Erkundung der Geschichte – Führung auf Fort Konstantin

Bei sommerlichem Wetter machten sich die Heimatfreunde Horchheim am 5. August 2023 gemeinsam mit Mitgliedern und weiteren Interessierten auf den Weg zum Fort Großfürst Konstantin. Dort stand eine Führung durch die Ausstellung „Koblenz im Zweiten Weltkrieg“ auf dem Programm.
Nach der Begrüßung durch die damalige Vorsitzende der Heimatfreunde, Gertrud Block, dankte sie den Teilnehmern für ihr Kommen sowie den Organisatoren der Veranstaltung. Ein besonderer Dank galt Michael Koelges, M.A., Leiter des Stadtarchivs Koblenz, der die Führung fachkundig übernahm. Das Fort Konstantin bot mit seiner Lage oberhalb der Stadt den passenden Rahmen für die Auseinandersetzung mit der Koblenzer Stadt- und Festungsgeschichte.
Vom Kloster zur preußischen Festung
Bevor das Fort Großfürst Konstantin entstand, befand sich auf dem heutigen Karthäuserberg über Jahrhunderte ein Kartäuserkloster. Der Stadtteil Karthause verdankt ihm bis heute seinen Namen. Gegründet wurde das Kloster im 14. Jahrhundert durch Erzbischof Balduin von Luxemburg auf dem Gelände eines älteren Benediktinerklosters. Mit der Besetzung des Rheinlandes durch französische Revolutionstruppen endete 1794 das klösterliche Leben.
Nach dem Wiener Kongress fiel das Rheinland an Preußen. Um die neue Westgrenze gegenüber Frankreich zu sichern, entstand rund um Koblenz eines der bedeutendsten Festungssysteme Europas. Zwischen 1822 und 1827 wurde in diesem Zusammenhang auch das Fort Großfürst Konstantin errichtet. Von der ehemaligen Klosteranlage sind heute noch die freigelegte Krypta sowie die eindrucksvolle Aussicht über Koblenz erhalten.
Die Festung Koblenz-Ehrenbreitstein
Michael Koelges erläuterte, dass die eigentliche Festung nicht nur aus der Feste Ehrenbreitstein bestand. Vielmehr bildeten zahlreiche vorgelagerte Festungswerke ein ausgeklügeltes Verteidigungssystem auf beiden Rheinseiten.
Zu diesen Anlagen gehörten unter anderem die Feste Kaiser Alexander auf der Karthause, die Feste Kaiser Franz in Lützel sowie das Fort Asterstein. Ergänzt wurden sie durch weitere Vorwerke und vorgeschobene Befestigungen, die nach den damals modernen Grundsätzen des Festungsbaus angelegt wurden. Gemeinsam bildeten sie die Festung Koblenz-Ehrenbreitstein.
Nach dem Ersten Weltkrieg mussten große Teile der Festungsanlagen aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags geschleift werden. Von der ehemaligen Feste Kaiser Alexander sind heute nur noch einzelne Spuren im Straßenverlauf der Alt-Karthause erkennbar.
Fort Konstantin im Zweiten Weltkrieg
Auch während des Zweiten Weltkriegs spielte das Fort Konstantin eine wichtige Rolle. Bereits beim Betreten der Anlage lassen sich noch heute Spuren der Kämpfe im März 1945 entdecken. Rillen in den Schrammsteinen werden den Ketten amerikanischer Panzer zugeschrieben, Einschusslöcher in Toren und Mauern erinnern an die letzten Gefechte.
Im Inneren des Forts befand sich die Luftschutzzentrale der Stadt. Von hier aus wurden wichtige Nachrichten übermittelt und die Luftwarnungen koordiniert. Selbst nachdem amerikanische Truppen große Teile von Koblenz bereits besetzt hatten, hielten sich deutsche Soldaten noch im Fort auf und leisteten Widerstand.
Dass die Koblenzer Festungsanlagen nach Kriegsende weitgehend erhalten blieben, war keineswegs selbstverständlich. Michael Koelges schilderte, dass sich amerikanische Militärs gemeinsam mit Vertretern der Stadtverwaltung für ihren Erhalt einsetzten. Sie überzeugten die Besatzungsmacht davon, dass die Anlagen ihren militärischen Zweck längst verloren hatten und stattdessen als bedeutende Zeugnisse der Stadtgeschichte bewahrt werden sollten.
Ehrenamt bewahrt ein bedeutendes Denkmal
Ein besonderes Anliegen des Referenten war es, auf die Arbeit der Fördervereine hinzuweisen. Die historischen Festungsanlagen befinden sich im Eigentum der Stadt Koblenz. Erst durch das langjährige ehrenamtliche Engagement zahlreicher Vereinsmitglieder konnten viele Bereiche restauriert, gepflegt und der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden.
Die Arbeit dieser Vereine leistet bis heute einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der preußischen Festungslandschaft und macht ihre Geschichte für Besucher erlebbar.
Die Ausstellung „Koblenz im Zweiten Weltkrieg“
Im Anschluss führte Michael Koelges durch die Ausstellung des Stadtarchivs Koblenz, die auf Fort Konstantin eingerichtet wurde.
Die Idee entstand bereits Anfang der 2000er Jahre auf Initiative des Seniorenbeirats der Stadt Koblenz. Nach einigen Jahren wurde das Projekt erneut aufgegriffen und schließlich unter Federführung des Stadtarchivs verwirklicht. Maßgeblich an der Umsetzung beteiligt war Dr. Petra Weiß, die mit großem persönlichem Engagement und vergleichsweise geringen finanziellen Mitteln eine Ausstellung schuf, die bis heute große Beachtung findet.

Der Rundgang macht deutlich, dass sich die Ausstellung nicht auf die Zerstörung der Stadt beschränkt. Ebenso werden die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen beleuchtet, die den Weg in den Zweiten Weltkrieg ebneten. Ziel ist es, nicht nur die Folgen des Krieges zu dokumentieren, sondern auch seine Ursachen verständlich zu machen.
Bereits im Eingangsbereich fällt eines der eindrucksvollsten Ausstellungsstücke ins Auge: die sogenannte „Metternicher Bombe“, eine britische Luftmine mit einem Gewicht von rund 1,8 Tonnen. Solche Luftminen sollten vor allem durch ihre enorme Druckwelle Dächer abdecken und gemeinsam mit Brandbomben verheerende Feuerstürme auslösen.
Die Bombenhülle wurde 1999 auf dem Gelände der ehemaligen Pionierkaserne in Koblenz-Metternich entdeckt, entschärft und später in die Ausstellung übernommen. Michael Koelges erinnerte in diesem Zusammenhang auch an den Fund einer baugleichen Luftmine im Jahr 2011 am Pfaffendorfer Rheinufer. Die Entschärfung machte damals die Evakuierung von mehr als 45.000 Menschen erforderlich und zählt bis heute zu den größten Evakuierungsmaßnahmen in der Geschichte der Bundesrepublik. Beide Funde verdeutlichen, dass die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs auch Jahrzehnte nach Kriegsende noch immer präsent sind.
Nationalsozialismus und der Weg in den Krieg
Die Ausstellung erläutert zunächst die politischen Entwicklungen, die zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs führten. Anhand zahlreicher Dokumente wird aufgezeigt, wie sich der Nationalsozialismus nach der Machtübernahme 1933 Schritt für Schritt in allen Bereichen des öffentlichen Lebens etablierte. Ideologie, Propaganda und staatliche Kontrolle prägten zunehmend den Alltag der Bevölkerung.
Auch Koblenz blieb von dieser Entwicklung nicht unberührt. Als Sitz des Gaus Koblenz-Trier gewann die Stadt innerhalb der nationalsozialistischen Verwaltungs- und Parteistrukturen an Bedeutung. Zugleich verdeutlichte Michael Koelges, dass die politischen Verhältnisse vor Ort differenziert betrachtet werden müssen. So zeigen historische Untersuchungen, dass sich das Wahlverhalten in den überwiegend katholisch geprägten Regionen teilweise von dem in protestantischen Gebieten unterschied.
Gleichschaltung und Verfolgung
Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung ist die schrittweise Gleichschaltung des gesellschaftlichen Lebens. Vereine und Verbände wurden nach dem Führerprinzip organisiert, öffentliche Einrichtungen der NS-Ideologie untergeordnet und politische Gegner systematisch ausgeschaltet.
Besonders eindringlich wird die zunehmende Verfolgung der jüdischen Bevölkerung dargestellt. Nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 verschärften sich Ausgrenzung und Entrechtung kontinuierlich, bis sie schließlich in Deportation und Ermordung mündeten. Auch Sinti und Roma sowie weitere Bevölkerungsgruppen wurden Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung.
Anhand von Unterlagen aus dem Stadtarchiv zeigte Michael Koelges, wie selbst amtliche Dokumente die Verbrechen verschleierten. So findet sich in Einwohnermeldeunterlagen vielfach der Begriff „evakuiert“, obwohl tatsächlich Deportationen in Konzentrations- und Vernichtungslager gemeint waren.
Jugend im Nationalsozialismus
Ein weiterer Ausstellungsbereich widmet sich der Hitlerjugend. Mit der Einführung der allgemeinen Mitgliedschaft entwickelte sie sich ab 1936 zur staatlichen Jugendorganisation. Freizeit, Erziehung und Ausbildung wurden zunehmend militarisiert und auf die Ziele des Regimes ausgerichtet.
Während des Krieges wurden Jugendliche immer stärker für kriegswichtige Aufgaben herangezogen. Gegen Ende des Krieges kamen viele von ihnen im Volkssturm oder sogar unmittelbar an der Front zum Einsatz.
Koblenz bereitet sich auf den Luftkrieg vor
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs traf die Stadt umfangreiche Vorbereitungen für mögliche Luftangriffe. Da Koblenz ein bedeutender Eisenbahn- und Verkehrsknotenpunkt war, galt sie früh als strategisches Angriffsziel der Alliierten.
Die Ausstellung dokumentiert zahlreiche Maßnahmen des Luftschutzes. Dachböden wurden entrümpelt, um Brandgefahren zu verringern, Luftschutzräume eingerichtet und Löschgeräte sowie Sandsäcke bereitgestellt. Aus Sorge vor möglichen Giftgasangriffen erhielten viele Einwohner außerdem Gasmasken.
Gleichzeitig entstanden zahlreiche öffentliche Bunker. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl verfügte Koblenz über eine außergewöhnlich hohe Zahl an Schutzplätzen – ein Hinweis darauf, welche Bedeutung die Stadt im Kriegsfall besaß.
Die Bombenangriffe auf Koblenz
Obwohl andere deutsche Städte bereits früh schwer bombardiert wurden, blieb Koblenz zunächst vergleichsweise verschont. Erst ab 1942 häuften sich die Luftangriffe. Anfangs handelte es sich vielfach um Bomben, die von amerikanischen Flugzeugen auf dem Rückflug abgeworfen wurden. Mit zunehmender Kriegsdauer entwickelten sich daraus gezielte Angriffe auf Verkehrswege, Industrieanlagen und schließlich auch auf das Stadtgebiet.
Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll, wie sich der Alltag der Bevölkerung dadurch veränderte. Nach den ersten größeren Angriffen wurden Informationsblätter verteilt, die Hinweise für den Verlust von Wohnung und Eigentum sowie Anlaufstellen für Betroffene enthielten.
Michael Koelges erläuterte außerdem die unterschiedlichen Strategien der alliierten Luftstreitkräfte. Während amerikanische Bomber vor allem tagsüber militärische und industrielle Ziele angriffen, setzte die britische Royal Air Force verstärkt auf nächtliche Flächenbombardements, die ganze Stadtviertel erfassten. Ziel war es, neben der Zerstörung der Infrastruktur auch die Moral der Bevölkerung zu schwächen.
Gleichzeitig machte der Referent deutlich, dass diese Entwicklung im Zusammenhang mit dem Luftkrieg insgesamt betrachtet werden müsse. Bereits zuvor hatte das Deutsche Reich britische Städte bombardiert, sodass sich der Luftkrieg zu einer wechselseitigen Eskalation entwickelte, unter der vor allem die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten schwer litt.
Propaganda und Alltag im Krieg
Ein weiterer Themenbereich befasst sich mit dem Versuch des Regimes, selbst die Folgen der Bombenangriffe propagandistisch zu nutzen. Trauerfeiern und Beisetzungen wurden vielfach zu politischen Veranstaltungen umgestaltet und für Durchhalteparolen missbraucht.
Als Beispiel für persönlichen Widerstand erwähnte Michael Koelges den evangelischen Pfarrer Paul Schneider, der sich der Vereinnahmung kirchlicher Handlungen durch das NS-Regime widersetzte und dafür mit seiner Verfolgung bezahlte.
Rationierung und Versorgung
Mit zunehmender Kriegsdauer verschlechterte sich die Versorgungslage spürbar. Bereits vor Kriegsbeginn war der sogenannte Eintopfsonntag eingeführt worden. Er sollte die Bevölkerung an Einschränkungen gewöhnen und zugleich Geld für das Winterhilfswerk einbringen. Die Ausstellung zeigt zeitgenössische Rezepthefte und Informationsblätter, die diesen Gedanken propagierten.
Lebensmittel konnten nur noch gegen Bezugsscheine erworben werden. Auch Kleidung unterlag einer strengen Rationierung und durfte nur mit entsprechenden Reichskleiderkarten gekauft werden.
Eine zentrale Rolle spielte dabei das städtische Wirtschaftsamt, das die Ausgabe und Verwaltung der Lebensmittel- und Kleiderkarten organisierte. Die gezeigten Dokumente vermitteln einen anschaulichen Eindruck davon, wie stark der Alltag der Menschen inzwischen von Mangelwirtschaft, staatlicher Kontrolle und den Anforderungen des Krieges geprägt war.
Fort Konstantin als Luftwarn- und Kommandostand
Im weiteren Verlauf der Führung wurde die besondere Rolle des Fort Konstantin im Luftkrieg erläutert. Ab 1944 befand sich hier die zentrale Luftwarnstelle für den Raum Koblenz. Zuvor waren entsprechende Dienststellen mehrfach verlegt worden, unter anderem in andere Gebäude der Stadt, bevor sie schließlich im Fort Konstantin konzentriert wurden.
Von hier aus erfolgte die Auswertung von Meldungen über anfliegende Flugverbände sowie die Alarmierung der Bevölkerung. Sirenen und Meldesysteme sollten möglichst frühzeitig vor Angriffen warnen und den Schutz der Zivilbevölkerung ermöglichen. Das Fort war damit nicht nur Teil der historischen Festungslandschaft, sondern auch ein zentraler organisatorischer Knotenpunkt im Luftschutzsystem der letzten Kriegsjahre.
Letzte Kriegstage und Kampfhandlungen
Die Ausstellung macht deutlich, dass Koblenz erst relativ spät im Krieg massiv zerstört wurde. Der schwerste Luftangriff traf die Stadt im November 1944 und führte zu erheblichen Schäden sowie zu zahlreichen Opfern.
In den letzten Kriegsmonaten verschärfte sich die militärische Lage weiter. Auch das Fort Konstantin selbst wurde in den Endkämpfen noch einmal zum Schauplatz von Widerstand. Einzelne Einheiten der Wehrmacht hielten sich dort auf und leisteten bis zuletzt Widerstand, obwohl die militärische Lage bereits aussichtslos war.
Spuren dieser Ereignisse sind teilweise bis heute am Bauwerk ablesbar und wurden im Rahmen der Führung erläutert.
Evakuierung und Kriegsende in Koblenz
Nach den schweren Luftangriffen begann die schrittweise Evakuierung großer Teile der Bevölkerung. Vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen wurden in weniger gefährdete Regionen verlegt, unter anderem nach Thüringen. Diese Maßnahmen waren Teil eines reichsweiten Systems von Ausweich- und Evakuierungsgebieten.
Viele der Betroffenen verbrachten dort die letzten Kriegsmonate unter schwierigen Bedingungen, bevor sie nach Kriegsende zurückkehren konnten oder in andere Regionen gelangten.
Mit dem Vorrücken der alliierten Truppen erreichte der Krieg Anfang 1945 auch Koblenz endgültig. Amerikanische Einheiten näherten sich der Stadt aus mehreren Richtungen, überschritten den Rhein und besetzten das linke Rheinufer. Der Krieg endete für Koblenz mit dem Einmarsch der US-Truppen und der anschließenden Besetzung der Stadt.
Nachkriegszeit und Umgang mit der Festungslandschaft
Die Ausstellung thematisiert auch die unmittelbare Nachkriegszeit und den Umgang mit den verbliebenen Festungsanlagen. Während zahlreiche militärische Einrichtungen in anderen Regionen vollständig zerstört wurden, blieb das Festungssystem um Koblenz in weiten Teilen erhalten.
Dies war unter anderem auch darauf zurückzuführen, dass sich sowohl lokale Akteure als auch Vertreter der Besatzungsmacht für den Erhalt einzelner Anlagen einsetzten. Die Festungswerke hatten ihre militärische Funktion verloren und wurden zunehmend als historische Zeugnisse verstanden.











Führung auf Fort Konstantin | Fotos © Andreas Weber, Berndt Frosch
Abschluss der Führung
Zum Ende der Führung dankte die damalige Vorsitzende der Heimatfreunde Horchheim, Gertrud Block, dem Referenten Michael Koelges herzlich für die anschauliche und fundierte Darstellung der Ausstellung sowie die ausführlichen Erläuterungen zur Geschichte des Fort Konstantin und der Stadt Koblenz im Zweiten Weltkrieg.
Die Teilnehmer erhielten einen eindrucksvollen Überblick über die vielschichtige Entwicklung der Stadt von der preußischen Festungszeit bis in die Zerstörungen und Umbrüche des 20. Jahrhunderts.
Als Zeichen des Dankes überreichten die Heimatfreunde Horchheim ein Weinpräsent an den Referenten.
Text: Andreas Weber
nach einer Transkription des Vortrags von Michael Koelges
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