Horch­heim lädt zur Rei­se in die Ver­gan­gen­heit ein

Mit Hel­mut Man­dt von den Hei­mat­freun­den wer­den Objek­te im Orts­mu­se­um lebendig

Arti­kel aus der Rhein-Zeitung

Redak­teu­rin Kat­rin Steinert

Der Ein­hei­mi­sche Hel­mut Man­dt ist in Horch­heim auf­ge­wach­sen und kann eini­ges aus dem Ort berich­ten. Hier steht er vor einer Bild­ko­pie, die den Eisen­bahn­tun­nel als Zufluchts­stät­te im Zwei­ten Welt­krieg zeigt, was er selbst erlebt hat. Dass Koblenz durch einen Horch­hei­mer zur Groß­stadt wur­de, zeigt ein Foto mit dem 100 000 Schän­gel (oben, rechts). Dane­ben steht eine der unzäh­li­gen Pro­zes­si­ons­fi­gu­ren, die dem Muse­um zuge­tra­gen wur­den. Das Schild unten rechts steht für den Weg­fall einer Bahn­ver­bin­dung für die Horch­hei­mer. Ende Mai 1988 waren die Ein­hei­mi­schen abge­hängt.  Fotos: Kat­rin Steinert

Horch­heim. Wer das Orts­mu­se­um der Hei­mat­freun­de Horch­heim besu­chen will, lässt sich dabei am bes­ten von jeman­dem beglei­ten, der hier auf­ge­wach­sen ist und viel zu den Fotos und Aus­stel­lungs­stü­cken erzäh­len kann. Hel­mut Man­dt ist so einer. Der 86-Jäh­ri­ge stammt aus dem Ort und gehört zu den Grün­dungs­mit­glie­dern des Muse­ums. Er wur­de von der Vor­sit­zen­den der Hei­mat­freun­de, Ger­trud Block, aus­ge­sucht, um uns durch die Aus­stel­lungs­räu­me zu führen.

Ein Glücks­griff. Man­dt kennt nicht nur vie­le Geschich­ten, son­dern hat auch eini­ges erlebt. Das wird klar, als er beim Rund­gang im Ober­ge­schoss vor einem DIN‑A 3‑großen Bild ste­hen bleibt. Es zeigt eine Ansamm­lung von Men­schen im Horch­hei­mer Eisen­bahn­tun­nel. In einer Mau­er­ni­sche sit­zen Kin­der auf einem Sofa, weit im Hin­ter­grund ist eine Dampf­lok zu sehen. Man­dt erzählt: „Wir hat­ten kei­nen Bun­ker in Horch­heim und waren alle im Krieg im Tun­nel.“ Er selbst war gera­de zehn Jah­re alt, als die Sire­nen heul­ten: Flie­ger­alarm. Mit sei­ner Mut­ter und einem Köf­fer­chen eil­te er über die Bächel­stra­ße ins schüt­zen­de Bau­werk – wie Hun­der­te ande­re. „Auch Mili­tär­fahr­zeu­ge wur­den dort abge­stellt, um sie vor den Angrif­fen zu schüt­zen. „Für uns Kin­der war es toll, dar­auf rum­zu­klet­tern“, sagt Man­dt und grinst spitz­bü­bisch. Das Bild, das hier hängt, ist eine Farb­ko­pie. Das Ori­gi­nal des Horch­hei­mer Malers Alfred Erich Euch­ler (1888–1968), der spä­ter in Ander­nach und May­en wirk­te, hängt im Eife­ler Land­schafts­mu­se­um in der Maye­ner Genovevaburg.

Dass es heu­te über­haupt die­ses Muse­um in Horch­heim gibt, liegt an den Hei­mat­freun­den. Damals gab es Ein­hei­mi­sche, die am Orts­ge­sche­hen inter­es­siert waren und die Idee hat­ten, His­to­ri­sches zu erhal­ten, berich­tet Man­dt. Das sprach sich rum, und so wur­de der Ver­ein 1991 gegrün­det. Man­dt wur­de zum Schatz­meis­ter gewählt. „Dann haben wir eine Basis­sta­ti­on gesucht.“ Die fand der Ver­ein in einem Raum der Grund­schu­le. „Unser ers­tes Aus­stel­lungs­stück war eine gel­be Tele­fon­zel­le“, erin­nert sich der 86-Jäh­ri­ge. Sie wur­de in der Schul­au­la auf­ge­stellt und mit Bil­dern von Horch­heim bestückt. Man­dt erklärt: „Wir woll­ten Schü­lern zei­gen, dass es uns gibt.“ Bis zum eige­nen Hei­mat­mu­se­um dau­er­te es dann nicht mehr lang. Dem Ver­ein wur­de ein uraltes Haus in der Alte Heer­stra­ße 14 ange­bo­ten. „Man über­ließ es uns miet­frei, aber die Auf­la­ge war, es zu ver­si­chern.“ Spä­ter konn­te es durch Mit­glieds­bei­trä­ge und Spen­den gekauft wer­den. „Wir haben es mit gro­ßer Eigen­leis­tung und viel Man­power so her­ge­rich­tet, dass wir es als Muse­um nut­zen konn­ten“, sagt Man­dt und fügt augen­zwin­kernd hin­zu: „Da waren wir alle auch 30 Jah­re jün­ger.“ Den Grund­stock des Muse­ums kann man heu­te noch im Ober­ge­schoss anschau­en: Zig Bil­der auf Stell­wän­den nach Kate­go­rien geord­net – etwa Kir­chen, Ver­ei­ne, Per­sön­lich­kei­ten. Zusam­men­ge­tra­gen wur­den sie von dem Horch­hei­mer Hein­rich Fischer, um sie auf Pfarr­fes­ten aus­zu­stel­len. „Die Fami­lie stell­te uns die Bil­der von Fischer zur Ver­fü­gung“, erzählt Man­dt dank­bar. Vie­les, was man im Muse­um sehen kann, ent­stammt frü­he­ren Haus­hal­ten oder Fir­men. Umtrie­bi­gen Mit­glie­dern ist es zu ver­dan­ken, dass ein Stück des alten Horch­heims hier auf­be­wahrt wird. „Wir wer­den auch heu­te noch ange­ru­fen und gefragt: „Könnt ihr das gebrau­chen?“, sagt Man­dt. Sogar Gra­bungs­fun­de gibt es hier, weil akti­ve Mit­glie­der stets zur Stel­le waren, wenn irgend­wo der Boden auf­ge­macht wur­de. So kam beim Neu­bau einer Mau­er eine alte Lei­tung aus Ton zuta­ge, die das bekann­te Men­dels­sohn-Palais mit Was­ser ver­sorg­te. Ein­zug ins Muse­um fan­den neben unzäh­li­gen Pro­zes­si­ons­fi­gu­ren und ‑kreu­zen, die in Fens­tern stan­den, auch Milch­kan­nen, schi­cke alte Damen­hü­te, ein Aus­lie­fe­rungs­fahr­rad der Metz­ge­rei Puth, die alte Kino­kas­se, eine alte Wasch­ma­schi­ne, das alte Bahn­schild von 1988, das bekannt gab, dass ab dem 29. Mai 1988 der Bahn­hal­te­punkt „Horch­hei­mer Brü­cke“ auf­ge­ho­ben wird, ein Kla­vier aus dem Men­dels­sohn-Palais oder auch aus­sa­ge­kräf­ti­ge Bil­der von dem mehr­fach aus­ge­zeich­ne­ten Foto­gra­fen Karl-Heinz Melters.

Als Hel­mut Man­dt am Aus­gang ankommt, blät­tert er durch den Wand­ka­len­der. Den geben die Hei­mat­freun­de jedes Jahr her­aus. Man­dt bleibt bei einem Bild hän­gen, das den Ein­sturz der Süd­brü­cke am 10. Novem­ber 1971 zeigt. Er selbst war 34 Jah­re bei der Koblen­zer Berufs­feu­er­wehr im Ein­satz, so auch an die­sem Tag als Tau­cher. „Wir sind um 14.20 Uhr aus­ge­rückt“, weiß der 86-Jäh­ri­ge noch genau: „Aber das ist eine ande­re Geschich­te“, sagt Man­dt zum Abschied.

 

Arti­kel aus der Rhein-Zei­tung von Frei­tag, 10. Sep­tem­ber 2021

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