am 11. September 1909 in Duisburg-Großenbaum geboren, absolvierte nach der Schulzeit zunächst eine Klavierbauer-Lehre bei der berühmten Firma Mand in Koblenz.
Er stammte aus einer Familie, in der die Musik immer eine große Rolle gespielt hat. Sein Großvater Heinrich Wüst (1832-1916) kam 1857 als Lehrer, Küster und Organist nach Horchheim. Auch der Vater Josef (1878-1945) fungierte eine Zeitlang als Organist an St. Maximin. So kam es nicht von ungefähr, dass Hans Wüst schon im Alter von 15 Jahren (1924) als Organist an St. Maximin tätig war.
Seine ersten musikalischen Gehversuche ging er allerdings als Autodidakt an. Die entscheidende musikalische Fortbildung erhielt er am Konservatorium in Koblenz. Sein Mentor war Adolf Heinemann, Organist an St. Florin und damals schon ein in Koblenz bekannter Orgelkünstler. Ihm eiferte Hans Wüst nach und machte sich ebenfalls schon bald im Koblenzer Raum einen Namen, wobei ihm nicht zuletzt auch das 1 ½-jährige Studium an der Rheinischen Musikschule in Köln ab 1930 zu Gute kam. Mit Bravour legte er ein vorgezogenes Examen bei seinen Lehrmeistern Prof. Wilhelm Maler (Musiktheorie) und P. Baumgartner (Klavierunterricht) ab.
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Hans Wüst 1945 die Leitung des Horchheimer Kirchenchores.
Orgel in St. Maximin | Foto: Jürgen Dewald
Drei Messen hat er geschrieben: die Ostermesse „Christ ist erstanden“ 1940, die Weihnachtsmesse mit Melodieanfängen bekannter Weihnachtslieder 1945/46 und die Marienmesse „Salve Regina“ 1952.
Daneben hat er noch mehrere Liedsätze und Motetten komponiert und halt eben auch die Harmonie zum Horchheimer Nationallied nach Text und Melodie von Karl Wörsdörfer geschrieben.
Seit 1955 war Wüst auch Musiklehrer am Johannes-Gymnasium Lahnstein. Er verstarb leider viel zu früh am 18. Januar 1963.
Eva Hellendag wurde am 26. März 1923 in Koblenz geboren. Die Familie – der Vater Simon Hellendag war Holländer und Kaufmann – wohnte in Horchheim in der Emser Straße 269. Sie besuchte die Horchheimer Schule von 1929 bis 1933. Mit dem Tod des Vaters am 4. Juli 1935 war die unbeschwerte Kindheit in einem Paradies beendet.
Nach dem Wechsel auf das Hilda-Gymnasium war sie auf Grund ihrer jüdischen Abstammung verstärkt Diffamierungen, Beleidigungen und Beschimpfungen ausgesetzt, obwohl die Familie „in Horchheim vom Antisemitismus nicht gar zu viel gespürt hat“. Zusammen mit der zweiten Jüdin, Helga Treidel, musste sie in der letzten Bank sitzen. Sie durften sich nicht melden und wurden nur noch „Unkraut“ genannt, gemieden und bespuckt.
1937 wurde Eva von der Hilda-Schule verwiesen und ging in der Zeit nach dem 23.3.1937 von Koblenz nach Amsterdam, wo sie vor der polizeilichen Anmeldung am 26.2.1938 ankam. Sie besuchte die „Industrielle Hochschule, Abteilung Kunst“ und verdiente sich Geld, indem sie Zeichnungen und Illustrationen für Zeitschriften fertigte.
Nach der Besetzung Amsterdams durch die deutsche Wehrmacht am 14. Mai 1940 musste Eva die Schule wieder verlassen, erlernte bei einem befreundeten Pelzfachmann das Rauchwaren-Handwerk und fertigte warme Winterkleidung für die deutschen Armeen in der Sowjetunion. Sie musste sich mit 499 anderen jüdischen Jugendlichen für ein „Arbeitslager“ melden, wurde aber durch eine glückliche Fügung vergessen. Ihre Mutter, ihre Großmutter und Eva selbst wurden schließlich von holländischen Nazis festgenommen und auf dem Sammelplatz „selektiert“. Am oder vor dem 11.11.1942 wurde Eva im Sammellager in der Hogere Burgerschool in Amsterdam von ihrer Mutter und Großmutter getrennt. Eva kam in das Schowburg-Theater Amsterdam, einem Sammelplatz für Juden, und von dort in das Kamp Vught (Konzentrationslager Herzogenbusch).
Nach einer Bescheinigung des Niederländischen Roten Kreuzes vom 31.5.1954 hatte sie in Amsterdam, Biesboschstraat 75, gewohnt, wurde dann aber am 10./11.4.1943 in Vught eingeliefert. Es folgten grausame Jahre. Ihre Mutter, die im KZ Auschwitz vergast wurde, und Großmutter sollte sie nie mehr wiedersehen. Im KZ Vught wurde sie bei der Herstellung von Senderöhren für die Firma Philipps eingesetzt. Am 2. (oder 3.?) Juni 1944 wurde sie im Viehwaggon in das KZ Auschwitz-Birkenau gebracht, wo sie für die Firma Telefunken kriegswichtige elektronische Geräte herstellen musste.
Nach der Zerstörung der Fabrikanlagen in Auschwitz durch Bomben ging der Leidensweg weiter: 10.6.1944 Außenkommando Reichenbach, 18.1.1945 Außenkommando Langenbielau (beide Lager gehörten zum Konzentrationslager Groß-Rosen), 18.2.1945 Außenkommando Porta Westfalica / KZ Neuengamme und 18.4.1945 Konzentrationslager Beendorf bei Helmstedt. Am 28. April wurde Eva über Ludwigslust in das Außenkommando Eidelstedt / Hamburg / KZ Neuengamme evakuiert. Nach eigenen Angaben erfolgte die Befreiung am 1. Mai. Sie kam – abgemagert auf 31,5 kg und schwer krank – nach Schweden, wo sie zuletzt in Malmö wohnte. Sie war gerade 23 Jahre alt, als sie von Göteborg mit dem Schiff „Drottningholm“ am 30.4.1946 in die USA zu Verwandten fuhr, die aus Holland dorthin geflüchtet waren. Ihren Leidensweg durch die Konzentrationslager hat sie später in ihren Erinnerungen „Ungebrochen durch die Hölle“ geschildert.
In den USA begann sie, Kunst und Kunstgeschichte in New York und Philadelphia zu studieren. Ende 1947 heiratete sie ihren Mann Max Salier, einen gebürtigen Berliner, und zog nach Vineland nahe Philadelphia/New Jersey, wo man anfangs eine Hühnerfarm betrieb. Eva entwarf für eine Werbefirma künstlerische Designs und wurde später Art-Director bei Times Graphics Ind., einem Zeitungsverlag, der die Zeitschriften „New York Review“ und „Moneys Worth“ und die international bekannte „Womans Wear Daily“ herausgab.
Ihrem Heimatort bleibt sie auch bis ins hohe Alter stets verbunden. Eva Salier ist am 12. August 2014 in Fountain Valley/California gestorben.
Am Eisenbahn-Haltepunkt Horchheimer Brücke im Sommer 1934. Hinten v. l.: IIse Zehe verh. Harzheim, Hannelore Koitsch, Eva Hellendag verh. Salier, Karl Zehe. Vorne v. l.: Marlene Köpper verh. Mies, Georg Hue.
Herzlicher Besuch aus den USA im Ortsmuseum Horchheim
Foto: Lothar Stein
Am 30. September 2025 durften wir Ralph und Jane Salier aus den Vereinigten Staaten bei uns im Ortsmuseum Horchheim willkommen heißen. Trotz der noch laufenden Umbauarbeiten nahmen sich unsere Gäste Zeit für eine kleine, persönliche Führung durch das Museum. Das Team des Ortsmuseums, darunter Andreas Weber und Hans Josef Schmidt, hieß das Ehepaar herzlich willkommen. Bei einem kurzen Rundgang konnten die Saliers einen Einblick in die Sammlung und die laufenden Vorbereitungen für die zukünftige Ausstellung gewinnen.
Auf dem Gruppenfoto von links nach rechts: Hans Josef Schmidt, Helmut Geisler-Schnatz, Christiane Schnatz, Jane Salier, Ralph Salier und Andreas Weber.
Blumen für Eva Salier
Am 27. Januar 2025, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, legten Peter Wings und Joachim Hennig vom Förderverein Mahnmal Koblenz gemeinsam mit Mechthild Hof und Andreas Weber vom Vorstand der Heimatfreunde Horchheim Blumen an den Stolpersteinen der Familie Hellendag in der Emser Straße in Horchheim nieder.
Die Zeremonie wurde von einem Fernsehteam aufgezeichnet und in Ausschnitten in der Sendung SWR Aktuell Rheinland-Pfalz ausgestrahlt.
Die Heimatfreunde Horchheim, die gute Kontakte zu Evas Söhnen in den USA haben, setzen mit dieser Gedenkaktion ein Zeichen der Erinnerung und Mahnung, dass die Schrecken der Vergangenheit niemals in Vergessenheit geraten dürfen.
Im August 2023 erhielten die Heimatfreunde Horchheim durch Peter Wings, der die E-Mail von Edward Salier weiterleitete, die Information, dass der Dokumentarfilm „Survival of a Spirit“ nun auf der Website von Prospect and Gold Pictures verfügbar ist.
Die Dokumentation enthält zwei Interviews mit Eva Salier, die von der USC Shoah Foundation und dem Fortunoff Videoarchiv für Zeugenaussagen zum Holocaust bzw. der Bibliothek der Universität Yale zur Verfügung gestellt wurden.
Das Drehbuch und die Regie stammen von Patricia Bury Salier, produziert wurde der Film von Edward Salier.
Das Transkript des Dokumentarfilms wurde mit der freundlichen Genehmigung von Edward und Patricia Salier ins Deutsche übersetzt.
Sohn von KZ-Überlebender Eva Salier besucht Heimatmuseum
Horchheim, 14. September 2022 | Der Sohn Eva Saliers geb. Hellendag, Ralph Salier und dessen Ehefrau Jane, die im Rahmen eines Treffens mit dem christlich-jüdischen Verein und dem Freundeskreis Petah Tikva Koblenz besuchten, statteten auf Initiative von Peter Wings Horchheim einen Besuch ab, denn bis zur Flucht aus Horchheim nach Holland lebte die jüdische Familie Hellendag in ihrem Haus in Horchheim, heute Haus 269 in der Emser Straße. Nach dem Notverkauf ihres Hauses, bedingt durch die sich abzeichnende massive Bedrohung jüdischer Mitbürger durch das Naziregime, flüchteten Simon und Antonie Hellendag mit ihrer Tochter Eva nach Holland in die vermeintliche Sicherheit des Auslands. Doch nach der Besetzung Hollands durch Nazi Deutschland begann in Holland ebenfalls die systematische Erfassung und Deportation der Juden in Konzentrationslager. Nur Eva Salier überlebte den Holocaust in verschiedenen Konzentrationslagern. Stolpersteine vor dem Haus 269 erinnern an das Schicksal der Familie. Die jetzigen Eigentümer des Hauses 269, Familie Schnatz-Geisler, ermöglichten es in großzügiger und freundlicher Weise, dass Ralph und Jane Salier mit deren Sohn, Schwiegertochter und Enkelkind während ihres Aufenthalts in Koblenz dort wohnen konnten. Mit Peter Wings besuchte das Ehepaar Jane und Ralph Salier auch unser Heimatmuseum, wo sie vom Vorstand der Heimatfreunde herzlich empfangen wurden. Besonders angetan zeigte sich Ralph Salier, er ist studierter Archäologe, von den wertvollen Exponaten und Dokumenten aus der wechselvollen und langen Geschichte unseres Ortes.
Ralph Salier und Frau Jane im Ortsmuseum der Heimatfreunde Horchheim 2022 V. l.: Helmut Mandt, Gertrud Block, Mechthild Hof, Jane und Ralph Salier, Peter Wings
Horchheimer Kirmes Magazin 1986 – 2019
Lebensbilder – Ein Schicksal im Holocaust: Die bewegte Geschichte von Eva Salier [PDF]
Anlässlich der 150-Jahrfeier der Hilda-Schule im Jahr 1985 organisierten Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums unter der Leitung von Frau Hildburg Thill eine Ausstellung mit dem Thema „Lebensbilder – Jüdische Mitbürger in Koblenz“. Die Ausstellung lud ehemalige Koblenzer jüdischen Glaubens aus den USA, Israel und Wien ein, darunter auch Eva Salier (geb. Hellendag). Eva verbrachte ihre Jugend in Horchheim und war eine ehemalige Hilda-Schülerin. Die Ausstellung und Begegnung mit ihrer Vergangenheit in Koblenz hinterließen bei Eva Salier einen tiefen Eindruck. Sie betonte die Bedeutung des Engagements junger Menschen gegen das Vergessen der Geschichte. Eva’s Lebensweg wurde von ihrem ehemaligen Horchheimer Mitschüler Heinrich Fischer nachgezeichnet, der sie als eine mutige Überlebende beschreibt.
Erinnern, um nicht zu vergessen: Das Schicksal von Eva Salier und ihrer Familie während der NS-Zeit [PDF]
Im Horchheimer Kirmesmagazin von 2016 wird das bewegende Schicksal von Eva Salier geb. Hellendag und ihrer Familie während der Zeit des Nationalsozialismus beleuchtet. Das Thema der Erinnerung steht im Mittelpunkt, während die Geschichte von Eva Salier und ihren Angehörigen im Kontext der NS-Diktatur aufgezeigt wird. Von der Gewalt gegen jüdische Mitbürger bis zu den Auswirkungen auf Eva Salier und ihre Familie wird ein facettenreiches Bild gezeichnet. Die Initiierung von Stolpersteinen für die Familie Hellendag sowie die persönlichen Erfahrungen von Eva Salier in verschiedenen Konzentrationslagern werden einfühlsam dargestellt. Die Recherche beleuchtet jedoch auch Ungenauigkeiten und falsche Annahmen, die im Laufe der Zeit entstanden sind. Ein aufrichtiger Respekt vor Eva Saliers Schicksal erfordert die Richtigstellung und die Anerkennung ihrer wirklichen Geschichte.
Kunstwerke von Eva Salier an Koblenzer Institutionen übergeben [PDF]
Im Horchheimer Kirmesmagazin von 2017 wird berichtet, wie die Kunstwerke von Eva Salier, einer Überlebenden des Holocaust, an verschiedene Institutionen in Koblenz übergeben wurden. Als Dank für die herzliche Aufnahme bei einem Besuch in Horchheim sandte ihre Familie Kunstalben, Gemälde und Originalbilder an Peter Wings, der die Werke an verschiedene Institutionen weitergab. Unter anderem erhielten das Museum des Vereins der Heimatfreunde Horchheim, das Koblenzer Stadtarchiv und die Grundschule Koblenz-Horchheim Kunstwerke von Eva Salier. Die Kunstwerke dienen nicht nur als Zeugnisse ihrer Kunstfertigkeit, sondern erinnern auch an die Geschichte der Verfolgung und Diskriminierung jüdischer Schülerinnen während der Nazizeit.
Stolpersteine für Eva Salier: Ein Nachtrag zu ihrem Lebensweg [PDF]
Der Artikel im Horchheimer Kirmesmagazin von 2017 beleuchtet den Lebensweg von Eva Salier geb. Hellendag während der Zeit des Nationalsozialismus. Der Artikel korrigiert und ergänzt frühere Informationen über ihre Flucht nach Holland, ihre Inhaftierung in verschiedenen Konzentrationslagern und ihre Befreiung. Es wird aufgezeigt, dass einige Angaben auf den Stolpersteinen, die an sie erinnern sollen, ungenau waren. Durch intensive Recherchen und familiäre Dokumente, die von ihren Söhnen zur Verfügung gestellt wurden, wird Evas Geschichte präziser dargestellt. Der Artikel endet mit der erfreulichen Nachricht, dass der Freundschaftskreis Koblenz – Petah Tikva die Verlegung eines neuen Stolpersteins mit korrekten Angaben in Auftrag geben wird.
Wider das Vergessen: Stolpersteine für Eva Salier geb. Hellendag und die Familien Salomon/Fried [PDF]
Der Artikel im Horchheimer Kirmesmagazin 2019 berichtet über die Verlegung von Stolpersteinen zur Erinnerung an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger Eva Salier sowie Berta und Alexander Salomon und Ernst und Otto Fried. In dem Artikel wird über die korrigierte Verlegung des Stolpersteins für Eva Salier und die Initiative des Freundeskreises Koblenz – Petah Tikva in Zusammenarbeit mit der Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit Koblenz berichtet. Darüber hinaus werden die Schicksale der Familien Salomon und Fried gewürdigt, deren Stolpersteine ebenfalls in Horchheim verlegt wurden. Die Bedeutung der Stolpersteine als Mahnung, das Schicksal der Opfer des Nationalsozialismus nicht zu vergessen, wird hervorgehoben.
Eva Salier, 91, ist am 12. August 2014 in Fountain Valley, Kalifornien, friedlich verstorben.
Eva Salier lebte über 50 Jahre lang in Vineland, New Jersey, mit ihrem liebevollen Ehemann Max Salier. Sie wurde 1923 in Koblenz, Deutschland, geboren. Sie überlebte den Holocaust und schrieb ihre Erinnerungen an die Zeit in den Konzentrationslagern unter dem Titel „Survival of a Spirit“.
Als Bewohnerin von Vineland war sie vor allem für ihre Kunstwerke bekannt. Sie schuf Werbegrafiken für zahlreiche lokale Kunden und wurde Art Director für das Vineland Times Journal, wo sie politische Karikaturen zeichnete und für Layout und Design zuständig war. Außerdem entwarf und gestaltete sie Bühnenbilder und Kostüme für das Vineland Little Theatre. Eva unterrichtete mehrere Jahre lang Kunst und berührte viele Menschen mit ihren Gemälden und Porträts. Sie nahm an zahlreichen Kunstausstellungen teil, sowohl in der Region als auch in Philadelphia. Ihr Gemälde „Wiesjes Kinder“ ist im Goodwin Holocaust Museum ausgestellt, und ein weiteres Gemälde von ihr befindet sich im Koblenzer Mittelrhein-Museum in Deutschland.
Eva war bekannt für ihre positive Einstellung zum Leben, ihre Herzlichkeit und ihren großen Sinn für Humor. Sie hinterlässt zwei Söhne, Edward Salier und Frau Patricia aus Los Angeles, Kalifornien, und Ralph Thomas Salier-Hellendag und Frau Jane aus Chicago, Illinois, sowie fünf Enkelkinder, die sie sehr liebte. Ihr Ehemann, Max Salier, verstarb 1983.
Tree [Vineland Times Journal]Two EvasModezeichnungThree Praying Women
Werke von Eva Salier
Survival of a Spirit
Die Dokumentation über den Holocaust und die Geschichte von Eva Salier, geb. Hellendag, wurde in enger Anlehnung an das transkribierte und gesprochene Wort ins Deutsche übersetzt. Die Übersetzung ist wortgetreu und in einfacher Sprache gehalten.
[00:00:10]
Amsterdam, Holland 1942
Es kam der Tag des „Aufrufs“. Alle jüdischen Kinder im Alter zwischen 18 und 21 Jahren wurden „aufgerufen“. Das ist eine Einberufung zum Dienst in Deutschland. Es hörte sich an, als käme man in ein Lager, wo man arbeiten müsste. Das war die Idee der Deutschen. Es sah nach nichts Schlimmem aus, war es aber. Wir wurden auf einen Schulhof in Amsterdam geschickt. Dort waren 500 Kinder. Nach etwa zehn großen Lastwagen fuhr ein deutsches DAF-Fahrzeug herein. Die Nazis stellten einen langen Tisch auf, alles nach deutscher Gründlichkeit. Wir mussten unsere Personalausweise abgeben. Mein Name war Hellendag, also wurde ich bald aufgerufen, und es war sehr schwierig für mich, eine normale Miene zu bewahren. Ich lachte leicht, lächelte etwas. Als ich auf den Tisch zuging, sah ich vor meinem geistigen Auge, wie die Vorderbeine des Tisches langsam einknickten. Es lagen Ausweise auf dem Tisch. Es lagen Papiere auf dem Tisch, diese Sachen rutschten herunter und ich begann zu grinsen. Der SS-Mann stand auf und brüllte mich an: „Da ist hier nichts zu lachen, das ist überhaupt eine Frechheit und ich werde mit dir nachher fertig werden, und du stellst dich jetzt erst mal hinter die Tür“. Mit schlotternden Knien ging ich zurück, stellte mich hinter die Tür und wartete, bis er sich mit mir befassen würde.
Die Jungen wurden in die einen Lastwagen verfrachtet, die Mädchen in die anderen Lastwagen. Die hohen Beamten stiegen in ihre Mercedes Benz. Und ich wurde vergessen. Und ich stand da, bis es dunkel wurde. Ich hörte holländische Stimmen. Und da war eine Frau, die gerade angefangen hatte, die lange Halle zu putzen, und ich ging auf sie zu. Sie drehte sich zu mir um und hatte eines dieser harten holländischen Gesichter und ich dachte, oh mein Gott, ich habe einen Fehler gemacht. Ich erzählte ihr meine Geschichte, und ich habe noch nie erlebt, dass sich ein Gesicht so sehr verändert. Sie fing an zu weinen, rief einige ihrer Kolleginnen, und gemeinsam zogen sie mich in eine kleine Kammer und machten aus mir eine wunderschöne Putzfrau mit einem Tuch um den Kopf und einer Schürze. Und am nächsten Morgen ging ich nach Hause zu meiner Mutter. Jeder von diesen 500 wurde ins Todeslager gebracht, die Jungen nach Mauthausen, die Mädchen nach Ravensbrück. Offiziell war ich tot.
[00:03:23]
Ich war ein Einzelkind. Es waren also mein Vater, meine Mutter und ich. Wir lebten in der Nähe von Koblenz in Horchheim. Mein Vater war Niederländer und hatte einen großen Sinn für Humor. Meine Mutter war etwas deutscher, etwas geradliniger, hatte aber auch einen großen Sinn für Humor. Mit unserem Leben war alles in Ordnung.
Dann, etwa zehn Jahre später: Mein Vater wollte Deutschland verlassen und ging nach England, um dort eine Fabrik zu kaufen. Als ich 12 war, hatte mein Vater einen Herzinfarkt und starb. Die ganze Sache ist also nicht zustande gekommen. Meine Mutter beschloss, dass ich nach Amsterdam gehen sollte, zur Familie meines Vaters. Die Juden aus Deutschland hatten keine Angst vor dem Einmarsch der Deutschen in die Niederlande. Die niederländische Politik sagte immer: „Wir sind immer mit allen gut befreundet. Wir sind neutral.“
Meine Mutter wurde Fußpflegerin und eröffnete eine Praxis in Amsterdam. Ich zog zu meiner Mutter, und meine Großmutter zog zu uns. Eines Morgens, als ich 17 war, sah ich Flugzeuge. Und aus den Flugzeugen sprangen die Deutschen heraus. Die Nazis. Die deutsche Armee überfiel die Niederlande. Das war eine wirklich große und unangenehme Überraschung. Wir standen alle in Amsterdam auf der Straße, ganz still, ganz leise, als die Deutschen einmarschierten. Wir mussten uns registrieren lassen. Wir bekamen ein Kärtchen, und auf dem Kärtchen war ein großes J. Wir mussten gelbe Sterne tragen. Juden durften nach 20 Uhr nicht mehr rausgehen. Ich musste die Schule verlassen. Die Schulen wurden von Juden „gesäubert“. Meine Mutter durfte nur jüdische Kunden sehen. Wir durften in keine Straßenbahn einsteigen und es wurde immer enger und enger und enger. Ich hatte einen sehr guten Freund in Amsterdam. Er war ein Kürschner. Er sagte: „Du musst etwas können, was die Deutschen brauchen. Du musst das Pelzhandwerk lernen“. Er brachte mir bei, wie man einen Pelzmantel herstellt. Ich wurde Kürschner von A bis Z. Ich wusste, dass mein Leben davon abhängen könnte.
Mit den Razzias haben wir Amsterdam verlassen. Als die Deutschen und die niederländischen Nazis durch die Straßen gingen und die niederländische Bevölkerung aus ihren Häusern holten, wurden die niederländischen Juden in dasselbe Gymnasium getrieben, in dem ich mich damals hinter der Schultür befand. Deutsche Offiziere standen dort, und als sie hörten, dass ich Kürschnerin war, schoben sie mich auf die rechte Seite und meine Mutter, meine Großmutter auf die andere Seite. Und das war das letzte Mal, dass ich meine Mutter, meine Großmutter gesehen habe. Meine Mutter lächelte mich an. Und das war das letzte Mal. Ich erinnere mich an das lächelnde Gesicht meiner Mutter.
[00:07:36]
Da ich Kürschner war, begann ich in einem Unternehmen namens „Hirsch“ zu arbeiten, wo ich Pelzmäntel, Pelzfutter und Pelzmützen für die deutsche Wehrmacht, für die deutschen Soldaten an der russischen Front, herstellte. Eines Nachts wurden alle Kürschner mit der Straßenbahn zum Bahnhof in Amsterdam gebracht, und vom Bahnhof aus in die Züge gerufen. Wir wussten nicht, wohin wir fahren würden. Dann kam ein holländischer Bahnbeamter und sagte uns, dass dieser Zug nach Vught fahre.
In Vught wurden wir in unsere Baracke gerufen. In der Baracke waren etwa 400 Menschen. Als wir die Toilette zum ersten Mal sahen, war es ein Schock. Auf der einen Seite gab es Becken, auf der anderen Seite Becken. Keine Toilette, nur offene Becken. Keine Trennwände, nichts. Es wurde ein sehr wichtiger Ort für uns, denn die Deutschen, sowohl Frauen als auch Männer, mieden ihn natürlich. Sie kamen nie herein und es wurde unser Treffpunkt. Unsere Gruppe wurde in den industriellen Teil des Lagers gebracht. Alle unsere Nähmaschinen von „Hirsch“ waren in diese Baracke gebracht worden. Die erste Fabrik wurde von diesem Kürschner mit dem Familiennamen „Splitter“ betrieben. Wir arbeiteten zusammen, wir schliefen zusammen in einer Gruppe, wir wurden wie eine Familie. Denn wir hatten alles verloren, unsere Eltern, unseren Status im Leben, ob wir reich oder arm, intelligent oder dumm waren, spielte keine Rolle. Alles, was zählte, war, ob man ein Freund sein konnte. Wie viel von sich selbst war man bereit zu geben? Und wie viel konnte man wirklich tun, um die Moral der anderen aufrechtzuerhalten?
Es gab ein junges Paar mit drei Kindern. Sie hatten beide bei „Hirsch“ gearbeitet, und diese drei Kinder waren die bildschönsten Kinder der Welt. Dunkle, schöne Augen, dunkles, langes Haar. Und die Mutter, Wiesje, versuchte, sie ruhig zu halten und sang ihnen etwas vor. Für mich war es das tragischste Bild, diese Kinder. Diese wunderbaren Kinder waren in den Kinderbaracken. Es waren ungefähr 300 von ihnen. Und eines Nachts wurde die Kinderbaracke, wie wir es immer befürchtet hatten, geschlossen. Die Wachen kamen, um den Müttern zu sagen, dass es in Ordnung sei, wenn sie mit ihren Kindern gehen wollten, oder ob sie die Kinder allein gehen lassen wollten. Wiesje, die Mutter dieser drei wunderbaren Kinder, ging mit ihnen nach Auschwitz. In den Tod.
[00:10:54]
In Vught gab es jede Woche eine Selektion. In Auschwitz mussten die Öfen gefüllt werden. Wir wurden alle aufgerufen, wir standen in einer Reihe. Die Nazis kamen rauf und runter und zeigten auf uns. Die Großen, die Kleinen, Leute mit braunen Augen und manchmal mit blauen Augen. Die Leute, die mit den Zügen nach Auschwitz geschickt wurden, und die Züge, die zurückkamen, um eine weitere Ladung zu holen, und die Leute, die den Transport begleiteten. Sie erzählten uns, was in Auschwitz geschah, und wir waren zu Tode erschrocken. Wir wussten, dass wir früher oder später nach Auschwitz kommen würden. Früher oder später würden wir in den Öfen landen.
Wir hatten einen jungen, sehr fiesen SS-Offizier, der sich aufspielen wollte. Wir standen schon eine ganze Weile im Regen. Unser großer Offizier erschien wie immer zum Appell, kerzengerade und tadellos gekleidet in seiner makellosen Uniform. Als er sich unserer Kolonne näherte, machte er einen Stechschritt, um sich zu zeigen, aber ein glänzender Stiefel blieb im tiefen, matschigen Lehm stecken, und er fiel nach vorne, immer noch kerzengerade, plump in den Schlamm direkt vor mir. Um mir das Lachen zu verkneifen, versuchte ich, an all das Grauen um mich herum zu denken, während ich mich so fest wie möglich zusammenkniff.
Eva hatte einen unglaublichen Sinn für Humor und einen Sinn für das Lächerliche, das Absurde, aber sie war nicht immer fröhlich. Und in manchen Lagern stand der Draht, der das Lager umgab, unter Strom. Und es gab eine Zeit, da hatte sie diesen unwiderstehlichen Drang, den Draht zu berühren und sich umzubringen.
[00:12:57]
Eines Tages hörten wir Gerüchte, dass „Splitter“ geschlossen und wir alle nach Auschwitz geschickt werden würden. An den Abenden vor der Selektion gab es immer eine süße Suppe, so dass wir vorher wussten, dass es am nächsten Tag eine Selektion geben würde. Nun, wir hatten die süße Suppe gegessen, wir wurden auf den Appellplatz gerufen. Ein großer Mann kam herein. Er stellte sich als ein Vertreter der Philips-Fabrik vor, dem größten Elektronikunternehmen in Holland. Philips hatte beschlossen, in Vught eine kleine Fabrik zu bauen. Jeder, der ein gewisses Alter hatte und nicht verheiratet war, konnte kommen. Dort würden sie getestet werden.
Bei diesen elektrischen Tests geht es darum, wie gut sie mit sehr kleinen Dingen arbeiten können und wie gut ihre Augen sind und wie gut ihre Finger sehr feinmotorische Arbeiten erledigen können, weil sie sehr präzise arbeiten müssen. Da es ein Gerücht gab, dass „Splitter“ geschlossen werden sollte, waren alle sehr besorgt. Ich glaube, es war ein dreitägiger Test. Wir haben nichts mehr gehört. Dann wurden wir eines Tages zu dem Appellplatz zurückgerufen, und wir dachten, das war’s, wir werden alle nach Auschwitz gehen. Statt der üblichen Nazis, die die Reihen auf und ab gingen und mit dem Finger auf uns zeigten, wurden wir mit Namen aufgerufen. Ich wurde ziemlich bald aufgerufen und wir mussten auf die eine Seite gehen, alle anderen auf die andere. Wir gingen zu dem Industriestandort. Die anderen verließen das Lager, um nie wieder gesehen zu werden. Wir gingen zu Philips nach Vught zur Arbeit.
Eva wurde für das Philips-Kommando ausgewählt, denn die Philips-Fabrik war sehr wichtig für die deutschen Kriegsanstrengungen.
Die Philips-Baracke war eine sehr große Baracke mit sehr seltsamen Maschinen. Mit uns im Lager war Dr. Cohn, die eine der ersten Physikerinnen war, die an der Miniaturisierung arbeitete. Sie leitete Philips. Wir mussten kleine Radioröhren mit etwa 50 oder 60 Bauteilen herstellen. Die Röhren sollten in Funksystemen für Flugzeuge, Kampfflugzeuge und Bomber eingesetzt werden. Wir mussten lernen, wie man ein Juwelierglas im Auge benutzt. Dr. Cohn hielt es für sehr wichtig, dass wir mehr wussten als die Deutschen. Also gingen wir nachts ins Badezimmer, und das wurde zu unserem Hörsaal. Sie brachte uns bei, was eine Kathode ist, was eine Anode ist, was Gitter sind. Sie hat uns wirklich zu Elektroingenieuren gemacht. Und wir waren gute, sehr gute Studenten, weil wir wussten, dass unser Leben davon abhing.
Wir waren völlig von der Welt abgeschnitten. Wir wussten nicht, was vor sich ging. Wir hörten die englischen Flugzeuge kommen und nichts passierte. Nichts geschah. Und weil, mein Gott, die ganze Welt uns vergessen hat, sind wir hier, und kommen hier nie wieder raus.
[00:16:54]
Juni 1944
Die alliierten Truppen näherten sich dem Konzentrationslager, und die deutsche Verwaltung hatte Angst, dass die alliierten Truppen in ein Konzentrationslager in Vught eindringen und die Häftlinge befreien würden. Wir marschierten dann zum Bahnhof Vught und wurden in einen Viehwaggon gepfercht. Und zum ersten Mal merkten wir, wie hoch die Viehwaggons waren und wie schwierig es war, in sie hineinzukommen. Der Zug fuhr ab. Die deutschen Viehwaggons waren aus Holzbrettern gebaut. Wir standen an den Ritzen und schauten, wohin wir fuhren. Wir lasen die Namen der Städte, die wir passierten: Hannover, Halle, Leipzig. Allein von den Namen her wussten wir, dass wir nach Osten fuhren und dass Auschwitz unser Ziel war. Wir waren in Auschwitz angekommen. Wir standen im Zug.
Viele weitere Züge kamen. Die Züge wurden geöffnet. Die Menschen schrien, wurden herausgezerrt. Viele, viele Tote. Die SS erklärte die Menschen für arbeitsfähig oder arbeitsunfähig, und die Menschen, die für arbeitsunfähig erklärt wurden, wurden in den Gaskammern ermordet. Als wir aus dem Zug stiegen, wussten wir nicht, ob wir in eine Baracke oder in die Öfen kamen. Schließlich wurden wir in unsere Baracke geschrien und gebrüllt. Die Baracke war dann etwas, das wir uns nicht vorstellen konnten. Auf beiden Seiten der Baracke standen Regale, drei hoch, und wir erkannten, dass dies unsere Betten waren, sechs an der Zahl, und wir lagen dort wie Löffel in einer Schublade.
Auschwitz war der gefährlichste Ort, den es für Juden gab. Wenn man länger als ein paar Tage oder Wochen dort war, hatte man nur sehr geringe Überlebenschancen. Wir hatten schreckliche Angst, weil wir nicht wussten, was passieren würde. Diejenigen, die für arbeitsfähig erklärt wurden, wurden in Nebenlager im ganzen Reich geschickt. Man schrie und brüllte uns wieder in dieselbe Art von Viehwaggon. Wir verließen Auschwitz. Wir verließen Polen.
[00:19:52]
Winter 1944
Es war eine chaotische Situation, alles in Deutschland wurde fast 24 Stunden am Tag bombardiert. Wir kamen in eine kleine Stadt in Deutschland namens Reichenbach. Das erste, was wir sahen, war ein zerbombter Bahnhof. Es gab mehrere zerbombte Fabriken. Wir gingen zu einer Fabrik und uns wurde gesagt, dass dies unser Arbeitsplatz sei. In Reichenbach arbeiteten wir für Telefunken. Telefunken war eine sehr wichtige Fabrik für elektronische Funkröhren für die Flugzeuge. Wir wohnten in einem kleinen Konzentrationslager, etwa zehn Minuten Fußweg von der Fabrik entfernt.
Wir hatten eine Kommandantin, die nach ihrer eigenen Beschreibung eine „Puffmutter“ war, eine „Madame“, und sie behandelte uns wie Damen von schlechtem Ruf. Ihr erster Befehl am Morgen war „Raus aus der Furzkabine“, ihr zweiter Befehl „Raus aus dem Puff“. Der dritte Befehl lautete „Bauch rein, Brust raus“. Sie ging in der Reihe auf und ab, wobei all ihre üppigen Formen hervortraten. Es fiel schwer, eine ernste Miene zu bewahren. Wir stellten fest, dass es Madame nichts ausmachte, angestarrt und angegrinst zu werden, und sie neigte dazu, unsere Belustigung zu ignorieren.
Ich arbeitete in einer sehr großen Abteilung in Reichenbach. Unsere Decke war das Dach selbst. Das Glas war schwarz gestrichen, damit die Flugzeuge uns nicht sehen konnten. Die Bombardierungen wurden immer häufiger. Dr. Cohn hatte darum gebeten, besser zu produzieren, was uns sehr leid tat, weil wir nicht wollten, dass die Deutschen besseres Material bekamen, aber wir wollten auch leben.
Eines Nachts bombardierten die Russen die Fabrik. Wir drei, die Krankenschwester Wiesje und meine Begleiterin Gretel, rannten aus der Fabrik und überall war Eis. Wir rutschten auf dem Hintern mitten auf der Straße aus. Wiesje und ich waren die ersten, die wieder auf die Beine kamen. Wir taten unser Bestes, um Gretel wieder auf die Beine zu bringen. Als wir Gretel endlich auf den Beinen hatten, sind wir alle drei wieder hingefallen. Wir drei mitten auf der vereisten Straße kam mir plötzlich so lustig vor, dass ich zu lachen begann. Wir drei inmitten der fallenden Bomben, des Lärms und der brennenden Häuser lachten uns kaputt. Endlich kam die Entwarnung. Unserer Fabrik war nichts passiert.
Wir wurden aus diesem kleinen Konzentrationslager herausgeholt und in ein sehr großes Konzentrationslager gebracht, das früher die Sportschule war.
[00:23:09]
Für Evas Gruppe war es im Lager der Sportschule viel schlimmer als in Reichenbach.
Die Bedingungen dort waren sehr hart, die Wachen waren noch brutaler und es war sehr kalt. Die Wachtürme waren mit Typen besetzt, die gerne schossen. Sie machten Schießübungen auf uns. Wenn man also zur Latrine in der Nähe des Wachturms ging, nahm man sein Leben in die Hand. Es war ein schrecklicher Ort. Es gab sehr wenig zu essen. Viele von uns waren krank. Wir mussten morgens zwei Stunden und nachts zwei Stunden nach Reichenbach laufen, weil wir im eiskalten Winter immer noch in der gleichen Fabrik arbeiteten.
Eines Tages arbeitete ich an dieser großen Maschine, die Werkzeuge herstellte. Plötzlich waren sie über uns. Ich hatte gerade ein kleines Werkzeug aus der Maschine genommen, als wir in Reichenbach ausgebombt wurden. Ich sah eine ganze Glaswand auf mich zukommen. Ich hatte das Werkzeug in meiner Hand. Ich hielt das Werkzeug hoch und das Glas zersprang um das Werkzeug herum. Das Glas flog überall hin und ich trat hinaus. Weder mir noch einem meiner Kollegen war etwas passiert.
[00:24:39]
Januar 1945
Die Naziverwaltung beschloss, uns wegen des Vormarsches der Roten Armee vom Osten in den Westen zu verlegen. Uns wurde gesagt, dass wir in ein anderes Lager kämen.
Es gab einen Befehl von Himmler, keine Gefangenen zurückzulassen. Bis zu 600.000 Menschen wurden evakuiert. Eva musste auf diesen schrecklichen Todesmarsch durch das Eulengebirge gehen.
Wir schauten auf die Berge und fragten uns: Wie kommen wir darüber hinweg? Man nennt es Todesmarsch, weil die Menschen während dieser Evakuierung einfach gestorben sind. Wir waren schwach. Wir hatten nichts zu essen. Uns war kalt. Der Schnee reichte uns teilweise bis zu den Knien. Und überall, wo wir hinsahen, standen Kolonnen von Menschen. Menschen von überall her. Unsere Beine waren so schwach, unsere Füße so erfroren. Viele Gefangene wurden erschossen oder starben einfach an Hunger oder an den Bedingungen auf der Straße. Mir ging es so schlecht, dass ich sagte, lasst mich gehen, lasst mich erschossen werden. Denn zu diesem Zeitpunkt glaubte niemand, dass wir lebend herauskommen würden. Aber ein Freund sagte, oh nein, du bleibst nicht hier. Sie zogen mich hoch. Was genau passiert ist, dass wir im Gegensatz zu anderen überlebt haben, kann man wohl nur als ein Wunder bezeichnen.
Ich bin in einem Pferdestall gelandet. Mit uns war eine polnische Ärztin aus Eichenberg, Dr. Helena, und sie konnte Wunder bewirken. Sie sagte mir, ich solle ganz still liegen. Sie bedeckte mich von Kopf bis Fuß mit Pferdemist, an die zehn Zentimeter dick. Ich sollte mich nicht bewegen. Und schließlich schlief ich ein. Und sie hat ihr Wort gehalten. Am nächsten Morgen ging es mir besser. Der Pferdemist hatte es bewirkt.
[00:26:45]
Die Frauen und Männer mussten nach Westen in ein anderes Außenlager marschieren. Es hieß Trautenau. Es war eiskalt. Wir hatten wenig oder nichts zu essen. Dort sahen wir zum ersten Mal unseren neuen Kommandanten, einen kleinen Mann in einer grünen SS-Uniform, und wir wurden zum Bahnhof geführt. Schließlich standen wir vor einem Zug mit Viehwaggons, wie wir sie noch nicht gesehen hatten, es waren keine geschlossenen Viehwaggons, sie waren offen. Es muss ein Fuß oder mehr Schnee darin gewesen sein. Wir standen zu Hunderten in den Viehwaggons, im tiefen Schnee. Schließlich verließ der Zug Trautenau. Wir kamen nach Minden. Als wir aus dem Zug stiegen, merkten wir, dass wir nicht mehr stehen konnten. Unsere Beine waren so schwach, dass wir kaum aus den Waggons herauskamen. Es war schrecklich.
Und dann wurde uns klar, dass wir den freundlichsten Kommandanten hatten, den man sich vorstellen kann. Wir mochten ihn sogar so sehr, dass wir ihn „Papa“ nannten. Er sagte uns, wir sollten langsam machen, weil wir den Berg erklimmen mussten, der nach Porta Westfalica führte. Zum Glück hatten wir Papa, der merkte, dass wir kaum laufen konnten. Er hat uns geholfen. Wir schoben uns gegenseitig an. Wir versuchten, es bis über den Berg zu schaffen. Auf halber Höhe sahen wir eine Öffnung im Berg, man konnte Betten mit Mädchen erkennen. Die Mädchen, die in der Höhle auf Betten lagen, waren die ersten jüdischen Frauen und Mädchen, die in Porta Westfalica ankamen. Es war ein Arbeitslager für die Produktion von Philips-Radioröhren.
[00:28:53]
Am nächsten Tag gingen wir in das Bergwerk. Als wir im Bergwerksschacht ankamen, standen überall Maschinen, die uns sehr vertraut waren. Philipps hatte die Maschinen aus Vught in diese unterirdischen Fabriken gebracht. Die Alliierten begannen, alle deutschen Flugzeugfabriken zu bombardieren. Die Deutschen reagierten darauf, indem sie diese Fabriken unter die Erde brachten. Wir arbeiteten mit den Mädchen, die bereits dort waren. Dieselbe Arbeit wie vorher, Elektronikteile.
Eines Nachts wurde der Eingang des Stollens bombardiert. Gott sei Dank war niemand dort. Wir waren alle im Lager. Die Alliierten kamen aus dem Westen und Porta musste evakuiert werden. Wir marschierten zum Zug. Diesmal waren die Viehwaggons geschlossen und es war so heiß, wie man es sich nur vorstellen kann. Aber „Papa“ war gut zu uns, er ließ die Türen offen. Die Gleise waren zerbombt, die Bahnhöfe waren zerbombt. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte. Wir waren so hungrig und ich war so krank. Ich wollte wirklich nicht mehr weiterfahren.
Das Philips-Kommando kam in Beendorf an, in einem Salzbergwerk. Es ging 800 Meter in den Berg hinein. Wir fuhren mit einem Aufzug in die Salzmine hinunter. Als wir aus dem Aufzug stiegen, konnten wir erst laufen und mussten dann über Salz kriechen. Plötzlich öffnete sich vor uns ein großer Raum, in dem einige Maschinen und Menschen arbeiteten. Wir arbeiteten an dem Leitsystem der V-2, der ultimativen Waffe Hitlers, um London zu bombardieren. Wir zögerten sehr, das Leitsystem zu bauen, weil wir nicht wollten, das London bombardiert wird. Und Dr. Cohn sagte zu uns, macht euch keine Sorgen, das ganze Material liegt schon so lange in Salz, es wird nicht funktionieren.
[00:31:20]
Aber dort unten trafen wir zum ersten Mal auf einige gutgenährte, schwergewichtige Frauen mit langen Haaren, es war eine Bande der fiesesten Frauen, die eine Sprache sprachen, die wir nicht verstanden. Und sie hatten keine Angst vor den Deutschen. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, die Deutschen hatten Angst vor ihnen.
April 1945
Eines Tages wurde der Turm mit der Elektrizität ausgebombt, und plötzlich waren wir 800 Meter tief in der Salzmine ohne Luft. Und der Gedanke ging mir durch den Kopf, sie lassen uns hier unten zum Sterben zurück. Aber wir hatten die Deutschen bei uns, sie mussten ebenfalls heraus. Wir hatten keinen Strom für die Aufzüge, also mussten wir am Aufzugsschacht entlanggehen, und alle hatten wir Angst, in den Aufzugsschacht zu fallen. Wir haben acht Stunden gebraucht, um hochzukommen.
Es waren nur für 4 oder 5 Tage in Beendorf, dann wurden wir evakuiert, und es war ein sehr langer Transport mit vielen Toten. Wir waren 200 Leute in einem dieser kleinen Viehwaggons. Wir konnten uns nicht einmal bewegen, geschweige denn hinfallen oder uns hinsetzen. Es war totenstill in diesem Viehwaggon, weil wir mehr tot als lebendig waren. Wir hatten keine Ahnung, wer noch bei uns war, weil es ziemlich dunkel war. Aber es waren mehrere dieser Frauen bei uns. Und niemand sagte etwas, aber sie unterhielten sich. Und ein Mädchen am anderen Ende flüsterte: „Gibt es hier jemanden, der Polnisch spricht?“ Ein Mädchen war bei uns, sie hieß Rosje Klein, sie sprach Polnisch. Diese Leute hatten beschlossen, so viele zu töten, wie sie brauchten, um sich auf uns setzen zu können. Es geschah auf Niederländisch, auf Deutsch, ganz leise, so dass sie es nicht hören konnten. Und wir waren der einzige Viehwaggon, der vorgewarnt war. Wir haben sie an den Haaren gezogen. Wir gingen mit unseren Fingern, drei oder vier von uns, an ihre Hälse. Wir wussten, was sie vorhatten, also drückten wir ihre Arme auf den Rücken, und unsere Verzweiflung machte uns stärker, bis wir schließlich die Lüneburger Heide erreichten. Die Türen öffneten sich. Wir stolperten hinaus. Und dann wurde einigen von uns, die stärker waren als die anderen, befohlen, die Toten aus den anderen Waggons zu holen. Man gab uns Tücher. Wir mussten unsere toten Freunde, unsere toten Gefährten, zu einer großen Grube oder was auch immer schleppen und sie dort ablegen.
[00:34:33]
Sie kamen in Hamburg-Eidelstedt an, es war die letzte Phase des Dritten Reiches, und niemand wusste, wohin die Gefangenen gebracht werden sollten.
Eidelstedt war ein kleines Lager. Wir waren so krank, dass viele, viele von uns starben. Und es gab nichts zu essen. Vier von uns wurden in den Hamburger Hafen geschickt, um etwas zu essen zu bekommen. Das Essen war verdorben, aber wir hatten Angst, dass sie sagen würden, ihr seid nicht gegangen. Wir hatten mit uns einen deutschen Begleiter, eine deutsche Begleiterin und einen Hund dabei, und wir trugen das Essen, und die Säcke waren schwerer als wir selbst. Die Sirenen gingen los. Wir befanden uns mitten in einem Bombenangriff auf Hamburg. Unser Begleiter sagt: „Bleibt zusammen. Bitte geht nicht verloren, bleibt zusammen“. Also rannten unsere Begleiterin, der Begleiter, der Hund und wir vier in den Bahnhof, und es dauerte ewig, bis die Entwarnung kam. Wir schleppten 100-Kilo-Säcke. Jeder war müde, jeder hatte genug. Wir liefen zurück zu unserem Lager.
Eines der Mädchen sagte, dass vor dem Lager ein weißes Auto mit einem roten Kreuz steht. Oh, sagte ich, du bist verrückt. Und schließlich schaute jemand anderes auf und sagte: „Ja, da ist ein weißes Auto mit einem roten Kreuz darauf“. Schließlich schaute ich auf und da war ein weißes Auto mit einem roten Kreuz vor dem Lager. Als wir näher kamen, war da auch ein Mann in einer seltsamen Uniform, und unser Kommandant, „Papa“. Papa sagte zu uns. „Ihr seid frei“. Wir schauten uns gegenseitig an und diesen Herrn in dieser seltsamen Uniform und er sagte: „Ja, das stimmt. Ihr seid frei“. Wir glaubten es nicht, wir konnten es nicht glauben.
1. Mai 1945
Das war der 1. Mai 1945. Wir saßen in der Kaserne, weinten und lachten. Wir küssten uns, hielten uns fest und versuchten zu schlafen. Natürlich konnte keiner von uns schlafen. Was macht man mit so etwas Fremdem, mit der Freiheit? Wir wussten es nicht. Es schien nicht real, wie ein Märchen. Wir sind es so gewohnt, in Fünferkolonnen zu gehen, dass wir eine Fünferkolonne bilden. Wir gingen zum Bahnhof in Eiderstedt und dort stand ein Zug mit Viehwaggons. Aber die Waggons waren offen. Diesmal gab es SS-Wachen, die uns halfen. Wir hatten alle Durchfall, wir waren alle krank. Der Zug fuhr sehr langsam an. In der Ferne sahen wir den Kaiser-Wilhelm-Kanal, die Brücke über die Wasserstraße nach Dänemark. Der Zug hielt in der Mitte der Brücke an. Mein Gott, dachte ich, wir werden zurückgerufen, es wird schrecklich werden. Das Rote Kreuz konnte aber tatsächlich mit den Nazis sprechen, mit der Bitte, diesen Zug für den Gefangenentransport zu nutzen. Es gab Papiere von Heinrich Himmler, in denen stand, dass es in Ordnung ist. Heinrich Himmler verstand, dass es vorbei war. Der Zug fuhr los. Wir fuhren über den Kaiser-Wilhelm-Kanal und sahen das Schild: Dänemark. Dann waren wir frei.
[00:38:29]
In Dänemark verbrachten wir mehrere Tage in einem Lager. Das erste, was sie uns gaben, war sehr dünner Haferbrei, sie waren so schlau, die Dänen, weil wir so lange nichts gegessen hatten. Sie hatten einen Zug mit Schlafabteilen bereitgestellt. Wir durften in den Zug gehen und uns ausruhen. Sie hatten die Betten herausgenommen und Matratzen hineingelegt. Wir waren voll von Körperläusen. Sie fingen an, um uns herum zu hüpfen und zu springen, wir konnten es nicht aushalten. Wir zogen unsere Kleider aus und halfen uns gegenseitig, die Läuse zu entfernen. Mittendrin, als wir völlig nackt waren und Läuse fingen, ging die Tür auf und der Kronprinz von Dänemark kam mit einem ganzen Gefolge herein. Unsere Lagerälteste stand in ihrer ganzen nackten Pracht auf und sagte: „Entschuldigen Sie bitte, aber wir sind dabei, uns zu entlausen“. Dieser freundliche Herr sagte: „Bitte, lassen Sie sich nicht stören“. Er kam trotz allen Krankheiten, die wir hatten, zu uns und schüttelte jedem die Hand.
Wir wurden in einen anderen Zug gesetzt, dieses Mal in einen richtigen Zug, 1. Klasse. Schließlich setzten wir mit der Fähre nach Schweden über, und auf der Fähre gaben sie uns Zettel, auf denen wir unseren Namen und unsere früheren Adressen notieren sollten. Keiner von uns konnte sich an seine früheren Adressen erinnern, so standen wir neben uns. Und dann kamen die Ärzte und sagten, keine Sorge, das kommt schon wieder. Das Einzige, woran ich mich erinnern konnte, war die Hausnummer. Ich konnte mich nicht an die Straße erinnern, ich konnte mich an nichts erinnern. Keiner von uns konnte sich erinnern. Wir stiegen in Schweden, in Malmö, aus und wurden in ein behelfsmäßiges Krankenhaus gebracht. Sie untersuchten jede Körperöffnung, hörten unsere Herzen ab, schauten in unsere Ohren. Man brachte uns in ein wunderschönes Badehaus und wusch uns von oben bis unten. Unsere Kleider wurden verbrannt.
Dann fragten sie mich: „Möchtest du etwas behalten?“ Und ich wollte mein kleines Werkzeug behalten. Das ist das Werkzeug, das ich in Reichenbach hatte, als die Bomben fielen und die große Glaswand auf mich zukam; ich hob meine Hand, hielt das kleine Werkzeug in der Hand, das Glas zerbrach und fiel um mich herum, ich trat über das Glas und war draußen. Das hat mir das Leben gerettet und ich trage es immer bei mir.
Dann bekamen wir blaue Overalls und wurden in Straßenbahn gesetzt. Es war Licht in der Straßenbahn, Licht in den Häusern, erleuchtete Fenster, Reklameleuchten – und Licht in uns. Dann gingen wir zu einer Schule, es war die Linnéskolan. Und das sollte für die nächsten sechs Wochen unser Zuhause sein.
[00:42:00]
Nach unserer Befreiung war es nicht leicht. Ich hörte, dass meine Mutter in Auschwitz getötet worden war. Andere Leute hörten, dass ihre ganze Familie umgebracht worden war. Und es gab ein Gefühl der Einsamkeit. Plötzlich wurde uns klar, was wir durchgemacht hatten, was wir verloren hatten und was wir nie wieder bekommen würden. Meine Cousins und Cousinen, bei denen ich in Amsterdam gelebt hatte, brachten mich nach Amerika. Die erste und schreckliche Erfahrung war, dass mir niemand glaubte. Ich, wir, waren gerade aus der Hölle gekommen, und niemand wollte zuhören.
„Erzähle mir diese Geschichten nicht, sie können nicht wahr sein. Warum erzählst du mir das? Ich halte das nicht aus. Ich bekomme einen Herzinfarkt.“ Das ging so weit, dass wir nicht mehr miteinander sprachen. Es war eine schreckliche Zeit, weil man dich als Lügner hinstellte. Die Angehörigen wollten nichts hören. Sie selbst hatten in den Lagern ihre Eltern und viele ihrer engsten Freunde verloren. Meine Mutter war auch in Auschwitz gestorben. Wenn man es nicht hört, kann man vielleicht nicht darüber nachdenken. Und sie wollten nicht darüber nachdenken, es war zu schrecklich.
Mitten in all dem lernte ich meinen Mann bei einem Ausflug zu den Niagarafällen kennen. Mein Mann und seine Eltern hatten eine Farm in Vineland. Und ich wurde die Frau eines Farmers. Aber ich wollte immer noch in meinem eigenen Beruf arbeiten, nämlich als Künstlerin. Ich bekam hier eine Stelle als Illustratorin bei der örtlichen Zeitung. Wir hatten zwei Kinder. Weil man mir nicht glaubte und weil ich wollte, dass meine Kinder Bescheid wissen, begann ich, alles aufzuschreiben, woraus schließlich ein Buch wurde.
Ich erinnerte mich an die Worte meines Vaters, der mir sagte, man solle sich selbst nicht ernst nehmen, und ich versuchte, dies an meine Kinder weiterzugeben. Ich habe versucht, meinen Kindern zu sagen, dass sie ihre eigene Persönlichkeit sein und sich nicht beeinflussen lassen sollen. Aufrecht zu stehen und nie, wirklich nie den Sinn für Humor zu verlieren. Und wenn du den Humor nicht hast, dann hole ihn dir, um Himmels willen. Denn das ist das Einzige, was dich am Leben erhält, was dich zu einem Menschen macht.
Survival of a Spirit – der Dokumentarfilm über die Geschichte von Eva Salier von Prospect and Gold Pictures wurde mit der freundlichen Genehmigung von Edward und Patricia Salier ins Deutsche übersetzt. Andreas Weber hat das transkribierte und gesprochene Wort in einfacher Sprache übertragen.
Ein Künstler aus Horchheim mit internationalem Renommee
1922 in Koblenz geboren, stammte Otto Fried mütterlicherseits aus der alteingesessenen Horchheimer Familie Salomon – sein Vater kam aus Diez. In Horchheim betrieben die Eltern in der Emser Str. 365 eine Metzgerei. Nach dem Besuch der Katholischen Volksschule wechselte Otto Fried 1934 zur Mittelschule in der Katholischen Volksschule St. Kastor in Koblenz.
Um sein Leben zu retten, flüchtete er 1936 in die USA zu Verwandten in Portland/Oregon. Antisemitismus, Diskrimierungen und Verletzungen infolge nationalsozialistischer Politik hatten ein Verbleiben der Familie in ihrem Heimatort unmöglich gemacht. Der Tod des Bruders Ernst 1937 und die Einweisung des Vaters in das Konzentrationslager Buchenwald trafen die Familie schwer. Glücklicherweise konnten die Eltern Ricka und Robert Fried im Januar 1939 in die USA fliehen – hier trafen sie dann nach dreijähriger Trennung auch ihren Sohn Otto wieder.
Nach dem Militärdienst in der Luftwaffe mit Einsätzen in Indien, Burma und China hatte er als amerikanischer Weltkriegsveteran Anspruch auf einen Studienplatz. Sein Kunststudium an der University of Oregon in Eugene/Portland schloss er 1949 ab. Der anschließende Studienaufenthalt in Paris, wo er im Atelier des berühmten Avantgardekünstlers Fernand Léger arbeitete, war für sein weiteres Leben und seine künstlerische Entwicklung von entscheidender Bedeutung.
Nach der Rückkehr in die USA zog Otto Fried 1952 nach New York, wo er seine französische Frau Micheline Haardt kennen lernte, die dort als Modejournalistin für die Zeitschrift „Elle“ arbeitete. Neben Zeichnungen und Gemälden entwarf er aber auch Glas- und Metallobjekte. Heute befinden sich Frieds Werke in Privatbesitz sowie Kunstsammlungen großer Unternehmen und Museen, etwa im Metropolitain Museum of Art und Museum of Modern Art in New York, Rose Art Museum Massachussetts, Portland Art Museum, Jordan Schnitzer Museum Eugene/Oregon sowie in den SU Art Galeries in New York State und im Centre Pompidou in Paris. Nach Ausstellungen in Koblenz in den Jahren 1958 und 1978 widmete das Ludwig Museum Koblenz Otto Fried 2020 die Retrospektive „Heaven Can Wait/Heaven Can’t Wait“.
Seit dem 16. März 2002 befindet sich über dem Südportal der Pfarrkirche St. Maximin das von ihm gestiftete Ölgemälde „Leewärtige Illusion“ aus dem Jahr 1986.
Wann immer möglich, kam Otto Fried in seine bis zum Lebensende so geliebte rheinische Heimat, um Verwandte oder Freunde – in Horchheim Walter Bode sowie Paul und Heinz-Josef Jung – zu besuchen. Seit 2010 lebte er dauerhaft in Paris.
Am 31.12.2020 starb er kurz nach seinem 98. Geburtstag in Meudon bei Paris – die letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris.
Weg zur Kunst
Otto Fried hat den Weg zur Kunst schon in seiner Kindheit begonnen:
„Als ich noch jung war, nahm mein Vater oft meinen Bruder und mich mit in den Wald, wo wir die Natur kennenlernen sollten. Wenn ich etwas aufregend Interessantes gefunden hatte – und wenn es nur eine besondere Wolkenbewegung war, so suchte ich jemanden, dem ich das mitteilen konnte. Der Grund, weshalb ich überhaupt male, ist zunächst einmal, dass ich mich selbst ausdrücke, aber auch, um jemandem weiterzusagen: ‚Schau, was ich gesehen habe!‘“
Familie Fried-Salomon 1935
Interview mit Otto Fried
Das Interview der Heimatfreunde Horchheim mit Otto Fried wurde im September 2002 von Hans Lehnet im Haus von Walter Bode geführt.
Familie Fried-Salomon vor ihrem Haus in der Emser Straße 365 in Horchheim Fotos: Sammlung Heimatfreunde Horchheim e.V. | Repro: Lothar Stein
1925 Karneval – Ernst und Otto Fried1927 Karneval – v.l. Carola Caspari, Ernst Fried, Otto Fried1927 Karneval – v.l. Otto Fried, Carola Caspari, Ernst Fried1929 Schulanfang Otto Fried
Ernst und Otto Fried – Kindheit in Horchheim
Eheleute Fried-Salomon
Eheleute Fried-Salomon ca. 1960 in New York
Bilder von Otto Fried
Karte an Robert Stoll von Otto Fried
Einladungskarte Otto Fried – The Laura Russo Gallery, Portland Oregon
Einladungskarte Otto Fried – The Portland Art Museum, Portland Oregon
Mit einem Schlag hat sich im Ort viel geändert – die Beschaulichkeit ist einfach nicht mehr da. Das dörfliche „Ha und Hot“ der Kühe vor dem Leiterwagen, der beinahe österreichische Trott der Ochsen vor Schweikerts Karlchens Karren, die Gerüche von Puddel und Mist – all das muß denen weichen, die Benzin als Futter schlucken. Zum Beispiel die Lastwagen mit ihren gräßlichen Sirenen, die beim „Drehen“ so heulende, grausame Geräusche von sich geben. Beim Herannahen der Lastwagen bleibt einem nichts anderes übrig, als in den nächsten Hauseingang springen, um sein Leben zu retten. Man muß sich einfach danach richten. Da gibt es auch den Schutzmann Fritz Krause nicht mehr – jedenfalls ist er in diesen Tagen nirgends zu sehen mit seiner blauen, kokardengeschmückten Dienstmütze, dem strengen faltigen Gesicht, geziert mit langem, dienstergrautem „Sauerkrautsschnorres“, blauer Litewka mit goldglänzenden Messingknöpfen, dem schweren Schleppsäbel, mit dem er rasselnd aus dem Gemeindehaus kommt, und den Zugstiefeln, die noch von 70/71 stammen. Das „Auge des Gesetzes“ ist nicht mehr da. Keiner, der einen bewacht und, wenn es sein muß, auch einsperrt, ins Spritzenhaus („Bollesje“) steckt und den Übeltäter einen Tag später persönlich in Ehrenbreitstein beim Amtsgericht abliefert.
lch erinnere mich noch sehr gut an eine Situation, bei der ich Augenzeuge war. Eines Tages heißt es: „Alle Schläuche und Fahrradmäntel müssen sofort beim Gemeindehaus abgegeben werden.“ Dafür hab ich keine Erklärung. Unser Ortsgendarm Krause steht auf der Mitte der Kirchstraße, neben dem alten Postamt, sieht einen Mann namens Schäfer mit Fahrrad daherkommen – und das auch noch mit allem drum und dran –, während andere schon längst als Ersatz Korken auf den Felgen befestigt haben. Krause ruft dem Radler in preußischem Befehlston nach:
„He – Schäfer muß Jummi abjeben!“ Dieser klassische Ausruf ist heute noch im Dorf im Schwange. Nun weiß auch jeder, Krause ist aus Berlin und soll im Dorf den Leuten Mores beibiegen. Aber heute trifft er auf einen Landsmann, denn Schäfer, den man im Ort „lcke“ nennt, ist auch Berliner. Der fällt vor Schreck mit dem Fahrrad um und landet am Restaurant „Zur Post“ im Tiefflug auf der Treppe. Schnell steht er auf und humpelt – er ist ein wenig gehbehindert – zum Fahrrad, indem er zurückruft: „Nu rejen se sich man nich uff, ick komm‘ morjen zur Jemeinde!“ Damit schwingt er sich auf sein Stahlroß mit „Jummi“ und strampelt ab „durch die Mitte“. Tja – das waren noch Zeiten.
Schutzmann Krause gemalt von Karl-Erich Richards, Koblenz
Doch das ist nun alles vorbei! Nein – jetzt herrschen andere Sitten und Bräuche, denen man sich anzupassen hat. Wir Kinder nehmen das alles auf, wissen aber nichts rechtes damit anzufangen. Wie soll man auch? Wir werden wohl gewarnt, nicht immer und überall gleich mit der Nase dabei zu sein, wenn mal irgendwas los ist. Und gerade wo mal was los ist, da sind wir doch dabei – schauen zu, wenn auch aus einer gewissen Entfernung. Was kann einen denn davon schon zurückhalten? Außerdem haben wir ja Zeit, viel Zeit, wir haben doch Zwangsferien.
Übrigens hat der findige Volksmund inzwischen auch einen Necknamen für die amerikanischen Soldaten gefunden den praktisch kurzen Namen „Ami“ gibt’s noch nicht -, und zwar „Kackerlacken“ wegen der braunen Uniformen! Dafür nennen sie uns Deutsche „Käcksäcker“. Kein Kosename, oder? Wir stecken’s weg, was will man machen?
Ein Scheitel für en „Kackerlack“
Eines Tages erreicht uns spielende Kinder am Rasche-Haus die Botschaft: „Do owe en der Wertschaft, newe dä Kerisch, do sen besoffene ‚Kackerlacke‘ drenn, do es wat loß – die MP es onnerwähs!“ Uhwei – Uhwei! Wir natürlich nichts wie hin und kommen grade noch früh genug, um zu sehen, wie die Militärpolizisten auf ihre Art „aufräumen“. Da sehe ich das erste Mal „Wildwest“ – original –. Es sind Zweimeter-Männer, Kerle wie Kleiderschränke, die die betrunkenen Wüteriche, die dabei sind, die Wirtschaft „Zur Post“ zu Kleinholz zu machen, zur Räson bringen.
Wir wissen nur, daß Alkoholsünder bei den US-Soldaten sehr schwer bestraft werden. Davon ein „Vorgeschmack“: Drei oder vier Soldaten werden von ihren Kameraden von der MP so vorsichtig die Steinstufen, die vor dem Gasthaus sind, runtergeschmissen, daß sie unten im „Floß“ (Abflußrinne) blutend liegen bleiben. Die Klappe von dem bereitstehenden Lastwagen ist schon runtergeklappt, und mit „Hau-Ruck“ werden die „Soldiers“ ebenso vorsichtig in den Wagen geschmissen. Der Letzte, der aus der Wirtschaft rauskommt, kann sich noch eben auf den Beinen halten. Voll wie tausend Mann will er auch noch opponieren. Kaum hat er dazu den Mund geöffnet und hebt dabei auch noch den Zeigefinger, zieht ihm so ein Zweimetermann mit dem Gummiknüppel – oder ist der aus Holz? – „einen Scheitel“ über den Schädel. Dem geht’s auch nicht anders als seinen Kameraden, die sich mit „Schnäps“ haben voll laufen lassen.
Klappe zu, der Wagen braust ab mit Sirenengeheul. Wir Kinder stehen da, ich glaube – mit offenen Mäulern.
Das Ding mit dem „Kaarscht“
Zu dieser Zeit geht im Dorf ein Gerücht um, das immer mehr an Form gewinnt. Ich versuche es so wiederzugeben, wie ich es gehört und noch in Erinnerung habe: Eine Frau wird in der Horchheimer Gemarkung von einem betrunkenen Amerikaner belästigt und nicht nur das, sondern auch angegriffen, sogar auf den Boden geworfen. Das sieht ein Horchheimer Bürger – es handelt sich um „Kalteneckers Schorsch“. Der läuft zum Tatort und haut dem Rohling eins über den Schädel, daß der von seinem Opfer ablassen muß. Das Ding, mit dem er zugeschlagen hat – in Notwehr, versteht sich –, ist nur ein ganz gewöhnlicher „Kaarscht“ (Breithacke). Um weiteren Peinlichkeiten aus dem Weg zu gehen, zieht Schorsch es aber vor, für längere Zeit eine andere Besatzungszone aufzusuchen. In meinen Augen – und nicht nur in meinen – ist Schorsch Kaltenecker nicht nur ein Beschützer der Schwachen, sondern ein Held!
Mutprobe mit Bauchlandung
Der Leichtsinn der US-Soldaten ist oft nicht zu überbieten. Gewiß, irgendwie wollen sie der deutschen Bevölkerung imponieren, und darin sind sie große Kinder. Sie betrachten es als Mutprobe, wenn sie unter dem Brückenbogen der Horchheimer Brücke mit dem Flugzeug hindurchfliegen. Die Eltern und Lehrer haben dafür nur ein Kopfschütteln übrig, wir Kinder staunen Bauklötzer! lch weiß auch nicht wie es kommt, daß wir „Hoschemer-Pänz“ auch immer dabei sind, wenn irgendwas Besonderes passiert?
Da kommt wieder mal so’n Flugzeug an und wackelt mit dem Flügel. Das bedeutet, jetzt paßt auf – nun geschieht was. Und alle rufen durcheinander: „Guckt emol, dä Fliejer do owe, dä wackelt met de Flitsche, dä fleecht bestemmt onner dä Breck dorich!“ Und richtig – er tut’s –, und es gelingt ihm sogar ein-zweimal. Aber beim drittenmal streift er den Eisenbrückenbogen und – flatsch – kopfüber im Rhein. Die Maschine treibt, geht nicht ganz unter. Der Pilot schafft es rauszukommen, geht über Bord, erreicht schwimmend den Brückenpfeiler, rastet da und schwimmt an’s Horchheimer Ufer. Prustend klettert er an Land, noch bevor einige Zivilisten den „Millenache“ (ein großer Kahn, der stets an der Löhnberger-Mühle verankert ist) herbeigeholt haben. Amerikaner kommen, befestigen ein Drahtseil an der Maschine, schlingen es um eine Pappel, und ein Lastwagen zieht das Flugzeug – wir sagen immer noch „Flieger“ – endgültig raus.
Wir berichten zu Hause und beginnen mit „…Menschenskind, wor dat heut widder offräjend…“ Jedenfalls, mir Hoschemer Wätz wore och do widder mol dabei!
Amerikanisches Flugzeug stürzt in den Rhein- gemalt von Karl-Erich Richards, Koblenz
KINTOPP in Koblenz – Anno 1919
Meine Mutter will mir – und mit Sicherheit auch sich selbst – eine Freude machen und sagt: „Komm Jung, mir fahre en die Stadt, mir giehn en’t Kino. Do wird em Apollo-Thiater en Film gespillt, dä haißt ,Mutter‘, on die Hauptroll spillt do drenn die Henny Porten!“
Mein Gott, das ist ja was! Diese Ankündigung muß ich erst mal verdauen. Was weiß ich schon von Film, von Kino –, und Henny Porten sagt mir gar nichts. Na, wir fahren los. Straßenbahn – von uns nur „Lektrisch“ genannt, Endhaltestelle „Festhalle“. Der Betrieb in der Stadt – noch schlimmer als bei uns im Dorf. Wir kommen zum „Apollo“. Ein Menschenknäuel, und ein tolles Gedränge an der Kasse. Ich sehe ein riesiges Plakat, darauf ein tränenüberströmtes Gesicht, ein Frauengesicht mit der Aufschrift „Mutter“ – mit Henny Porten. Wir stellen uns an das Ende der Menschentraube.
Da kommen US-Soldaten, vier oder fünf, sie bilden eine „Kette“. Auf Kommando eines kleinen, etwas untersetzten rothaarigen Mannes mit sommersprossigem Gesicht, der mit sich überschlagender heller Stimme „Hau-Ruck“ ruft, drängen sie die Menschentraube zusammen. lch höre jedesmal schreiende Frauen- und Kinderstimmen – zwischendurch auch „Hilfe!“ Meine Mutter packt mich plötzlich am Arm und sagt aufgeregt: „Komm schnell eriwwer Jung, off dä anner Sait kenne mer waarte.“ Schnell überqueren wir die Straße, und meine Mutter vertröstet mich auf später, sobald drüben Ruhe eintritt.
Wir stehen da, gucken, warten; aber immer noch die Amerikaner mit ihrem „Hau-Ruck“, das scheinbar wohl international ist. Da kommt mit langen, langsamen Schritten ein Militär-Polizist, mit blauer Armbinde und dem Aufdruck „MP“. Wieder mal ein Riese, die Schirmmütze fast über die Augen gezogen. An einer Messingkette eine Messingtrillerpfeife, die hängt ihm auf der Brust. Kurz bleibt er bei den Randalierern stehen und warnt sie mit erhobener Hand. Nun hören sie endlich auf mit ihrem „fröhlichen“ Tun, und meine Mutter meint: „Sehste Jung, nau hann se offgehiert, glaich kenne mer widder riwwer giehn.“
Kaum hat der MP Mann aber den Rücken gekehrt, geht’s auch schon wieder los mit „Hau-Ruck“ – und wieder Schreie aus dem drängelnden Publikum. Da kommt der MP-Mann zurück, diesmal mit großen schnellen Schritten. Energisch schnappt er sich den Rädelsführer, den Schreihals, zieht ihn zu sich heran und greift zum Colt. Es macht knack und bumm, ein Schuß, dem Schreier von oben in den Kopf. Die Menschen stehen wie gelähmt da, die Soldaten auch – und jetzt?
Jetzt kommt für mich das Unfaßbare: Der MP-Mann hebt seine langen Beine langsam hoch, um über den Zusammengesackten zu steigen, und geht ebenso langsam übers Trottoir bis zum Bordstein. Hier sieht er einen vorbeifahrenden amerikanischen LKW, nimmt die Messingpfeife in den Mund, pfeift damit schrill und deutet dem LKW-Fahrer an, zu kommen. Dann läßt er die anderen Soldaten die Klappe am LKW runter machen und den wie tot Daliegenden einladen.
Ähnliches habe ich in Horchheim einige Zeit zuvor ja auch schon mal gesehen. Der Fahrer bekommt eine Anweisung, und, nachdem die anderen Soldaten eingestiegen sind, braust der LKW ab. Doch nun kommt das für mich rein Unfaßbare: Der baumlange MP-Mann geht mit langen, langsamen Schritten seine Streife weiter als ob nichts, aber auch gar nichts geschehen wäre.
Betroffen fahren wir heim, lassen Kino – Kino sein, reden kein Wort miteinander. ln der Familie wird es niemals erwähnt.
von K.-H. Melters | Kirmes-Magazin 2009 Seite 50 – 53
Wie finden Sie Ihren Spitznamen „Mutti“, wurde die Bundeskanzlerin von Reportern gefragt. Merkel: „Es gibt Schlimmeres“!
Ihr politischer Kollege und Konkurrent Außenminister Frank Walter Steinmeier trug einst den Ulknamen „Prickel“. Doch niemand in seiner lippischen Heimat Brakelsiek kann das Geheimnis lüften, wie der SPD-Politiker an seinen Nicknamen kam.
Spitznamen oder Spottnamen entstehen manchmal aufgrund bestimmter Umstände, Ereignisse und deren Wahrnehmung durch die Mitbürger. Mädchen erhalten seltener Spitznamen als Jungen, und je beliebter ein Mensch ist, desto eher wird er mit einem Nicknamen bedacht. Auch die körperliche Auffälligkeit, wie das Aussehen oder eine Behinderung, kann zur Vergabe eines Spottnamens führen.
Die Spitznamen der Horchheimer haben ein langes Leben
„Schlamm-Ohlt“, „Amboß“ und „Schön-Schön“
So verbergen sich beispielsweise hinter Horchheimer Nicknamen wie Affe-Dunche, Zitter-Heinche, Kromm-Box, Locke-Lies, Geggisch-Gertrud, Rasputin, Bonsai-Wirt, Hering, Pötzje und Fösje Personen mit markanten äußerlichen Auffälligkeiten, die in Namen umgemünzt wurden. Spitznamen haben meist ein langes Leben und überleben ihren Träger über Generationen, wie die durch ihre berufliche Tätigkeit heute noch in Horchheim bekannten Namen: Milch-Grittche, Blech-Krämer, Amboß, Heilich-Lissje, Mitternachts-Bäcker, Seele-Käuferch, Dude-Vul, Schuster-Will, Schön-Schön, Maggi, Samen-Glatze, Bocke-Pitter, Leiterchens-Männche oder Schlamm-Ohl.
Kreativ und humorvoll präsentieren sich auch Horchheimer Bürger, wenn sie ihre Familiennamen mit ihrem Ruf- oder Spitznamen koppeln. Dabei gilt die eiserne Regel, dass immer der Familienname an erster Stelle steht, wie folgende Beispiele zeigen: Nolle Kätt, Riese Jul, Wagners Häns, Steins Nikeläs, Hoffmanns Soffieche, Bunne Dun, Dickops Marie, Krämers Dick, Schüllers Stomm, Stolle Rob, Bohrs Hein, Ludwigs Klem, Hoffmanns Robert, Jungs Has, Körbers Kätt, Gotthards Jupp, Dörrs Jettche, Holle Charly, Müller Jupp usw.
Heimatforscher Franz Müller †1971 – Ein lupenreiner Kenner örtlicher Persönlichkeiten und deren Ulknamen
Brillanter FC-Abwehrgigant „Sensemann“
Spitznamen auf Zuruf waren in Horchheim beliebt, wenn in früheren Tagen die Fußballer ihre strammen Waden im Mendelssohn Park bewegten. Gelang es wieder einmal dem FC-Abwehr Recken Bunnes den gegnerischen Angriff auf eigene Art zu stoppen, so belohnte ihn die johlende Arena mit dem Kosenamen „Sensemann“. Neben diesem brillanten Horchheimer Abwehr-Giganten, der immer dafür sorgte, dass der eigene Strafraum vom Unkraut befreit blieb, mühten sich noch im Lauf der Jahre Spieler wie Leise, Stutz, Itze, Schips, Pepe, Liesje, Eisbär und viele andere um den Klassenerhalt.
Spitznamen gehören zum Fußball wie die Bratwurst in der Halbzeit. So wurden aus den einstigen Bundesligastars Rudi Völler die Tante Käthe, Ulf Kirsten der Schwatte und aus Uli Hoeneß der Weißwurst-Buddha.
Doch guckt man sich Bundestrainer-Jogis augenblickliche Mannschaft an, fällt sofort auf, nur wenige Spieler haben Spitznamen. Und die meisten sind auch nicht besonders attraktiv. Ob „Miro“, „Balle“ oder „Lutscher“ ‒ Helden klingen anders. Ein Blick in die WM-Geschichte zeigt, dass die deutschen Kicker früher erfolgversprechendere Beinamen hatten. 1954 schoss „Boss“ Rahn die Elf zum Titel. „Kaiser“ Franz Beckenbauer war bei den WM-Siegen 1974 und 1990 als Spieler und Trainer von Bedeutung. Und auch die Vize-Meisterschaft 2002 bewältigte der „Titan“ Olli Kahn fast im Alleingang. Kein Wunder also, dass die Marktforschungsagentur „Nambos“ deutsche Fußball Fans aufgerufen hat, neue Spitznamen für die Profi-Kicker zu vergeben. So wichtig scheinen demnach Ulknamen zu sein!
Atzele-Burg und Schneckebau
Auch bei Gebäuden wird mit Uznamen nicht gegeizt. So nennen die Berliner ihre Kongresshalle „Schwangere Auster“, die Siegessäule „Goldelse“ und das Kanzleramt „Waschmaschine“. Die Bayern tauften ihr neues Stadion im Norden Münchens einfach „Schlauchboot“, während im fernen australischen Sydney die 75 Jahre alte, tonnenschwere Harbour Bridge den Beinamen „Kleiderbügel“ erhielt.
Horchheim kann mit solchen Prachtbauten kaum mithalten. Wer aber in aller Welt hat schon eine Sutterburg, eine Atzeleburg, einen Schneckebau, ein Spitälche oder gar ein Heiligenhäuschen in der Vehgass?
Die neuen Spitznamen der Horchheimer
Poppelstopper und Achselterror
Schließlich stellt sich noch die Frage, weshalb es heute immer weniger neue Spitznamen oder witzige Sprachschöpfungen gibt. Geht der Jugend die Fantasie flöten oder verstehen die Alten die Jungen nicht mehr? Jugendliche haben sich immer schon durch einen eigenen Wortschatz von der älteren Generation abgegrenzt. Während in den 1970er Jahren alles „knorke“ in den 1990ern alles „mega“ ‚war, ist heute alles und jeder „krass, geil und hammer“. Mit dieser Form der Sprache wollen sich Jugendliche von den „uncoolen“ Eltern und Großeltern distanzieren, was ihnen auch relativ leicht gelingt.
Sprachwissenschaftler vergeben der neuen Jugendsprache das Prädikat „kreativ und humorvoll.“ Nur das Umgewöhnen wird den meisten Alten schwerfallen. Da kann nur eisernes Umdenken helfen. Ob sich alte Horchheimer wie Bunnes, Homb und Schlemmer-Hein damit abgefunden hätten, früher zur „Gammelfleischparty“ (Ü-30Treffen) anstatt zum Frühschoppen zu gehen?
Auch der Dank für Vereinstreue in Form eines schönen „Heuchlerbesens“ (Blumenstrauß) erfordert viel Verständnis. Toleranz ist auch gefragt, wenn ein gehbehinderter Horchheimer mit seinem „Pflaster-Porsche“ (Rollator) ein „Straßendeko“ (überfahrenes Tier) einfach liegen lässt. Noch härter wird es, wenn ein Kirmesbursche mit „Pils-Spoiler“ (Bierbauch) und „Popelstopper“ (Schnurrbart) auf dem Festplatz seine „Lunge bräunt“ (raucht). Da kann es einem schon mal „Achselterror“ (Schweiß) unter die Arme treiben, der nur mit „Achselmoped“ (Deo) geruchsneutral beseitigt werden kann.
Für die „Gammelfleisch-Generation“, also alle über 30jährigen Horchheimer, heißt es nun Vokabeln pauken. Dann entstehen vielleicht auch wieder neue Spitznamen im Ort, und viele verzweifelte Mitbürger müssen nicht mehr mit „einer Bretzel im Gesicht“ (betrunken) herumlaufen. Sollte gar keine Hoffnung mehr bestehen, dann hilft nur noch der Weg zur Apotheke, wo man kostenlos die „Rentner-Bravo“ (Apotheken-Umschau) mit vielen Rezepten gegen Unwohlsein erhält.