Karl Wörsdörfer (1919-1994)

Menschen

Karl Wörsdörfer bei einem Ausflug der TUS Horchheim

Karl Wörsdörfer

* 1919
† 1994

Karl Wörsdörfer – „Wurscht“, Oberst Itzeblitz und das Horchheimer Heimatlied

Karl Nikolaus Wörsdörfer wurde am 21. August 1919 geboren. 1948 kam er mit seiner Familie aus der Südlichen Vorstadt nach Horchheim. Ihr neues Zuhause wurde zunächst die schwer beschädigte und später abgerissene Villa „Markana“.

Dass Wörsdörfer gerade in Horchheim schnell Anschluss fand, hatte auch mit seinen alten Bekanntschaften zu tun. Bereits aus seiner Zeit am Realgymnasium kannte er Horchheimer wie Rolf Meyer, Kurt Marzi, Hugo Seyl und Rudi Bornhofen. Im Saalbau Ries, dem damaligen Horchheimer Kino, traf man sich und fieberte gemeinsam bei den Trapper- und Westernfilmen mit.

Der bekannte Horchheimer Wahlspruch

„Jeder Horchheimer in mindestens drei Vereinen!“

passte auch auf den Neubürger Wörsdörfer.

Seine vielen Talente kamen im Vereinsleben bald zur Geltung. Er konnte fabulieren, dichtete, schrieb Kirmessprüche und spielte Geige, Klavier und Gitarre. Männerchor, Karnevalsverein und Kirmesgesellschaft boten ihm die Bühne, auf der er seine Fähigkeiten einsetzen konnte.

Dabei ging es ihm offenbar weniger um den großen Auftritt als um die Freude am gemeinsamen Tun. Während im Wohnzimmer der Villa Markana noch der Regen durch das Dach kam, übte er mit Ernst Geisler bereits die nächsten Lieder und Beiträge für einen Auftritt.

Zu seinem Repertoire gehörten Lieder zur Laute wie der „Bucheckern-Samba“, Büttenvorträge und Beiträge zur Horchheimer Kirmeszeitung. In den Kirmeszeitungen finden sich unter anderem „Die Veehgass“, „Die Bischung“ und „Die neue Kirchturmuhr“.

Auch den Männerchor begleitete er bei seinen Reisen. Von einem Aufenthalt im damaligen Deutsch-Südwestafrika ist überliefert, dass ihm dort der Karnevalsorden „Otjiwarongo“ überreicht wurde. Bei einem gemeinsamen Konzert mit einem französischen Schülerchor in Arras gestaltete er anschließend einen Bunten Abend mit französischen Beiträgen.

Seine Einfälle waren also nicht auf Horchheim beschränkt. Wo sich eine Gelegenheit bot, Menschen zu unterhalten, war Wörsdörfer dabei.

Ein Horchheimer mit vielen Talenten

Bei aller Bekanntheit des Oberst Itzeblitz sollte Karl Wörsdörfer aber nicht auf diese Karnevalsfigur reduziert werden.

Er war Sänger, Musiker, Texter, Büttenredner und Kirmesspruchsänger. Er schrieb und spielte Lieder, war im Männerchor aktiv, engagierte sich im Carnevalsverein und in der Kirmesgesellschaft und half auch bei der TuS Horchheim im Hintergrund mit. Dort war er unter anderem als Übungsleiter der „Oldies“ tätig.

Viele Horchheimer erinnerten sich später an die ersten Fastnachtsveranstaltungen des Männerchores im Saalbau Ries und an den „Bucheckern-Samba“. Die Bunten Abende des Männerchores gehörten ebenfalls zu seinem Wirkungskreis.

Seine besondere Stärke lag darin, Menschen zusammenzubringen und ihnen mit Musik, Versen und Humor Freude zu machen. Das gilt für die großen Karnevalsauftritte ebenso wie für die kleinen Beiträge bei Kirmes und Vereinsveranstaltungen.

Karl Wörsdörfer selbst fasste seine Haltung einmal unter dem englischen Sprichwort „Make the best of it“ zusammen – mach das Beste daraus.

Sein größter Beitrag für Horchheim blieb jedoch das Heimatlied.

Die Entstehung des Horchheimer Heimatliedes

Die Mendelssohnallee am Rhein gehört zu den Orten, die für viele Horchheimer untrennbar mit Erinnerungen an den eigenen Ort verbunden sind. Spaziergänge unter den alten Bäumen, der Blick auf den Rhein und Stolzenfels, die Bänke am Rheinufer – all das fand bereits vor mehr als 75 Jahren Eingang in ein Lied, das bis heute zum Horchheimer Vereins- und Festleben gehört.

Es ist das Horchheimer Heimatlied „O Horchheim, o Horchheim!“. Geschrieben wurde es von Karl Wörsdörfer, genannt „Wurscht“. Entstanden ist es im Herbst 1950 – bei einem Feierabendspaziergang durch die Allee.

1950 war eine Zeit des Neubeginns. Der Krieg war erst wenige Jahre vorbei, die meisten Horchheimer waren aus Krieg und Gefangenschaft zurückgekehrt, und die schlimmste Not begann langsam nachzulassen. Das Leben war noch einfach, aber die Menschen wollten wieder feiern und zusammensein. An den Wochenenden wurde getanzt, die Säle waren gefüllt, und nach den Jahren des Krieges und der Entbehrung kehrte allmählich wieder Lebensfreude ein.

Auch der Rhein gehörte zum Alltag. Familien verbrachten ihre Sommertage am Wasser, „vom Wissje bis zom Sand on dem Gänsebad“. Horchheim war noch stark vom Bauerntum geprägt, während der Erdbeerzeit gingen die Früchte „in alle Welt“. Es gab noch zwei Bahnhöfe – an der Bahnhofstraße und an der Emser Straße – und die Straßenbahn fuhr regelmäßig durch den Ort. Spaziergänge über die Schmidtenhöhe und weiter zur Ruppertsklamm gehörten ebenso dazu wie die Einkehr in den dortigen Gasthöfen.

In diese Zeit fällt die Entstehung der „Horchheimer Nationalhymne“, wie das Lied später scherzhaft genannt wurde.

Karl Wörsdörfer hat selbst beschrieben, wie es dazu kam:

„Im Herbst 1950 machte ich einen Feierabend-Spaziergang mit meinem damals dreijährigen Sohn Klaus durch den Park am Rhein, auch ‚die Allee‘ genannt. Beim Anblick der herrlichen, hohen Bäume, der Schiffe auf dem Rhein, der Liebespärchen und des über der Brüstung lehnenden Rentnerklubs überkam mich eine friedliche Stimmung, die mich auf dem Heimweg zur Mendelssohnstraße begleitete.“

Die Eindrücke dieses Spaziergangs nahm er mit nach Hause:

„Zu Hause setzte ich mich hin und versuchte, diese Stimmung in ein paar Verse umzusetzen. Ich hatte an der Löhnberger Mühle auf Stolzenfels gesehen, und ich hörte noch, wie die Rentner von ‚Dorns Wiss‘ redeten und die Pärchen auf den Bänken sich die Treue schwuren.“

Aus diesen Bildern entstanden zunächst drei Strophen. Wörsdörfer ergänzte einen Refrain und machte daraus schließlich ein Lied:

„Na ja, so floß es dann in die Feder, und am Ende wurden es drei wohl abgestimmte Strophen. Warum sollte es also nicht auch noch ein Lied werden? Also kam noch ein Refrain dazu und so paßte es schließlich zusammen.“

Für die Melodie nahm er seine Gitarre zur Hand:

„Zum Schluß nahm ich die Gitarre zur Hand und nach einigen Versuchen hatte ich eine Walzermelodie, denn wenn man am Rhein und vom Rhein singt, will man ja auch gerne schunkeln.“

Die Melodie hielt Wörsdörfer zunächst auf einem selbst gefertigten Notenblatt fest. Anschließend wandte er sich an den Horchheimer Organisten Hans Wüst:

„Die Melodie hielt ich primitiv auf einem selbst gebastelten Notenblatt fest und ging damit am nächsten Tag zu Hans Wüst, der das Lied mit viel Freude musikalisch hintrimmte.“

Damit war das Lied fertig.

Die Uraufführung fand am Samstag, dem 11. November 1950, bei der ersten Sitzung des Männerchores zur Karnevalszeit im Gesellenhaus statt. Das Lied kam beim Publikum so gut an, dass es bald gedruckt wurde.

Gemeinsam mit Hans Wagner ließ Wörsdörfer das Lied auf Postkarten drucken. Die Karten wurden nicht nur in Horchheim verteilt, sondern fanden sogar ihren Weg bis nach Amerika. Die erste Auflage war schnell vergriffen.

1952 erschien der Liedtext dann in der Horchheimer Kirmeszeitung.

„O Horchheim, o Horchheim!“

Dort ist ausdrücklich vermerkt: Text von Karl Wörsdörfer – Melodie von Hans Wüst

Der vollständige Text lautete:

Vom Horchheimer Vereinsleben in die Koblenzer Bütt

Noch bekannter als durch das Heimatlied wurde Karl Wörsdörfer schließlich unter einer anderen Identität: als Oberst Itzeblitz.

Die Figur eines etwas vertrottelten, alten Militärs wilhelminischer Prägung entwickelte sich zu seiner großen Paraderolle in der Koblenzer Faasenacht.

Den Grundstein dafür legte Wörsdörfer in der Bütt des von ihm mitbegründeten Horchheimer Carnevalsvereins. Dort trat er zunächst als Offizier auf. Werner Wiemers und Simon Breitbach waren seine Rekruten.

Aus dieser Figur entwickelte sich mit der Zeit „Oberst Itzeblitz“, dessen besondere Sprache und militärische Selbstinszenierung zum Markenzeichen wurden. Der Oberst sprach ein eigentümliches, absichtlich verdrehtes Koblenzer Deutsch und kommentierte das aktuelle Geschehen aus seiner ganz eigenen militärischen Sicht.

Ein Beispiel aus seinen Auftritten:

„Itzeblitz jehört – Hubbitz Jeheimdienst angehiert. Hubbitz noch nicht rausjebracht – was Luci mit dem Pudel macht!“

Oder:

„Schwarze Karl unscheeniert – U-Boot-Krieg weiterführt. Abschußliste ganz enorm – 16 Biere mit Doppelkorn!“

Gerade diese Mischung aus militärischem Ton, verdrehten Worten und alltäglichem Unsinn machte die Figur aus.

„Durch’s Monokel jeseh’n“

Wie vielseitig Wörsdörfers Humor war, zeigen auch die kleinen Gedichte, die unter der Figur des Oberst Itzeblitz entstanden.

Itzeblitz und der verregnete Sonntag

Uhre acht,
aufjewacht.
Draußen Regen,
wieder legen!
Uhre elf,
Bette raus,
Fernseh’n an,
Höfer dran!
Eins, zwei, drei,
Zeit vorbei.
Knopf jedrückt,
Maverick!
Vier, fünf, sechs,
Knöpfchen rechts.
Hurrah, hurrah,
Bonanza da!
Null Uhr zehn,
Mund auf – gähn;
draußen Regen,
Bette legen!

Das Gedicht nimmt den ganz gewöhnlichen verregneten Sonntag aufs Korn: aufstehen, Fernsehen einschalten, Westernserien ansehen – und schon ist der Tag vorbei.


Itzeblitz und der „gute Film“

Auch vor dem Kinobesuch machte Oberst Itzeblitz nicht Halt:

Stadt spaziert:
Inspiziert!
Monokel klemmt,
Schritt jehemmt –
tolle Reklame:
Nudistendame!
„Aufklärung not,
erstes Jebot!“
Itzeblitz ‚ran,
Film fängt an.
Palmen – Strand,
Sonne – Sand,
Nackedei –
Ringelreih‘!
Wasser ‚rein,
Wasser ‚raus,
hoppsa, hoppsa,
Film ist aus!
Itzeblitz jeehrt,
endlich aufjeklärt!

Auch hier lebt der Witz von der Diskrepanz zwischen dem gestrengen Auftreten des Obersten und seiner ganz menschlichen Neugier.


Itzeblitz und die Denzerheide

Ein anderes Gedicht nimmt einen Sonntagsausflug auf die Denzerheide und die Begegnung mit der Polizei aufs Korn:

Winter ohne Sonne,
Kälte keine Wonne.
Endlich da der Lenz:
Raus aus Koblenz!
Rauf zur Denzerheide.
Aussicht Augenweide.
Übungsplatz ist leer:
Sonntags kein Jewehr!
Bundeswehr schaut zu,
Bürjer denkt, hier Ruh.
Dafür ei, ei, ei:
Liebe Polizei!
Panzerstraße – „Halt“!
Quittungsblock, eiskalt,
Bußjeld einkassiert,
Bürjer anjeschmiert!
Itzeblitz denkt, hier
Feldjägerei-Revier!
Oder brauchte Polizei
noch Jeld für Osterei?

Solche Verse zeigen, wie Wörsdörfer Alltagsbeobachtungen, aktuelle Themen und seinen Itzeblitz-Humor miteinander verband.


Karl Wörsdörfer – in Erinnerung geblieben

In seinen späteren Jahren musste er aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten. Er widmete sich stärker seiner Familie, seiner Frau und seinen Söhnen Klaus und Jost. Auch sein Wochenendhaus in Monreal wurde für ihn zu einem Rückzugsort. Dort beschäftigte er sich unter anderem mit dem Schreinern und genoss die Eifel.

Karl Wörsdörfer starb am 12. Juni 1994 im Alter von 74 Jahren. Mit ihm verlor Horchheim einen vielseitig begabten Vereinsmenschen, der über Jahrzehnte das kulturelle und gesellige Leben des Ortes mitgeprägt hatte.

Als Texter, Musiker, Sänger, Büttenredner und Kirmesspruchsänger war er in vielen Bereichen aktiv. Sein „O Horchheim, o Horchheim“ ist dabei wohl sein bekanntester Beitrag für seinen Heimatort geblieben. Die Figur des Oberst Itzeblitz wiederum machte ihn weit über Horchheim hinaus bekannt.

Beides gehört heute zur Geschichte des Horchheimer Vereinslebens – das Heimatlied ebenso wie die Erinnerung an den Mann, der als „Wurscht“ und als Oberst Itzeblitz Generationen von Horchheimern und Koblenzern zum Lachen brachte.


Horchheimer Kirmes Magazin 1976 | Jestatten Oberst Itzeblitz

Horchheimer Kirmes Magazin 1995 | In memoriam Karl Wörsdorfer


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