Ein Wappenstein, ein Bolzplatz und fast 150 Jahre Eisenbahn

Presse

Was die aktuelle Bahnbaustelle mit der Geschichte der Horchheimer Eisenbahnbrücke zu tun hat.

Seit Ende September 2026 ist ein Teil des Horchheimer Bolzplatzes von einem Bauzaun umgeben. Die Deutsche Bahn benötigt den nördlichen Bereich vorübergehend als Baustelleneinrichtungsfläche. Für viele Horchheimer war das zunächst überraschend: Was hat der Bolzplatz mit der Eisenbahn zu tun – und warum wird die Fläche gerade jetzt gebraucht?

Eine Antwort darauf steht gleich am Eingang des Platzes: der Wappenstein der alten Horchheimer Eisenbahnbrücke. Die Heimatfreunde Horchheim haben ihn dort aufgestellt und eingeweiht. Er stammt von den historischen rotsandsteinernen Tortürmen der 1878/1879 erbauten, im Zweiten Weltkrieg zerstörten alten Horchheimer Eisenbahnbrücke.

Damit treffen hier aktuelle Bauarbeiten und fast 150 Jahre Horchheimer Eisenbahngeschichte unmittelbar aufeinander.

Eine Brücke, die Horchheim mit dem Eisenbahnnetz verband

Die Horchheimer Eisenbahnbrücke über den Rhein wurde ab 1876 errichtet und 1878 fertiggestellt. Der fahrplanmäßige Eisenbahnverkehr begann am 15. Mai 1879. Die Brücke verband die Eisenbahnstrecken auf beiden Seiten des Rheins und wurde damit zu einem wichtigen Bestandteil der Verbindung von Koblenz in Richtung Wetzlar und weiter nach Mittelhessen.

Die ursprüngliche Brücke besaß große eiserne Stromöffnungen und gemauerte Vorlandbrücken. An den Übergängen standen die markanten Tor- oder Wappentürme aus rotem Sandstein. Einer dieser historischen Steine befindet sich heute am Horchheimer Bolzplatz.

Die Brücke wurde im Laufe ihrer Geschichte mehrfach verstärkt. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie beim Rückzug der deutschen Wehrmacht nahezu vollständig zerstört. Bereits 1947 konnte eine provisorische Brücke wieder für den Eisenbahnverkehr genutzt werden. 1961 erhielt die Rheinquerung schließlich ihre heutige Form.

Die Eisenbahnverbindung ist damit fast 150 Jahre alt – und muss nun erneut an die heutigen technischen Anforderungen angepasst werden.

Das „Kreuzungsbauwerk“ ist nicht die gesamte Rheinbrücke

Bei der Informationsveranstaltung am 27. September auf dem Bolzplatz kam zunächst eine Frage auf, die auch für die Bezeichnung des Projekts wichtig ist: Was genau ist eigentlich das sogenannte Kreuzungsbauwerk?

Gemeint ist damit nicht die gesamte Horchheimer Eisenbahnbrücke über den Rhein. Das Kreuzungsbauwerk liegt auf der Horchheimer Seite im Bereich, in dem sich die Gleise verzweigen und die Strecke über die darunter verlaufende rechte Rheinstrecke führt. Es handelt sich um den landseitigen Teil der Bahntrasse und nicht um die großen Rheinöffnungen der Brücke.

Dieses Bauwerk stammt aus dem Jahr 1930 und wurde um 1960 in einer besonderen Bauweise erweitert. Diese Konstruktion entspricht heute nicht mehr den technischen Anforderungen. Hinzu kommen die inzwischen notwendigen Anpassungen an die Oberleitung und weitere aktuelle Regelwerke.

Nach den Untersuchungen der Deutschen Bahn ist eine Erneuerung deshalb dringend erforderlich.

Warum gerade jetzt?

Die zeitliche Planung hängt eng mit der ohnehin laufenden Generalsanierung der rechten Rheinstrecke zusammen. Die Strecke ist derzeit für umfangreiche Arbeiten gesperrt. Dadurch konnten Untersuchungen und Vorarbeiten durchgeführt werden, die während des laufenden Bahnbetriebs kaum möglich wären.

Ein wichtiger Schritt ist dabei die Absenkung der Gleise. Nach Angaben der Bahn müssen die Gleise auf einer längeren Strecke um rund 80 Zentimeter tiefer gelegt werden. Hintergrund sind unter anderem die heutigen Anforderungen an die Oberleitung. Das Gleis kann dabei nicht einfach unmittelbar vor dem Bauwerk abgesenkt werden. Die Höhenänderung muss sich über eine längere Strecke verteilen.

Die Arbeiten werden deshalb in zwei Phasen durchgeführt: 2026 erfolgen die Gleisabsenkung sowie Arbeiten an Oberleitung und Signaltechnik. Die eigentliche Erneuerung des Kreuzungsbauwerks ist für 2027 vorgesehen.

Für den Einbau des neuen Bauwerks ist dann erneut eine rund dreiwöchige Sperrung der Bahnstrecke notwendig. Die Deutsche Bahn will diese Arbeiten bewusst mit bereits geplanten Sperrungen verbinden, um zusätzliche Einschränkungen für den Bahnverkehr möglichst zu vermeiden.

Warum dafür der Bolzplatz gebraucht wird

Eine weitere Frage aus dem Bürgergespräch war naheliegend: Wird auf dem Bolzplatz nun tatsächlich das neue Bahn-Bauwerk errichtet?

Nein. Der nördliche Teil des Bolzplatzes dient lediglich als Baustelleneinrichtungsfläche. Dort werden Baumaterialien angeliefert, zwischengelagert und für den Einsatz an der Bahnstrecke vorbereitet. Dadurch können die benötigten Materialien schnell dorthin gebracht werden, wo sie auf der Baustelle gebraucht werden.

Das neue Kreuzungsbauwerk selbst wird nicht auf dem Bolzplatz gebaut. Es entsteht parallel zur Bahnstrecke und wird später mit speziellen Fahrzeugen auf dem Gleis in seine endgültige Position gebracht.

Die Nutzung des Bolzplatzes ist deshalb vorübergehend. Nach Abschluss der Arbeiten soll die Fläche wiederhergestellt werden.

Der Bolzplatz bleibt teilweise nutzbar

Der südliche Bereich des Sportgeländes bleibt für Kinder und Jugendliche weiterhin zugänglich. Auch der Bolzplatz kann dort weiter genutzt werden.

Der Basketballplatz wird vorübergehend verlegt. Dafür entsteht auf einer gelb markierten Fläche ein neuer Standort mit befestigtem, ruhigem Untergrund und einer Einfriedung. Nach Angaben der Stadt soll dieser Platz bis zum 2. November 2026 zur Verfügung stehen.

Auch die Bushaltestelle am Bolzplatz bleibt vollständig nutzbar.

Für die Baustelleneinrichtung müssen allerdings drei Bäume im nördlichen Bereich gefällt werden. Nach Abschluss der Arbeiten sind Ersatzpflanzungen vorgesehen. Auch der Boden soll anschließend wieder entsprechend hergerichtet werden.

Der Wiesenpfad und die Stützwand

Eine weitere Frage betraf den Wiesenpfad und die dortige Stützwand. Der Bereich ist bereits gesperrt, weil die Standsicherheit der Wand nicht mehr ausreichend ist und gleichzeitig schwere Baufahrzeuge in diesem Bereich unterwegs sind.

Hier ergibt sich eine Verbindung zum geplanten neuen Feuerwehrhaus in Horchheim: Die Deutsche Bahn übernimmt im Rahmen ihrer Arbeiten den Abbruch und die Entsorgung der vorhandenen Stützwand.

Damit wird eine ohnehin notwendige Maßnahme für das spätere Feuerwehrhaus vorgezogen. Die Stadt kann anschließend die weiteren Arbeiten an der Wand und am Baugrund vorbereiten.

Was passiert mit Radfahrern und Fußgängern?

Auch der Verkehr rund um die Bahnstrecke war ein wichtiges Thema des Informationsgesprächs.

Der Rad- und Fußweg über die Horchheimer Eisenbahnbrücke muss während bestimmter Bauphasen vollständig gesperrt werden. Für die erste Sperrung ist nach den derzeitigen Planungen der Zeitraum vom 26. Oktober bis zum 29. November 2026 vorgesehen. Eine weitere Sperrung ist für den Sommer 2027 geplant, voraussichtlich vom 5. bis 31. Juli.

Für den Radverkehr werden entsprechende Umleitungen ausgeschildert.

Auch der Leinpfad in Horchheim bleibt bis Ende 2026 gesperrt. Im Sommer 2027 kommt im Zusammenhang mit den Bauarbeiten eine weitere Sperrung hinzu.

Die genaue Verkehrsführung kann sich im Bauablauf noch ändern. Die Deutsche Bahn verwies deshalb auf die jeweils aktuellen Informationen zum Bauprojekt.

Was bedeutet die Baustelle für den Bahnverkehr?

Für den Bahnverkehr Richtung Bad Ems und Limburg bedeutet die Maßnahme ebenfalls Einschränkungen. Im Jahr 2026 sollen über die bereits angekündigten Einschränkungen hinaus keine zusätzlichen größeren Sperrungen entstehen.

Anders sieht es während der eigentlichen Erneuerung des Kreuzungsbauwerks im Sommer 2027 aus. Dafür ist eine mehrwöchige Sperrung erforderlich. Die Arbeiten sollen nach derzeitiger Planung in den Sommerferien durchgeführt werden.

Die Deutsche Bahn versucht damit, die notwendige Sperrung mit der ohnehin eingeschränkten Nutzung der Strecke zu verbinden.

Auch Martinsfeuer und Kirmes bleiben möglich

Bei der Bürgerinformation wurden auch ganz praktische Fragen gestellt: Was wird aus dem Martinsfeuer? Und kann die Horchheimer Kirmes 2027 stattfinden?

Beides soll trotz der Baustelle möglich bleiben.

Das Martinsfeuer im November 2026 kann auf der südlichen Fläche stattfinden. Da der bisherige Standort im Baustellenbereich liegt, stellt die Deutsche Bahn dafür eine entsprechende Feuerschale zur Verfügung.

Auch die Horchheimer Kirmes vom 28. bis 31. Mai 2027 soll stattfinden können. Für Aufbau, Veranstaltung und Abbau will die Bahn die dafür benötigten Flächen rechtzeitig freimachen. Ausgenommen bleiben lediglich unmittelbar an der Bahn gelegene Bereiche, die aus Sicherheitsgründen nicht genutzt werden können.

Das Feuerwehrhaus soll dadurch nicht später kommen

Auch zum geplanten neuen Feuerwehrhaus gab es zahlreiche Fragen. Nach derzeitigem Zeitplan soll das Projekt durch die Baustelleneinrichtung der Deutschen Bahn nicht verzögert werden.

Die Stadt arbeitet derzeit an den erforderlichen Genehmigungen. Für die Maßnahme an der Stützwand und für das eigentliche Feuerwehrhaus laufen getrennte Verfahren. Die Genehmigungen werden nach derzeitiger Planung Anfang 2027 erwartet. Die Ausschreibung soll im zweiten Quartal erfolgen, der Baubeginn ist für das dritte Quartal 2027 vorgesehen.

Die Deutsche Bahn plant, die Baustelleneinrichtungsfläche auf dem Bolzplatz bis Ende September 2027 zu nutzen. Danach soll das Gelände wieder an die Stadt übergeben werden.

Geplant ist ein Feuerwehrhaus für bis zu vier Fahrzeuge mit verbesserten Umkleide- und Aufenthaltsmöglichkeiten sowie einem Schulungsraum.

Der Wappenstein wird eingelagert – und kommt wieder zurück

Und damit sind wir wieder beim Wappenstein am Eingang des Bolzplatzes.

Der historische Stein stammt von der alten Horchheimer Eisenbahnbrücke und erinnert damit genau an den Ort, um den es bei den aktuellen Bauarbeiten geht. Die Heimatfreunde Horchheim haben ihn dort aufgestellt und eingeweiht, damit ein Stück dieser Brückengeschichte im Ort erhalten bleibt.

Während der Bauarbeiten wird der Wappenstein aus Sicherheitsgründen abgebaut und sicher eingelagert. Nach Abschluss der Arbeiten soll er wieder an seinen bisherigen Platz zurückkehren.

So bleibt auch während einer modernen Bahnbaustelle ein kleines Stück der alten Horchheimer Eisenbahngeschichte sichtbar.

Zwei Brücken – und ein Stück Horchheimer Geschichte

Wenn in den kommenden Monaten auf dem Bolzplatz Baumaterial gelagert wird, Gleise abgesenkt werden und an der Bahnstrecke gearbeitet wird, geht es also nicht um irgendeine Baustelle.

Die Horchheimer Eisenbahnverbindung hat seit 1879 zahlreiche Veränderungen erlebt: die erste Rheinbrücke mit ihren Sandsteintürmen, Verstärkungen und Umbauten, die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, den provisorischen Wiederaufbau und schließlich die heutige Brückenkonstruktion von 1961.

Nun steht mit der Erneuerung des Kreuzungsbauwerks der nächste große Eingriff bevor. Der Bolzplatz wird dabei für einige Zeit Teil dieser aktuellen Baugeschichte – und der Wappenstein erinnert gleichzeitig an das, was an diesem Ort schon lange vorher mit der Eisenbahn verbunden war.

Danke für die Informationen und das Gespräch

Die Heimatfreunde Horchheim bedanken sich bei Bürgermeisterin Dr. Dagmar Kranz, Baudezernent Prof. Dr. Andreas Lukas sowie bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Deutschen Bahn für die ausführlichen Informationen und die Möglichkeit, die Fragen rund um die Baustelleneinrichtung und die anstehenden Arbeiten direkt vor Ort anzusprechen.

Ein schönes Detail ergab sich erst im anschließenden Gespräch: Mit Jana Heimann war auch eine Mitarbeiterin der Deutschen Bahn vor Ort, die den Heimatfreunden bereits aus einem ganz anderen Zusammenhang bekannt ist. Wie wir dabei feststellten, war sie 2023 die Tunnelpatin des Horchheimer Tunnels. Während der Bauzeit trug der Tunnel ihren Namen; nach Abschluss der Arbeiten erhielt er wieder seinen ursprünglichen Namen. Die Tradition der Tunnelpatin geht auf die Verehrung der heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute und Tunnelbauer, zurück.

So gab es bei einem Informationsabend über ein großes Bahnprojekt am Ende auch eine kleine persönliche Verbindung zur Horchheimer Geschichte – ganz passend zu einem Ort, an dem sich seit fast 150 Jahren Eisenbahn- und Ortsgeschichte begegnen.


Horchheim im Juli 2026 – Bauarbeiten und nächtliche Brückeneinhübe





Text und Fotos: Andreas Weber.
Das erste Tableau und die historischen Aufnahmen stammen aus der Fotosammlung der Heimatfreunde Horchheim e.V., Ortsmuseum.


Rückblick: Beim Tag des offenen Horchheimer Tunnels 2023 konnten die Heimatfreunde einen Blick hinter die Kulissen der Sanierungsarbeiten werfen.

Zum Weiterlesen: Zwei Beiträge aus den Horchheimer Kirmeszeitungen zur Geschichte der Eisenbahnbrücke stehen als PDF zum Download zur Verfügung: „Horchheimer Brücke – Rückblende in die Geschehnisse der letzten Kriegstage vor Ort“ von K. H. Melters, Kirmeszeitung 1960, sowie „1879–1979 – Ein Jahrhundert Horchheimer Eisenbahnbrücke“ von Hans Josef Schmidt, Kirmeszeitung 1979.

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