Schule in Horchheim 1932

Entnommen aus: Gerhard Caspers – SPUR DURCH DIE ZEIT – Erinnerungen I – Frühe Jahre

SCHULE IN HORCHHEIM

Im Frühjahr 1932 erzählte ich jedem, der es hören wollte, voller Stolz, ich käme an Ostern in die Schule. Ich freute mich wirklich. Als es so weit war, und ich eines morgens auf dem Schulhof stand, fühlte ich mich etwas beklommen. Ich hielt Vaters Hand so fest, daß die Ruhe, die von ihm ausging, langsam auf mein heftig klopfendes Herz einwirkte. Ich begann wahrzunehmen, was um mich her vorging.

Eine solche Beklommenheit hatte ich kurz zuvor erfahren, als ich ins Krankenhaus mußte. Unser Hausarzt, Dr. Walter Holler hatte zu einer Mandeloperation geraten, weil ich häufiger Beschwerden damit hatte. „Du fehlst sonst zu oft in der Schule“, tröstete er mich, Auf der Fahrt in seinem Auto nach Niederlahnstein, Vater fuhr mit, beeindruckte mich das seltene Erlebnis des Autofahrens zwar sehr, aber die Angst vor dem Ungewissen blieb unangenehm als Druck in meiner Brust. Ich weiß nicht mehr, wie es dann weiterging. Beim Erwachen aus der Narkose sah ich Vater neben meinem Bett sitzen. Ich klagte über Schmerzen im Hals. Er streichelte mich und sagte, ich müsse das aushalten, es werde schon am Abend besser sein. Dann erzählte er mir, daß das Mädchen im Bett daneben „den Bauch aufgeschnitten bekam“ wegen einer Blinddarmoperation.

Das Kind, wenig älter als ich, war auch Horchheimerin. Den Namen habe ich vergessen. Nach dem Krieg trat sie in den Orden der Armen Dienstmägde Jesu Christi in Dernbach ein. Hier muß ich eine kleine lustige Erinnerung einfügen. Irgendwann nach dem „Ewigen Gelübde“ dieses Mädchens unterhielten sich, bei einer Veranstaltung der Pfarrei, einige „fromme“ Frauen in übertriebener Ehrfurcht über die „ehrwürdige Schwester“. Auf die von mir bejahte Frage, ob ich sie kenne, wurde dann nach dem woher geforscht. „Mit der habe ich schon geschlafen“, sagte ich. Die Damen fielen fast in Ohnmacht. Sie beruhigten sich aber, als ich nachschob, es sei auf der Kinderstation des Krankenhauses gewesen.

Aus diesem bisher einzigen Krankenhausaufenthalt blieb ein für mich damals befremdliches Geschehen bei mir haften. Es war am dritten Tag, an dem ich nach Hause entlassen werden sollte. Auf Geheiß der Stationsschwester verließ ich das Bett, um mich anzukleiden. Als ich die Schlafanzughose gerade ausziehen wollte, stürzte die Schwester mit dem schrillen Aufschrei: „Nicht doch, nicht doch“ auf mich zu, um mir ein Handtuch um die Hüften zu schlingen. Vorwurfsvoll und strengen Blickes fragte sie, ob ich mich denn gar nicht schäme. Ich verstand überhaupt nicht. Sie zog mir unter dem Handtuch, das ihr Seelenheil und die Moral der anderen Kinder im Krankenzimmer schützen sollte, die Hose herunter. Dann folgte mit komplizierter Fummelei das Anziehen der Unterhose. Erst dann nahm sie das blöde Tuch weg. Ich durfte mich anziehen. Kurz darauf holten mich Eltern und Geschwister aus diesem manichäischen Irrenhaus ab. Daheim war Nacktheit so natürlich, daß es mir überhaupt nicht auffiel. In den Augen dieser Nonne war das sicher ein Sündenpfuhl.


Ich fing meine Gedanken wieder ein, betrachtete das Schulgebäude. Ich weiß nicht, ob es wegen des Schulbeginns oder aus einem anderen Anlaß beflaggt war. Eine schwarz-weiß-rote Fahne, für mich die deutsche, und die schwarz-weiße Preußens flatterten lustig im Wind. Die erstgenannten Farben kannte ich gut. Ich hatte sie schon oft bei den verschiedensten Gelegenheiten an unserem und an anderen Häusern gesehen. Auch die preußische war mir in Koblenz, der Hauptstadt der preußischen Rheinprovinz, nicht unbekannt geblieben. Einmal hatte ich in der Stadt eine Fahne gesehen, die mir unbekannt war. Sie war schwarz-rot-gold gestreift. Auf meine Frage, welchem Land die gehöre, erhielt ich Vaters Auskunft, das sei die offizielle Staatsflagge. Das machte sie mir nicht vertrauter. So ging es sicher auch den meisten Bürgern. „Die Republik (…) besitzt keine Nationalflagge, sondern nur eine durch behördliche Verfügungen und gesetzliche Bestimmungen eingeführte und bewachte Musterschutzmarke. Dieses (…) Symbol wird daher unserem Volke immer innerlich fremd bleiben.“ So hatte Hitler gespottet, (Mein Kampf, Seite 640). Leider hatte er, was das „innerlich fremd bleiben“ anging, nur sehr recht.

Ganz gleich, ob aus staatlichem Anlaß, oder weil Kirmes oder Fronleichnam, es wurde damals schwarz-weiß-rot geflaggt. Noch am Tag meiner Erstkommunion 1935 wehte die Fahne des Deutschen Kaiserreiches nicht nur von dem Mast im Vorgarten meines bürgerlichen Elternhauses. Auch die Häuser, in denen Jungen und Mädchen wohnten, die mit mir zusammen in der Klasse waren und den gleichen Festtag begingen, zeigten diese Farben. Es machte keinen Unterschied, ob die Väter dieser Kameraden Eisenbahner, Handwerker, Arbeiter, Akademiker oder Bauern waren. Dem kindlichen Verstehen noch gar nicht erkennbar, ereignete sich hier Geschichte in einer Richtung, die nach dem Untergang der Weimarer Republik manchen fragen ließ, warum sie so wenig Eingang fand in die Herzen der Menschen. Der erste Schultag war schon ein Lehrstück.


Zurück auf den Schulhof und zum dreiflügeligen Bruchsteinbauwerk, das die Gemeinde mit einer an der Außenwand angebrachten Tafel „Unseren Kindern“ widmete. Zwei Flügel beherbergten die acht klassige katholische Volksschule, einer die zweiklassige evangelische. An einem Fenster des Klassenraumes des achten Schuljahrganges hing außen eine kleine Glocke. An diesem Tag hörte ich zum ersten Mal ihr Gebimmel. Während sich die bis dahin auf dem Hof herumtobenden Kinder und die Eltern mit den Schulneulingen in Richtung auf die Klassenzimmer in Bewegung setzten, betrachtete ich mit Bewunderung den „großen“ Jungen, der oben am Fenster im ersten Stock die wichtige Funktion des Glöckners ausüben durfte.

Im Raum des ersten Schuljahres, Erdgeschoß rechts, herrschte ein fürchterliches Gedränge. Kein Wunder, denn die Klasse bestand aus siebenundzwanzig Jungen und einunddreißig Mädchen. Dazu kamen noch viele Eltern. Vor lauter Erwachsenen um mich herum konnte ich, außer ein paar unbekannten Kindern, denen es ebenso ging, nichts sehen. Ich hörte eine männliche Stimme, die die Namen der Kinder aufrief. Es war der Schulleiter, Rektor Diesler. Er war zum Nachfolger des pensionierten Alban Holl ernannt worden. Mit gespitzten Ohren paßte ich auf, um meinen Namen ja nicht zu verpassen. Was hörte ich? „Gertrud Caspers“. Das war ich nicht. Ich hatte keine Zeit zum Überlegen. Da hörte ich Vaters Einwand: „Nicht Gertrud, Gerhard“. Ohne mich in Augenschein zu nehmen, wurde ich durch den Rektor als Junge anerkannt. Ich fand in der zweiten Bankreihe an der Fensterseite meinen Platz.


An die Tafel hatte die Klassenlehrerin, Fräulein Albers, mit bunter Kreide ein Osterhasenbild gemalt. Es beeindruckte mich so, daß ich es aus der Erinnerung nachzumalen versuchte, als wieder Ostern war und wir dazu ein Bild malen sollten. Die Lehrerin, sie wurde am Ende des Schuljahres an eine andere Schule versetzt, blieb mir als lieb und mütterlich in Erinnerung. Im Lauf des Vormittags wurde jedes Kind draußen auf dem Schulhof fotografiert, den Ranzen auf dem Rücken, eine Tafel in den Händen, auf die jemand geschrieben hatte: Mein erstes Schuljahr 1932. In der Klasse wurden wir alle zusammen im Bild festgehalten. Ich besitze noch eine weitere Aufnahme von diesem denkwürdigen Tag. Vater machte sie, als ich Hand in Hand mit Dorchen Brühl, einem Nachbarskind, vor dem Elternhaus eintraf.

Es gefiel mir ganz gut in der Schule, wenn auch mein unglückliches Gesicht auf dem oben erwähnten Einzelbild anderes auszusagen scheint. Den jüngeren Schwestern gegenüber hatte ich wohl ein deutliches Überlegenheitsgefühl. Trotzdem fand ich es nett, wenn meine Schwester Brigitte, damals wie heute voll liebevoller Zuneigung zu ihrem Bruder, mir manchmal auf dem Heimweg ein Stück entgegenkam. Sie wollte meinen Schulranzen tragen. Das Abholen war sicher Liebe, das Ranzentragen unbewußte eigene Aufwertung für das kleine Mädchen, das sich dann zwischen den anderen Kindern „schon groß“ vorkam. Einmal habe ich ihr in der Straßenbahn, zur Freude aller Fahrgäste, einen Vortrag gehalten. Wir kamen mit den Eltern aus Koblenz. Im Wagen saß, als wir einstiegen, meine Lehrerin. Da neben ihr ein Platz frei war, setzte ich mich zu ihr. Brigitte saß etwas weiter weg, so daß ich mich ihr, etwas lauter sprechend, zuwandte: „Du, das hier ist meine Lehrerin. Du hast noch keine, bist noch zu klein. Nächstes Jahr bist du größer, dann darfst du auch in die Schule und bekommst eine Lehrerin. Nach einer kurzen Pause sagte ich: „Aber so nett wie meine ist die nicht!“ Die Leute lachten. Meine aufsteigende Verlegenheit klang gleich wieder ab, weil Fräulein Albers mir im rechten Augenblick lachend und verständnisvoll über den Kopf streichelte.


Hier muß ich nun über die Erfahrung berichten, die ich [auf Seite 7] bereits erwähnte. Das neue soziale Gebilde, die Schulklasse, gebar aus sich heraus die Auseinandersetzungen um die Freundschaften und Machtpositionen der Kinder untereinander. Dieser Vorgang, den man heute Gruppenprozess nennt, – manche sprechen mit Blick auf den Hühnerhof von Hackordnung und damit unter Vernachlässigung des psychisch-intellektuellen-humanen Aspektes nur vom „machtpolitischen“ Teil des Problems, – sah mich in einer schlechten Ausgangsposition. Ursache hierfür war nicht meine Erziehung, sondern der Umstand, daß es im Umkreis meines Elternhauses keine Jungen meines Alters gab, mit denen ich mich in diese Auseinandersetzungen hätte einüben können. Ich hatte auch wenig Erfahrung in handgreiflichen Kraftproben, wie sie unter Kindern, besonders unter Jungen, zur Entwicklung gehören. Das wäre alles nicht so schlimm gewesen, hätte sich wohl auch im Laufe der Zeit ausgewachsen, wäre da nicht ein Klassenkamerad, Karl Zehe, gewesen. Aus mir unbekannten Gründen begann er nach einigen Wochen in der Schule, mich zu schikanieren, wo er nur konnte. Er prügelte sich mit anderen auch, und er genoß den Ruf, sehr stark zu sein, obwohl er nicht so aussah. Unerfahren, wie ich in solchen Dingen war, aber sicher auch aus Feigheit unterließ ich es, ihm die Grenzen zu zeigen, die er nicht ungestraft überschreiten durfte. Hier spielte sicher auch die zwar gut gemeinte, aber welt- und wirklichkeitsfremde, aus der Harmonievorstellung meiner Mutter geborene Maxime „Kinderchen vertragt euch“ hinein.

Nun ist es Menschen und Mächten mit aggressiver Struktur eigen, Nachgiebigkeit und Feigheit der Gegenseite zum Ausbau der eigenen Position rücksichtslos auszunutzen. So auch Karl Zehe. Er begann, mich in der Pause, dann auf dem Heimweg zu verprügeln, weil ich auf die vorhergehende Stufe des Anrempelns nicht angemessen reagiert hatte. Ich beklagte mich bei meinem Vater. Heimlich hatte ich die Hoffnung, Vater würde dem Karl „Bescheid sagen“, oder dessen Eltern ansprechen. Es kam ganz anders. Vater erklärte mir, daß ich diese Sache selbst durchstehen müsse, im konkreten Fall, ich müsse mich wehren. Außerdem sei es wahrscheinlich, daß Karl seine Position viel mehr der Feigheit der anderen, als eigener Kraft verdanke. Er könne verstehen, daß ich Angst hätte, das sei alleine nicht schlimm. Schlimm sei nur, wenn ich mich davon unterkriegen ließe. Vater schärfte mir ein, ich solle niemanden angreifen, schon gar nicht Schwächere, aber ich solle auch nicht kuschen vor den Drohungen Streitsüchtiger. Es gab noch ein paar taktische Hinweise, eine liebevolle Umarmung und den Schlußsatz: „Du kannst das schaffen!“

Am nächsten Tag stellte Karl mich nach Schulschluß in dem kleinen Verbindungsweg vom Schulhof zum Römerplatz. Als ich ihn sah, war da wieder die Angst. Er griff mir an die Brust, versuchte, mich herumzuschütteln. Da schlug ich zu. Meine Faust traf ihn mitten ins Gesicht. Karl muß so überrascht gewesen sein, daß er für Sekunden regungslos da stand. Er ließ mich nicht los. Da traf ihn mein zweiter Schlag schräg am Kinn. Krachend ging er zu Boden. Ich warf meinen Ranzen weg, stürzte mich auf ihn und schlug auf ihn ein, so lange er sich wehrte. „Aufhören, aufhören“, winselte er. Seine Lippen und Nase bluteten. Kameraden rissen mich hoch, feierten mich als Sieger. Sie hoben meinen Ranzen auf, klopften mir die Kleidung ab. Es war ein Triumph, es war mein Sieg. Mein Sieg über Karl, wichtiger noch, mein Sieg über meine Angst. An diesem Tag habe ich gelernt, daß Angst durch Tapferkeit besiegbar ist. Karl hatte zwei Wochen lang ein blaues Auge, ich in den vier Jahren in der Volksschule keine Schlägerei mehr mit Klassenkameraden. Manche, die mich bisher nicht beachtet hatten, interessierten sich jetzt für mich, spielten mit mir. In kameradschaftlicher Hinsicht verliefen die Volksschuljahre in erfreulicher Harmonie. Wichtig war mir die Erkenntnis, daß Vaters Ratschläge realisierbar waren, Mutters Theorien nicht.


Im zweiten Schuljahr, also ab Ostern 1933, bekamen wir nicht nur ein anderes Klassenzimmer, das links vom Haupteingang gelegene, wir bekamen auch eine neue Lehrerin, Fräulein Therese Hartmann. Sie stammte aus Ehrenbreitstein, aus der Kohlenhandlung gleichen Namens, die ihr Bruder betrieb. Ihr Elternhaus, der ehemalige Junkerhof, steht heute noch an der Charlottenstraße nahe dem ehemaligen Amtsgericht. Fräulein Hartmann war, wie damals wohl die meisten Lehrerinnen, unverheiratet. Ob das statistisch bewiesen ist, weiß ich nicht, ich habe aber in meiner ganzen Schulzeit, sowohl in der Volksschule, als auch im Gymnasium nur unverheiratete Lehrerinnen erlebt. Sie wohnte zusammen mit einer ebenfalls unverheirateten Schwester, die ihr den Haushalt führte, in der Emserstraße, gegenüber dem Mendelssohnpark.

Wenn ich mich dieser Lehrerin erinnere, zu deren Klasse ich vom zweiten bis zum Ende des vierten Schuljahres gehörte, also drei Jahre lang, fällt mir zuerst ein, daß ich sie mit kindlicher Zuneigung verehrte, vielleicht sogar liebte. Meinen Schulkameraden und -kameradinnen ging es, so nehme ich an, zumindest in der Unterstufe ebenso. Das heißt nun nicht, daß immer alles voller Harmonie war. Die Volksschullehrer jener Zeit hatten eine, in diesem Umfang nicht mehr gegebene Möglichkeit, prägend auf die Kinder und den Geist der Klasse einzuwirken. Sie waren ja, in allen Fächern unterrichtend, – nur Religion gab manchmal der Pastor, – Tag für Tag mit „ihren“ Kindern zusammen. Das gab beiden Seiten die Möglichkeit, sich auf einander einzustellen. Selbstverständlich hat eine solche Methode auch bedenkenswerte Schattenseiten. Mir hat jedenfalls diese Vertrautheit ein Schulklima vermittelt, in dem es sich als Kind ohne den heute viel besprochenen Schulstreß glücklich leben ließ. Wie sehr mir diese Vertrautheit behagte, erhellt vielleicht auch daraus, daß ich später, nach dem Übergang auf das Gymnasium, zunächst nichts als so starke Veränderung empfand, als den stündlichen Wechsel der Lehrkräfte.

Zum pädagogischen Handwerkszeug damaliger Lehrer gehörte auch noch der Stock. „Prügelstrafe“, förmlich höre ich den entrüsteten Aufschrei „moderner“ Lehrer. Nun, ich bin auch nicht dafür, den Stock als ultima ratio wieder einzuführen. Mir stellt sich aber die Frage, ob der Psychoterror des Leistungsdrucks, von Lehrern und Eltern gleichermaßen ausgeübt, nicht erheblich schlimmer ist. Ganz selten wurde die schärfste Form angewandt, bei der der Sünder über die Bank gelegt wurde und die Schläge bei „strammgezogener“ Hose auf das Gesäß erhielt. Zwei meiner Kameraden, Heinz Knipp und Willi Noll, hielten hier den Rekord. Es hat ihnen, denke ich, ebenso wenig geschadet wie der weit größeren Schar derer, die Stockschläge „auf die Finger“, das heißt in die geöffnete Handfläche erhielten. Solches ist mir auch mal widerfahren. Leider ist mir nicht erinnerlich, was ich verbrochen hatte. Aber ich weiß noch, wie weh das tat, und daß ich viel zu stolz war, um mir das anmerken zu lassen. Schmerzen beherrschen zu lernen ist doch auch ein Erziehungserfolg. Eine andere Reaktion zeigte ich jedoch, als Fräulein Hartmann mir einmal im Musikunterricht, sie spielte dann auf ihrer Geige, in einem emotionalen Zornesausbruch den Violinbogen über den Kopf schlug. Ich grinste offen und schadenfroh, als der Bogen zerbrach.


Schreiben lernten wir im ersten Schuljahr auf Schiefertafeln. Ich war stolz, daß ich zu den wenigen gehörte, die holzummantelte Griffel besaßen, in der Art wie Bleistifte. Sie waren weicher, ließen sich leichter über die Tafel führen, ohne dabei zu quietschen, ohne Rillen zu hinterlassen, wie es die harten Schiefergriffel taten. Erst im zweiten Jahr begannen die Versuche mit Feder, Federhalter und Tinte. Letztere befand sich in Tintenfässern, die in die Pulte eingelassen waren. Zu Anfang gab es ein mehr oder weniger großes Geschmiere auf dem Papier und den Händen. Bald entdeckten wir, daß sich mit der Tinte herrliche und vielseitige Schweinereien anstellen liegen. Man konnte Kreidestücke hineinstecken und dem sich bildenden blauen Schaum zusehen. Lustig war es auch, Löschblätter einzufärben, Kugeln daraus zu formen und mit den feuchten Geschossen nach Mitschülern zu werfen. Viel schöner jedoch war das alte Spiel, die Zopf enden der Mädchen blau zu färben.

Zum Schreiben gehörte das Fach Schönschreiben, Es war im Stundenplan und im Zeugnis gesondert aufgeführt. Bei dieser, von mir nicht geschätzten Übung, die angeblich besonderen Wert haben sollte, kam es mir einmal in den Sinn, alle Punkte, wie ich glaubte, besonders schön zu machen, indem ich zunächst einen kleinen Kreis zog und diesen dann ausfüllte. Meine Punkte hatten etwa fünf Millimeter Durchmesser. Ich fand sie schön, nicht nur am Schluß des Satzes, auch über dem i machten sie sich gut. Ich erwartete dafür ein besonderes Lob. Als wir die zensierten Arbeiten ein paar Tage später zurückerhielten, war ich sehr enttäuscht. Meine schönen Punkte waren mit roter Tinte durchgestrichen. Das ärgerte mich mehr, als die schlechte Note für die Schrift. Des von der Lehrerin angefügten Satzes wegen habe ich diese Für mindestens einen Tag gehaßt. Sie hatte geschrieben: „Du sollst schön (!!) schreiben, nicht Pferdeäpfel malen!“

Meine gerade erworbenen Schreibkünste nutzte ich, um meinen ersten Beitrag zur Weltliteratur festzuhalten, Mein Gedicht umfaßte nur zwei Zeilen:

Es war einmal ein grüner Mann,
der hatte siebzig Hosen an.

Nach Ostern 1933 kam meine Schwester Brigitte zur Schule. Nur ein Erlebnis blieb aus dieser Zeit des gemeinsamen Besuches der Horchheimer Volksschule in meinem Gedächtnis. Es war in den ersten Wochen des neuen Schuljahres, als nach Anklopfen und dem „Herein“ von Fräulein Hartmann, meine Schwester in unser Klassenzimmer trat, gleich an der Tür sich ihres Auftrages entledigend. An meine Lehrerin gewandt erklärte sie: „Du sollst mir Bilder geben.“ Gemeint war Anschauungsmaterial für das Fach Biblische Geschichte. Es waren auf Karton aufgezogene Bilder im Stil der Nazarener. Brigittes „Du“ gegenüber der Lehrerin empörte mich so, daß ich ihr zurief: „Sie, das heißt Sie“. Fräulein Hartmann beruhigte mich: „Nun laß sie doch, das ist doch nicht schlimm.“ Brigitte erhielt die Bilder. Im Hinausgehen warf sie mir aus den Augenwinkeln einen triumphierenden Blick zu. Das wiederum ärgerte mich so, daß ich zu Hause sofort erzählte, Brigitte habe Fräulein Hartmann geduzt. Petzen war sonst nicht meine Art, ich wollte mich aber für den vernichtenden Blick rächen, der mir die erste Einsicht in das Waffenarsenal des weiblichen Geschlechtes eröffnet hatte. Aus meiner Rache wurde wegen der elterlichen Reaktion, besser wegen deren Nicht-Reaktion, ebenso wenig, wie aus meinem morgendlichen Erziehungsversuch an meiner Schwester. So etwas nennt man Lebenserfahrung.

Eine völlig anders geartete Erfahrung machte ich mit meiner Nase. Sie war damals sehr empfindlich. Schon recht leichte Berührungen führten zu starkem Nasenbluten. Diesen Umstand nutzte ich mit kindlicher Raffinesse, wann immer ich es für gut hielt. Wußte ich auf eine Frage keine Antwort, hatte ich ein Gedicht oder das Große Einmaleins mit Sechzehn nicht gelernt, so genügte ein unauffälliger kurzer Knuff gegen die Nase, um sie bluten zu lassen, während ich mich vom Platz erhob, wie es üblich war, wenn man vom Lehrer namentlich aufgerufen wurde. Weil ich nun, der Blutung wegen, die Antwort nicht geben konnte, wurde ein anderes Kind aufgerufen. Gab dieses die richtige Antwort, war ihm das nützlich, aber auch mir, denn ich konnte meine Wissenslücke schließen, indem ich genau zuhörte.


Aufgabe der Schule ist es auch, staatsbürgerliches Wissen zu vermitteln. Was geschah auf diesem Gebiet? Da ist mir aus den ersten Jahren das Gedenken an Albert Leo Schlageter erinnerlich. Die Franzosen hatten ihn wegen seines gewaltsamen Kampfes gegen die Verkehrsverbindungen der Ruhrbesatzung und gegen die unerfüllbaren Reparationsforderungen, unter denen das Reich wirtschaftlich auszubluten drohte, zum Tod verurteilt und 1923 auf der Golsheimer Heide bei Düsseldorf erschossen. Ein anderer, damals noch junger Anlaß zu historisch-aktuellem Unterricht war der Waffenstillstandstag, dessen Behandlung in dem Satz „Im Felde unbesiegt“ gipfelte. Es wäre für unsere geschichtliche Bildung sehr hilfreich gewesen, hätte man dieses Ereignis nicht einseitig mit der viel besprochenen Dolchstoßlegende gekoppelt. Warum wurde nicht vermittelt, daß 1918 weder die Entente noch die Mittelmächte bereit und fähig waren, den Krieg auf dem Schlachtfeld zu entscheiden? Warum wurde zwar die im Versailler Vertrag dokumentierte Unfähigkeit der Siegermächte, Frieden zu schaffen, dargestellt, nicht aber die positiven Ansätze von Locarno? Des Geburtstages des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg wurde gedacht, später das Geburtstages des Führers und besonders das Tages der „Machtübernahme“, des 30. Januar 1933.

Von diesem Jahr an kam in der Schule schrittweise eine psychologisch geschickte und daher sehr wirkungsvolle Propaganda zum Zuge. Hier möchte ich besonders die nationalsozialistischen Filme erwähnen, die uns während der Unterrichtszeit im Horchheimer Kino, im Saalbau Ries, selbstverständlich kostenlos, vorgeführt wurden. Ich habe nur von einem den Titel behalten, er hieß „Hitlerjunge Quex“. Wir waren begeistert von dem jungen Helden. Um die außerordentliche Wirkung zu verstehen, ist heute zu bedenken, daß wir, anders als die mit dem Fernsehen aufgewachsene Generation, keinerlei Medienerfahrung hatten, und demzufolge dem Phänomen Film, ganz abgesehen vom Inhalt, völlig unvorbereitet gegenüberstanden. Die enorme psychische Erregung reagierten wir in der Begeisterung für die im Sinn der Propaganda guten Gestalten ab.


Der veröffentlichte Text stammt aus einem privaten Familienalbum (Braubach, 1987) und befindet sich im Bestand der Sammlung der Heimatfreunde Horchheim e. V.

Die im Original genannten Rechteinhaber konnten trotz Recherche nicht ermittelt werden. Die Veröffentlichung erfolgt aus überwiegendem ortsgeschichtlichem Interesse. Hinweise von Rechteinhabern werden gerne entgegengenommen.




Weinbau und Landwirtschaft in Koblenz-Horchheim

Weinbau im Dorf Horchheim

Horchheim, liebevoll „Hoschem“ genannt, liegt malerisch am rechten Rheinufer zwischen Niederlahnstein und Koblenz-Pfaffendorf. Der sanfte Anstieg zur Horchheimer Höhe, die bis zu 390 Meter hoch ist, bietet nicht nur eine atemberaubende Aussicht, sondern auch ideale Bedingungen für den Weinbau.

Der Ortsname mit der Endung „-heim“ deutet auf eine Siedlungsgeschichte zwischen dem 6. und 12. Jahrhundert hin. Die älteste Kirche, 1130 erbaut, erinnert an die christliche Tradition, die hier seit Jahrhunderten gepflegt wird.

Im Mittelalter war das Dorf eng mit Klöstern und Adelsgeschlechtern verbunden, die hier Besitz hatten und den Weinbau förderten. Horchheim entwickelte sich zu einem wichtigen Zentrum des Weinbaus – eine Tradition, die bis 1920 die Region prägte.

Aus jener Zeit sind nur wenige sichtbare Spuren erhalten geblieben – etwa alte Flurnamen oder vereinzelte Reste von Weinbergsmauern. Doch in den Archiven finden sich zahlreiche Aufzeichnungen, die die Geschichte des Horchheimer Weinbaus in all seinen Höhen und Tiefen dokumentieren.

In seinem Werk über die Siedlungs- und Flurnamen kommt Jungandreas zu dem Schluss, dass der Weinbau in Horchheim die Landwirtschaft deutlich überwog (1962). Prößler ergänzt 2013: „Berühmtestes Weindorf am Rhein im Raum Koblenz schon im Spätmittelalter war Horchheim.“

Horchheims ehemalige Weinlagen

Die Fluren zwischen dem Rhein und der Waldgrenze waren früher fast vollständig dem Weinbau gewidmet. Die überwiegende Nutzung der Horchheimer Flur für Weinstöcke zeigt sich auch in den zahlreichen überlieferten Flurnamen, die bis heute bekannt sind.

In Aufzeichnungen der Jesuiten finden sich Namen wie:

  • Im mittleren Anwend
  • Auf dem Arfeld
  • Im Drytten Eymer
  • Auf der Loh
  • In der Oberhaukert
  • Auf Preyspell
  • Am Schemel
  • Im Wiesenpatt

Auch im Grenzgebiet zu Niederlahnstein, insbesondere in der Lage „In der Hellen“, wurde Wein angebaut. Dieser Bereich, heute als Horchheimer Höll bekannt, verdankt seinen Namen dem mittelhochdeutschen Wort helde oder Halde, was „sanft abfallender Hang“ bedeutet – ein treffender Ausdruck für die topographische Beschaffenheit dieser Lage.

Spuren dieses historischen Weinbaus lassen sich noch heute erkennen: Am Grenzpfad Horchheim-Lahnstein, beginnend beim Aufstieg Weitenborn und entlang des Pfades nach Lahnstein, sind gut erhaltene Weinbergsmauern der ehemaligen Lage „Horchheimer Höll“ zu finden. Weitere Überreste bezeugen den Weinbau in der oberen Bächelstraße sowie am Hang des Pechlerbergs, wo noch heute Weinbergsmauern erhalten geblieben sind.

Der Schwarze Weg

Die nahegelegene Flur unweit der Wendelinuskapelle in Richtung Dorf trägt noch heute den Namen „Feld am schwarz’ Helligen Stock“. Der Weg, der dorthin führte, wurde im Volksmund „Der schwarze Weg“ genannt.

Manfred Gillissen entdeckte in Quellen des Klosters Dyrstein bei Diez bereits für das Jahr 1390 einen Hinweis auf ein Wegekreuz am Eingang des Dritteneimerwegs. Auf der Jesuiten-Flurkarte von 1684 ist an dieser Stelle ebenfalls ein Kreuz verzeichnet. Es wird vermutet, dass dieses Kreuz möglicherweise auch an die Pesttoten des 17. Jahrhunderts erinnerte.

Seit 2012 erinnert eine Keramiktafel an der Ecke Dritteneimerweg/Weitenbornstraße an dieses historische Wegekreuz, den „schwarz Hilligestock“. Die Umsetzung geht auf die Bemühungen der Horchheimer Heimatfreunde, Hans Feldkirchner und die Initiative von Peter Wings zurück.

Die Keramiktafel zeigt neben einem Ausschnitt der Jesuiten-Flurkarte auch drei Weinbütten. Sie verweisen auf die sogenannten Drittelsweinberge, bei denen die Eigentümer jährlich ein Drittel der gelesenen Trauben als Abgabe erhielten.

Hoschemer Rude

Die „Käs“-Skulptur

Am 28. Juni 1998 wurde die „Käs“-Skulptur feierlich eingeweiht. Sie wurde vom Horchheimer Bildhauer und Goldschmied Josef Welling entworfen und vereint die Symbole „Hoschemer Käs“, „Hoschemer Wein“ und „Hoschemer Geselligkeit“.

Um 1900 lebten viele Horchheimer noch vom Weinbau. Um ihre kargen Mahlzeiten im Weinberg etwas aufzuwerten, stellten sie nach einem traditionellen Rezept kleine, weiße Handkäse aus Kuhmilch her. Die Käsekegel wurden mit Kümmel gewürzt und auf der Fensterbank zum Trocknen aufgestellt.

Am Römerplatz – an der Ecke Alte Heerstraße/Emser Straße – gab es damals gleich vier Weinlokale: Puth, Holler, Brühl und Killian. Genau hier wurde die „Käs“-Skulptur aufgestellt.

Die Skulptur zeigt in drei plastischen Motivbildern das Leben in Horchheim zu jener Zeit:

  • Der Weinbau: Winzer und Winzerin besteigen mit Korb und Hacke die steilen Weinberge. Auf der anderen Seite fahren sie mit einem Ochsenkarren die mühevoll geernteten Trauben ein.
  • Die Käseherstellung: Eine Frau steht am Küchentisch, formt den Handkäs‘, setzt ihn in einen Steintopf und stellt ihn zum Trocknen auf die Fensterbank. Gleichzeitig klettern die „Pänz“ (Kinder) an der Mauer hoch und naschen heimlich von der „wohlriechenden“ Köstlichkeit.
  • Die Geselligkeit: Die Horchheimer sitzen vergnügt im Wirtshaus, essen Käs‘ und trinken Wein. Über allem thront auf einem Weinfass „dä Hoschemer Panz“ – eine symbolische Figur. Mit einer Hand hält er sich die Nase zu, während er mit der anderen Hand den guten Käs‘ anbietet.

Landwirtschaft in Horchheim

Über die Viehgasse durch die Hohl zur Horchheimer Höhe

Das Ackerland in Horchheim lag größtenteils auf der Höhe. Hier gedieh vor allem Getreide, das weniger intensive Pflege benötigte als der Wein. Ein Nachteil war die lange Fahrzeit mit den Ochsen oder Fahrkühen. Die Strecke von etwa vier bis sechs Kilometern konnte daher meist nur einmal am Tag bewältigt werden. Die Fahrtzeit dauerte oft zwei bis drei Stunden, doch Eile hatte man nicht. Die Bauern nahmen ihre Mahlzeiten mit und vesperten im Grünen.

Der Weg zur Höhe war nicht befestigt, sondern lediglich mit Kies bedeckt, dessen Oberfläche uneben und schwer zu befahren war. Er führte von der Dorfstraße über die Viehgasse durch die Hohl zu den Feldern auf der Schmidtenhöhe. Der Weg diente nicht nur der Feldarbeit, sondern auch dem Transport von Erntegut, Holz und anderen Feldfrüchten zurück ins Dorf.

Die schwer beladenen Wagen – beladen mit Heu, Getreide, Holz oder anderen Gütern – setzten dem Weg erheblich zu. Wurde die Bremse zu fest angezogen, blockierten die Räder, und die schleifenden Reifen rissen Kerben und Löcher in den Straßenbelag. Dadurch litt die Kiesdecke stark und musste regelmäßig repariert werden. Die Instandsetzung dieser Schäden war Gemeinschaftsarbeit, die vom Ortsvorstand organisiert wurde.

Alte Straßennamen wie Striehgass (Strohgasse), Vehgass (Viehgasse) oder Trift zeugen noch heute von der landwirtschaftlichen Nutzung dieser Wege.

Die Horchheimer Feldflur umfasste insgesamt 905 Morgen:

  • 654 Morgen Ackerland,
  • 100 Morgen Rebland,
  • 151 Morgen Wiesen.

Nach einer Erhebung aus dem Jahr 1719 betrug der Durchschnittsertrag der vier Bodenklassen insgesamt 1.379 Malter und sechs Simmer. Ob zu dieser Zeit bereits Kartoffeln – damals Grundbirnen genannt – angebaut wurden, ist ungewiss. In der Region lassen sich Kartoffeln erst 1754 in Boppard nachweisen.

Arbeit in der Landwirtschaft

Im 19. Jahrhundert bildeten Landwirtschaft und Weinbau die Haupterwerbsquellen der Horchheimer Bevölkerung. Hinzu kamen ländliche Handwerksberufe, die eng mit der Agrarwirtschaft verbunden waren, wie Küfer, Schmiede oder Stellmacher. Weitere Handwerker deckten die alltäglichen Bedürfnisse der Dorfbewohner ab, beispielsweise Schuster, Schneider, Bäcker oder Metzger.

Die Erträge der Landwirtschaft hingen stark vom Wetter ab. Zu viel Sonne ließ den Boden austrocknen, wodurch die Pflanzen vertrockneten. Andererseits erschwerte ein regenreiches Jahr die Heu- und Getreideernte erheblich.

Die Arbeit in der Landwirtschaft war hart. Ein Arbeitstag dauerte von fünf Uhr früh bis abends sieben Uhr, zur Erntezeit sogar noch länger. Männliche Tagelöhner verdienten etwa zehn Silbergroschen, während Frauen nur fünf Silbergroschen erhielten. Zum Vergleich: Ein Brot von vier bis sechs Pfund kostete in normalen Erntejahren zwischen fünf und sieben Silbergroschen. Ein Knecht wurde jährlich mit 22 Talern, einem Paar Schuhen und einem Kittel entlohnt; eine Magd erhielt 18 Taler und ebenfalls ein Paar Schuhe.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts ging der Getreideanbau offenbar immer mehr zugunsten der Viehhaltung zurück. Ein möglicher Grund dafür war, dass der Getreideanbau zu arbeitsintensiv war.

Anton Struth schrieb 1910 erstaunt:

„Wenn man bedenkt, dass bei dem damaligen Weinbergbestand und dem ausgedehnten Ackerland, besonders auf dem Walde, wo zu der Zeit nicht die Hälfte der Wiesen war, sondern alles fast Ackerland, welches zur Bebauung und Ernte viel mehr Zeit in Anspruch nahm als die Wiesen, so muss man staunen, wie die Arbeiten alle bewältigt werden konnten, besonders da die Frucht, Korn, Weizen, Gerste durch die Sichel geschnitten und nur Hafer gemäht wurde.“

Nach dem Ersten Weltkrieg kam der Weinbau und der damit verbundene Weinhandel weitgehend zum Erliegen. Dennoch spielten Ackerbau (Getreide, Kartoffeln, Flachs), Obstanbau und Viehhaltung weiterhin eine wichtige Rolle. Bis in die 1960er Jahre blieb die Landwirtschaft ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, auch wenn die Zahl der Haupterwerbsbetriebe zurückging und die Nebenerwerbsbetriebe stetig zunahmen.

Viehzucht

Um 1719 gab es in Horchheim einen Bestand von 125 Stück Großvieh, was für ein Winzerdorf eine beachtliche Zahl war. Auf jedes Stück Großvieh war eine Simpeleabgabe von fünf Pfennigen zu entrichten.

Die Ställe beherbergten tragfähiges und nicht tragfähiges Rindvieh, dazu gehörten Ochsen, Kühe, Jungvieh und Kälber. Die Wiesen auf der Höhe oder auch der Wald dienten als Viehweide.

Die Wiesen lieferten Heu für das Winterfutter. Es konnte nur so viel Vieh eingestallt werden, wie Heu als Winterfutter zur Verfügung stand. Häckselstroh wurde als Beifutter verwendet, jedoch in erster Linie als Einstreu. In Notzeiten durfte auch Waldlaub als Ersatz verwendet werden. Diese Nutzung war jedoch nur mit einer speziellen Erlaubnis des Ortsvorstandes oder des Försters gestattet und wurde nur ungern erteilt, da das Laub als wichtige Grundlage für den Waldboden galt.

Etwa 60 Schweine konnten im Jahr mit einer guten Eckernernte gemästet werden. Diese Zahl dürfte aufgrund von praktischen Erfahrungen festgelegt worden sein, da eine zu hohe Schweinepopulation den Waldaufwuchs schädigte. Wie ihre wilden Verwandten, Wildschweine, wühlten sie den Boden auf der Suche nach Nahrung und verhinderten somit die natürliche Verjüngung des Waldes.

Nach 1815 gewann die Schafhaltung an Bedeutung. Es wurde eine Schäferei-Genossenschaft gegründet. Um 1840 beschäftigte die Genossenschaft einen Schäfer und einen Knecht für rund 400 Tiere, die auf gemeindeeigenen, verpachteten Grundstücken weideten. Doch bereits 1848 wurde die Genossenschaft aufgelöst, und die Gemeinde erwarb den 1819 errichteten Schafstall, der nahe der Gemarkungsgrenze zu Niederlahnstein lag. Der Schafstall wurde 1881 noch einmal instand gesetzt, doch mit dem Niedergang der Schafzucht verfiel er später.

1890 hielten 74 Landwirte insgesamt 162 Kühe. Die Gemeinde stellte zwei Zuchtstiere der Westerwälder Rasse zur Verfügung. Die meisten Bauern besaßen jedoch selten mehr als drei Stück Vieh. Oft war es nur eine einzelne Kuh im Stall.

Horchheimer Wald

Horchheim verfügte über einen ansehnlichen Gemeindewald, in dem Laubholzbestände etwa zwei Drittel der Fläche ausmachen und naturnahe Wälder mit größeren Beständen das Landschaftsbild prägen.

Die Grenzen dieses Waldes wurden mehrfach von Vorstehern und Einwohnern überprüft, um die genaue Lage der Grenzsteine zu bestätigen und im Gedächtnis zu bewahren. Eine solche Überprüfung wurde im Grenzbegangsprotokoll von 1604 erstmals dokumentiert.

Auf Nachfragen der amtlichen Kommission im Jahr 1719 gaben die Taxatoren des Erzstift Trier an, dass es niemandem gestattet war, Laub, Pfähle (für die Weinberge) oder Brandholz aus dem Wald zu entnehmen.

Außerdem durfte der Wald nicht als Viehweide genutzt werden, da die Tiere durch das Abfressen der aufkommenden Sämlinge den natürlichen Aufwuchs verhinderten. Einzige Ausnahme waren Schweine, die während eines guten Eckernjahrs (Jahre mit ausreichendem Eichelsamen) zur Mast in den Wald getrieben werden durften. Ein gutes Eckernjahr trat etwa alle zehn Jahre ein und war für die Mastwirtschaft von großer Bedeutung.

Es herrschte bereits ein starkes Bewusstsein für die Verantwortung gegenüber der Natur, und die Verantwortlichen sorgten dafür, dass der Wald nicht durch planloses Abholzen und Beweiden zerstört wurde. Eine solche Vernichtung hätte das Dorf, das auf den Wald angewiesen war, in den Ruin gestürzt. In dieser Hinsicht zeigte sich bereits eine umfassende und nachhaltige Waldwirtschaft.

Neu war, dass der Wald nun als Wirtschaftsgut betrachtet wurde. Die Sachverständigen teilten den Baumbestand in Nutzholz und Brennholz ein. Diese Einteilung ermöglichte eine genauere Übersicht über die Qualität des Waldes, was eine bessere Planung und Nutzung der Ressourcen zur Folge hatte.


Geschichte des Weinbaus

Nach der Eroberung Galliens und Germaniens durch die Römer um 50 v. Chr. bildete der Rhein die Grenze des Römischen Reiches. Hinweise auf römischen Weinbau verdichteten sich durch Funde von Weinbaugeräten wie Winzermessern, Sicheln und Weingefäßen, sowie durch frühe Nennungen von Weinbergen, die bald nach den Römern auftauchten.

Im Allgemeinen, wie Tacitus für die Germanen schreibt, wurde vergorenes Getreide, also der Urtyp des Biers, konsumiert.

In unserer Region waren es die keltischen Fürsten, die vor etwa 2.500 Jahren die ersten Weintrinker waren. In ihren reich ausgestatteten Gräbern fanden sich antike Weingefäße wie Weinamphoren, Becher, Kannen und Trinkgefäße, die mit ins Grab gelegt wurden – vermutlich zur Nutzung im Jenseits, aber auch zur Freude der Archäologen.

Mittelalter

Bereits um 1018 wurde Wein in Pfaffendorf angebaut, und seit 1019 ist der Rebenanbau in Ehrenbreitstein belegt. Es liegt nahe, dass der Weinbau zu dieser Zeit auch in Horchheim bekannt war, da die günstige Lage am Rhein ideale Bedingungen für den Rebanbau bot.

Aus den bäuerlich tätigen Kreisen dieser Zeit sind keine schriftlichen Nachrichten überliefert. Aber die auf den Adelshöfen und den klösterlichen Besitzungen arbeitenden Ackers- und Weinbergsleute sowie alle anderen Kräfte, die für die dörfliche Infrastruktur notwendig waren, um die materiellen Grundlagen für den ritterlichen Lebensstil zu sichern und für die Dienstleistungen entlang eines schiffbaren Flusses und im Forst zu sorgen, hat es ohne Zweifel gegeben, auch wenn sie im Dunkel der Überlieferung verbleiben.

Volksgetränk Wein

Im Mittelalter war Wein ein gängiges Volksgetränk, wobei wenig auf die Qualität geachtet wurde. Der Weinverbrauch war enorm. Schätzungen zufolge lag der Verbrauch bei 100 bis 150 Litern pro Kopf und Jahr, in den Weinbaugebieten stieg der Wert sogar auf bis zu 300 Liter.

Als Getränke standen vor allem Wasser, Milch und Wein zur Verfügung. Letzteren trank man meist mit Wasser verdünnt. Nur in sonnenreichen Jahren konnte der durchgegorene Most einen trinkbaren Wein liefern. Oft wurde der Geschmack durch Honig oder Gewürze verbessert. Zusätzlich stellte man alkoholische Getränke aus vergorenen Früchten wie Äpfeln, Johannisbeeren oder Stachelbeeren her.

Um den Wein genießbar zu machen, fügten die Menschen oft Honig und Gewürze wie Muskatnuss, Nelken, Pfeffer oder Zimt hinzu. Auch Kräuter oder Obst wurden von einigen Winzern beigemischt, um dem Wein eine spezielle Geschmacksrichtung und eine eigene Note zu verleihen.

Eine weitere Variante war der in der Region um Koblenz beliebte Würzwein. Dieser wurde durch eine heftige Gärung des Mosts in einem beheizten Raum hergestellt und erinnerte im Geschmack an den heutigen Glühwein.

Begüterte Klöster und Stifte

Die Kirche und die Klöster förderten den Weinbau maßgeblich und waren ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in der Region. Schon im Mittelalter war der Weinbau durch die kirchlichen Institutionen verbreitet worden, da Wein für die Feier der heiligen Messe unerlässlich war und darüber hinaus das wichtigste Alltagsgetränk der Bevölkerung darstellte. Dies erklärt den Erwerb von Wingerten und die zentrale Bedeutung des Weinbaus für Horchheim.

Im Jahr 1719 hielten vierzehn Klöster, Stifte oder kirchliche Einrichtungen Besitzungen in Horchheim. Dazu gehörten unter anderem die Dominikaner aus Koblenz, das Florinsstift, die Franziskanerinnen von St. Georg im Vogelsang, die Jesuiten, das Kastorstift, die Karmeliter, die Kartäuser sowie das Kloster Oberwerth. Weitere bedeutende Einrichtungen waren die Klöster Altenberg, Marienstatt, Niederwerth und Rommersdorf.

Der Weinhandel und die geschickte Bewirtschaftung des Grundbesitzes sicherten den Klöstern eine solide Kapitalbasis, die sie für Instandhaltungen, Umbauten oder Neubauten nutzten. Damit verbunden war die Schaffung von Arbeitsplätzen für die lokale Bevölkerung.

Zur Kontrolle der Pachtverhältnisse setzten die Klöster sogenannte „Windelboten“ oder „Herbstherren“ ein. Diese prüften den Zustand der Weinberge und stellten sicher, dass die vertraglichen Vereinbarungen eingehalten wurden. Die Traubenernte durfte nur mit ihrer Zustimmung beginnen. Während ihres Aufenthalts erhielten die Boten Unterkunft und Verpflegung vom jeweiligen Pächter. Bei wiederholtem Verstoß gegen die Pachtverträge drohte der Entzug des Pachtguts.

Trotz der strengen Aufsicht genossen die Klöster hohes Ansehen in der Bevölkerung, was sich in Form von Spenden und Schenkungen widerspiegelte.

Die Verteilung der 402.650 Weinstöcke in Horchheim im Jahr 1719 stellt sich wie folgt dar:

  • Klöster: 123.485 Stöcke (30,7 %)
  • Adel: 81.765 Stöcke (20,3 %)
  • Auswärtige und sonstige Besitzer: 46.785 Stöcke (11,6 %)
  • Horchheimer: 150.615 Stöcke (37,4 %).

Den Horchheimer Hausvorständen, Handwerkern und Tagelöhnern verblieb somit ein Anteil von 37,4 Prozent der Weinstöcke, während über 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in fremdem Besitz waren.

Insgesamt erzielten die Wingerte in Horchheim aus den veranschlagten 402.650 Stöcken im Durchschnitt einen Ertrag von 67 Fudern zu je 900 Liter, vier Ohm zu 150 Liter Wein. Dies entspricht einem Gesamtertrag von 60.900 Litern Wein.


Adelsfamilien in Horchheim

Neben den Klöstern besaßen im 18. Jahrhundert auch zehn Adelsfamilien Land- und Weinbergsflächen in Horchheim. Diese Familien gehörten verschiedenen Adelsschichten an, darunter der Hochadel, der Trierer Lehnshof, der Beamtenadel und der herrschaftliche Ortsadel.

Zu den Hochadeligen zählten die Landgrafen von Hessen-Darmstadt und die Fürsten von Nassau, die allerdings nur geringe Flächen besaßen.

Der Trierer Lehnshof war stärker vertreten, darunter die Herren von Eltz mit 8.670 Weinstöcken und 14½ Morgen Feldern und Wiesen, der Freiherr von Eyß mit 4.480 Weinstöcken und 11 Morgen Land, die Grafen von Metternich mit 6.347 Weinstöcken und 11 Morgen Flächen, die Herren von Hunolstein mit 4.580 Weinstöcken und 8 Morgen Acker.

Dem Beamtenadel gehörten die Familien von Schoeben und von Umbscheiden an.

Der herrschaftliche Adel in Horchheim, der ursprünglich aus dem Trierer Lehnsadel stammte, umfasste die Familien von Heddesdorf und von Reiffenberg (später von Eyß). Diese Adelshäuser dominierten das Dorfgeschehen mit ihren umfangreichen Besitzungen. Allein die Familien Heddesdorf und Reiffenberg verfügten über 49.452 Weinstöcke, die in drei Klassen unterteilt waren: 25.003 Stöcke (50,6 %) in der ersten Klasse, 15.089 Stöcke (30,5 %) in der zweiten Klasse, 9.360 Stöcke (18,9 %) in der dritten Klasse.

Die Adelshöfe hatten positive wirtschaftliche Auswirkungen auf Horchheim. Durch die Nachfrage nach gewerblichen Dienstleistungen und Arbeitskräften wurden die Handwerksbetriebe gestärkt und zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen.

Pächter und Winzer

Die Pächter der Weinberge mussten ein Drittel oder sogar die Hälfte der Traubenernte abgeben. Gleichzeitig waren sie für die gesamte Bewirtschaftung des Wingerts verantwortlich, darunter Arbeiten wie das Schneiden, Binden und die Pflege der Weinbergsmauern. Obwohl die Abgaben hoch waren, akzeptierten viele Pächter die Bedingungen aufgrund der guten Weinlagen oder aus anderen persönlichen Gründen.

Die behördlich festgelegten Preise und der Kelterbann erschwerten es, höhere Erlöse zu erzielen. Diese Regelungen führten zur Produktion von Massenwein, da große Mengen nötig waren, um ausreichende Einnahmen zu erzielen.

Zur Deckung des Lebensunterhalts benötigte eine Winzerfamilie etwa 4.000 bis 5.000 Weinstöcke. Von den 75 Hausvorständen in Horchheim verfügten jedoch nur vier Familien (5,3 Prozent) über diesen Bestand. Da der Weinbau allein für viele Familien nicht ausreichte, um den Lebensunterhalt zu sichern, waren zusätzliche Beschäftigungen oder ein bescheidener Lebensstil notwendig. Dennoch trug der Weinbau wesentlich zur Lebenshaltung bei, und in guten Jahren konnten Überschüsse verkauft werden.


Weinjahre im 18. Jahrhundert

In dem besonders guten Weinjahr 1697 blühten schon am 26. Mai die Reben, und die ersten Trauben konnten bereits am 25. Juli geerntet werden. Der Beginn der Traubenlese war am 17. Oktober.

1701 und 1703 fiel die Traubenernte hingegen schlecht aus. Viele Winzer blieben auf ihren Beständen sitzen, und einige versuchten, den Wein mit problematischen Mitteln zu verbessern.

Hans Jakob Erni, ein Küfer aus Esslingen, wurde 1706 hingerichtet, nachdem er die beiden Jahrgänge derart manipuliert hatte, dass einige Weintrinker nach dem Genuss starben.

Im 18. Jahrhundert wurden erstmals umfassendere Rebsortenverordnungen erlassen. Die Bischöfe von Trier, die Kurfürsten der Pfalz, die Bischöfe von Speyer sowie die Grafen von Leiningen erließen diese Verordnungen. Sorten wie Riesling, Traminer und Ruländer (nach 1711) wurden empfohlen, während Heunisch, Trollinger, Elbling und Gutedel ausgehauen werden sollten. Es entwickelte sich ein allgemeines Qualitätsbewusstsein. Die Verordnungen zielten hauptsächlich auf die Sicherung des Zehnten, die Vermeidung von Ernteausfällen durch Frost und die Bekämpfung von Schädlingen wie dem Rebstecher.

Im Jahr 1719 wurde die Zählung der Rebstöcke durch die Taxatoren neu organisiert, die nun auch eine Klassifizierung der Wingerte vornahmen. Der Weinbau wurde nach Stockzahl berechnet. Zuvor war dies anhand von Pflanzabständen geschehen, was zu Unklarheiten bei der Bestimmung von Grundstücksgröße und Ertrag geführt hatte. Ab jetzt mussten die Felder nach dem Trierer Landmaß vermessen werden.

Das Weinjahr 1719 war gut, mit einer frühen Traubenblüte im Mai und einer Weinlese ab dem 28. September. Der Wein wurde wegen seines süßen, vollen Geschmacks als „Hutzelbrühe“ bekannt und gilt als einer der kostbarsten Weine der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Das Jahr 1720, ein weiteres als „gesegnet“ bezeichnetes Jahr, war für den Weinbau vorteilhaft. Ein Fuder Wein kostete zwischen 12 und 30 Reichstalern, während Rindfleisch und Butter zu günstigen Preisen zu haben waren.

Die Zehntverordnung von 1731 betraf nun auch die früheren Weingärten, die nun für den Anbau von Feldfrüchten wie Gemüse und Rüben genutzt wurden.

Der Kurfürst von Trier verbot im Jahr 1750 die Aufwertung von Wein durch Zusatzstoffe, die sogar Todesopfer gefordert hatten, um den Wein wieder naturrein auf den Markt zu bringen.

Erst mit der Agrarreform der Französischen Revolution begann eine nachhaltige Veränderung im Weinbau. Diese Reformen führten zu einem qualitativen Wandel in der Kellerwirtschaft, der eine nachhaltige Änderung in Anbau und Verarbeitung mit sich brachte. Die Nachfrage nach Qualitätswein setzte neue Standards in der Branche.

1775 wurde der Rauch des verbrannten Schwefels als Mittel zur Weinherstellung eingeführt, und die Bedeutung der Spätlese auf dem Johannisberg im Rheingau wurde wiederentdeckt.

Johann Friedrich Deinhard gründete 1793/94 ein Einzelhandelsgeschäft in Koblenz, aus dem sich später eine bedeutende Weinhandlung und Sektkellerei entwickelte.

In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts stieg der Weinkonsum. Um die Nachfrage zu befriedigen, legten die Winzer in Horchheim zusätzliche Weingärten zwischen der Hauptstraße und dem Rhein an. Diese Lagen waren jedoch in ungünstigen Jahren frostgefährdet, was sich besonders in den schwächeren Jahren um 1800 bemerkbar machte, als Frühjahrsfröste den Rebstöcken zusetzten und der Ertrag entsprechend niedrig war.

Weinjahre im 19. Jahrhundert

Erst mit dem Ablösen der Zehntrechte und der Lockerung der engen Lesevorschriften sowie mit der Entstehung größerer Weingüter setzte das Qualitätsbewusstsein ein. Die herausragendsten Jahre dieser Entwicklung waren 1811 und 1822, in denen großartige Auslesen entstanden.

Das Jahr 1811 gilt als das „berühmteste Weinjahr des Jahrhunderts“, gefolgt von den ebenfalls ausgezeichneten Jahren 1822 und 1834.

Ab 1814 konnte die Grundsteuer aus einer Tabelle ermittelt werden, in der die Weinberge in sechs Klassen eingeteilt waren.
Im preußischen Gebiet war es nach 1816 möglich, Naturalabgaben durch Geldzahlungen abzulösen.

Während die Ernte und Weinlese 1817 außergewöhnlich ertragreich waren, war der starke Preisanstieg bei Grundnahrungsmitteln durch die sehr schlechte Ernte des Vorjahres bedingt.

Der bedeutendste jüdische Einwohner Horchheims im 19. Jahrhundert war der Berliner Bankier Joseph Mendelssohn, der 1818 das Anwesen des Hofrates Fritsch erwarb und auch den Hof des Kosters Altenberg hinzunahm. Die Familie hielt sich vor allem im Sommer und zur Weinlese in Horchheim auf.

Der Ortsvorsteher Beckenkamp berichtete, dass die Gemeindemitglieder, die 1805 Weinberge neu anlegten, Zinskorn-Ablösungen zahlen mussten. Diese Ablösungen wurden teilweise durch Gelder aus der Gemeindekasse vorfinanziert.

1827 besuchte der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy erstmals das Weingut seiner Familie in Horchheim und berichtete in einem Brief an seine Eltern von den schönen Erlebnissen während der Weinlese.

1831 versuchten einige Weinbergspächter, zusätzlich Gemüse oder Obst zwischen den Reben anzubauen, um den Ertrag zu steigern. Dies wurde von den herrschaftlichen Eigentümern jedoch verboten, da dies dem Boden Nährstoffe entziehen würde.

Ein tragischer Unfall ereignete sich am 18. Juni 1839, als Karl Göbel sich beim Schroten eines Stückfasses Wein das rechte Bein zerschmetterte und später seinen Verletzungen erlag.

Die Einführung der Oechsle-Waage im Jahr 1840 erleichterte die Voraussage der späteren Weinqualität. Diese Messmethode ist noch heute im Einsatz.

Die Horchheimer Champagnerfabrik und andere lokale Unternehmen wie Geschwister Holler, Anton und August Killian, Josef Puth senior und Sohn Josef junior begannen ab 1846 damit, Trauben aufzukaufen und in ihren umfangreichen Kelleranlagen zu keltern.

Ab 1850 konnten auch Pfarrzehnten und -drittel durch Geldzahlungen ersetzt werden. Die Weinberge in Horchheim waren nun größtenteils von Abgaben befreit, außer den Lagen im Lahnsteiner Gebiet.

Der Wechsel von Rohrzucker zu billigerem Rübenzucker ab 1857 ermöglichte es, eine konstante Weinqualität zu erzeugen, was den Preisschwankungen des Weins zugutekam. Die Weinpreise schwankten früher stark je nach Jahr und Qualität.

Die Witwe von Joseph Mendelssohn schenkte 1876 einen Weinberg zur Erweiterung des Friedhofs, der 1854 ursprünglich für etwa 18 Protestanten in Horchheim konzipiert worden war.

Um 1880 änderte sich das Konsumverhalten der Weintrinker, die nun leichtere, rassigere Weißweine bevorzugten. Dies führte zu verfeinerten Kellereitechniken, die allerdings auch einen erhöhten Kapitalbedarf mit sich brachten. Viele Winzer konnten diese Investitionen nicht mehr stemmen, was zu einem Rückgang des Weinbaus führte.

Der Hauptlehrer Wüst empfahl 1888 den Anbau von Frühburgunder-Reben, während für weniger gute Lagen größere Beerenarten wie die österreichischen empfohlen wurden, die gut zu Weißwein verarbeitet werden konnten.

Durch die Senkung der Landwirtschaftszölle unter Graf von Caprivi ab 1891 wurden ausländische Weine, besonders aus Italien und Frankreich, günstiger und traten in Konkurrenz zu den heimischen Weinen.

Im späten 19. Jahrhundert fanden durch steigende Löhne und die zunehmende Industrialisierung viele traditionelle Arbeitskräfte bessere Verdienstmöglichkeiten in den Fabriken. Der Weinbau begann zunehmend in den Hintergrund zu treten, da ein Vollerwerbsbetrieb nicht mehr genug Einkommen für eine Familie generieren konnte.

20. Jahrhundert

Ab 1900 konzentrierten sich die Horchheimer zunehmend auf den Anbau von Obst und Erdbeeren verschiedener Sorten. Um die Ernte effizient zu verarbeiten wurden Obstsammelstellen eingerichtet.

1920 wurde in Horchheim der letzte Weinberg der Familie Holler gerodet.

Bis zum Ende des Weinanbaus in den 1920er Jahren war der Horchheimer „Rote“ als Weinmarke der Region noch bekannt.
Das letzte Fass Rotwein aus Horchheim wurde im Kirmeszug 1924 auf einem Wagen mitgeführt und später in Original-Viertelchen zum Ausschank gegeben. Damit verlor Horchheim seine jahrhundertelange Tradition als Weinort am Mittelrhein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine massive Rationalisierung im Weinbau ein. Die gestiegenen Löhne und Materialkosten machten den Kleinwinzern das wirtschaftliche Überleben schwer. Viele Rebflächen lagen brach. Aufstrebende Winzer übernahmen diese Flächen und integrierten sie in ihre bestehenden Besitzungen.

Die Entwicklung des Weinbaus im 20. Jahrhundert brachte tiefgreifende Veränderungen in kürzester Zeit. Aus einem handarbeitsintensiven Berufszweig wurde ein technisch hochentwickeltes Arbeitsfeld. Dennoch blieb der Wein, geprägt von Witterung, Winzer, Rebsorte und Standort, stets das zentrale Produkt der Region.


Weinbau Stichwortverzeichnis

Anbautechnik

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Weinbau stetig, besonders in den ersten 50 Jahren und nach den Weltkriegen. Die größten Änderungen kamen jedoch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Die traditionellen, engen Weinberge mit niedrigen Laubwänden und wenig Abstand zwischen den Reben wichen modernen, großzügigeren Anlagen. Die neuen Anbausysteme mit 2 Meter Reihenabstand und 1,20 Meter Stockabstand ermöglichte den Einsatz von Maschinen statt Handarbeit. Zu den Neuerungen zählten mechanische Rebenschneider, Fräsen, Mulchen, und schließlich auch die Erntemaschinen.

Früher mussten Winzer den Boden von Hand befreien, um unerwünschtes Wachstum zu kontrollieren, besonders in feuchten Jahren. Mit den größeren Zeilenabständen konnten sie nun auf die Begrünung der Böden umstellen. Diese Umstellung, unterstützt durch Maschinen wie Mulcher und Fräsen, trug nicht nur zur Reduzierung der Bodenerosion bei, sondern verhinderte auch Verdichtungen durch schwere Maschinen. Zudem senkte sich der Bedarf an Dünger, da der natürliche Nährstoffkreislauf durch den grünen Bewuchs effektiv unterstützt wurde. Der Düngeraufwand konnte so auf ein Drittel des Wertes aus den 1950er Jahren gesenkt werden.

Aufwertung des Weins

Im 19. Jahrhundert wurden Weine, die als zu herb galten, oft mit ungesunden Substanzen wie Bleiglätte (Blei(II)-acetat) versetzt, um ihre Süße zu steigern. Dieser „Bleizucker“ war einfach herzustellen und wirkte als preiswerte Methode, um sauren Wein zu verfeinern. Doch der Genuss dieses mit Blei versetzten Weins war äußerst gefährlich, da er zu Bleivergiftungen und sogar zum Tod führen konnte. Auch Silberglätte und Wismut wurden verwendet, um Weine zu verbessern, wobei diese ebenfalls gesundheitsschädlich waren.

Zur Klärung oder „Schönung“ des Weins setzte man diverse Mittel ein. Eine gängige Mischung bestand aus gestoßenem Maringlas (Selenit), Alabaster, Salz und, je nach Empfehlung, auch Hefe oder Franzbranntwein. Maringlas, auch bekannt als Selenit, wurde nicht nur als Schönungsmittel, sondern auch als Fenstermaterial verwendet, da es in flachen Platten vorkam.

Branntwein

Ein erheblicher Teil des unverkäuflichen Weins wurde von den Weinbrennern Braun und Hergerath zu Branntwein verarbeitet. Dieses alkoholische Getränk hatte sich im Laufe der Zeit zu einem Laster entwickelt, dem sowohl die Kirche als auch die Obrigkeit mit restriktiven Maßnahmen begegneten. Erst der steigende Bierkonsum führte zu einem spürbaren Rückgang des Branntweinverbrauchs. Die Verarbeitung von überschüssigem Wein zu Branntwein war für die Winzer eine der wenigen legalen Methoden, um die „staubtrockene“ Flüssigkeit dennoch gewinnbringend zu verkaufen.

Drittelweinberge

Bei den Drittelweinbergen wurde die Ernte in drei Bütten aufgeteilt, bei den halbpachtigen Wingerten entsprechend in zwei Behälter. Diese Form der Verpachtung war für die Pächter nachteilig: Sie mussten nicht nur die Hälfte der Ernte abgeben, sondern auch die im Pachtvertrag festgelegten Leistungen erfüllen. Ob eine mögliche höhere Qualität den Nachteil ausglich, ließ sich nicht überprüfen. Der Beauftragte des Eigentümers entschied, welches Behältnis für die Trauben verwendet wurde, immer im Sinne des Besitzers. Erst nachdem die Ernte der Drittel- und Halbschiedsweinberge abgeschlossen war, durfte mit der Ernte der anderen Wingerten begonnen werden. Unter diesen Bedingungen ist anzunehmen, dass die Trauben nicht immer mit der nötigen Sorgfalt geerntet wurden, da Laub und unansehnliche, kranke Beeren die Erntemenge erhöhten, die zwischen Pächter und Eigentümer geteilt werden musste.

Dünger

Anfallender Naturdünger wie Mist oder Jauche war für die Weinberge und Felder unverzichtbar und daher sehr begehrt. Diese tierischen und menschlichen Hinterlassenschaften dienten als grundlegender Dünger, der für die Pflege der Weinberge notwendig war.

Zusätzlich streute man Asche auf die Felder und versuchte, mit Stein- oder Schiefermehl die Weinberge zu verbessern. Diese Maßnahmen waren jedoch nur Notlösungen, die keine nennenswerten Wachstumsschübe brachten.

Besonders wertvoll war die Jauche, die reich an Stickstoff und Kalium war (obwohl das damals noch unbekannt war). Ihre wachstumsfördernde Wirkung war jedoch unbestreitbar. Die Bauern sammelten Jauche in Gruben und brachten sie in Holzfässern auf Wagen, um sie auf den Feldern zu verteilen. Wie begehrt dieser Dünger war, zeigt sich daran, dass die Fäkalien aus öffentlichen Gebäuden, einschließlich Pfarrhäusern, öffentlich versteigert wurden.

Rebschädlinge

Ein großes Problem im Weinbau waren die Rebschädlinge. Besonders der „Rote Brenner“, ein Schadpilz, und die Grauschimmelfäule bereiteten den Winzern große Sorgen. Nachdem der „echte Mehltau“, eine Pilzkrankheit, dank der Einführung resistenter amerikanischer Reben in den Griff bekommen wurde, brachte man gleichzeitig die unbekannte Reblaus (Phylloxera vitifoliae) nach Europa, die schnell zur weiteren Bedrohung wurde.

Die Reblaus ist eine Pflanzenlaus, die im 19. Jahrhundert aus Nordamerika eingeschleppt wurde und bis heute als eine der schlimmsten Bedrohungen für den Weinbau gilt. Um die Plage zu bekämpfen, rodete man rigoros befallene Parzellen, wobei Neubepflanzungen ausblieben. Der Einsatz von Schwefel oder Kupfervitriol-Kalk-Lösungen zur Bekämpfung verteuerte den Wein erheblich.

Die Bekämpfung der Schädlinge entwickelte sich über die Jahre. Anfangs spritzte man Weinberge regelmäßig mit schädlichen Mitteln wie Arsen, DDT und Kupfer. Heute hingegen verfolgt man einen Rebschutz, der auf Befallsprognosen basiert und umweltfreundlichere, effektivere Mittel nutzt, die nur noch wenige Anwendungen erfordern. Mittlerweile werden auch Nützlinge wie Spinnmilben gefördert, Pheromone gegen Traubenwickler eingesetzt und resistentere Rebsorten sowie Unterlagen gegen die Reblaus verwendet, sodass in vielen Fällen auf direkte chemische Bekämpfung ganz verzichtet werden kann.

Rodung

Die Rodung eines Weinberges war eine teure und langwierige Angelegenheit. Sie führte zu einem Ernteausfall von acht Jahren. Ein gerodeter Weinberg blieb zunächst fünf Jahre „driesch“, das heißt, er lag trocken und unbebaut, um dem Boden Zeit zur Erholung zu geben. Neupflanzungen blieben für drei Jahre von Abgaben befreit, da in dieser Zeit noch kein Ertrag zu erwarten war. Neben dem Verlust an Ernte musste man neue Reben besorgen, bezahlen und pflanzen. Auch der Transport der Reben und der Kauf von Weinbergspfählen trugen erheblich zu den Kosten bei.

Traubensorten

Um 1719 wurde hauptsächlich der Elbling oder Kleinberger als weiße Traube angebaut, während der Riesling in der Region kaum vertreten war. Der Elbling war eine frühreife, ertragreiche Sorte, die jedoch wenig Bukett besaß. Der Wein hatte eine geringe Säure und war daher nicht besonders lagerfähig.

Für Rotweine kultivierte man den Schwarzen Clävner und den Schwarzen Burgunder. Letzterer wurde zunächst als Bleichart bezeichnet, weil man ihn heller als üblichen Rotwein kelterte. Bei der Herstellung ließ man die zerquetschten Beeren nur kurz in der Maische stehen, bevor man den Traubensaft abfüllte. Das Ergebnis war ein hellrötlicher Wein, der nach der Gärung eine bleiche Farbe erhielt. Der Bleichert war also kein eigener Wein, sondern eine spezielle Kelterungstechnik.

Im Laufe der Zeit gab man in Horchheim den Anbau weißer Trauben auf und konzentrierte sich nur noch auf Rotweinsorten, insbesondere den Bleichert. Dieser Name, besonders an der Ahr bekannt, bezeichnete hellroten Wein, der durch das frühzeitige Trennen von Maische und Beeren nach der Kelterung entstand. Die Rebsorte, die dafür genutzt wurde, war ein Frühburgunder.

Der Begriff „Bleichert“ (früher auch „Bleichart“) für diesen hell gekelterten Rotwein, der vor der Etablierung des Begriffs Rosé verwendet wurde, taucht bereits 1664 im Mayschoßer Schatzbuch auf. Besonders an der Ahr und am Niederrhein war der Begriff „Ahrbleichert“ verbreitet. Heute sind diese Bezeichnungen durch Weingesetze nicht mehr zulässig.

Weinmaße

Um 1719 gab es noch keine einheitlichen Weinmaße. Im Trierer Raum war das „Trierer Fuder“ verbreitet, das in Enkirch 987,663 Liter und im Oberamt Trarbach 1004,095 Liter maß. Am Rhein und an der Mosel bis Bernkastel wurde vor allem das „Kölner Fuder“ mit 873,6 Litern als Handelsmaß genutzt.

Weitere gängige Maße waren das Fuder (900 Liter), das Ohm (150 Liter) und das Viertel (6¼ Liter). Die Kommission legte für die Besteuerung des Weins den Durchschnittsertrag aus guten und schlechten Jahren fest: In der ersten Klasse wurden 9.000 Stöcke, in der zweiten 11.000 Stöcke und in der dritten 14.000 Stöcke als Grundlage für ein Fuder (900 Liter) herangezogen.

Der Begriff „Fuder“ bezieht sich auf ein Volumenmaß, das vor der Einführung des metrischen Systems weit verbreitet war, besonders im Alten Reich. Es bezeichnete das Volumen einer Fuhre oder Wagenladung, vor allem für Flüssigkeiten wie Wein, aber auch für Bier, Wasser und Massengüter wie Holz, Kohle, Sand und Salz. Etymologisch leitet sich „Fuder“ von „Faden“ ab, einem alten Längenmaß, das die Spanne zwischen den ausgestreckten Armen eines Mannes bezeichnete (ca. 1,80 m).

Weinzuckerung

In den 1980er Jahren geriet die Weinzuckerung in den Fokus, aber nicht wegen ihrer normalen Anwendung – sondern wegen eines großen Betrugs. 1985 wurde in Österreich ein Weinbetrug aufgedeckt, der bis an die Mosel reichte. Tanklaster, die Glykol – ein süßliches Frostschutzmittel – transportierten, fielen auf. Dieses wurde verwendet, um den Moselwein, der für seine herbe Note bekannt war, mit Diethylenglykol zu versetzen. Das machte ihn für norddeutsche Verbraucher süßlicher und günstiger. Doch Glykol ist hochgiftig und schädigt Leber, Nieren und Nerven. Nach dem Skandal und dem Gerichtsurteil war die Geschichte jedoch schnell vorbei.

Zur Weinzuckerung: Damals, wie auch heute noch, wurde Zucker verwendet, um den Alkoholgehalt des Weins zu steigern – eine Technik, die als Chaptalisation bekannt ist. Hierbei wird dem gärenden Traubensaft Zucker zugesetzt, um den Alkohol um ein bis zwei Prozent zu erhöhen. Das Aufzuckern kam nicht nur bei ungünstigen Wetterbedingungen zum Einsatz, sondern auch, um eine frühere Lese auszugleichen. Nahezu unreife Trauben wurden zur Vorbeugung kommender Ernteausfälle durch Schädlingsbefall oder Stare abgelesen und der Mangel an Süße durch Zucker ausgeglichen.

Der große Glykolwein-Skandal führte zu einem der strengsten Weingesetze der Welt und verschärften Kontrollen in Europa. Seitdem muss jede Flasche Wein mit einer staatlichen Banderole versehen sein, bevor sie verkauft werden darf. Der Begriff „Haustrunk“, bei dem Zucker, Wasser sowie Wein- und Zitronensäure zugegeben wurden, verschwand aus den Gesetzbüchern. Auch der beliebte Uhudler, besonders im Südburgenland als Haustrunk konsumiert, wurde bis zu seiner Legalisierung 1992 verboten.

Winzerregel

Eine alte Winzerregel besagt: „Großer Rhein, kleiner Wein – kleiner Rhein, großer Wein.“ Sie bezieht sich auf die Wetterbedingungen, die den Wein beeinflussen. Ein „großer Rhein“ bedeutet viel Regen, was oft zu einem weniger intensiven, dünneren Wein führt. Ein „kleiner Rhein“ dagegen – also viel Sonnenschein – sorgt für optimale Reifebedingungen und somit für einen kräftigeren, qualitativ hochwertigeren Wein.


Postkartengrüße


Quellen- und Literaturverzeichnis

Horchheim 1214 – 2014

Eine Festschrift zur Geschichte der Katholischen Pfarrei St. Maximin und des Stadtteiles Koblenz-Horchheim aus Anlass des 800-jährigen Bestehens der Pfarrei

Herausgeber:
Heimatfreunde Horchheim e. V. in Verbindung mit dem Ortsring und der Pfarrei
Redaktion: Hans Josef Schmidt
ISBN: 978-3-00-045925-2

Horchheimer Alltag zu Beginn des 18. Jahrhunderts

Mitteilungen aus dem kurtrierischen Lagerbuch von 1719
mit Vergleich zur Neuzeit

Bearbeitet von Hans Lehnet
Herausgeber: Heimatfreunde Horchheim e.V., 2012
Autor: Hans Lehnet, Koblenz-Horchheim

Die Geschichte des Horchheimer Weinbaues

Eigenverlag Hans Lehnet 2024
Autor: Hans Lehnet, Koblenz-Horchheim

Texte bearbeitet von Andreas Weber

Bildnachweis: Sammlung Heimatfreunde Horchheim e.V.


Horchheimer Kirmes-Magazin


Kirmes-Magazin 2008 – Horchheim um 1800 – Umbrüche in einem berühmten Weinort – von Berthold Prößler

Der Artikel behandelt den Niedergang des Horchheimer Weinbaus infolge der Revolutionskriege, der Säkularisation und des wirtschaftlichen Wandels. Klöster und Adelsfamilien verloren ihre Besitzungen, unrentable Weinberge wurden gerodet und 1920 ging die jahrhundertealte Weinbautradition endgültig verloren.


Kirmes-Magazin 1978 – Weinbau in Horchheim – von Hans Gerd Melters

Der Artikel berichtet über die Wiederbelebung des Horchheimer Weinbaus durch Hobbywinzer in den 1970er Jahren. Er erinnert an die einstige Blütezeit des Weinortes, die 1920 mit dem Ende des kommerziellen Weinbaus endete, und beschreibt die Herstellung eines eigenen Rieslings aus einem alten Rebstock.


Kirmes-Magazin 1972 – Hoschemer Käs – von Dick Melters

Der Artikel erzählt die Geschichte des „Hoschemer Käs“, einer traditionellen Horchheimer Spezialität aus Handkäse, die früher von den Weinbauern zubereitet wurde. Der Käse wurde auf Fensterbänken getrocknet und mit Kümmel gewürzt. Anekdoten, wie die der tropfenden Käsekegel auf Schuljungen, erklären den Spitznamen „Hoschemer Käs“, den die Einwohner bis heute tragen. Abschließend wird das ursprüngliche Rezept für den Käse vorgestellt.


Kirmes-Magazin 1965 – Das Ende der Horchheimer Weinberge – von Heinrich Wolf

Die kurfürstlichen Weinberge in Horchheim wurden 1789 aufgrund schlechter Erträge auf Anordnung des Kurfürsten ausgerottet und in Ackerland umgewandelt. Die Weinberge wurden versteigert, und die neuen Pächter mussten sie umgestalten. 1800 war der Prozess noch nicht abgeschlossen.





Jochen Hof spricht mit Hans Lehnet: Ein Leben in Horchheim

In Horchheim ist Hans Lehnet eine zentrale Figur, wenn es um die Erforschung und Dokumentation der Ortsgeschichte geht. Als Gründungsmitglied der Heimatfreunde Horchheim und Autor mehrerer bedeutender Schriften im Selbstverlag hat er sich über viele Jahre hinweg leidenschaftlich für die Bewahrung des lokalen Erbes eingesetzt.

Kürzlich hatten der 1. Vorsitzende Andreas Weber und die 2. Vorsitzende Mechthild Hof die Gelegenheit, Hans Lehnet im Seniorenheim in Horchheim zu besuchen. Diese Begegnung war nicht nur herzlich, sondern auch eine Anerkennung seines tiefen Engagements und seiner profunden Kenntnisse zur Geschichte des Ortes. Hans Lehnet hat den Heimatfreunden zwei Aktenordner mit Unterlagen zur Horchheimer Ortsgeschichte übergeben, die nun im Ortsmuseum der Heimatfreunde archiviert werden sollen. Dafür bedankt sich der Vorstand ganz herzlich.

Die Heimatfreunde Horchheim entdeckten im Archiv ihres Ortsmuseums Minidiscs mit Interviews aus den Jahren 2000 bis 2008, die der damalige Vorstand mit Horchheimer Persönlichkeiten geführt hat, die ihre Lebensgeschichten teilen. Das Interview mit Hans Lehnet, das von Jochen Hof geführt wurde, bietet einen tiefgehenden Einblick in sein Leben und die Geschichte Horchheims.

Es beginnt mit seiner Kindheit, und führt über Schule und Jugendliebe durch die turbulenten Kriegsjahre als Luftwaffenhelfer bis hin zur Kapitulation und zu den Herausforderungen der Nachkriegszeit. Lehnet spricht über seine Ausbildung zum Fleischer, die Umstellung der Währung und seinen Aufstieg zum jüngsten Fleischermeister Deutschlands. Weiterhin beleuchtet er sein Engagement in der Kolpingfamilie, seine Leidenschaft für das Schreiben und die digitale Archivierung historischer Dokumente. Zum Abschluss erzählt er von seiner Arbeit im Pfarrarchiv und seinen Plänen zur weiteren Dokumentation der Ortsgeschichte.

Die am 18. Mai 2008 von Jochen Hof im Ortsmuseum der Heimatfreunde Horchheim angefertigte Aufnahme wurde 2024 transkribiert und bearbeitet.

Hans Lehnet ‒ Ein Leben in Horchheim

˃ So, lieber Hans, heute ist Montag, der 18. Mai 2008. Ich sitze hier beim Hans Lehnet in der Gut Stuff und der soll mir jetzt ein bisschen erzählen aus seinem bewegten Leben.

Emser Straße 395

˃ Hans, wann bist du geboren?

Ich bin am 3. Oktober 1928 in Niederlahnstein geboren.
In Niederlahnstein, weil da das Krankenhaus war. Heute ist da die Grundschule in der Bergstraße. Die Eltern wohnten hier in der damaligen Hauptstraße Nummer 13, heute Emser Straße 395.

˃ Das ist das alte Haus, was ihr vor drei, vier Jahren verkauft habt, neben dem von Eyßschen Anwesen.

Ja, es gehörte dazu. Ist ein Flügel davon.

˃ Dein Vater war auch schon Metzger.

Mein Vater war ursprünglich Mühlenbauer.
Und mit seinem Vater, also meinem Großvater zusammen, hatte er die Löhnberger Mühle umgebaut. Zweimal. Anfang der 1920er Jahre, 23, kann auch 24 gewesen sein. Und dann, zwei Jahre später, noch einmal 1928, 27 muss es gewesen sein. Da wurde sie umgestellt. Erstmal fiel die ukrainische Weizenlieferung aus und die Mühle war darauf eingerichtet und musste dann umgestellt werden auf amerikanischen Weizen, das war natürlich wieder was ganz Anderes. Ja, die hatten einen anderen Klebergehalt und der ist ja wichtig fürs Brotbacken.
Ja, und dann hat mein Vater meine Mutter kennengelernt. Er ist dann hier geblieben, hat umgeschult auf Metzger, hat die Lehre gemacht, der Ehrenbreitsteiner, Kaufmann hieß er, der war Prüfungsmeister, da die Gesellen- und Meisterprüfung abgelegt. Das war 1936.

˃ Du hast doch noch Geschwister gehabt.

Eine Schwester noch, die Leni.

Kindergarten

˃ Warst du im Kindergarten? Oder gab es so was nicht?

Doch, es gab den Kindergarten. Ja, das ist ein hochtrabender Name dafür. Er hieß früher Verwahrschule. Das war genau uns gegenüber auf der anderen Straßenseite, im heutigen Kloster, in einem rückwärtigen Gebäude. Unten waren Stallungen, Schweinestallungen, im ersten Stock, also Parterre dann also, von unten gesehen der erste Stock, es ging eine Schräge runter, und im ersten Stock war die Verwahrschule, und da drüber war die Nähschule.

˃ Aber von Schwestern geleitet.

Nur von Schwestern geleitet. Dernbacher Schwestern waren ja in dem Haus drin.

˃ Vorher waren Kaiserswerther Diakonissen da irgendwann?

Die waren da unten in dem Mendelssohn. Nicht hier oben, Mendelssohn war das. Natürlich waren da auch weltliche Aushilfen da, von Kindergärtnerinnen kann man da nicht reden. Heute muss ja alles studiert sein.

˃ Richtig.

Früher ging es ohne das mindestens mal genauso gut. Aber es sind andere Anforderungen, darüber kann man nicht streiten.

Schule

˃ Du kamst dann in die Schule.

Hier in 1934 in die Volksschule, bis 1938. 39 kam ich nach Oberlahnstein aufs Gymnasium. Das war die Oberschule für Jungen, so hieß sie, war aber gymnasial ausgerichtet, altsprachlich zu der Zeit. Es gab es noch Latein und Griechisch, Mathematik, Physik, Chemie und was alles dazugehört, alte Lehrer noch, alles. Und nach dem Dritten Reich, da wurde sie für Mädchen geöffnet. Die Mädchen kamen dann in die Oberschule für Jungen. Und da war der Name schon wieder anders. Heute ist da die Volkshochschule am Schillerpark. Das war das ursprüngliche Gymnasium von Oberlahnstein.

Gymnasium

˃ Wann bist du dahin übergewechselt?

39 muss das gewesen sein.

˃ 39. Und es fing ja gerade der Krieg an.

Ja, der Direktor war Herr Röhm. Er wurde auch kurze Zeit später eingezogen zur Luftwaffe, diente als Major bei Frankfurt. Er ist ums Leben gekommen durch eine Luftmine. Er hat sich außerhalb des Bunkers gerade mal kurz aufgehalten und da hat es ihn erwischt.

˃ 39 als der Krieg begonnen hat, hast du am Gymnasium angefangen. Die ersten Klassen Sexta, Quinta, Quarta.

Erste, zweite, dritte Klasse, vierte Klasse. Die anderen, die griechischen oder lateinischen Namen, waren verpönt. Wir waren ja deutsch.

˃ Ach so, ja. Also als erste Fremdsprache habt ihr Latein gehabt?

Nein, Englisch. Erste Fremdsprache war Englisch, oh ja. Und die erste Englischlehrerin, die wurde zu Kriegsbeginn direkt eingezogen. Als Dolmetscherin zur Wehrmacht. Da kamen Jüngere nach. Ich weiß nicht mehr, wie sie hießen. Ich glaube Schmidt-Phiseldeck, die kam aus Ostpreußen. Das war übrigens eine sehr, sehr gute Deutschlehrerin. Die hat uns Deutsch beigebracht. Wirklich wahr.

˃ Also erste Fremdsprache englisch, dann …

Latein.

˃ Im Dritten kam Latein dazu.

Ja.

˃ Und in der Fünften Französisch?

Nee, da waren wir schon bei den Luftwaffenhelfern. Französisch war nicht angesagt.


Die tollen Vaterlandsverteidiger

˃ Da warst du im Jahr 44 …

Luftwaffenhelfer? Ja.

˃ Wo? Hier in Horchheim.

Wir wurden 44 eingezogen. Zur Flakkaserne in Niederberg. Als Luftwaffenhelfer. Irgendwo muss man ja schlafen, gell?

˃ Wie alt warst du da grad?

15, mit 15 gemustert worden. Mit 16 eingezogen. Die tollen Vaterlandsverteidiger. Und da sind wir ausgebildet worden an einer Beute-Flak. Russische Beute-Flak 3,7 Zentimeter. M 39 AR, AR heißt abgeänderte russische Kanone. Es wurden nur die deutschen Beschriftungen drauf gemacht. Der Rest war eine ganz hervorragende Waffe, weitaus besser als die deutsche Drei Sieben. Die war zu kompliziert, zu viele Einstellmöglichkeiten und mit zu viel Hemmungen verbunden.

Mainz

˃ Das war 44.

Das war 44, und danach waren wir drei, vier Monate zwischen Kemperhof und Marienhof auf dem Moselweißer Feld in Baracken mit drei Kanonen. Wir waren der dritte Zug. Der erste Zug war oben auf der Ehrenbreitstein, der zweite, muss ich nachsehen. Und später kamen wir nach Mainz, zur schweren Flak. Wir sind in der Rheingauwallkaserne umgeschult worden. Die Batterie, Großkampfbatterie, lag in Bretzenheim. Dann kamen wir zum Einsatz nach Bischofsheim als Vorfeldbatterie zum Opel. Zwischen Opel und Gustavsburg war die MAN, und von da aus ging es weiter nach Ginsheim zur 10,5 Zentimeter schweren Flak.

Ich selber war an den beiden Batterien in der B1, in der Feuerleitstelle am Kommandogerät 40. Das war das Nonplusultra im Zweiten Weltkrieg, was Besseres gab es einfach nicht. Geringe Bedienung und ein Rechengerät. Einfach, die Kurvenkörper haben die Werte eingegeben. Da konnten wir die Winkelfunktionen an den Uhren ablesen, da die Mathematik ziemlich einfach war.

Luftangriffe

˃ Da waren doch schon Luftangriffe in der Zeit.

Ja, klar. Da fingen die so langsam an. Aber das ging noch alles. Richtig rund ging es 1944, Mitte 44, da ging es rund. Ja, und da hatten wir auch die ersten Einsätze, die ersten Kampfhandlungen und das war manchmal grausig. Das hat einen doch wirklich geprägt. Ja, wir waren einmal dabei gewesen. Sie hatten einen Verband aufgefasst. Zielanflug auf Batterie, Bombenklappen öffnen sich. Und dann kamen sie schon runter gerauscht und der Bombenteppich ging total über uns nieder. Auf der anderen Straßenseite war ein leichter Zug mit zwei Zentimeter Vierling. Daneben war, muss man dabei sagen, der Verschiebebahnhof von Bischofsheim. Großer Verschiebebahnhof. Und da wurden auch von Opel die Motoren, die sie hergestellt hatten, Luft- und Flugzeugmotoren, verladen. Ja, und das war natürlich ein lohnendes Ziel für sie.

Der erste Angriff. Da hatten wir die Maschine abgeschossen, zum Leidwesen von Königstädten, da ging der ganze Salat hin. In Königstädten hat kein Stein mehr auf dem anderen gestanden. Ja, der zweite und dritte Angriff auf Opel. Nach dem zweiten Angriff hat man die Maschinen aus dem Opel Werk rausgeholt zum Versand. Der dritte Angriff, der ging direkt hinein in die Verlademaschine. Und natürlich muss man dabei sagen, die hatten viel, viel Ostarbeiter, Fremdarbeiter, besser gesagt, Russen, Ukrainer und Franzosen und Polen, alles Mögliche. Und die waren in Baracken untergebracht.

Und das waren immer Nachtangriffe von Engländern. Die warfen sinnigerweise erst mal Luftminen, damit alles zusammengeschmissen worden war und dann Brandbomben hinterher rein, die in die Lager hinein gelten. Die Leute sind dann an uns vorbeigezogen, kamen in die Batterie, um zu verbinden. Ja, wir waren ja kein Verbandplatz, Sie sind weitergeschickt worden. Neben uns am Rand einer Siedlung hat es gebrannt. Unsere Kanoniere sind zu den Häusern gelaufen, haben gerettet, was zu retten war, und wir haben munter weitergeschossen.

Letzte Kriegstage

˃ 45, nach der Kapitulation, wo warst du da?

Wir sind, also ich bin 1945 entlassen worden, weil ein Jahr begrenzt war. Das war überhaupt so ein ganz, ganz krummes Ding mit den Luftwaffenhelfern. Nach der Haager Landkriegsordnung war das wohl nicht zugelassen. Der Reichsjugendführer Baldur von Schirach hat sich dagegen gewandt. Aber die Partei war stärker. Sie sind dort eingezogen worden. In der Heimat sollten sie eingesetzt werden, sind noch eingesetzt worden, am liebsten ortsnah, was in den seltensten Fällen geglückt war. Die Schule sollte weitergeführt werden. Das war das nächste Ding. Wie soll das gehen? Unterricht hatten wir dann im Eichendorff-Gymnasium in Koblenz.

˃ Ja, und wo warst du am 8. Mai 45, hier in Horchheim?

Ja.

˃ Wie war das örtliche Leben hier im Dorf während der letzten Kriegstage?

Ja, das war ziemlich beschissen, denn die letzten Kriegstage war starker Artilleriebeschuss. Die ersten Wochen, als die Schießerei anfing, gingen mit Granatwerfern. Das war noch ziemlich harmlos, wenn man so sagen will. Obwohl der Franks Harry, noch einer von der Von-Eyß-Straße, dabei umgekommen ist. Dann, in den letzten zwei, drei Tage, haben sie mit schwerer Artillerie hinten ins Dorf geschossen. War schätzungsweise 15 Zentimeter und da gab es einige Verluste. Die Horchheimer Volksschule hat was abgekriegt, paar Treffer, das Krankenhaus, hat ein paar Treffer abgekriegt an der Westwand. Wir haben einen Treffer in das Dach gekriegt. Das war dann ziemlich zusammengefallen. Ja, und der Saal oben, die Scheuer. Da ging einer rein, hier beim Pink ging einer rein.

˃ Und ins Arense Haus auch?

Kann sein. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, was hier in der Gegend war.

˃ Und da war an Unterricht, Schule, oder so nicht zu denken.

Namentlich war gar nichts mehr hier. Weit nach dem Krieg kam erst die Schule wieder.

Kapitulation

˃ Und während der Kapitulation kamen die Franzosen oder die Engländer?

Die Amerikaner. Ich hatte auf der Straße gestanden, da kamen sie die heutige Von-Eyß-Straße hochgefahren und sind dann durchs Dorf, haben gefragt, wo der …

˃ … Bürgermeister ist.

Ja, so ungefähr wohl. Wir haben sie dann runter geschickt zum Tunnel und da ging es dann weiter. Dann kamen dann Zug auf Zug von den Amis, die haben Schokolade auf die Straße geworfen, Zigaretten auf die Straße geworfen. Für die Kinder, gell.


Fleischer-Lehre

˃ Wie ging die Schulzeit nach dem Krieg weiter?

Ja, da war für mich die Schulzeit zu Ende. Es hieß dann von zu Hause aus, Geschäft ist da und muss gemacht werden. Ich wollte weiter studieren, also weiter machen zum Abitur. Dann hieß es, ja, das geht natürlich nicht. Ich hatte mich schon angemeldet gehabt in Oberlahnstein, aber die Verhältnisse waren eben stärker, gell?

˃ Da hast du eine Lehre gemacht, Fleischer-Lehre.

Fleischer, Lehre zu Hause, ja, zu Hause.

˃ Im eigenen Betrieb.

Zwei Jahre Lehrzeit. Ein Jahr ist mir geschenkt worden.

˃ Weil du am Gymnasium warst.

Ja, warum auch immer. Wahrscheinlich war es so und ja, Lehrer Stein, Berufsschullehrer Stein, der war für uns zuständig. Die Berufsschule, die war in der Moselweißer Grundschule, Volksschule. Ich konnte zu der Zeit schon Auto fahren. Dann ging das noch einigermaßen.

Zigarettenwährung

˃ Und nach dem Krieg waren die amerikanischen Zigaretten eine gute Währung.

Das war die Zigarettenwährung. Ja, klar, das zählt. Und sonst nichts. Gesucht war noch Fett, Mehl auch, aber eher noch Fett und Zigaretten. Das war die Währung.

˃ Und ihr hattet da zu Hause schon die Metzgerei?

Ja, doch. Die ging durch.

˃ Ihr habt ja immer Meister oder Verkaufspersonal oder Schlachtpersonal gehabt?

Immer selber.

˃ Ja. Und wo habt ihr denn die Metzgerei hergekriegt, beziehungsweise das Fleisch zum Schlachten, Kühe zum Schlachten oder Schweine?

Wir waren Fleischer, so genau kann ich nicht mehr sagen, aber eins weiß ich sicher: Als die Amis da waren, wurde in Vallendar das Vieh aufgetrieben und ist dann zugeteilt worden. Wir hatten zum Beispiel in Horchheim ein Stück Vieh bekommen, von Vallendar hier hin. Wie willst du das hinkriegen.

˃ Durch die kaputten Straßen.

Ja, von wegen, ein Ami hat mich angehauen, mit einem Fahrzeug. Da haben wir die Kuh drauf gebracht, er hat sie hier hingefahren und dann ist die hier geschlachtet worden. Es war ziemlich, es gab keinen Strom, es gab kein Wasser. Es gab gar nichts, gell? Das Wasser hatte die Feuerwehr, naja Feuerwehr gab es ja auch noch nicht. Der Ortsgewaltige, der hatte einen Kessel mit Wasser, viel Wasser, auf unsere Rauchkammer gestellt. Denn die Kühlmaschine musste ja laufen, und die brauchte zum Kühlen Wasser. Und als Antrieb haben wir einen kleinen Deutz Diesel gehabt … kein Diesel, war ein Benzinmotor.
Und damit kamen wir dann so einfach über die Runde, was sonst per Handarbeit gemacht wurde. Das Nötigste ist eben nur gemacht worden, denn weder großer Wolf, noch Kutter, noch Füll-Maschine, die war ohnehin von Hand, konnten in Betrieb gesetzt werden. Man war ja froh, dass wenigstens die Kühlmaschine gelaufen ist. Das ging auch nur eine Zeit lang.

Anhänger voll Eis

Später ist dann Eis geholt worden, aus Eisfabriken in Königsbach. Da haben wir Anhänger voll Eis geholt. Die Horchheimer Brücke, die war nicht da, rüber gekommen sind wir in Ehrenbreitstein, da sind wir rübergefahren, richtig. Auf dem Rückweg, da war es so voll, da konnten wir gar nicht weiter. Da sind wir runter nach Remagen. Da hatten die Amis eine Brücke gehabt und da sind wir rübergekommen. Und natürlich, was ist los, gell. Als die das Eis gesehen haben war die Sache ziemlich einfach, gell.
Da war noch, ja, da sind Zigaretten vertauscht worden, da ist Tabak vertauscht worden, die noch überall gelagert waren. Die sind dann in die deutschen Hände gefallen, klar, und was nicht geplündert worden ist, ist verteilt worden. Hier das Proviantlager ist geplündert worden.

˃ Wo war das?

Da unten am Rhein.

˃ In Lahnstein

Ja, neben dem Maximilians.

˃ Wehrbereichsverwaltung.

Ja, richtig. Und da sind Sie mit Wagen voll Zeug heimgefahren. Ich könnte die Namen noch nennen, von denen, die wagenweise das Zeug weggefahren haben. Na gut.

Währungsumstellung

˃ Und 47 gab es das neue, 48 gab es das neue Geld?

Ja.

˃ Und da hieß es auf einmal, so kann ich mich noch ganz dunkel erinnern, es gibt neues Geld. Jetzt kann man wieder alles kaufen.

Ja, richtig.

˃ War das wirklich so?

Da war so, ungefähr, wollen wir mal so sagen, man soll es nicht übertreiben. Denn ist ja nicht so, dass man einfach den Schrank auf, das Zeug hinstellt, so war es natürlich nicht. Jedenfalls am Sonntag war Währungsumstellung. Geschäfte mussten sonntags aufhaben, damit die Leute noch mit dem alten Geld kaufen konnten. Ja, das war natürlich so gesehen eine Schikane, aber andererseits mit dem neuen Geld ging es natürlich spürbar aufwärts.

Gehortet wurde, das weiß ich, das ist klar. Es wurde Wein gehortet. Einer hat Schrauben gehortet über den Krieg über und hat in die Zeitung geschrieben, Schrauben zu verkaufen. Das blöde Finanzamt liest das natürlich schon vorher, der Gewinn auch schon wieder weg. Das Ding ist einfach passiert, gell, unter offenem Namen hatte er inseriert, das war natürlich fahrlässig.

˃ Ich war damals sechs und habe meiner Großmutter immer ein Rucksäckelchen voll Kartoffelschalen, einmal die Woche, in die Burgstraße gebracht, in Betzdorf. Und da sagt die, es gibt neues Geld. Hier hast du einen Groschen. Das waren die kleinen blauen Scheinchen.

Ja, richtig.

˃ Und dann holst du dir ein Eis. Da bin ich zum Bäcker gegangen und da kriegte ich so einen richtigen Eisklotz zwischen zwei Eiswaffeln, ich konnte gar nicht so schnell lecken wie der fort war. Das war meine erste Begegnung mit neuem Geld.

Ja, sicher das war erst alles ein bisschen knapp, das ist ja logisch, gell.


Meisterschule

˃ Und du musstest doch normalerweise drei, vier Jahre Lehrzeit machen, beziehungsweise Gesellenzeit machen, ehe man den Meister machen konnte.

Ja gut, es war nach Ländern unterschiedlich. Es war keine bundeseinheitliche Regelung. Hessen hatte drei Jahre Pflichtlehrzeit, Rheinland-Pfalz hatte fünf Jahre Pflichtlehrzeit bis zur Meisterprüfung. Da ich aber so schnell als möglich hinter mich bringen wollte, bin ich nach Hessen, nach Offenbach, in die Meisterschule und habe da die Meisterprüfung gemacht.

˃ Von hier aus, nach Offenbach.

Offenbach, Ja.

˃ Täglich gefahren, oder nee.

Nee, da habe ich eine Wohnung gehabt. Privat untergebracht bei einem Drucker, der war bei heute MAN Roland, Faber & Schleicher hieß es früher.

˃ Warst ein möblierter Herr.

Jüngster Meister Deutschlands

Und zu der Zeit schrieb dann eine Weilburger Zeitung, ich sei der jüngste Meister Deutschlands gewesen, Fleischermeister wahrscheinlich, gell. Und zwar hat mir das gezeigt, den Zeitungsausschnitt, der Müllers Franz. Da kam er stolz in den Laden rein, hier, guck mal, du stehst in der Zeitung drin.

Sandkastenliebe

˃ Dann hast du irgendwann deine Frau kennengelernt.

Ja, die habe ich in der Volksschule schon kennengelernt.

˃ Ach ja?

Im gleichen Jahrgang. Ja.

˃ Also Sandkastenliebe.

14 Tage auseinander. Sie ist 16.09.28, ich 03.10.28. Ja, und nach Oberlahnstein gingen wir auch zusammen. Und hinterher haben wir uns eigentlich nie aus den Augen verloren. Jeder ist mal bisschen eigene Wege gegangen, aber immerhin wieder zusammengefunden.

˃ Und wie kam sie in die Metzgerei, deine Frau Luise?

Ja, das war natürlich ein Problem. Die Horchheimer haben alles Mögliche prophezeit, nur nichts Gutes. Lehrerstochter und Metzger, Das geht doch nicht gut. Das kann nicht gut gehen. Es ist gut gegangen. Bis heute.

˃ Bis heute.

Ja. Oje! Die alten Tratschweiber. Ja, die haben sich die Zähne zerrissen.

Lehnet und Sohn

˃ Und du hast den Betrieb übernommen, den Betrieb deines Vaters.

Ja. Wann? Ja, wann müsste ich nachsehen.

˃ Das war in den 50ern.

Ja. Mitte 60, 70 ist Lehnet und Sohn als, ja und dann später ganz übergegangen.

˃ Ihr hattet fünf Kinder. Und von denen wollte keiner in die Metzgerei?

Nein, ich habe auch keinem zugeredet. Nee, nee. Das ist das Falscheste, was man machen kann. Die Kinder sollen selber entscheiden, was ihnen Spaß macht. Da kommt doch was Gescheites bei raus.

˃ Bei dir ist ja auch was Gescheites bei rumgekommen.

Ja, sicher, Das ist richtig. Bin gezwungen worden.

Ja gut. Ich habe versucht das Beste draus zu machen. Das muss man schon dann machen. Es hilft ja alles nichts. Natürlich immer wieder Fortbildungslehrgänge besucht. Das geht gar nicht anders, gell? Mit dem Erreichten komme ich ja nicht weiter. Immer wieder kommen neue Bestimmungen hinzu, neue Verfahren. Und wenn man das nicht kann, dann kommt man ins Hintertreffen. Das hilft nichts, das geht in jedem Beruf so!


Kolpinghaus

˃ Ja, dann ist ein ganz großer Lebensabschnitt bei dir geprägt worden durch die Kolpingfamilie. Wie bist du da drangekommen und wie kommt man da hin?

Wie kommt man da dran? 1949, 48, 47, direkt nach dem Krieg wurde die ja in der Sakristei zusammengefasst, da sind wieder interessierte Jungen zusammengerufen worden vom Pfarrer Luxem. Das waren zuerst mal die Messdiener. Und dann, Kolping war ja von früher her, und ist eben neu gegründet worden. Ich war bei den Gründungsmitgliedern auch dabei, kam ja so eigentlich sofort mit in den Vorstand. Eigentlich, ja, und es ging dann immer wieder weiter. Mit vielen Auf und Ab, das ist klar, ja weiter.

˃ Ist das Kolpinghaus schon bewirtschaftet worden, oder? Das war ja kaputt, soweit ich weiß, nach dem Krieg.

Waren nur noch die Außenmauern dagestanden, innen drin war ausgebrannt. Da waren noch die ganzen Unterlagen, die die Gestapo nicht mitgenommen hat. Die sind dann verbrannt worden. Also, Unterlagen von vor dem Krieg sind kaum noch da. Was zufällig gerettet wurde, ist, aus welchen Gründen auch immer, ist da, aber im Grunde genommen ist nichts mehr da. Die Protokollbücher und das Vereinsleben betreffend ist nichts mehr da. Ja, das ist dann aufgebaut worden. 1952 war es soweit fertig, das ist auch alles nachzulesen.

Vorsitzender

Und dann war ich, zum ersten Mal als Vorsitzender gewählt. Senior hieß das zu der Zeit. Das war ich bis zu meiner Verheiratung 54. Ein verheirateter Senior war nicht zulässig, also ab damit. Und dann ging es weiter, für die verschiedenen Häuser ist gewechselt worden, die Namen weiß ich nicht mehr, jedenfalls nicht geläufig, aber sie sind notiert.

Und 62 gingen die ziemlich am Boden, da kamen die veraltet zu mir. Das war Feldkirchner. Es war der Arthur, Wills Arthur, er ist tot. Das sind ein paar Alte, die machen dann Himmelswillen, hilf uns mal wieder aus der Not heraus, so kann’s nicht weitergehen, wir helfen dir. Die erste Generalversammlung. Ich mache das, wenn ich mir den Vorstand selber zusammenstellen darf. Das ist die einzige Bedingung. Das habe ich natürlich gemacht. Und hat auch keiner gegen gemeckert.

Nur es gab da einen Stammtisch, der hat sie nacheinander abgeschossen. Ist nicht zu fassen, aber es war so. Das war der zweite Vorstand, der das große Sagen hatte. Wer sich mit dem nicht gutgestanden hatte, der war schon geliefert. Ja, und dann ging das bis 69, da hatte ich wieder mal die Nase voll. Da bin ich zurückgetreten bis 1979. Da war es wieder mal so ein Tiefpunkt gewesen. Ja, gut, da habe ich wieder angepackt. Der Vorstand war, so wie er da war, schon in Ordnung.

Erwachsenenbildung

Und dann ging da mehr auf die Bildungsebene. Mit dem, wie hieß das in Koblenz, nicht Berufsbildungswerk. Ach, wie hieß es doch schnell, mit Pfeiffer, Erwachsenenbildung, katholische Erwachsenenbildung KEB. Mit denen habe ich viel zusammengearbeitet und da kam auch was Ordentliches zusammen. Und da hatten wir auch die Ehrenmedaille der Erwachsenenbildung, hat man mir dann verpasst, hat der Bischof in Trier mir überreicht. Mit anderen natürlich auch, war nicht der einzige.

˃ Und du bist doch für was weiß ich wie viele Jahre Kolpingmitgliedschaft geehrt worden?

Einmal für 25 Jahre die silberne und dann für 50 Jahre die goldene Nadel. Also, Mitgliedsnadel.

˃ Und bist du auch Ehrenmitglied?

Ehrenmitglied, ja. Da ist es. Ehrenmitglied und Ehrenvorsitzender der Kolpingfamilie, die Ehrenmitgliedschaft des Kolpingwerkes und Ehrenvorsitzender der Horchheimer Kolpingfamilie.

˃ Das war 2002.

Ja, das mag sein.

˃ 8. Dezember 2002. Am Kolpinggedenktag.

Richtig, er weiß es.


˃ Und als du dann emeritiert bist, die Metzgerei an den Nagel gehängt hast, da hast du dich dem Schreiben gewidmet. Oder schon vorher dem Schreiben?

Ja, eine Sekunde, bitte. Ja, und zwar. Das erste Produkt, hier ist es. Horchheim zwischen gestern und heute. Und zwar habe ich zum ersten Mal die Geschäfte rausgesucht, die in Horchheim waren. Hier sind sie dann 49 bis 89. Dazu habe ich von allen Kirmeszeitungen, die dann erschienen waren, die Annoncen raus geschrieben, die sortiert nach den einzelnen Gewerken.
Ja, und als ich dabei war, kam der verstorbene Andreas, Mensch Vater, das kannst du doch so nicht machen. Ich bring dir einen kleinen Computer und dann machst du das damit, ist doch viel einfacher. Ja, ich habe mich überzeugen lassen. Wie hieß der älteste, Atari nicht. Nicht Atari?

˃ Man kommt gleich drauf.

Ein kleiner Computer war das, damit habe ich dann angefangen, aufzunehmen. Das war dann der Anfang. Und das war im Jahre 1992. Das waren die ersten Anfänge. War schon weit vor Geschäftsaufgabe.

˃ Ach, das war vor der Geschäftsaufgabe.

Ja klar. 2000 habe ich das Geschäft aufgegeben, das hier war 92. Und dann ging das immer so ein bisschen weiter, immer wieder aufgerüstet, nachgerüstet mit der Computerei, und so langsam reingewachsen.

Pfarrarchiv

˃ Dann fällt mir ein Stichwort Pfarrarchiv ein. Was kannst du dazu sagen? Pfarrarchiv.

Pfarrarchiv.

˃ Dazu kommt man doch nicht so wie die Jungfrau zum Kind, oder?

Ja, mein Gott. Pfarrarchiv, ja. Wer auf die glückliche Idee kam, mich da vorzuschlagen, kann ich dir nicht sagen. War es der Wellings Josef, ich meine schon. Ja, das Pfarrarchiv, den Namen hat es zu der Zeit nicht verdient. Das war ein Konglomerat von, kann ich dir sagen, von 16 laufende Meter. 16 laufende Meter Akten. Und dann kann man natürlich nicht jede von brauchen. Die mussten sortiert werden und ich hatte die Fachkenntnis natürlich auch nicht.

˃ Aber du warst immerhin Meister.

Ja, schon, aber kein Meister im Archivwesen, ganz gewiss nicht. Auch da braucht man eine fundierte Ausbildung. Und da muss ich schon sagen, ohne Latein bist du hilflos. Ja, und dann geht es in alle Kirchenbücher, die sind in Latein geschrieben, alle Totenzettel, alle Berichte, alles in Latein, die Visitationsberichte, alle in Latein. Wir waren kürzlich noch mal in Trier gewesen und haben die, ziemlich von Anfang an, Visitationsberichte durchgesehen. Alles in Latein. Bisschen Latein konnte man auch, so konnte man ungefähr den Sinn mal rauskriegen, was gemeint ist, aber mehr auch nicht.

˃ Pfarrarchiv, weißt du noch, wann das war, wer das Amt vom Pastor damals war? War es der Johannes Rochwalsky?

Später. Müsste Thomas Gerber gewesen sein.

1999

Stand Geschichte. Um 2000 rum. Ja, hier am 13. Juli 1997, im Pfarrarchiv, lagern die Akten. 15 laufende Meter. Der Rücktransport 1999 von Trier. Das ganze Konglomerat ging erst nach Trier von hier aus, weil die Trierer das zentral machen wollten für alle Pfarreien, denn die Pfarrarchive waren im desolaten Zustand. Entweder waren die Akten in der Kiste, in der Sakristei oder im Keller oder im Speicher, aber nicht da, wo sie eigentlich hingehörten.

Und ja, zwölften März 1999. Und dann kamen die ja zurück, 1999, März 99. Und dann ging das dann so peu à peu, die Aufarbeitung mit Herrn Nicolay vom Bistumsarchiv Trier. Der hat Hilfestellung geleistet, der hat auch einen Aktenplan mitgebracht, denn jede Akte, die muss nach Aktenplan signiert werden. Ist natürlich nicht immer ganz einfach. Aber immerhin, er hat nachgesehen, wir haben uns geeinigt, was zu machen ist, musste einiges aussortiert werden, was eigentlich wirklich unbrauchbar war und völlig wertlos ist. Auch Schriften, die völlig uninteressant waren, die 1000-fach sowieso überall rumgeistern, die brauchen wir nicht noch mal hier zu haben, archiviert zu werden. Jedenfalls, was für Horchheim interessant ist dann, ist da.

Pfarr-Computer

˃ Und die hast du größtenteils dann mit dem Computer verarbeitet.

Die gingen direkt in den Computer. Ja, das heißt, die Anfänge sind in Trier gemacht worden. Und die Trierer, die haben auch alle Ausgaben gesperrt, sodass die hier nicht kopiert werden können.

˃ Och ja,

Ja, nicht möglich. Ist die Sperre drin. Wenn kopiert werden soll, dann musste der Nicolay von Trier kommen und mit besonderen Sicherungen kommt der dann wieder dran.

˃ An den Pfarr-Computer.

Hier in dem Computer ist sie ja drin, und wenn was kopiert werden soll, oder rausgekommen werden soll an einen anderen Computer, holte er einen besonderen Stift oder kleinen Apparat, den schraubte er hinten dran.

˃ So ein Dongle.

Ja, damit geht es dann. Aber sonst, ich selber kann nichts machen. Nix zu machen. Ich kann bei geben, das ist klar, aber nicht raus lesen. Lesen schon, aber nicht kopieren. Nein, weder drucken noch kopieren noch sonst was. Was drin ist, ist drin. Schluss, Ende.

Da gibt es ja auch eine besondere Benutzungsordnung für die Pfarrbüchereien. Das da noch lange nicht jeder machen kann, was er will. Das geht nicht, zum Beispiel hier, die dürfen nicht rausgegeben werden, Bestandslisten. Wenn einer im Pfarrarchiv nachsehen will, dann muss er exakt begründen, warum, wieso weshalb. Das ist übrigens in jedem Archiv so, ob ich ins Landeshauptarchiv gehe und ins Koblenzer Stadtarchiv oder nach Hessen ins Hauptstaatsarchiv. Überall sind Bestandsordnungen. Du musst Zettel ausfüllen, wofür du das brauchst. Das ist im Grunde nichts Neues.

Alte Schriften

˃ Wie kommst du denn mit den alten Schriften zurecht?

Relativ gut. Also bis, sagen wir mal, 1600 macht wenig Schwierigkeiten. Wenn es einigermaßen geschrieben ist. Wenn ich dann denke an den Bürgermeister von … Andererseits gibt es auch Schriften, die sind so gestochen fein, dass wiederum die vor den Augen verschwimmen. Das ist ganz unterschiedlich, aber je höher das Amt ist, desto besser die Schrift.

˃ Tatsächlich?

Tatsächlich, ja. Je höher die ist vom Ministerium, ganz toll. Der Bürgermeister, ja. Warum? Ich weiß es nicht. Es ist nur mal einfach so.

˃ Die Ministerien die hatten spezielle Schreiber. Und der Bürgermeister musste selber schreiben.

Ja, du hast recht, das ist die Erklärung. Und die hatten ja wenig Zeit, da ist auch viel gefummelt wurden.


˃ War noch irgendwas, was ich wissen wollte? Kolpingfamilie haben wir. Metzgerei haben wir. Pfarrarchiv haben wir. Was wir noch nicht haben …

Das ist die Auswahl an Schriften.

˃ Dein neuestes Werk, an dem du im Moment beschäftigt bist, Extraktenbuch.

Ja. Zum Beispiel. Extraktenbuch von 1719 von Horchheim. Hat mich Dr. Flach drangesetzt. Das waren dann, sagen wir mal 1000 und ziemlich genau 30 Seiten handgeschrieben. Die von 1719, das geht noch relativ gut zu lesen, wenn es einigermaßen geschrieben ist. Es sind natürlich einzelne Wörter dabei, da muss man schon mal überlegen, was ist damit gemeint? Also im Zusammenhang kann man sich dann auch retten, und man muss Buchstabe für Buchstabe nachsehen. Wie war das R, wie ist das R geschrieben? Dann ist das großartig mit Schwung, die Anfangsbuchstaben, das die nächsten Zeilen noch mit reinrutschen, dass das manchmal verwirrend ist.

Aber immerhin, das habe ich dann alles in den Computer übertragen. Musste alles nachrechnen. Das waren dann die trierischen Maße, und dann muss es umgerechnet werden auf das allgemeine preußische Maß. Das ist relativ einfach, wenn man den richtigen Ansatz hat. Ich habe erst den richtigen Ansatz nicht gehabt und musste alles noch mal neu rechnen. War ein Denkfehler. 16er, nicht 12er, eine Rute hat 16. Hier ist ja der Anfang schon drin. Das ist das Grundmuster, um alles auszurechnen. Anders geht das ja gar nicht. Die Grundlage musst du erst haben, dann musst du auch erst überlegen, wie mache ich das? Landmaß, neues Landmaß wie der Morgen mit 160 Ruten, die Rute zu 16 Schuh, und die Schuh mit zwölf Zoll gerechnet.

Ausgabe 2007

˃ 2007, das ist die neueste Ausgabe.

Ja, immer wieder musst du nachsehen. Und immer wieder haben sich wieder Fehler eingeschlichen. Und dann werden sie korrigiert, musst du wieder neu rausholen, nützt alles nichts. Muss ja klappen. Und da sind auch schon Fehler in ihren Berechnungen von früher festgestellt worden. Das waren 398.000, haben die selber gezählt, ich komme auf 402.000 Reben. Und wenn jetzt, das ist noch nicht das Schlimmste, wenn du jetzt die Klassen gezählt hast, da war wieder eine andere Zahl. Erste, zweite, dritte Klasse bei Wein und vier Klassen bei Bodenbewertungen. Und die hat schon wiederum nicht gestimmt mit der Zahl untereinander. Die waren wenig zu wenig, ähnlich wie sie heute sind. Denn eins war klar, das wurde zur Besteuerung herangezogen.

Und da haben die natürlich auch gemerkt, Holzauge, sei wachsam, gell. Und dann ist der Ertrag auch berechnet worden. Nun war man da so, dass man gesagt hat, verschiedene Jahre sind ja da, einmal viel Ertrag, einmal wenig Ertrag, so ist das alles gemittelt worden. Nun waren ja keine Unterlagen da. Wer hat das schon aufgeschrieben? Muss halt so geteilt werden.
Und da wurden Leute geholt aus dem untersten Stand, aus dem Mittelstand, und aus dem höchsten Stand. Warum? Weil die alle drei sich untereinander nicht grün waren, hat die Sache einigermaßen hingehauen. Clever waren die schon, die Brüder.

Word

Ja, und da bin ich jetzt noch dran. Im Grunde ist es durchgesehen. Immer wieder kommen wieder Ergänzungen dazwischen. Ja, und dann, die Krux sind ja die Endnoten, die Fußnoten und ein Automatismus, der gehen sollte, geht nicht.

˃ Mit was schreibst du denn, mit Word?

Mit Word. Ist kein Automatismus drin. Ich habe noch keinen gefunden, der einem gesagt hat, das klappt.

˃ Hm, bin ich noch gar nicht draufgekommen.

Doch, hat mich zu Verzweiflung schon gebracht.

˃ Das kann ich mir vorstellen.

Nun habe ich das einfacher gemacht und habe zwei Listen gemacht. Einmal die Anmerkungen, die Fußnote extra gesagt, und das, was im Text steht, wieder extra. Wenn ich dann jetzt in den Anmerkungen ändere, statt 97 kommt 98, dann ändert sich ja alles hinterher, gell. Und dann muss ich ja immer wieder neu umsetzen. Geht nicht anders. Löschen und neu eingeben.

˃ In der Situation war ich noch nicht. Ich habe im Moment das Buch von dem Roth, von dem Pastor Roth, in der Bearbeitung. Und das waren 10, 15 Seiten, habe ich schon … aber das mit den Fußnoten funktioniert recht gut, aber ich brauch ja keine ändern.

Ja. Das ist das. Alle die mit Fußnoten gearbeitet haben, alle meine Söhne und Töchter schütteln nur den Kopf. Word und Fußnoten, das ist ein Graus. Es klappt einfach nicht. Und der Karlheinz, der hat viel damit zu tun. Marlene, Marlene weniger, aber Carola, und der Thomas, alle kamen sie nicht in Fußnote und Word haut nicht hin. Ist unverständlich, aber es ist nun mal so.


˃ Hans, hast du weitere Pläne? Schreibpläne?

Eigentlich nein.

˃ Eigentlich nein.

Eigentlich nein. Ja, was gibt es an typischer Ortsgeschichte, bleibt man auf dem Laufenden, das ist klar, gell.

˃ Wir hatten neulich eine Frage, und da habe ich gesagt, musst du den Hans Lehnet fragen. Ich weiß nicht, ob er gefragt hat. Ich weiß auch nicht mehr, worum es ging.

Ich wüsste auch nicht, wer jemals gefragt hat.

˃ Dann war es ihm nicht wichtig genug.

Ja, wahrscheinlich. Irgendwie kommen immer wieder meist Auswärtige, die anfragen. Wie ist es hier, zum Beispiel, kommt von Berlin, ja, paarmal hier gewesen und hat mir als Dankeschön, was selten vorkommt …

˃ Och ja.

Er hat meine volle Widmung dabei geschrieben. So, hier hat er.

Ja, was ich sonst noch mache? Muss auch einmal zur Ruhe kommen. Man ist nicht wild hinterher, so ist es nicht. Aber wenn was ist, dann macht man es eben.

˃ Ja. Hans, dann sage ich dir ganz herzlichen Dank, dass du dich zur Verfügung gestellt hast und erzählt hast. Und ich probiere dir dann auch, eine Kopie zu machen.


In seinem Werk „Horchheimer Alltag zu Beginn des 18. Jahrhunderts“ bietet Hans Lehnet einen fundierten Einblick in das Dorfleben von Horchheim im Jahr 1719. Basierend auf den Aufzeichnungen des kurtrierischen Lagerbuchs, schildert Lehnet detailliert die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen dieser Zeit. Er beleuchtet die Auswirkungen der „Türkensteuer“ und die Bedeutung von Landwirtschaft und Weinbau für die Dorfbewohner.

Das Buch beschreibt die enge Gemeinschaft und die Traditionen, die das Leben in Horchheim prägten, sowie die Herausforderungen, die durch rudimentäre medizinische Versorgung und lokale Gerichtsbarkeiten entstanden. Die sorgfältige Auswertung der Flurbücher ermöglicht einen tiefen Einblick in die Besitzverhältnisse und das tägliche Leben unserer Vorfahren.

Hans Lehnet schafft es, durch seine akribische Recherche und die Ergänzung um historische Zusammenhänge ein anschauliches Bild des damaligen Dorflebens zu zeichnen. Seine Arbeit wird durch die kritische Begleitung von Dr. Dietmar Flach unterstützt und bietet somit eine wertvolle Ressource für alle, die sich für die Geschichte Horchheims interessieren.

Interessierte Leser können Stand 2024 noch etwa 20 originalverpackte Exemplare des Buches im Ortsmuseum der Heimatfreunde Horchheim gegen eine Spende erhalten.





Der Hof des Koblenzer Stifts St. Florin

Das älteste Haus Horchheims ist das Haus Emser Straße 389, in dem sich über viele Jahrhunderte der Präsenzhof des Koblenzer Stiftes St. Florin befand. Zur Zeit ist das Landesamt für Denkmalpflege in Mainz mit der Stadt Koblenz bemüht, mit dem derzeitigen Besitzer, der Familie Lahnstein, eine Lösung zu finden, dieses Kleinod romanischer Wohnbaukultur der Nachwelt zu erhalten und einer ihm angemessenen Nutzung zuzuführen.


Hofmann Schweickert

Die erste Verpachtung des Hofhauses mit Äckern und Wiesen – St. Florin hatte seinen Weingartsbesitz gegen Drittelertrag an eine Vielzahl Horchheimer Bürger verlehnt – datiert vom Jahr 1572. Am 20. August reversieren sich Augustin Schweickart und seine Frau Katharina Metzler, deren Eltern schon Hofleute von St. Florin gewesen waren, gegenüber dem Stift, dass sie den Präsenzhof mit Hof und Garten an der Oberpforte, gelegen zwischen Tonges Craußen Erben und Jeckel Lenßen, sowie 17 Ackerstücke von7 Malter 2 ½ Sömmer Größe auf 20 Jahre für jährlich 5 Gulden gepachtet haben. Die Felder liegen meist in unmittelbarer Nähe des Gemeindewaldes in den Fluren „auf Lahnsteiner Wege genannt Dahl“, „auf der langen Hecken vor Hoimburgh“, „im hintersten Brämacker“, „auf Berlentzsbach“ (Bertelsbach)“, „vor der Creutzhecken“, „bei dem Schlage auf dem Emserwege“, „auf der Eschhecken“ (Escherfeld), „in und auf der Langenheck“ und „vor Pfaffendorfer Wald“. Die Ackerränder sind zum Teil mit Eichen und Hainbuchen bewachsen, ein Zeichen dafür, dass der Hof lange Zeit schlecht oder gar nicht bebaut worden war. Nur zwei Stücke – früher Weingärten – lagen in unmittelbarer Nähe des Dorfes „im Niederfeld“ sowie ein Feld „im Loe“, das mit Obstbäumen bestanden war. Es folgen die üblichen Pachtbedingungen, nämlich das Hofhaus in Dach und Fach, die Güter in gutem Bau zu halten, nichts zu vertauschen oder zu veräußern oder weiter zu verlehnen. Auch sollen Pächter auf die Drittelwingerte Obacht halten und im Herbst den Windelboten und Kelterknechten des Stifts Beköstigung und Nachtruhe gewähren sowie fünf Tage vor der Lese die Bütten wässern, damit kein Weinmost durch Undichtigkeit verloren gehe. Zur Beköstigung der Knechte steuert St. Florin den Wein bei. Solle der Hof durch Nachlässigkeit des Pächters durch Brand zerstört werden, so ist dieser verpflichtet, ihn wieder auf seine Kosten aufzubauen.

Übrigens sind uns zwei Windelboten von St. Florin, die die Weinlese und das Keltern der Trauben überwachen, bekannt, denn am 7.5.1601 sagt der 93jährige Hans Schumacher von Boppard, er sei 46 Jahre und vor ihm Hans von Wetzlar Windelbote und Diener von St. Florin gewesen. Hans von Wetzlar ist um 1550 in Horchheim als Glöckner tätig. Er ist wohl auch Lehrer im Dorf, da um diese Zeit Schulmeister- und Glockenamt miteinander verbunden waren.

Der neue Hofmann von 1572 ist identisch mit jenem Augustin Schweickart, der am 29.10.1587 von Pastor Simon Schönecken, den Sendschöffen Paulus Heyer, Ludwig Hirtter, Thomas Lähner und den Kirchenmeistern Bernhard Holbach und Franz Becker den ruinösen und baulosen alten Pfarrhof für 250 Gulden kauft und ihn wieder in einen baulichen Zustand bringt. Dieser Kauf von 1587 und die Renovierung des Hauses dürfen als Zeichen dafür gewertet werden, dass sich Schweickart durch die Bebauung seiner eigenen Güter und die Pachtung des Florinshofes – im Hofhaus hatte er eine Wirtschaft eingerichtet, denn am 16.2.1585 bekennt er, dass die Florinsherren ihm vergönnt hätten, auf drei Jahre ein Schild an ihren Hof zu hängen – in guten wirtschaftlichen Verhältnissen befand.

Im Gegensatz zu ihm war die Mehrheit der Horchheimer Bevölkerung in dieser Zeit stark bei Juden aus Lützel, Koblenz und Ehrenbreitstein sowie der Führungsschicht und Kaufmannschaft von Koblenz verschuldet, so dass im Frühjahr bereits die Schar – die im Herbst einzufahrende Ernte – verpfändet werden musste. Besonders der Horchheimer trierische Schultheiß von 1562 bis 1574, Mattheis Baur von Irsch, der noch 1559 Schultheiß zu Montabaur war, tritt gehäuft als Geldgeber in Erscheinung. Augustin Schweickert selbst wird noch 1597 als Hofmann genannt.


Die Schweickerts

Er entstammt einer uralten Familie, die bereits im 15. Jahrhundert in öffentlichen Ämtern in Horchheim vorkommt. Zu nennen wären die Schöffen Heintz Swicker 1457 – 7471, Hans Schweickardt 1546 – 1573, später Friedrich Schweickert 1609 – 1615 sowie die trierischen Schultheißen zu Horchheim Johan Swicker 1507, Friedrich Schwickert 1557- 1561, Hans Schweickardt der Alte 1578 – 1601 (1574 Schultheißereiverwalter) und die aus Horchheim stammenden Johann Schweickart, Schultheiß zu Irlich 1618, dann ab 1618 bis 1640 Schultheiß zu Engers, sowie dessen Sohn Caspar, ebenfalls Schultheiß zu Engers. Außerdem sind Angehörige der Familie zu Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts Hofleute der Herren von Eltz und im 15. Jahrhundert Hofmänner der Frau Jamanns zu Horchheim. Die Familie ist noch heute in Horchheim und Niederlahnstein vertreten. Die Niederlahnsteiner Schweickert gehen auf einen Michael Schweickert zurück, der kurz vor 1650 von Horchheim nach Niederlahnstein verzogen ist.


Der unbequeme Hofmann Lütz

Augustin Schweickart stirbt wahrscheinlich Ende 1597, Anfang 1598. Seine Witwe heiratet Ende 1598 den Jacob Lutz von Koblenz. Da St. Florin der neue Ehemann als Hofmann nicht genehm ist, werden beide des Hofs entsetzt, worauf die neu verheiratete Witwe beim Kurfürsten vorstellig wird und gegen St. Florin klagt. In einem Gegenbericht seitens St. Florin beim Kurfürsten werden die Gründe genannt, warum man die Pacht nicht fortsetzen will. Obwohl schon die Eltern der jetzigen Frau Lutz den Hof von St. Florin gepachtet hatten, sei die Verlehnung von 1572 keine Erb- und ewige Lehnung gewesen, sondern ihr und ihrem ersten Mann Augustin Schweickert auf zwanzig Jahre verpachtet worden und die Pacht somit schon 1592 abgelaufen. Der Hof sei nur aus Gunst bis zum Tod ihres Mannes bei ihnen verblieben. Laut Lehnung sollten sie den Hof persönlich bewohnen, sie seien jedoch kurz danach ausgezogen und hätten ein Wirtshaus daraus gemacht. Außerdem hätten sie ihrem Herbstherrn und Windelboten übel gedient. Auch hätte sie nach dem Tod ihres Mannes ohne ihr Wissen einen gewissen Jacob Lütz geheiratet, der ihnen ein unbequemer Baumann (Hofmann) sei. Lütz habe in Koblenz mit der Feder sein Brot verdient, er sei ein Schreiberling und der Feldarbeit unerfahren. Überdieß sei er ein abtrünniger lutherischer Ketzer, allem Katholischen und vor allem den Geistlichen ein geschworener Feind. Auch sei dorfkundig, dass ihr Ehestand nicht der Beste sei. Sie befürchteten daher, dass die Präsenzgüter in Ab- und Untergang kämen. Auch habe die Lehnung den Passus gehabt, dass sie den Hof in gutem Fach und Fach zu halten und die Notdurft zu bauen schuldig gewesen wären, was nicht geschehen, so dass die Präsenz des Stifts dies habe selbst tun müssen.

In diesem Schreiben ist auch von einem Häuslein auf der Pforte die Rede, das bei der Lehnung von 1572 noch nicht erbaut war. Ob mit der Pforte die obere Pforte der Dorfbefestigung oder eine Pforte zum Florinshof gemeint ist, bleibt unklar. Fest steht jedoch, dass dieses Häuschen zum Besitz von St. Florin gehörte. Das Stift scheint mit seinem Gegenbericht beim Kurfürsten Gehör gefunden zu haben, denn in der Folge ist vom Ehepaar Lütz als Hofleuten nicht mehr die Rede. Man hat wahrscheinlich einen Kompromiss geschlossen, denn 1610 und nochmals am 13.4.1611 ist Augustin Schweickerts Schwiegersohn Eberhard Limburg im Namen von St. Florin in Hofangelegenheiten tätig, da ein Zins von 1 Gulden laut Urkunde vom 7.6.1528 säumig ist, worauf das Pfandobjekt, ein Weingarten „am Weidenborn“, im selben Jahr dem Präsenzhof gerichtlich zugeschlagen wird. Limburg wird wohl in dieser Zeit Hofmann gewesen sein. Er selbst ist nachweislich von 1602 bis 1615 Schöffe am Ortsgericht. Sein Stiefschwiegervater Jacob Lütz selbst hatte noch Kinder in Horchheim, den Schöffen und Schmiedemeister Lucas Lotz in Horchheim und den nach Niederlahnstein verzogenen Schneidermeister Hans Lotz, der einen schwedischen Leutnant vom Turm der Johanneskirche mit Steinen beworfen und Worten beleidigt hatte:

„lhr schwedischen Diebe und Schelme, was habt ihr hier zu tun?“

Daraufhin quartierten sich die Schweden zur Strafe mit 128 Mann acht Tage in Niederlahnstein ein und zogen erst ab, nachdem man ihnen, weil Lotz vom Turm entwichen war, 50 TaIer gezahlt hatte.

Die heute noch im Koblenzer Raum, besonders in Neuendorf, weit verbreitete Familie Lütz/Litz geht zurück auf einen 1650 in Niederlahnstein geborenen Jacob Lütz, der 1681 in Koblenz-Liebfrauen die Tochter Anna Maria des Peter Zervas geheiratet hatte. Dieser später in Neuendorf ansässige Jacob Lütz ist Urenkel des gleichnamigen Horchheimer Hofmanns von 1598.


Hofmänner Rheinspitz und Camp

Während des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648) hören wir nichts über den Hof. Erst 1654 wird Johannes Rheinspitz als Hofmann erwähnt, der mit einem Nahrungsanschlag (Steuer) von 300 Gulden hoch angeschlagen wird. Rheinspitz selbst taucht 1622 als von Steinscher Hofmann erstmals in Horchheim auf. 1628 ist er Geschworener der Gemeinde. Er wird hoch geschätzt, denn man wählt ihn wiederholt zum Heimburgen, so 1631, 1639, 1647 und 1648. Von 1644 bis 1658 ist er als Schöffe und in derselben Zeit als Send (Kirchenschöffe) bezeugt. Seine Familie stammt aus Niederlahnstein, wo ein Johannes Rheinspitz und seine Frau Gertrud von 1574 bis 1586 sieben Kinder taufen lassen. Rheinspitz stirbt wahrscheinlich 1658, denn seine Witwe Elisabeth ist Anfang 1662 Patin beim letzten Kind des Johann Camp und seiner Frau Katharina. Ob diese Patenschaft über verwandtschaftliche Bindungen dazu führte, dass Simon Camp, der sich 1685 als „etlich 30 Jahr“ bezeichnet, also um 1650 geboren wurde, Florinsherrenhofmann wurde, ist nicht mehr festzustellen. Tatsache ist, dass er ab 1678 bis zu seinem Tode am 13. 3. 1695 Pächter des Hofes ist. Verheiratet war er seit 1676 mit Maria Walter, der Schwester des damaligen Horchheimer Pastors Johann Nicolaus Walter, Pfarrer von 1675 bis 1690. Mit ihr hatte er 9 Kinder. Kurz vor seinem Tod wird er 1694 zum Heimburgen gewählt und bekleidet 1692 das Amt des Schützen und Holzgebers. 1682 ist er Brudermeister der Liebfrauen und 1685 der St. Sebastianusbruderschaft.

Aus den Geburtszeugnissen, ausgestellt vom Gericht Horchheim am 30.10.1717 bzw. 1.11.1723, für seine als Zimmerleute tätigen Söhne Balthasar, geboren 1684, und Johann Simon, geboren 1691, geht hervor, dass seine Eltern Paulus und Johanna Camp waren. Dieser Paulus Camp oder Paulus von Camp, wie er sich 1629 und noch 1644 nach seinem Geburtsort Kamp-Bornhofen nennt, wird am 20.1.1640 Jesuitenhofmann zu Horchheim. Er stirbt im Juli 1661. Johann Gerhard Camp, Bruder unseres Florinshofmanns Simon Camp, von Beruf ebenfalls Zimmermann, ist 1684 Eltzischer und 1688 vom Steinscher Hofmann zu Horchheim und als solcher Wittgensteinischer Vogt und Kelner auf dem „Kaaf“, dem Steinschen Burghaus auf halber Höhe des Sayner Burgberges. 1690 wird er Heimburge zu Horchheim und ist von 1690 bis zu seinem Tod am 29.10.1704 (Grabstein) Send und Gerichtsschöffe. Sein 1665 geborener Sohn Carl Camp ist 1702 Hofmann des Klosters Mariaroth zu Horchheim.

Nach dem Tod von Simon Camp 1695 wird der Florinshof von der Witwe und den Söhnen weiter bewirtschaftet. 1702 wird der älteste Sohn, der 1677 geborene Christian Camp, als Hofmann bezeichnet. Er heiratet in erster Ehe 1701 die Maria Magdalena Schwang, die 1709 stirbt, und in zweiter Ehe im selben Jahr die Sophia Niebern aus Niederlahnstein. Mit seinen zwei Ehefrauen zeugt er insgesamt 18 Kinder. Er stirbt 1733 unter Hinterlassung noch unmündiger Kinder. Er selbst führte ein christliches Leben, ist nachweislich von 1723 bis 1733 Sendschöffe, 1711 und 1712 Vorsprecher am Gericht und danach bis zu seinem Tod 1733 Gerichtsschöffe. 1711 bekleidet er das Kirchenmeisteramt und wird 1715 Bürgermeister zu Horchheim. Seine erste Frau Maria Magdalena Schwang, geboren 1679, war die Tochter des Johann Schwang und der Barbara Göbell. Schwang selbst war bis zu seinem Tod 1730 Send- und Gerichtsschöffe, 1692 Gemeindegeschworener und 1704 Heimburge zu Horchheim und nach dem Tod seines Schwiegervaters, des am 17.12.1686 verstorbenen trierischen Schultheisen Johannes Göbell, von Ende 1686 bis 1692 Schultheisereiverwalter und von 1678 bis 1700 Ludimagister (Lehrer) an der Horchheimer Schule.

Die Familie Schwang selbst ist im 17. und 18. Jahrhundert wohl eine der interessantesten Familien Horchheims. Neben den in Horchheim verbliebenen Mitgliedern, die verschiedene Gemeindeämter ausüben und als Gerichts- und Sendschöffen tätig sind, studieren einige erfolgreich, werden Geistliche oder Juristen. Ein Schwang wird Offizial des geistlichen Gerichts in Koblenz, ist Kanonikus am Domstift zu Limburg und einer der Hauptinitiatoren, dass die alte, am Rhein gelegene Peterskirche in Neuendorf größer als ursprünglich geplant erbaut wird. Ein anderer Schwang ist Pastor in Ransbach, Niederlahnstein und Kesselheim. Ein juristisch ausgebildeter Schwang wird Ende des 17. Jahrhunderts Stadtschreiber in Kochem, und eine Tochter des Johannes Schwang heiratet einen Professor der Universität Trier.

Christian Camps zweite Frau Sophia Niebern, geboren 1689 in Niederlahnstein, ist die Tochter des Deutschherrenhofmanns Johannes Niebern und seiner aus Waldbreitbach stammenden Frau Anna Maria Höcht (Högt). Interessant ist eine Bescheinigung des Gerichts Horchheim vom 20.7.1789 in einem Rechtstreit der Universität Trier als Verwalter des Vermögens der Witwe Professor Susewind geb. Schwang aus Horchheim gegen den Neffen der Witwe, Johann Thomas Breitbach, Kaufmann und Stadthauptmann zu Koblenz, wegen der von der Witwe Susewind vermachten 3.000 Reichstaler zur Stiftung einer Frühmesse in Horchheim. Darin heißt es, dass die Eltern der Ottilia Camp – sie ist Nichte der Witwe Susewind und Nichte, Miterbin und Haushälterin des Offizials Johann Conrad Schwang, von dem die 3.000 Reichstaler ursprünglich stammen – nicht das geringste Vermögen besessen, nur Hofleute des Stifts St. Florin gewesen und keine eigenen Güter gehabt hätten. Dies zeigt auch ein Blick in das Horchheimer Extraktenbuch vom 22.6.1719. Für Christian Camp ist nur ein Eigenbesitz von 36 Ruten Acker in Horchheim und 610 Stock in Niederlahnstein angegeben, ein Zeichen dafür, dass Camp neben der Ernährung seiner 18 Kinder jeden Heller und Pfennig in den Erhalt seines Pachtgutes steckte und damit für St. Florin ein guter und rechtschaffener Pächter gewesen ist. Nach Camps Tod 1733 setzt seine Witwe die Lehnung fort. Sie scheint 1742 verstorben zu sein, denn im selben Jahr bittet wiederholt der Gerichtsschöffe zu Niederlahnstein, Johannes Rübenach, die Tochter Anna Wilhelma des Horchheimer Florinshofmanns Christian Camp, die schon neun Jahre auf dem Deutschordenshof zu Niederlahnstein bei ihrem Onkel Martin Reck als Magd beschäftigt sei und gute Kenntnisse im Acker- und Weinbau besitze, als Hoffrau zu Horchheim anzunehmen, da sein Sohn Carl Rübenach dieselbe zu ehelichen gedenke. Die Verbindung der beiden kommt jedoch nicht zustande, sie heiratet 1745 den Johann Ems.


Hofmann Göbel

Neuer Hofmann wird Johann Adam Göbel, der am 1.5.1743 die 1712 geborene Tochter Anna Maria des Christian Camp heiratet. Noch vor der Heirat verbürgt sich seine Mutter Barbara Raubach, Witwe des Johann Wilhelm Göbel, für ihren Sohn, der mit seiner zukünftigen Frau den Florinshof übernehmen will, und setzt dem Stift einen Garten ,,hinter der Kirche“ im Wert von 100 Reichstalern, eine Wiese „in der Bertelsbach“ von 100 Reichstalern und eine Wiese „auf Frantzgesfeld“ im Wert von 50 Reichstalern zu Pfand. Göbel entstammt einer angesehenen Horchheimer Familie. Sein verstorbener Vater, der Send- und Gerichtsschöffe Johann Wilhelm Göbel, war ein äußerst tätiger Mensch, der neben der Bebauung seiner eigenen Weingärten und Felder den Altenberger Hof von seinem Schwiegervater Johannes Raubach übernommen hatte. Neben reger Bautätigkeit – er baute die beiden abgerissenen Häuser in der Emserstraße (vormals Hotel Holler resp. Kaffee Zimmermann und das im Freilichtmuseum Sobernheim auf Halde liegende und den Dornröschenschlaf schlafende stattliche Fachwerkhaus, das ehemals auf dem Rewe-Parkplatz neben der Römerapotheke gestanden hatte) – betrieb er eine gutgehende Bierbrauerei und Gastwirtschaft. Johann Adam Göbel stirbt am 10. 6. 1758.


Hofmänner Camp und Sauter

Einige Tage später schreibt Conrad Camp an St. Florin, dass sein Schwager Johann Adam Göbel und seine Schwester Anna Maria unter Hinterlassung von zwei unmündigen Kindern verstorben seien und bittet, ihm den Hof zu überlassen, da seine Vorfahren den Hof über hundert Jahre besessen hätten. Camp erhält den Hof und bebaut ihn mit seiner Frau Eulalia Katharina Mantz, Tochter des Johannes Mands und der Anna Saur, bis zu seinem Tod am 24.7.1779. Seine Witwe setzt die Pacht bis 1787 fort.

Am 25.5.1787 schreibt sie, dass sie ihrer Tochter Anna Maria und deren Ehemann Johannes Sauter den Hof übergeben habe, und bittet das Kapitel, dem zuzustimmen. Sie stirbt am 4.2.1795. Johannes Sauter, Sohn des Laurenz Sauter von Arzheim, der am 1.8.1786 die 1768 geborene Tochter Anna Maria der Witwe Eulalia Katharina Camp geheiratet hatte, wird am 20.11.1801 vom Dechant Johann Anton Bolen von St. Florin auf 12 Jahre belehnt. Von 1787 bis 1812 wird er Vater von elf Kindern und mit seinem ebenfalls nach Horchheim verzogenen Bruder Stammvater der Horchheimer Sauter.

Zwischenzeitlich hatte sich die politische Landschaft grundlegend geändert. Nach dem Reichsdeputationshauptschluss vom 25.2.1803 hatte das Heilige Römische Reich deutscher Nation und damit der Trierer Kurstaat aufgehört zu existieren. In der Folge werden das linke Rheinufer an Frankreich und die rechtsrheinischen Gebiete Kurtriers an den mit Frankeich verbündeten Rheinbundstaat Nassau abgetreten. So auch das kurtrierische Amt Ehrenbreitstein, zu dem Horchheim damals gehörte. Das Stift St. Florin wird enteignet, der Horchheimer Hof der nassau-weilburgischen Domänenkammer zugeschlagen. Ein übereifriger Beamter der neuen Regierung sieht in dem am 20.11.1801 abgeschlossenen Pachtvertrag seitens St. Florin mit Sauter eine offensichtliche Manipulation, da die Pacht zu niedrig angesetzt sei und das Stift die Grundsteuer zur Hälfte trage, also Nassau-Weilburg als Rechtsnachfolger diese ebenfalls tragen müsse, was unüblich sei. Er bittet um Einsichtnahme in den alten Pachtvertrag.

Mittlerweile war der Weinbau gegenüber dem Feldbau zurückgegangen. Mit Genehmigung der Regierung vom 15.10.1805 werden 1805/1806 insgesamt 2.197 Weinstöcke gerodet und zu Acker gemacht. Ein neuer Pachtvertrag vom 25.2.1806 bestimmt, dass der Pächter 6 Malter Korn, die Hälfte der Traubenernte und die Hälfte des Simpels (Steuer) zu zahlen habe, wogegen er von der Beköstigung des Herbstherrn befreit sein solle. Die Pachtzeit wird auf Bitten Sauters um 2 Jahre bis 1815 verlängert. Sauter wird in der Folge für 4 Jahre die Kornpacht schuldig, so dass die herzogliche Regierung bei der Kellerei Ehrenbreitstein am 4.5.1814 nach der Ursache fragt. Am 26.4.1814 schreibt Sauter an die herzogliche Hofkammer wegen des Pachtrückstandes. Er sagt, dass er durch häusliches Missgeschick und die Kriegszeiten (Durchmärsche und Einquartierungen) 18 Malter Kornpacht im Rückstand sei, worauf ihm die Kellerei Ehrenbreitstein die gerichtliche Exekution angedroht habe. Der Kellereibeamte ist allerdings Sauter gewogen. Am 21.2.1815 schreibt er, Sauter sei kein vermögender Mann, lange Zeit krank und habe viele Kinder. Er fragt, ob er Sauter angreifen und dessen Vieh beschlagnahmen oder ihm Ausstand gewähren soll in der Hoffnung, dass Sauters Bruder, Bürgermeister in Horchheim, ihn unterstützen und vom Untergang retten wolle.

Sauter schreibt weiter:

„In dieser bedrängten Lage bleibt mir kein anderes Mittel übrig, um mich und die Meinen vom nahen Untergang zu retten, als mich in die Arme meiner gnädigen Herrschaft zu werfen“.

Gleichzeitig präsentiert er die Quittung und Bescheinigung der Gemeinden Horchheim und Niederlahnstein, dass er die Grundsteuer und die Kosten der Einquartierung vom 5.11.1813 bis 23.3.1814, insgesamt 159 Gulden 4 ½ Kreuzer, bezahlt habe. Er bittet um Begleichung, um damit den Pachtrückstand bezahlen zu können, und verweist auf die hohen Kriegskosten von 1792 bis 1800, die am 12.9.1803 aufgestellt worden sind. So habe er in diesem Zeitraum manchmal bis zu 20 Personen, meist Unteroffiziere mit ihren Frauen, halten müssen. Der unterste Stock seines Hofhauses sei zur Wachtstube gemacht und total ruiniert worden. 1796 sei er zu Fronfahrten zum Bau der Batterie um die Festung Ehrenbreitstein und 1799 für die Franzosen zu insgesamt 177 großen und 350 kleinen Fahrten an Fourage, Brot und Fleisch herangezogen worden. Er gibt als Ziele Lutzerath, Kemel, Montabaur, Ems, Limburg, Neuwied, Heddesdorf, Meuth, Großholbach, Nastätten, Monreal, Polch, Ochtendung, Saffig, Arnstein, den Masserother Wald, Andernach, Heimbach Weis und Kamp an. Außerdem habe er 50 Zentner Heu liefern müssen, und ihm seien von den Soldaten 10.700 Weinbergspfähle entwendet worden.

Auf dieses Schreiben antwortet die Regierung, dass die Amtskellerei Ehrenbreitstein lediglich die gezahlte Grundsteuer ersetzen wolle. Sauter scheint auch diese Klippe umschifft zu haben. Anfang 1815 sagt er, seine Pachtzeit gehe Martini 1815 zu Ende, und bittet um weitere 12 Jahre um den Bestand des Hofes. Er schreibt:

„Die Kornpacht der vorigen Lehnung fällt zwar schwer, wenn Soldaten den Landmann aufzehren, was er an Ernährung seiner Familie mit seiner Arbeit dem Boden abgewinnet“.

In der Zwischenzeit hatte sich das Rad der Geschichte weiter gedreht. Nach der Schlacht bei Waterloo oder Belle Alliance hatte sich nach Napoleon Bonapartes Rückkehr von Elba das Glück zu Gunsten der Verbündeten und gegen Frankreich gewendet. Der anschließende Wiener Kongress, deren führender Kopf der 1773 in Koblenz im Metternicher Hof auf dem Münzplatz geborene spätere österreichische Haus-, Hof- und Staatskanzler Clemens Wenzeslaus Nepomuk Lothar Fürst von Metternich war, gestaltete die politische Landkarte um. Horchheim wurde der neu gebildeten Rheinprovinz Preußens zugeschlagen. Die preußische Regierung – der ehemals nassau-weilburgische Beamte Riel ist jetzt für die neuen Herren tätig – setzt am 30.8.1815 die Verpachtung des ehemaligen Florinshofes auf 9 Jahre bis 1824 an. Allein- und Letztbietender bleibt Johannes Sauter mit 6 Maltern Korn, „weil die ehemals herzogliche Hofkammer zu Weilburg die Pacht zu hoch angesetzt und keiner den durch den Krieg gelittenen Hofmann habe verdrängen wollen“, wie Riel schreibt. Sauter muss für 2 Jahre für die Pacht einen Bürgen stellen, wozu sich der frühere herzoglich-usingensche und nassau-oranische, jetzt preußische Schultheiß Georg Breitbach bereit erklärt. Das Hofgut wird verpachtet ohne Gewähr für Mängel, wie es sich darstellt. Die Pacht ist auch bei Unglücksfällen, Misswachs, Hagelschlag, Viehsterben usw. fällig. Die preußische Regierung trägt alle auf dem Hof liegenden Steuern und der Pächter verpflichtet sich, einstweilen die Einquartierungen von Soldaten zu tragen. Die Niederlahnsteiner Güter sind von der Verpachtung ausgenommen, da sie jetzt im Ausland liegen und dem Herzogtum Nassau zugefallen sind. Kurz nach der Pachtübernahme scheint Sauter gestorben zu sein, denn Preußen verlehnt den Hof nicht neu, sondern verkauft ihn 1819 samt allen Liegenschaften an den Rat Meurers zu Koblenz, der 1822 die einzelnen Grundstücke und das Hofhaus samt Stall und Scheuer an Horchheimer Bürger verkauft. Damit endet 1822 nach vielhundertjährigem Bestehen die Geschichte des ehemaligen Hofs von St. Florin.

Manfred Gillissen



Der Hof des Koblenzer Stifts St. Florin, Teil 1
Horchheimer Kirmes-Magazin 2001

Der Hof des Koblenzer Stifts St. Florin, Teil 2
Horchheimer Kirmes-Magazin 2002

Zur Geschichte des Stift St. Florin

https://www.klosterlexikon-rlp.de/mittelrhein-lahn-taunus/koblenz-stift-st-florin/geschichtlicher-abriss.html


Über Manfred Gillessem




Die Löhnberger Mühle

von Maritha Holl-Biegmann

Horchheimer Kirmeszeitung 1980
Seite 57, 59

Im Sommer 1889 reifte bei der Verwaltung der Aktiengesellschaft Löhnberger Mühle (das Stammhaus lag in Löhnberg a. d. Lahn) der Entschluß, das Unternehmen um eine Mühle am Rhein zu erweitern. Sie sollte den Bedarf an Roggenmehl decken und russischen Roggen mit einheimischen Produkten verarbeiten. Die angestrebte Tageskapazität lag bei 1000 Sack Roggen. Zunächst dachte man an einen linksrheinischen Standort in der Nähe der Königsbach. Eine eingehende Untersuchung durch die Direktoren Simon, Schulte, Macco sowie Mühlenbaumeister Ehrenberg warf etliche technische Probleme auf, so daß man sich für einen anderen Platz entschied: Auf der rechten Rheinseite, zwischen Rhein und Eisenbahnlinie.

Ein 1,5-Millionen-Projekt

Die Generalversammlung der Aktiengesellschaft genehmigte 1890 unter Nr. 1 der Tagesordnung „die Errichtung einer Mühle in Niederlahnstein“.

Zwar liegt die Löhnberger Mühle eindeutig auf Lahnsteiner Gebiet, doch die Horchheimer haben diesen imposanten Industriebau schon lange als ihre „Müll“ gedanklich eingemeindet. Vor 90 Jahren fiel der Startschuß zu den Bauarbeiten, die am Rheinufer eine funktionsgerechte, aber auch in ihrer Baugestalt interessante Großmühle entstehen ließen.

Mit dem Ausgraben der Fundamente wurde am 7. Mai 1890 begonnen. Nach Vorschrift der Strombauverwaltung musste die Front des Gebäudes um 26 m von der Korrektionslinie zurück gesetzt werden, um die wünschenswerte Verbreiterung des Strombettes zu ermöglichen. Der Boden bis zum Rheinspiegel wurde abgetragen und fortgeschafft. Das Ausbaggern unter dem Wasserspiegel übernahm die Strombauverwaltung. Nach gut zweijähriger Bauzeit konnte man am 16.9. 1892 mit den Mahlungen beginnen. Die Anlage galt als in jeder Hinsicht musterhaft und war nach den damals neuesten technischen Erkenntnissen eingerichtet.

Krisenzeiten

Im Jahre 1910 geriet die Roggenmüllerei in eine mißliche Lage und die Löhnberger Mühle in Zugzwang. Man wich von der Eingleisigkeit ab und verarbeitete täglich neben 50 t Roggen auch 70 t Weizen. Für die Arbeiter war es in dieser Zeit schwer, ihre Familien zu ernähren. Noch schwieriger wurde die Situation in den Jahren 1920 – 22, als die Nachwirkungen von Weltkrieg und Versailler Vertrag voll über die Zivilbevölkerung hereinbrachen. Mehl wurde wie vieles andere zur raren Kostbarkeit. Die Löhnberger Mühlenarbeiter als „Leute an der Quelle“ wußten sich zu helfen. Sie fuhren mit Werkzeugkasten, die auf die Fahrräder geschnallt waren, zur Arbeit. Bei der Heimfahrt waren die Werkzeugkasten und die Farbdosen der Anstreicher mit kostbarem Mehl angefüllt. Der Werksleitung war dieser Mundraub zwar bekannt, wurde aber mit einem Augenzwinkern übergangen. Nachdem sich die Lage wieder normalisiert hatte, bekamen die Arbeiter und Angestellten ihre regelmäßige Mehlzuteilung.

Neuer Besitzer

Ende 1929 erwarb Herr Kampffmeyer, der Vater des jetzigen Besitzers, die Aktienmehrheit des Kapitals und gründete Ende 1939 die Rheinisch-Nassauische Lagerei- und Speditionsgesellschaft. Die Familie Kampffmeyer betreibt seit Generationen den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen und die Verarbeitung von Getreide. Die Gruppe mit ihren Handelshäusern, Getreidemühlen, anderen Nahrungs- und Futtermittelproduktionsstätten sowie Dienstleistungsbetrieben zählt zu den führenden Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft in der Bundesrepublik und in Europa. Einige Jahre später ging das Unternehmen der Löhnberger Mühle unter dem Namen „Rheinisch-Nassauische Lagerei und Spedition Kurt Kampffmeyer“ in den Alleinbesitz von Herrn Kampffmeyer über.

Riesige Lagerkapazität

Zunächst einmal beschränkte man sich auf die Lagerung und den Umschlag von Mühlenfabrikaten, In- und Auslandsgetreide und Bearbeitung und Wiederverladung der Getreideernte aus Rheinland-Pfalz. Mit 15000 t Fassungsvermögen Lagerraum war die ehemalige Löhnberger Mühle das größte Lagerhaus am Mittelrhein. Durch den Bau einer Lagerhalle für Getreide und andere Güter mit einer Kapazität von 18000 t vergrößerte sich der Betrieb gewaltig. Dam alten massiven Backsteinbau sieht man es nicht an, daß er im Laufe der Jahre mit den modernsten Getreideverarbeitungsanlagen und Förderelementen ausgerüstet wurde.

Einstieg in das Ölgeschäft

Wegen der riesigen Lagerkapazität war es unumgänglich, zwei neue Krananlagen zu bauen (Kapazität 4 und 7 t). Weiter wurden alle modernen Anlagen geschaffen, wie ein betonierter Lagerplatz, eine Waggonwaage, eine Fuhrwerkswaage und eine Erweiterung des Gleisanschlusses zum Bahnhof Niederlahnstein. Durch den Bau eines Großtanklagers mit der Möglichkeit des Umschlages und der Lagerung von Kraftstoffen und Heizöl nahm das Unternehmen weiteren Aufschwung. Straßentankwagen und Bahnkesselwagen versorgten die nähere und weitere Umgebung mit flüssigen Brennstoffen.

Als 1963 der Rhein zugefroren war, versorgte die Rheinisch-Nassauische als einziges Großlager in der Umgebung die Verbraucher mit Öl. Heute hat die Rheinisch-Nassauische Lagerei und Spedition Niederlassungen in Köln, Krefeld, Duisburg und Dortmund. Die ehemalige Löhnberger Mühle beschäftigt zur Zeit 70 Personen, davon rund 10% Horchheimer.

Die Geschäftsführung unter Leitung von Herrn Grotkamp befindet sich in Niederlahnstein. Zur Zeit lagern in der Löhnberger Mühle Düngemittel, Getreide, feste Brennstoffe und Mineralöl. Für das Getreide stehen spezielle Lagerhallen zur Verfügung, in denen zum Beispiel Weizen bis zu 10 Jahren gelagert werden kann.

Die Masse der Anlieferungen erfolgt per Schiff, und zwar mit Küstenmotorschiffen aus England, Skandinavien und den Benelux-Ländern, vereinzelt auch per LKW. Noch heute wird das Getreide aus der Umgebung angeliefert. Vor der Einlagerung werden Proben der Lieferung in Hamburg einer eingehenden Untersuchung auf Lagerfähigkeit, Schädlinge usw. unterzogen.


Bemerkungen zur Baugestalt der Löhnberger Mühle

von Udo Liessem

Horchheimer Kirmeszeitung 1980
Seite 59

Das 19. Jahrhundert ist mit einer Fülle von Bauaufgaben konfrontiert worden, denen es nicht gewachsen war, für die es keine entsprechende Baugestalt gab. Deswegen wurden solche Bauten mit einem äußeren Formenapparat drapiert, der aus anderen Bereichen des Bauens kam; darunter litt jedoch keinesfalls die Funktionstüchtigkeit des Objektes. Diese ‚Verkleidung‘ mit artfremden Motiven galt insbesondere für Industriebauten. Das Finden eigener Bauaussagen für Industriebauwerke ist, bis auf wenige Ausnahmen, erst im 20. Jahrhundert befriedigend gelöst worden. Das ausgehende vorige Jahrhundert, die Jahre nach der Reichsgründung 1871, brachte eine riesige Zahl von Firmengründungen und Erweiterungen bestehender Fabrik- und Produktionsanlagen. Hierzu gehörten auch Großmühlen. Zwar war der Typ der Mühle eine jahrtausendalte Bauaufgabe, die schon in der Antike mit Bravour gelöst worden war. Für die nun entstehenden Großmühlen aber gab es noch keine entsprechenden Vorbilder.

Ursprünglich Roggenmühle

Solch eine Großmühle war die unmittelbar an der Grenze zu Horchheim errichtete Löhnberger Mühle, direkt am Rhein gelegen, ausgestattet mit einer eigenen Schiffsverladeeinrichtung und rückwärtigem Gleisanschluß. Sie ist 1890 – 92 nach Plänen des Mühlenbaumeisters C. Ehrenberg (Berlin) errichtet worden, eine Roggenmühle, die 1911 teilweise auf Weizenmehlfabrikation umgestellt wurde und dazu erweitert werden musste.

Anleihen beim Mittelalter

Bei der Löhnberger Mühle handelt es sich um einen Massivbau, ausgeführt in dunkelbraunen Ziegeln. Parallel zum Rhein liegt der Hauptbau, der über 15 Achsen verfügt und in seitlichen Flügeln ausläuft, so daß eine hufeisenförmige Anlage entsteht. Sie ist nach dem Land zu offen und bildet hier einen Hof, der bewußt Assoziationen an einer „cour d’honneur“ wachrufen soll.

Die seitlichen Flügel verfügen zwar ebenfalls über 15 Achsen, doch ist hier die Achsenstellung viel dichter, so daß diese Bauten kürzer als die Hauptfront sind. Stromaufwärts ist an das Hauptgebäude ein weiterer Bau angefügt, von gleicher Höhe, jedoch nach Osten einspringend, der ein Achsenverhältnis von 3:7 aufweist. Im Winkel zwischen Haupt- und Nebenbau erhebt sich ein schlanker quadratischer Turm, der die gesamte Gebäudegruppe um zwei Geschosse überragt und mit vier durch Zinnen geschmückte, zwischen steinerne Geländer gespannte Ecktürmchen abschließt, deutliche Anlehnung an mittelalterliche Feudalarchitektur. Der für den Produktionsablauf notwendige Turm soll durch sein Dekor zum Symbol unternehmerischer Leistung werden.

Der ganze riesige Baukörper, einschließlich der Flügelbauten und des südlichen Anbaus ist einheitlich sechs Stockwerke hoch. Zwei Sockelgeschosse, drei Hauptgeschosse und ein Abschlußgeschoß folgen einander. Dabei werden die drei Zonen jeweils durch kräftige, profilierte Gurtbänder geschieden. Das reiche Hauptgesims mit einem stark vorspringenden Konsolenfries trägt die rings umlaufende Attika, hinter der sich das flache Dach verbirgt.

Renommierfassade

Folgende Betrachtungen gelten nur noch der Stromfassade, die als Haupt- und Schaufront ausgebildet wurde.

Nicht nur den Geschäftspartnern das Mühlenbesitzers, sondern auch den schon damals sehr zahlreichen Rheintouristen sollte die Anlage imponieren und im Gedächtnis haften bleiben. Folglich ist die riesige Front künstlerisch durchgestaltet worden:

Die drei äußeren und die drei mittleren Achsen sind risalitartig um Weniges vor die Front gezogen worden, ein Mittel, daß aus der Schloßbauarchitektur kommt. Hier werden schon die 3 Flügel angedeutet; durch das Vor- und Zurückspringen wird die Front belebt. Der Mittelrisalit ist etwas breiter als die beiden Seitenrisalite, auch überragt er die beiden mit seiner Attika um ein Geringes. Bei den Risaliten ist die Attika in ihrem mittleren Bereich aus Balustern gebildet, während sie sonst einen durchgehenden Mauerstreifen darstellt. Übrigens werden die drei Achsen der äußeren Risalite von Mauerstreifen flankiert, die über große gemauerte Spiegel verfügen.

Verwandtschaft mit Schloß Stolzenfels

Obwohl nur wenige stilistische Mittel bei der Ausstattung der Stromfassade angewandt wurden, die sich zudem ständig wiederholen, kommt keinerlei Eintönigkeit auf, nur eine distanzierte, wiederum beabsichtigte Kühle. Eine Belebung bilden die Risalite. Die Symmetrie unterbricht der südliche Anbau mit dem schlanken Turm.

Die Formen atmen einen vornehmen Spätklassizismus, der seine Berliner Herkunft nicht verleugnen kann. Letztlich sind es sogar Schinkelbauten wie die Bauakademie in Berlin gewesen, die Vorbildcharakter getragen haben. Somit ist der Bogen, wie merkwürdig das auch berührt, von der Löhnberger Mühle zum schräg gegenüber liegenden Schloß Stolzenfels geschlagen, das auch weitgehend durch Schinkel bei seinem Wiederaufbau geformt worden ist.