber reiste er in viele Länder, fotografierte Jugendgangs und soziale Verhältnisse in Mexico City, fotografierte den „Tanz der Masken“ beim Karneval in Venedig und die Arbeiterinnen in einer der „Fabrica de Tabacos“ auf Kuba und die Nostalgie weckenden „Oldtimer“-Autos, die dort noch über die Straße rollten.
Er fotografierte in den Rocky Mountains, wo wildwest-begeisterte Amerikaner in stilechten Kostümen als Indianer, Siedler und Soldaten alljährlich die mehr oder weniger heroischen Zeiten des „Go West“ beschwören.
Er fotografierte in Fort Myers, wo einst die Erfinder Ford und Edison Tür an Tür wohnten, spürte dem „Wunder von Guadeloupe“ in Mexico City nach, schaute mit seiner Kamera aber auch den Geigenbauern im erzgebirgischen Marktneukirchen über die Schulter und berichtete unter dem Titel „Kein Job für Drückeberger“ in schonungslos offenen, aber wahrhaftigen Bildern aus einem Seniorenheim über die Arbeit von Zivildienstleistenden an bettlägerigen alten Menschen.
Aber die Agentur „present“ existiert nicht mehr. Fotoreporter werden heute immer mehr zu Einzelkämpfern. Lothar Stein macht. sich keine Illusionen. Die Zeit der großen Bildreportagen – die ihm am Herzen liegen -, die Zeit der großen Bildreporter und der engagierten Chefredakteure à la Henri Nannen sind weitgehend passé. Die in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Karl Pawek noch philosophisch untermauerte „Life-Photographie“ als prägendes Element des „Optischen Zeitalters“ ist unter der immer trivialer werdenden Bilderflut des Fernsehens zu einer Randerscheinung für Kenner verkümmert. Die Fotografie selbst ist mittlerweile digitalisiert. Fotografien sind zu einer manipulierbaren Ware geworden. Ob sie „wahr“ sind oder „getürkt“, liegt in den Händen und im Gewissen des Fotografen.
Lothar Stein hat sich derweil auch auf Industrie-Reportagen spezialisiert, wenngleich es ihm, wie er sagt, „bisweilen schwerfällt, mich und meine Bilder anzudienen“. Aber man muss leben und das Leben bezahlen können. Und sieht man seine Bilder, die er bei einem Flug nach Boston für die „Deutsche Flugsicherung“ im Cockpit eines Airbusses machte, oder die Fotografien, die beispielsweise unter dem Titel „Reben, Riesling, Ranger“ für die Kölner Ford-Werke oder auf dem Nürburgring für deren neues „Fiesta“- Modell entstanden, dann weiß man, dass für Lothar Stein die Kamera kein kalter Mechanismus ist, sondern dass hinter ihr ein Mensch steht, für den Bildermachen immer eine Frage der Kreativität und der Phantasie sein wird.
Ach ja. Man fragt ja gerne nach dem besonderen Erlebnis. Lothar Stein hatte eines, als er früh um Fünfe den Jockey Peter Schiergen in Köln vor dem Training fotografierte. Irgendwie schien dessen edler Gaul „Lando“ was gegen Fotografen zu haben. „Plötzlich“, sagt Lothar Stein, „sah ich seine Hinterhufe auf mich zufliegen“. Und seit der Zeit ist ihm der unvergessliche Spruch des heute fast vergessenen SPD-Finanzministers Hans Apel: „Ich glaub’, mich tritt ein Pferd“ tief in Erinnerung. Denn zwei gebrochene Rippen schmerzen verdammt lange.
von Hans-Josef Schmidt Horchheimer Kirmes Magazin 1986, S. 48, 49
Der Horchheimer Maler Anton Nikolaus Franck
1921 hielt er einen Schiffsunfall an der Horchheimer Brücke als zeichnender Reporter fest: Anton Nikolaus Franck, der „Horchheimer Maler“, dem die gefühlvolle Betrachtungsweise eines Vincent van Gogh lebenslanges Vorbild war.
Wer erinnert sich nicht an die imposante Erscheinung dieses Mannes, der nach außen so gar nicht den Prototyp eines Künstlers vermittelte? Wohl kaum jemand weiß aber, daß er zeitlebens die luxemburgische Staatsangehörigkeit besaß, die er alle fünf Jahre unter Aufwendung von viel Zeit, Mühe und Geld verlängern ließ.
Der Maler und Anstreicher Franck, der seine Jugendjahre in Vallendar verlebt hatte, kam erst durch seine Heirat mit Maria Müller nach Horchheim und zog in die Hauptstraße 75, heute Emser Str. 332. Das Anstreichergeschäft bot ihm Absicherung, doch sein Lebensinhalt war die „brotlose Kunst“. Seine späteren Kritiker werden ihn als ideale Mischung von Künstler und Handwerker apostrophieren.
Blumen-Stilleben, Landschaftsbilder, Interieurs, Porträts und Reiseeindrücke aus den bayerischen Alpen, Motive aus seiner Heimat – Koblenz, Vallendar und vor allem Horchheim – in Form von Aquarellen, Ölgemälden oder Zeichnungen waren sein Leben. Für ihn war Heimat mehr als ein Wort.
A. N. Franck 1915Malergeschäft A. N. FranckMalergeschäft A. N. Franck Koblenz u. Horchheim1921A. N. FranckA. N. Franck und Maria Müller 1919A. N. Franck und Maria MüllerWeihnachten
In Horchheim wird der Name A. N. Franck für spätere Generationen mit der Ausmalung der Horchheimer Pfarrkirche in den Jahren 1922-1926 verbunden bleiben. Er selbst erinnerte sich im Jahr 1977 an diese Arbeiten:
„Nach meiner Heirat mit der Horchheimerin Maria Müller am 18. Januar 1921 bezog ich das Haus gegenüber dem Pfarrhaus … Ich war mehrere Jahre lang als Kirchenmaler tätig und hatte viel Verständnis für die Pläne, die Herr Pastor Zimmermann mir zeigte. Dadurch offenbarte er mir auch seine weiteren Pläne zur Ausmalung der Kirche. Den Auftrag zur Bemalung des Kreuzweges hatte er bereits dem Professor Willy Stucke aus Bonn erteilt (1922) … Alle Stationen sind auf Kupferplatten gemalt und wurden an die Wände angebracht. Dadurch erhielt ich den ersten Auftrag: Umrahmungen der Stationen nach Angabe und Skizzen des Professors in Barockornament zu malen und mit Goldschrift zu versehen. Da durch die anfängliche Inflation wenig Geld vorhanden war, malte ich die Arbeit in Abendstunden für einen niedrigen Nebenverdienst.
lm Verlaufe der Arbeit teilte mir Herr Pastor Zimmermann mit, daß er vorhabe, das ganze Chor auszumalen, und daß er Herrn Professor Stucke bereits den Auftrag erteilt habe. Das Gerüst wurde erstellt, und ich bekam den Auftrag, die Vorarbeiten der gesamten Fläche in Angriff zu nehmen. Es handelte sich um Anschleifen des Putzes und zweimaligen Anstrich mit Bleiweißfarbe als Grundlage der Malerei. An Hand der Skizzen und Pläne war ersichtlich, daß das ganze Gemälde die Offenbarung des hl. Johannes darstellen sollte …
Eines Tages nun kam der Herr Professor mit Malkasten und Utensilien, um den Anfang an den 21 Ältesten zu malen. Inzwischen waren wir bereits mitten in der Inflation, und es gab überall im Ort Arbeitslose, und das Geld wurde immer knapper. Dann setzte die Rhein- und Ruhrhilfe ein zur Geldbeschaffung für Erwerbslose.Alle zwei Wochen fuhr ich mit dem Ortsvorsteher Heinrich Schneider nach Bonn, wo die Anweisungsstelle für die Gelder war. Herr Schneider bekam dort die Geldanweisung für die Arbeitslosen der Gemeinde, und ich für die Ausmalung der Pfarrkirche. Zum Glück war auf dem Büro in Bonn ein Horchheimer Bürger, nämlich Viktor Holl, der uns immer sehr behilflich bei den Anweisungen war.
Mit jedem Tag schritt die Geldentwertung weiter, und nach einigen Wochen war das Geld so entwertet, daß ich fast keinen Lohn mehr bekam und der arme Professor sich keine Farbe mehr kaufen konnte. Selbst sein Päckchen Tabak konnte er sich nicht mehr leisten. Nun wollten wir doch unbedingt das Gemälde fertigstellen, denn das Gerüst mußte dringend aus der Kirche verschwinden. Mittlerweile war das Jahr 1923 angebrochen, und die Rhein- und Ruhrhilfe sollte eingestellt werden. So fuhren wir beide nochmals nach Bonn, um einen letzten Zuschuß zu erreichen.
Bei einer der letzten Fahrten war übrigens Heinrich Schneider „verloren“ gegangen. Anstatt mit uns nach Hause zu fahren, wollte er seinen Sohn in Köln besuchen. Doch da er schon älter war und sich nicht recht zurecht fand, kam er weder in Köln noch in Horchheim an. Auf jeden Fall war es ein Ereignis in Horchheim, daß der Schneider-Hein als „verschütt“ gemeldet wurde. In Wirklichkeit aber war er doch bei seinem Sohn in Köln gelandet, wenn auch mit Verspätung.
So haben wir – allen Schwierigkeiten und Widrigkeiten zum Trotz – das Chorgemälde fertiggestellt … Nach dem Urteil der Presse und von Professor Irsch aus Trier war das Ganze ein Wunderwerk von Prof. Stucke. Erwähnenswert ist heute noch, daß mir Hans Nett als Idealist und Lehrjunge behilflich war. lm Jahr 1923 machte ich dann die Meisterprüfung, und als erster Lehrling half mir damals in der Kirche Josef Zimmermann, ebenfalls aus Horchheim.
Unter Pastor Johannes Luxem (1934 – 1955) sind die schlimmen Kriegsschäden an der Kirche Stück um Stück behoben worden. In den 50er Jahren erhielt die Kirche einen neuen Innenanstrich, der nach den Richtlinien der bischöflichen Behörde in einfachen Farben gehalten werden sollte. Diesem „Nüchternheitsgebot“ fiel das Chorgemälde Stuckes leider zum Opfer. Es war zwar von Rauch und Staub stark verrußt, doch hatte ich den Vorschlag gemacht, das Werk abzuwaschen und zu restaurieren. Doch diese Arbeit sollte 1.000 DM mehr kosten, und somit wurde meinen Wünschen leider nicht stattgegeben. Die Nichterhaltung eines Meisterwerkes von solch hohem Kunstwert sehe ich als einen schweren Verlust an.“
Anton Nikolaus Frank 1964; Foto: Karl-Heinz Melters, Aachen
Der Maler von Alt-Koblenz
Das Mittelrhein-Museum Koblenz ehrte A. N. Franck noch im letzten Jahr, kurz vor seinem Tod, aus Anlaß seines 90. Geburtstages, mit einer großen Retrospektive seiner Ölbilder und Aquarelle. Der Laudatio, die Dr. Eitelbach – Leiter des Museums – bei der Eröffnung am 2. Juni hielt, entnehmen wir einige Passagen zur Würdigung des Künstlers A. N. Franck:
Anton Nikolaus Franck – Maler von Alt-Koblenz.
Maler der Heimat an Rhein und Mosel.
„… Wen wundert’s, daß sein Heimatort, daß Horchheim immer wieder in seinem Werk erscheint, daß es keinen versteckten Winkel gibt, den er nicht eingefangen hätte; das Mendelssohn-Stift lebt in seinen Bildern weiter. Und dann: die ganze Landschaft ringsum: Oberwerth und Rittersturz, Schmittenhöhe, Niederwerth. Die zwei schönsten lnterieurs: es sind die „Königszimmer“ von Schloß Stolzenfels. Eine ganze Reihe Blätter gilt Vallendar. In Bornhofen hat er seine Staffelei ebenso aufgeschlagen wie in Ahrweiler, wie in Bad Hönningen. Oder am Schalkenmehrener Maar. Überhaupt: wie liebt er die Eifel. Gewiß: Motive des Allgäu, Sujets aus Österreich fehlen nicht, Franck liebt die Natur, malt Berge, Meer und Wald, wo er auf sie trifft. Doch seine eigentliche Liebe gilt unserem rheinischen Land. Seine künstlerische Passion gehört seiner und unserer Heimat! …
Wie oft saß Anton Nikolaus Franck auf den Höhen über Rhein, Mosel und Lahn. Wie oft saß er unter dem hohen Himmel vor seiner Staffelei, mit dem Blick weit ins Land, hinüber zu den Dörfern, hinab in die Täler, mit dem Blick hinunter zu den Flüssen. Kaum eine Stimmung des Jahres, die der Künstler nicht eingefangen hätte. Ein Mensch mit der Freude an allem, was unter dem weiten Firmament sich erstreckt, dort blüht und wächst, ist Franck. Ein Maler mit dem Auge für Blumen und Stilleben. Immer wieder „porträtiert“ er Dahlien und Astern, porträtiert vor allem seine Lieblingsblume, immer wieder die Sonnenblume …
Wie oft hat mich Anton Nikolaus Franck in der Stunde vor der Eröffnung einer Ausstellung in meinem Zimmer besucht. In diesem Zimmer hoch über der Mosel. Diese Stunden bleiben mir unvergessen. So wie mir auch die Stunden in seinem Atelier unvergessen bleiben, in das ich über die barocke Wendeltreppe hinaufgestiegen bin. Hinaufgestiegen in diesen „Ausguck ins Leben“ – so hat Spitzweg solche Dachträume einmal genannt.
Die Gespräche in diesem Fensterwinkel, die Gespräche mit diesem Mann, der mir an Leben, an Erfahrung so weit voraus war, werden sich aus meinem Gedächtnis nicht verlieren. Dieses Zimmer, geprägt vom Geist eines Menschen, der dort die Jahre kommen und auch gehen sah. Der dort Glück und Leid, beides in Fülle, erlebte und durchstand. Dieses Zimmer, an dessen Wänden die Bilder dicht an dicht hängen. Gemälde, in denen sich dieses Leben spiegelt …
Mit dieser Ausstellung, meine Damen und Herren, ist es ein wenig anders als mit Vernissagen sonst. Heute ist unsere Stadt stärker mit dem Herzen beteiligt. Stärker mit dem Herzen beteiligt, ich gestehe es, bin auch ich selber. Meine Laudatio gilt nicht nur einem Maler. Meine Laudatio ehrt nicht allein einen 90jährigen. Meine Laudatio spricht vor allem den Menschen Anton Nikolaus Franck an, den ich in so vielen Jahren schätzen und verehren gelernt habe. Die Welt ein wenig erträglich machen, das kann vielleicht die Kunst. Ganz sicher aber vermag es die Menschlichkeit. Sagte Paul Claudel einmal.“
Hans-Josef Schmidt
Lebensdaten
Geboren am 17. Mai 1895 in Koblenz.
Gestorben am 18. Oktober 1985 in Koblenz-Horchheim.
Lehre als Maler von 1909-1912 bei Ferdinand Koppe und Fa. Kraef.
Als Volontär gearbeitet von 1913-1915 bei Kirchenmaler Vath in Niederlahnstein.
Als Bühnenmaler von 1916-1919 am Stadttheater Koblenz tätig.
Malergehilfe von 1920-1921 bei Röscher, Nitsche und Cron in Köln.
Ab 1922 bis 1970 selbständig im eigenen Geschäft.
Ausstellungen:
1970 Kunsthandlung Vollmüller bzw. Energieversorgung Mittelrhein zum 75. Geburtstag
1974 Handwerkskammer Koblenz aus Anlaß der Verleihung des Goldenen Meisterbriefes („Unser schönes Koblenz“)
1975 Mittelrhein-Museum Koblenz zum 80. Geburtstag
1976 Frankreich (Cercy la Tour)
1977 Burg Rheinfels bei St. Goar
1974 – 1984 Weihnachts-Ausstellungen Stadtsparkasse Vallendar (Freundschaftskreis Cercy la Tour)
1980 Mittelrhein-Museum Koblenz zum 85. Geburtstag
1983 Handwerkskammer Koblenz zum 88. Geburtstag
1985 Mittelrhein-Museum Koblenz zum 90. Geburtstag
Gedächtnisausstellung in Vallendar (Freundschaftskreis Cercy la Tour)
Manfred Gillissen (18.09.1942 – 18.12.2012) war von Herzen ein echter Neuendorfer Jung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Vater nach Gebhardshain in den Westerwald versetzt, mit der Einschulung von Manfred 1948 kehrte die Familie jedoch nach Neuendorf zurück und wohnte in der Handwerkerstraße 5, wo der Vater als Ortspolizist ein Dienstzimmer hatte. Mutter Änne war eine geborene Minning. Nach dem Abitur 1962 am Eichendorff-Gymnasium Koblenz begann er ein Pharmazie- und Medizinstudium an der Universität Mainz, das er aber nicht beendete. Vielmehr kümmerte er sich um den Hausbesitz innerhalb der Familie und fand Gefallen daran, Häuser zu kaufen, umzubauen und zu vermieten. Am 2. Mai 1969 heiratete er Ingrid Rademaker aus Niederlahnstein, beide wohnten zunächst in Neuendorf, bevor sie im Mai 1978 nach Niederlahnstein verzogen.
Schon früh entdeckte Manfred Gillissen seine Leidenschaft für die Regionalgeschichte, besonders aber für die Geschichte von Neuendorf und Koblenz, aber auch für die Genealogie. Kein Archiv in Koblenz bzw. in der näheren oder weiteren Umgebung war vor ihm sicher, wenn es um Material zu dieser Thematik ging. Immer wieder führte ihn der Weg in das Pfarrarchiv St. Peter Neuendorf, das Stadtarchiv, das Landeshauptarchiv, das Bistumsarchiv Trier, das Stadtarchiv Neuwied und, und, und.
Besonders interessierten ihn zunächst die alten Neuendorfer Familien Nell und Miltz, seine Forschungen gingen soweit, dass er unheimlich viel Material für ein Neuendorfer Familienbuch zusammengetragen hatte, das aber leider nie publiziert wurde.
Schon als Jugendlicher erforschte er alte Neuendorfer Gebäude: wann wurde das Haus gebaut? Wer hat darin gewohnt? Sein besonderes Interesse galt u. a. der wohl uralten Scheune des Bauern Welter (Ecke Weltersgasse/Hochstraße) bzw. dem alten Pfarrhausbau von 1710, der 1899/1900 wegen des Pfarrhausneubaues abgerissen worden war. Er suchte mit dem Neuendorfer Chronisten Willi Gabrich nach Fotos. Als 1958 eine Generalsanierung der Kirche seines Heimatortes beginnt, kann er den totalen Eingriff in die Bausubstanz des neobarocken Baues (1912-1915) nicht fassen. Er ist entsetzt, dass alte sakrale Gegenstände (Prozessionsfahnen bzw. -laternen, Skulpturenteile etc.) auf dem Bauschutt landen. In späteren Jahren hat es ihn immer wieder gereut, dass er diese Gegenstände nicht geborgen hatte. Besonders enttäuscht war er, als das riesige Gemälde an der Stirnwand hinter dem Hochaltar – Der sinkende Petrus auf dem Meer, gemalt von Professor Stucke aus Bonn – entfernt und unsachgemäß gelagert wurde. Er versuchte heimlich, es zu bergen und zu restaurieren. Leider erfuhr der damalige Pfarrer von diesem Vorhaben und ließ das Bild zurückholen. Es verkam auf dem Kirchenspeicher. Ebenfalls in seinen Jugendjahren barg er eine Madonna bzw. Pieta, die durch ein Hochwasser in Neuendorf angetrieben wurde.
Auch nach seinem Umzug nach Niederlahnstein ist Manfred Gillissen immer Neuendorfer geblieben. Im Lauf der Jahre sicherte er einige alte Flößertruhen und Neuendorfer Grenzsteine vor Verlust aus Unachtsamkeit und Zerstörung. Über Neuendorf schrieb er einige unveröffentlichte Abhandlungen über das Gemeindehaus, die Gemeindebäcker, Hebammen, Schafweide, Fischerei, die Schule, die Lehrer sowie Fahr und Fergen.
Er war ein wandelndes Geschichtslexikon. Fragte man ihn nach einem Haus oder einer Familie, sprudelte es nur so aus ihm heraus: nicht nur für Neuendorf, sondern auch für Koblenz und Horchheim. Außerdem verfügte er über ein umfassendes landesgeschichtliches Wissen, wobei ihn besonders die Rechtshistorie (Privatrecht, kurtrierisches Landrecht) interessierte. Phänomenal war sein Gedächtnis, insbesondere für Personen und verwandtschaftliche Zusammenhänge. Seine ihm angeborene Bescheidenheit war leider aber auch der Grund dafür, dass er kaum etwas publizierte.
Seine reiche Materialsammlung ist für Historiker von unschätzbarem Wert, leidet aber darunter, dass Manfred Gillissen eine kaum leserliche Handschrift hatte: Seine Exzerpte sind schwieriger zu lesen als die Originale, die er abschrieb. Eine Leidenschaft war sein Interesse für die Kunst – er besuchte Auktionen, um seine Kenntnisse über die großen Maler der Region aus dem 19. Jahrhundert zu vertiefen, so dass er sich auch hier zum intimen Kenner der rheinischen Kunstgeschichte entwickelte. Seine Hilfsbereitschaft war ohne Grenzen, sein Fleiß und seine Ausdauer enorm. Unvergessen bleiben sein feiner, hintergründiger, unaufdringlicher und manchmal schelmischer Humor, seine Freundlichkeit, seine Liebenswürdigkeit. Das Geheimnis seiner Ausgeglichenheit und Freundlichkeit war die Zufriedenheit – und die schöpfte er aus seiner Arbeit in den Archiven. Ihm ging es nicht darum, mit seinen Kenntnissen zu glänzen, ihm ging es nur darum, geschichtliche Rätsel mit Hilfe von Archivalien zu lösen. Wer ihn kannte, freute sich mit ihm an seiner stillen Freude. Und wie diebisch konnte er lachen, wenn es gelang, ein archivisches Rätsel zu lösen.
Meine persönlichen Erinnerungen an ihn gehen Jahrzehnte zurück. Es war schon in meiner Ausbildungszeit im damaligen Staatsarchiv / heutigen Landeshauptarchiv, als ich ihn kennenlernte und mich damals schon wunderte, dass ein junger Mann ohne eigentlichen Beruf seinen Neigungen nachgehen konnte, so oft er wollte. Dann war er jahrzehntelang Benutzer des Stadtarchivs, und ich erinnere mich gern an viele interessante Gespräche in meinem Büro bzw. im Benutzersaal. Ich sage es in aller Offenheit: auch ich als Leiter des Stadtarchivs konnte von Manfred noch viel lernen!
In jahrzehntelanger, mühevoller Forschungstätigkeit hat er eine umfangreiche Materialsammlung zusammengetragen, die die Geschichte der Koblenzer Profanbauten (Wohnhäuser, Adelssitze, Wirtschaftsgebäude etc.) zum Teil bis zurück in die Zeit des Hochmittelalters dokumentiert. Seine überarbeiteten Exzerpte aus Archivalien des Stadtarchivs bzw. des Landeshauptarchivs Koblenz sowie weiterer staatlicher und Familienarchive sind der Grundstock für eine vom Stadtarchiv begonnene Publikation im Internet, das „Koblenzer Häuserbuch“.
Manfred Gillissen hat damit einen reichen stadt- und baugeschichtlichen, aber auch genealogischen und sozialgeschichtlichen Fundus zur Verfügung gestellt, dessen Wert für die Koblenzer Lokalgeschichte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Mein Kollege Michael Koelges hat in mühevoller Kleinarbeit die Bearbeitung für das Internet übernommen. Erfasst wurden, teilweise sogar komplett, die Häuser der Straßen Altengraben, Am Plan, Auf der Danne, Entenpfuhl, Florinspfaffengasse, Görgenstraße, Kastorgasse, Kornpfortstraße, Löhrstraße und Unterm Stern. Leider konnte dieses wohl einmalige Projekt durch die schwere Erkrankung von Manfred Gillissen nicht zu Ende geführt werden.
Obwohl es ihm eigentlich immer schwer fiel, etwas zu veröffentlichen, konnte ich ihn für die Mitarbeit am Horchheimer Kirmes-Magazin gewinnen, in dem er seit 1991 seine Serie „Höfe des Adels und des Klerus in Horchheim in kurtrierischer Zeit“ veröffentlichte. Auch den Heimatfreunden Horchheim gegenüber zeigte er sich immer von seiner offenherzigen Seite. Er kannte sich wie kein Zweiter in der Horchheimer Ortsgeschichte aus – egal, ob es um Familien oder Häuser ging.
Es war schwer für ihn, seine Krankheit anzunehmen, nicht nur, weil sie ihm körperlich Einschränkungen und Schmerzen in hohem Maße auferlegte. Viel schwerer war es für ihn, seinen Archivrecherchen nicht mehr in dem gewohnten Umfang nachgehen zu können. Sicherlich war der Tod für Manfred Gillissen die von ihm wahrscheinlich schon lange erhoffte Erlösung. Sein Privatarchiv muss unbedingt erhalten bleiben, selbst wenn es leider nicht mehr möglich war, es für die moderne digitale Technik zu erschließen. Es gilt daher, das Andenken und das Erbe von Manfred Gillissen der Nachwelt zu erhalten. Horchheim hat einen Freund verloren.
Willi Gabrich aus Neuendorf und meinem Kollegen Michael Koelges bin ich für Informationen dankbar.