
Das Team Ortsmuseum der Heimatfreunde Horchheim besuchte den Künstler am 3. Dezember 2025 und erhielt einen außergewöhnlichen Einblick in sein Lebenswerk.
Der Besuch bei Josef Welling war für uns weit mehr als ein Blick hinter die Kulissen eines Künstlerateliers. Er bot die Gelegenheit, einem Horchheimer Künstler zu begegnen, dessen Werke seit Jahrzehnten das Ortsbild prägen und weit über die Grenzen der Region hinaus in Kirchen und öffentlichen Räumen zu finden sind. Auch in Horchheim begegnet man seinen Arbeiten auf Schritt und Tritt – in der Pfarrkirche St. Maximin, im Mendelssohnpark, auf dem Römerplatz oder alljährlich während des Koblenzer Karnevals. Doch hinter diesen vertrauten Kunstwerken verbirgt sich ein außergewöhnliches Lebenswerk, das Kunst, Handwerk und tiefgründige Symbolik auf eindrucksvolle Weise miteinander verbindet.
Ein Künstler aus Horchheim
Josef Welling gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Metallgestaltern und Goldschmieden im Rheinland. Nach seiner Ausbildung zum Gold- und Silberschmied legte er in beiden Handwerken die Meisterprüfung ab und gründete 1963 in Koblenz-Horchheim sein eigenes Atelier. Von hier aus entstand in den vergangenen mehr als sechs Jahrzehnten ein beeindruckendes Gesamtwerk, das heute in Kirchen, Klöstern und öffentlichen Räumen in ganz Deutschland sowie darüber hinaus zu finden ist.
Sein Schaffen umfasst Altäre, Ambonen, Tabernakel, Kreuzwege, Osterleuchter, Monstranzen, Kirchenfenster, Denkmäler, Brunnenanlagen, Plastiken, Schmuckstücke und Ehrenpreise. Auftraggeber waren Kirchengemeinden, Ordensgemeinschaften, Bistümer und öffentliche Institutionen. Seine Arbeiten gelangten bis nach Skandinavien und Afrika; selbst ein Bischofsstab für Simbabwe entstand in seinem Horchheimer Atelier.
Kunst beginnt mit dem Handwerk
Beim Rundgang durch Haus und Werkstätten wurde schnell deutlich, dass hinter jedem Kunstwerk jahrelange Erfahrung und außergewöhnliches handwerkliches Können stehen.
Josef Welling führte uns durch Atelierräume voller Modelle, Gipsformen, Werkzeuge und Bronzegüsse. Anschaulich erläuterte er den langen Weg von der ersten Skizze über das plastische Modell bis zum fertigen Bronzeguss. Viele Arbeiten entstanden zunächst als Gipsmodell, bevor sie im Wachsausschmelzverfahren oder anderen aufwendigen Gusstechniken umgesetzt wurden. Anschließend mussten die einzelnen Gussteile ziseliert, verschweißt und patiniert werden, bis das endgültige Kunstwerk entstand.
Neben Bronze gestaltet Welling seit jeher auch Naturstein, Granit, Marmor, Edelstahl, Glas und Email. Gerade diese Materialvielfalt verleiht seinen Arbeiten ihre besondere Ausdruckskraft. Seine Werke verbinden klassische Goldschmiedekunst mit Bildhauerei und architektonischer Raumgestaltung.
Sakrale Kunst als Gesamtkonzept
Den Schwerpunkt seines Lebenswerks bildet die sakrale Kunst. Dabei versteht Josef Welling einen Kirchenraum nicht als Sammlung einzelner Ausstattungsstücke, sondern als in sich geschlossenes Gesamtkunstwerk.
Grundlage dieses Verständnisses sind die liturgischen Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Kunst soll nicht dekorieren, sondern den Glauben sichtbar machen und die Liturgie unterstützen. Diesem Gedanken folgend entwickelte Welling für zahlreiche Kirchen vollständige künstlerische Gesamtkonzepte, bei denen Architektur, Symbolik und Liturgie eine Einheit bilden.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieses Verständnis in der Pfarrkirche St. Maximin in Horchheim.
St. Maximin – ein Gesamtkunstwerk im Herzen Horchheims
Als der Innenraum der Pfarrkirche zwischen 1980 und 1983 grundlegend neu gestaltet wurde, erhielt Josef Welling den Auftrag, die liturgische Neugestaltung zu entwerfen. Grundlage war zunächst ein maßstabsgetreues Modell des gesamten Kirchenraums. Darauf aufbauend entwickelte er sämtliche neuen liturgischen Elemente als gestalterische Einheit.
Der Besucher durchschreitet beim Betreten der Kirche bewusst drei Stationen des christlichen Glaubens: den Taufbereich als Beginn des Glaubensweges, den Raum der versammelten Gemeinde mit Altar und Ambo sowie schließlich den Bereich des Tabernakels als Ort der eucharistischen Anbetung. Diese räumliche Dramaturgie ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines durchdachten theologischen Gesamtkonzepts.
Im Mittelpunkt steht der aus schwarzem Granit und Bronze gestaltete Altar. Seine Bronzereliefs zeigen zentrale Szenen der Heilsgeschichte – von der Hochzeit zu Kana über die Brotvermehrung bis zum Gang der Emmausjünger. Passend dazu entstand der Ambo, dessen Relief den wunderbaren Fischfang mit seiner reichen Ausbeute an Fischen darstellt und damit die Verkündigung des Evangeliums symbolisiert.
Zu den eindrucksvollsten Arbeiten gehört der monumentale Osterleuchter. Er trägt sechzehn plastisch ausgearbeitete alttestamentliche Vorausbilder der Auferstehung Christi – darunter Jona im Fisch, Daniel in der Löwengrube, Mose am Roten Meer und die Himmelsleiter Jakobs. Auch das freistehende Altarkreuz, die bronzene Rahmung des Marienbildes, die Bronzefigur des heiligen Maximin, der Tabernakel sowie zahlreiche weitere liturgische Ausstattungsstücke stammen aus seiner Hand. Gemeinsam bilden sie einen Kirchenraum, dessen Gestaltung bis ins kleinste Detail einer gemeinsamen theologischen Idee folgt.
Gerade diese Verbindung von Glauben, Kunst und Symbolsprache macht St. Maximin zu einem außergewöhnlichen Beispiel moderner sakraler Kunst in Rheinland-Pfalz.




Neben seinem umfangreichen sakralen Werk schuf Josef Welling auch zwei profane Werke, die das Ortsbild Horchheims bis heute prägen.
Die Mendelssohn-Stele
Im Mendelssohnpark erinnert die 1984 eingeweihte Bronze-Stele an die Aufenthalte des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy in Horchheim.
Die Stele greift die Form eines Konzertflügels auf. Im oberen Bereich sind die Klaviertasten angedeutet, auf der Rückseite werden jene Werke genannt, die Mendelssohn während seiner Aufenthalte in Horchheim komponierte. Selbst das 1970 abgebrannte Mendelssohn-Haus wurde in die Gestaltung einbezogen. So entstand kein klassisches Denkmal, sondern ein Kunstwerk, das Musikgeschichte und Ortsgeschichte miteinander verbindet.
Die Käse-Stele
Kaum ein Kunstwerk ist so eng mit der Horchheimer Identität verbunden wie die Käse-Stele auf dem Römerplatz.
Sie erzählt mit zahlreichen plastischen Szenen die Geschichte des legendären „Hoschemer Käs“ und verbindet dabei Humor, Brauchtum und Ortsgeschichte. Dass dieses Denkmal überhaupt entstehen konnte, ist dem außergewöhnlichen Engagement vieler Horchheimer Vereine und Bürgerinnen und Bürger zu verdanken. Über mehrere Käsefeste wurde die Finanzierung gemeinschaftlich getragen – ein Beispiel dafür, wie bürgerschaftliches Engagement und Kunst zusammenfinden können.
Das Prinzenzepter
Weniger bekannt, aber weit über Horchheim hinaus präsent, ist das von Josef Welling geschaffene Prinzenzepter der Arbeitsgemeinschaft Koblenzer Karneval.
Das rund 45 Zentimeter hohe Bronzezepter ist ein außergewöhnliches Beispiel seiner Goldschmiedekunst. Auf der Spitze sitzt ein lachender Till, der in einen Spiegel schaut, aus dem zusätzlich eine Zunge herausragt. Der filigran gestaltete Schaft besteht aus mehreren Stufen mit rund 50 kleinen, jeweils etwa drei Zentimeter großen Figuren. Sie stellen verschiedene Personen und Szenen aus der Geschichte des Koblenzer Karnevals dar. Seit der Session 1995/96 wird das Zepter von den Koblenzer Prinzen während ihrer Regentschaft getragen und gehört heute zu den bedeutenden Insignien des Koblenzer Karnevals.
Ein Atelier voller Geschichten
Während unseres Besuchs wurde deutlich, dass das Horchheimer Atelier weit mehr ist als eine Werkstatt. Zwischen Modellen, Werkzeugen und fertigen Skulpturen spiegeln sich über sechs Jahrzehnte künstlerischer Arbeit wider.
Josef Welling berichtete von außergewöhnlichen Projekten, von überlebensgroßen Bronzeplastiken, komplizierten Montagen mit Autokränen, von Kirchen, deren Ausstattung vollständig aus seinem Atelier stammt, aber auch von der Verantwortung für den Erhalt sakraler Kunst in einer Zeit, in der vielerorts Kirchen geschlossen werden. Seine Ausführungen machten deutlich, dass jedes Werk nicht nur handwerkliche Präzision, sondern ebenso organisatorisches Geschick, Materialkenntnis und große Beharrlichkeit erforderte.
Ein Lebenswerk mit bleibender Bedeutung
Für die Heimatfreunde Horchheim war der Besuch eine besondere Gelegenheit, einem Künstler zu begegnen, dessen Arbeiten seit Jahrzehnten das kulturelle Gesicht unseres Stadtteils prägen.
Ob in der Pfarrkirche St. Maximin, im Mendelssohnpark, auf dem Römerplatz oder während jeder Koblenzer Karnevalssession – die Werke von Josef Welling erzählen von Glauben, Geschichte und Heimat. Sie verbinden meisterhaftes Handwerk mit künstlerischer Ausdruckskraft und verleihen Horchheim an vielen Stellen ein unverwechselbares Gesicht.
Wir danken Josef Welling herzlich für die freundliche Einladung, die ausführlichen Erläuterungen und die beeindruckenden Einblicke in ein Atelier, dessen Arbeiten weit über Horchheim hinaus Anerkennung gefunden haben – dessen Wurzeln aber bis heute fest in unserem Stadtteil liegen.
Andreas Weber
Beiträge zu Josef Welling im Horchheimer Kirmesmagazin
Denkmal-Pflege – Zum Andenken an einen großen Komponisten
von Joachim Hof
Evangelium aus Bronze
von Hans Feldkirchner
Zur Einweihung der Käse-Stele am Sonntag, 28. Juni 1998
von Dick Melters
Glaube in Kunst – Josef Welling zur Vollendung des 70. Lebensjahres
von Pfarrer Thomas Gerber
Ein Leben für die Kunst – Josef Welling
von Klaus-Peter Baulig
Das Atelier von Josef Welling
Mehr über Josef Welling
Einen Überblick über Leben und Werk des Bildhauers und Goldschmieds bietet der Wikipedia-Artikel zu Josef Welling.
