von K.-H. Melters

Kir­mes-Maga­zin 2009 Sei­te 50 – 53 

Überschrift 2009 Horchheimer Kirmeszeitung
Horchheimer Spitznamen 2009 Horchheimer Kirmeszeitung

Bril­lan­ter FC-Abwehr­gi­gant „Sen­se­mann”

Spitz­na­men auf Zuruf waren in Horch­heim beliebt, wenn in frü­he­ren Tagen die Fuß­bal­ler ihre stram­men Waden im Men­dels­sohn Park beweg­ten. Gelang es wie­der ein­mal dem FC-Abwehr Recken Bun­nes den geg­ne­ri­schen Angriff auf eige­ne Art zu stop­pen, so belohn­te ihn die joh­len­de Are­na mit dem Kose­na­men „Sen­se­mann”. Neben die­sem bril­lan­ten Horch­hei­mer Abwehr-Gigan­ten, der immer dafür sorg­te, dass der eige­ne Straf­raum vom lJn­kraut befreit blieb, müh­ten sich noch im Lauß der Jah­re Spie­ler wie Lei­se, Stutz, Itze, Schips, Pepe, Lies­je, Eis­bär und vie­le ande­re um den Klassenerhalt.

Spitz­na­men gehö­ren zum Fuß­ball wie die Brat­wurst in der Halb­zeit. So wur­den aus den eins­ti­gen Bun­des­li­ga­stars Rudi Völ­ler die Tan­te Käthe, Ulf Kirs­ten der Schwat­te und aus Uli Hoe­neß der ‑Weiß­wurst-Bud­dha.

Doch guckt man sich Bun­des­trai­ner-Jogis augen­blick­li­che Mann­schaft an, fällt sofort auf nur weni­ge Spie­ler haben Spitz­na­men. Und die meis­ten sind auch nicht beson­ders attrak­tiv. Ob „Miro“, „Bal­le“ oder „Lut­scher“- Hel­den klin­gen anders. Ein Blick in die WM-Geschich­te zeigt, dass die deut­schen Kicker frü­her erfolg­ver­spre­chen­de­re Bei­na­men hat­ten. 1954 schoss „Boss” Rahn die Elf zum Titel. „Kai­ser“ Frantz Becken­bau­er war bei den WM-Sie­gen 1974 und 1990 als Spie­ler und Trai­ner von Bedeu­tung. Und auch die Vize-Meis­ter­schaft 2002 bewäl­tig­te der „Titan“ Olli Kahn fast im Allein­gang. Kein Wun­der also, dass die Markt­for­schungs­agen­tur „Nam­bos“ deut­sche Fuß­ball Fans auf­ge­ru­fen hat, neue Spitz­na­men für die Pro­fi-Kicker zu ver­ge­ben. So wich­tig schei­nen dem­nach Ulk­na­men zu sein!

Poppelstopper und Achselterror 2009 Horchheimer Kirmeszeitung
Ein lupenreiner Kenner örtlicher Persönlichkeiten und deren Ulknamen war der 1971 verstorbene Heimatforscher Franz Müller

Wie fin­den Sie Ihren Spitz­na­men „Mut­ti“, wur­de die Bun­des­kanz­le­rin von Repor­tern gefragt. Mer­kel: „Es gibt Schlim­me­res”! Ihr poli­ti­scher Kol­le­ge und Kon­kur­rent Außen­mi­nis­ter Frank Wal­ter Stein­mei­er trug einst den Ulk­na­men „Pri­ckel“. Doch nie­mand in sei­ner lip­pi­schen Hei­mat Bra­kel­siek kann das Geheim­nis lüf­ten, wie der SPD-Poli­ti­ker an sei­nen Nick­na­men am. Spitz­na­men oder Spott­na­men ent­ste­hen manch­mal auf­grund bestimm­ter Umstän­de, Ereig­nis­se und deren Wahr­neh­mung durch die Mit­bür­ger. Mäd­chen erhal­ten sel­te­ner Spitz­na­men als Jun­gen, und je belieb­ter ein Mensch ist, des­to eher wird er mit einem Nick­na­men bedacht. Auch die kör­per­li­che Auf­fäl­lig­keit, wie das Aus­se­hen oder eine Behin­de­rung, kann zur Ver­ga­be eines Spott­na­mens führen.

Schlamm-Ohlt“, „Amboß“ und „Schön-Schön“

So ver­ber­gen sich bei­spiels­wei­se hin­ter Horch­hei­mer Nick­na­men wie Affe-Dun­che, Zit­ter-Hein­che, Kromm-Box, Locke-Lies, Geg­gisch-Ger­trud, Ras­pu­tin, Bon­sai-Wirt, Hering, Pötz­je und Fös­je Per­so­nen mit mar­kan­ten äußer­li­chen Auf­fäl­lig­kei­ten, die in Namen umge­münzt wur­den. Spitz­na­men haben meist ein lan­ges Leben und über­le­ben ihren Trä­ger über Genera­tio­nen, wie die durch ihre beruf­li­che Tätig­keit heu­te noch in Horch­heim bekann­ten Namen: Milch-Gritt­che, Blech-Krä­mer, Amboß, Hei­lich-Lissje, Mit­ter­nachts-Bäcker, See­le-Käu­ferch, Dude-Vul, Schus­ter-Will, Schön-Schön, Mag­gi, Samen-Glat­ze, Bocke-Pit­ter, Lei­ter­chens-Männ­che oder Schlamm-Ohl. Krea­tiv und humor­voll prä­sen­tie­ren sich auch Horch­hei­mer Bür­ger, wenn sie ihre Fami­li­en­na­men mit ihrem Ruf- oder Spitz­na­men kop­peln. Dabei gilt die eiser­ne Regel, dass immer der Fami­li­en­na­me an ers­ter Stel­le steht, wie fol­gen­de Bei­spie­le zei­gen: Nol­le Kätt, Rie­se Jul, Wag­ners Häns, Steins Nikel­äs, Hoff­manns Sof­fie­che, Bun­ne Dun, Dick­ops Marie, Krä­mers Dick, Schül­lers Stomm, Stol­le Rob, Bohrs Hein, Lud­wigs Klem, Hoff­manns Robert, Jungs Has, Kör­bers Kätt, Gott­hards Jupp, Dörrs Jet­t­che, Hol­le Char­ly, Mül­ler Jupp usw. Spitz­na­men auf Zuruf waren in Horch­heim beliebt, wenn in frü­he­ren Tagen die Fuß­bal­ler ihre stram­men Waden im Men­dels­sohn Park bewegten.

Hoschemer Käs

Atzele-Burg und Schneckebau

Auch bei Gebäu­den wird mit Uzna­men nicht gegeizt. So nen­nen die Ber­li­ner ihre Kon­gress­hal­le „Schwan­ge­re Aus­ter“, die Sie­ges­säu­le „Gol­delse“ und das Kanz­ler­amt „Wasch­ma­schi­ne“. Die Bay­ern tauf­ten ihr neu­es Sta­di­on im Nor­den Mün­chens ein­fach „Schlauch­boot“, wäh­rend im fer­nen aus­tra­li­schen Syd­ney die 75 Jah­re alte, ton­nen­schwe­re Har­bour Bridge den Bei­na­men „Klei­der­bü­gel“ erhielt.

Horch­heim kann mit sol­chen Pracht­bau­ten kaum mit­hal­ten. Wer aber in aller Welt hat schon eine Sut­ter­burg, eine Atzele­burg, einen Schne­cke­bau, ein Spi­täl­che oder gar ein Hei­li­gen­häus­chen in der Vehgass?

Pop­pel­stop­per und Achselterror

Schließ­lich stellt sich noch die Fra­ge, wes­halb es heu­te immer weni­ger neue Spitz­na­men oder wit­zi­ge Sprach­schöp­fun­gen gibt. Geht der Jugend die Fan­ta­sie flö­ten oder ver­ste­hen die Alten die Jun­gen nicht mehr? Jugend­li­che haben sich immer schon durch einen eige­nen Wort­schatz von der älte­ren Genera­ti­on abge­grenzt. Wäh­rend in den 1970er Jah­ren alles „knor­ke“ in den 1990ern alles „mega“ ‘war, ist heu­te alles und jeder „krass, geil und ham­mer.“ Mit die­ser Form der Spra­che wol­len sich Jugend­li­che von den „uncoo­len“ Eltern und Groß­el­tern distan­zie­ren, was ihnen auch rela­tiv leicht gelingt. Sprach­wis­sen­schaft­ler ver­ge­ben der neu­en Jugend­spra­che das Prä­di­kat „krea­tiv und humor­voll.” Nur das Umge­wöh­nen wird den meis­ten Alten schwer­fal­len. Da kann nur eiser­nes Umden­ken hel­fen. Ob sich alte Horch­hei­mer wie Bun­nes, Homb und Schlem­mer-Hein damit abge­fun­den hät­ten, frü­her zur„Gammelfleischparty“ (Ü‑30Treffen) anstatt zum Früh­schop­pen zu gehen? Auch der Dank für Ver­eins­treue in Form eines schö­nen “Heuch­ler­be­sens” (Blu­men­strauß) erfor­dert viel Ver­ständ­nis. Tole­ranz ist auch gefragt, wenn ein geh­be­hin­der­ter Horch­hei­mer mit sei­nem „Pflas­ter-Por­sche“ (Rol­la­tor) ein „Stra­ßen­de­ko“ (über­fah­re­nes Tier) ein­fach lie­gen lässt. Noch här­ter wird es, wenn ein Kir­mes­bur­sche mit „Pils-Spoi­ler” (Bier­bauch) und „Popel­stop­per“ (Schnurr­bart) auf dem Fest­platz sei­ne „Lun­ge bräunt“ (raucht). Da kann es einem schon mal „Ach­sel­ter­ror“ (Schweiß) unter die Arme trei­ben, der nur mit „Ach­sel­mo­ped“ (Deo) geruchs­neu­tral besei­tigt wer­den kann. Für die „Gam­mel­fleisch-Genera­ti­on“, also alle über 30jährigen Horch­hei­mer, heißt es nun Voka­beln pau­ken. Dann ent­ste­hen viel­leicht auch wie­der neue Spitz­na­men im Ort, und vie­le ver­zwei­fel­te Mit­bür­ger müs­sen nicht mehr mit „einer Bret­zel im Gesicht“ (betrun­ken) her­um­lau­fen. Soll­te gar kei­ne Hoff­nung mehr bestehen, dann hilft nur noch der Weg zur Apo­the­ke, wo man kos­ten­los die „Rent­ner-Bra­vo” (Apo­the­ken-Umschau) mit vie­len Rezep­ten gegen Unwohl­sein erhält.

 Kuddel