Der Hof des Koblenzer Stifts St. Florin

Das älteste Haus Horchheims ist das Haus Emser Straße 389, in dem sich über viele Jahrhunderte der Präsenzhof des Koblenzer Stiftes St. Florin befand. Zur Zeit ist das Landesamt für Denkmalpflege in Mainz mit der Stadt Koblenz bemüht, mit dem derzeitigen Besitzer, der Familie Lahnstein, eine Lösung zu finden, dieses Kleinod romanischer Wohnbaukultur der Nachwelt zu erhalten und einer ihm angemessenen Nutzung zuzuführen.


Hofmann Schweickert

Die erste Verpachtung des Hofhauses mit Äckern und Wiesen – St. Florin hatte seinen Weingartsbesitz gegen Drittelertrag an eine Vielzahl Horchheimer Bürger verlehnt – datiert vom Jahr 1572. Am 20. August reversieren sich Augustin Schweickart und seine Frau Katharina Metzler, deren Eltern schon Hofleute von St. Florin gewesen waren, gegenüber dem Stift, dass sie den Präsenzhof mit Hof und Garten an der Oberpforte, gelegen zwischen Tonges Craußen Erben und Jeckel Lenßen, sowie 17 Ackerstücke von7 Malter 2 ½ Sömmer Größe auf 20 Jahre für jährlich 5 Gulden gepachtet haben. Die Felder liegen meist in unmittelbarer Nähe des Gemeindewaldes in den Fluren „auf Lahnsteiner Wege genannt Dahl“, „auf der langen Hecken vor Hoimburgh“, „im hintersten Brämacker“, „auf Berlentzsbach“ (Bertelsbach)“, „vor der Creutzhecken“, „bei dem Schlage auf dem Emserwege“, „auf der Eschhecken“ (Escherfeld), „in und auf der Langenheck“ und „vor Pfaffendorfer Wald“. Die Ackerränder sind zum Teil mit Eichen und Hainbuchen bewachsen, ein Zeichen dafür, dass der Hof lange Zeit schlecht oder gar nicht bebaut worden war. Nur zwei Stücke – früher Weingärten – lagen in unmittelbarer Nähe des Dorfes „im Niederfeld“ sowie ein Feld „im Loe“, das mit Obstbäumen bestanden war. Es folgen die üblichen Pachtbedingungen, nämlich das Hofhaus in Dach und Fach, die Güter in gutem Bau zu halten, nichts zu vertauschen oder zu veräußern oder weiter zu verlehnen. Auch sollen Pächter auf die Drittelwingerte Obacht halten und im Herbst den Windelboten und Kelterknechten des Stifts Beköstigung und Nachtruhe gewähren sowie fünf Tage vor der Lese die Bütten wässern, damit kein Weinmost durch Undichtigkeit verloren gehe. Zur Beköstigung der Knechte steuert St. Florin den Wein bei. Solle der Hof durch Nachlässigkeit des Pächters durch Brand zerstört werden, so ist dieser verpflichtet, ihn wieder auf seine Kosten aufzubauen.

Übrigens sind uns zwei Windelboten von St. Florin, die die Weinlese und das Keltern der Trauben überwachen, bekannt, denn am 7.5.1601 sagt der 93jährige Hans Schumacher von Boppard, er sei 46 Jahre und vor ihm Hans von Wetzlar Windelbote und Diener von St. Florin gewesen. Hans von Wetzlar ist um 1550 in Horchheim als Glöckner tätig. Er ist wohl auch Lehrer im Dorf, da um diese Zeit Schulmeister- und Glockenamt miteinander verbunden waren.

Der neue Hofmann von 1572 ist identisch mit jenem Augustin Schweickart, der am 29.10.1587 von Pastor Simon Schönecken, den Sendschöffen Paulus Heyer, Ludwig Hirtter, Thomas Lähner und den Kirchenmeistern Bernhard Holbach und Franz Becker den ruinösen und baulosen alten Pfarrhof für 250 Gulden kauft und ihn wieder in einen baulichen Zustand bringt. Dieser Kauf von 1587 und die Renovierung des Hauses dürfen als Zeichen dafür gewertet werden, dass sich Schweickart durch die Bebauung seiner eigenen Güter und die Pachtung des Florinshofes – im Hofhaus hatte er eine Wirtschaft eingerichtet, denn am 16.2.1585 bekennt er, dass die Florinsherren ihm vergönnt hätten, auf drei Jahre ein Schild an ihren Hof zu hängen – in guten wirtschaftlichen Verhältnissen befand.

Im Gegensatz zu ihm war die Mehrheit der Horchheimer Bevölkerung in dieser Zeit stark bei Juden aus Lützel, Koblenz und Ehrenbreitstein sowie der Führungsschicht und Kaufmannschaft von Koblenz verschuldet, so dass im Frühjahr bereits die Schar – die im Herbst einzufahrende Ernte – verpfändet werden musste. Besonders der Horchheimer trierische Schultheiß von 1562 bis 1574, Mattheis Baur von Irsch, der noch 1559 Schultheiß zu Montabaur war, tritt gehäuft als Geldgeber in Erscheinung. Augustin Schweickert selbst wird noch 1597 als Hofmann genannt.


Die Schweickerts

Er entstammt einer uralten Familie, die bereits im 15. Jahrhundert in öffentlichen Ämtern in Horchheim vorkommt. Zu nennen wären die Schöffen Heintz Swicker 1457 – 7471, Hans Schweickardt 1546 – 1573, später Friedrich Schweickert 1609 – 1615 sowie die trierischen Schultheißen zu Horchheim Johan Swicker 1507, Friedrich Schwickert 1557- 1561, Hans Schweickardt der Alte 1578 – 1601 (1574 Schultheißereiverwalter) und die aus Horchheim stammenden Johann Schweickart, Schultheiß zu Irlich 1618, dann ab 1618 bis 1640 Schultheiß zu Engers, sowie dessen Sohn Caspar, ebenfalls Schultheiß zu Engers. Außerdem sind Angehörige der Familie zu Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts Hofleute der Herren von Eltz und im 15. Jahrhundert Hofmänner der Frau Jamanns zu Horchheim. Die Familie ist noch heute in Horchheim und Niederlahnstein vertreten. Die Niederlahnsteiner Schweickert gehen auf einen Michael Schweickert zurück, der kurz vor 1650 von Horchheim nach Niederlahnstein verzogen ist.


Der unbequeme Hofmann Lütz

Augustin Schweickart stirbt wahrscheinlich Ende 1597, Anfang 1598. Seine Witwe heiratet Ende 1598 den Jacob Lutz von Koblenz. Da St. Florin der neue Ehemann als Hofmann nicht genehm ist, werden beide des Hofs entsetzt, worauf die neu verheiratete Witwe beim Kurfürsten vorstellig wird und gegen St. Florin klagt. In einem Gegenbericht seitens St. Florin beim Kurfürsten werden die Gründe genannt, warum man die Pacht nicht fortsetzen will. Obwohl schon die Eltern der jetzigen Frau Lutz den Hof von St. Florin gepachtet hatten, sei die Verlehnung von 1572 keine Erb- und ewige Lehnung gewesen, sondern ihr und ihrem ersten Mann Augustin Schweickert auf zwanzig Jahre verpachtet worden und die Pacht somit schon 1592 abgelaufen. Der Hof sei nur aus Gunst bis zum Tod ihres Mannes bei ihnen verblieben. Laut Lehnung sollten sie den Hof persönlich bewohnen, sie seien jedoch kurz danach ausgezogen und hätten ein Wirtshaus daraus gemacht. Außerdem hätten sie ihrem Herbstherrn und Windelboten übel gedient. Auch hätte sie nach dem Tod ihres Mannes ohne ihr Wissen einen gewissen Jacob Lütz geheiratet, der ihnen ein unbequemer Baumann (Hofmann) sei. Lütz habe in Koblenz mit der Feder sein Brot verdient, er sei ein Schreiberling und der Feldarbeit unerfahren. Überdieß sei er ein abtrünniger lutherischer Ketzer, allem Katholischen und vor allem den Geistlichen ein geschworener Feind. Auch sei dorfkundig, dass ihr Ehestand nicht der Beste sei. Sie befürchteten daher, dass die Präsenzgüter in Ab- und Untergang kämen. Auch habe die Lehnung den Passus gehabt, dass sie den Hof in gutem Fach und Fach zu halten und die Notdurft zu bauen schuldig gewesen wären, was nicht geschehen, so dass die Präsenz des Stifts dies habe selbst tun müssen.

In diesem Schreiben ist auch von einem Häuslein auf der Pforte die Rede, das bei der Lehnung von 1572 noch nicht erbaut war. Ob mit der Pforte die obere Pforte der Dorfbefestigung oder eine Pforte zum Florinshof gemeint ist, bleibt unklar. Fest steht jedoch, dass dieses Häuschen zum Besitz von St. Florin gehörte. Das Stift scheint mit seinem Gegenbericht beim Kurfürsten Gehör gefunden zu haben, denn in der Folge ist vom Ehepaar Lütz als Hofleuten nicht mehr die Rede. Man hat wahrscheinlich einen Kompromiss geschlossen, denn 1610 und nochmals am 13.4.1611 ist Augustin Schweickerts Schwiegersohn Eberhard Limburg im Namen von St. Florin in Hofangelegenheiten tätig, da ein Zins von 1 Gulden laut Urkunde vom 7.6.1528 säumig ist, worauf das Pfandobjekt, ein Weingarten „am Weidenborn“, im selben Jahr dem Präsenzhof gerichtlich zugeschlagen wird. Limburg wird wohl in dieser Zeit Hofmann gewesen sein. Er selbst ist nachweislich von 1602 bis 1615 Schöffe am Ortsgericht. Sein Stiefschwiegervater Jacob Lütz selbst hatte noch Kinder in Horchheim, den Schöffen und Schmiedemeister Lucas Lotz in Horchheim und den nach Niederlahnstein verzogenen Schneidermeister Hans Lotz, der einen schwedischen Leutnant vom Turm der Johanneskirche mit Steinen beworfen und Worten beleidigt hatte:

„lhr schwedischen Diebe und Schelme, was habt ihr hier zu tun?“

Daraufhin quartierten sich die Schweden zur Strafe mit 128 Mann acht Tage in Niederlahnstein ein und zogen erst ab, nachdem man ihnen, weil Lotz vom Turm entwichen war, 50 TaIer gezahlt hatte.

Die heute noch im Koblenzer Raum, besonders in Neuendorf, weit verbreitete Familie Lütz/Litz geht zurück auf einen 1650 in Niederlahnstein geborenen Jacob Lütz, der 1681 in Koblenz-Liebfrauen die Tochter Anna Maria des Peter Zervas geheiratet hatte. Dieser später in Neuendorf ansässige Jacob Lütz ist Urenkel des gleichnamigen Horchheimer Hofmanns von 1598.


Hofmänner Rheinspitz und Camp

Während des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648) hören wir nichts über den Hof. Erst 1654 wird Johannes Rheinspitz als Hofmann erwähnt, der mit einem Nahrungsanschlag (Steuer) von 300 Gulden hoch angeschlagen wird. Rheinspitz selbst taucht 1622 als von Steinscher Hofmann erstmals in Horchheim auf. 1628 ist er Geschworener der Gemeinde. Er wird hoch geschätzt, denn man wählt ihn wiederholt zum Heimburgen, so 1631, 1639, 1647 und 1648. Von 1644 bis 1658 ist er als Schöffe und in derselben Zeit als Send (Kirchenschöffe) bezeugt. Seine Familie stammt aus Niederlahnstein, wo ein Johannes Rheinspitz und seine Frau Gertrud von 1574 bis 1586 sieben Kinder taufen lassen. Rheinspitz stirbt wahrscheinlich 1658, denn seine Witwe Elisabeth ist Anfang 1662 Patin beim letzten Kind des Johann Camp und seiner Frau Katharina. Ob diese Patenschaft über verwandtschaftliche Bindungen dazu führte, dass Simon Camp, der sich 1685 als „etlich 30 Jahr“ bezeichnet, also um 1650 geboren wurde, Florinsherrenhofmann wurde, ist nicht mehr festzustellen. Tatsache ist, dass er ab 1678 bis zu seinem Tode am 13. 3. 1695 Pächter des Hofes ist. Verheiratet war er seit 1676 mit Maria Walter, der Schwester des damaligen Horchheimer Pastors Johann Nicolaus Walter, Pfarrer von 1675 bis 1690. Mit ihr hatte er 9 Kinder. Kurz vor seinem Tod wird er 1694 zum Heimburgen gewählt und bekleidet 1692 das Amt des Schützen und Holzgebers. 1682 ist er Brudermeister der Liebfrauen und 1685 der St. Sebastianusbruderschaft.

Aus den Geburtszeugnissen, ausgestellt vom Gericht Horchheim am 30.10.1717 bzw. 1.11.1723, für seine als Zimmerleute tätigen Söhne Balthasar, geboren 1684, und Johann Simon, geboren 1691, geht hervor, dass seine Eltern Paulus und Johanna Camp waren. Dieser Paulus Camp oder Paulus von Camp, wie er sich 1629 und noch 1644 nach seinem Geburtsort Kamp-Bornhofen nennt, wird am 20.1.1640 Jesuitenhofmann zu Horchheim. Er stirbt im Juli 1661. Johann Gerhard Camp, Bruder unseres Florinshofmanns Simon Camp, von Beruf ebenfalls Zimmermann, ist 1684 Eltzischer und 1688 vom Steinscher Hofmann zu Horchheim und als solcher Wittgensteinischer Vogt und Kelner auf dem „Kaaf“, dem Steinschen Burghaus auf halber Höhe des Sayner Burgberges. 1690 wird er Heimburge zu Horchheim und ist von 1690 bis zu seinem Tod am 29.10.1704 (Grabstein) Send und Gerichtsschöffe. Sein 1665 geborener Sohn Carl Camp ist 1702 Hofmann des Klosters Mariaroth zu Horchheim.

Nach dem Tod von Simon Camp 1695 wird der Florinshof von der Witwe und den Söhnen weiter bewirtschaftet. 1702 wird der älteste Sohn, der 1677 geborene Christian Camp, als Hofmann bezeichnet. Er heiratet in erster Ehe 1701 die Maria Magdalena Schwang, die 1709 stirbt, und in zweiter Ehe im selben Jahr die Sophia Niebern aus Niederlahnstein. Mit seinen zwei Ehefrauen zeugt er insgesamt 18 Kinder. Er stirbt 1733 unter Hinterlassung noch unmündiger Kinder. Er selbst führte ein christliches Leben, ist nachweislich von 1723 bis 1733 Sendschöffe, 1711 und 1712 Vorsprecher am Gericht und danach bis zu seinem Tod 1733 Gerichtsschöffe. 1711 bekleidet er das Kirchenmeisteramt und wird 1715 Bürgermeister zu Horchheim. Seine erste Frau Maria Magdalena Schwang, geboren 1679, war die Tochter des Johann Schwang und der Barbara Göbell. Schwang selbst war bis zu seinem Tod 1730 Send- und Gerichtsschöffe, 1692 Gemeindegeschworener und 1704 Heimburge zu Horchheim und nach dem Tod seines Schwiegervaters, des am 17.12.1686 verstorbenen trierischen Schultheisen Johannes Göbell, von Ende 1686 bis 1692 Schultheisereiverwalter und von 1678 bis 1700 Ludimagister (Lehrer) an der Horchheimer Schule.

Die Familie Schwang selbst ist im 17. und 18. Jahrhundert wohl eine der interessantesten Familien Horchheims. Neben den in Horchheim verbliebenen Mitgliedern, die verschiedene Gemeindeämter ausüben und als Gerichts- und Sendschöffen tätig sind, studieren einige erfolgreich, werden Geistliche oder Juristen. Ein Schwang wird Offizial des geistlichen Gerichts in Koblenz, ist Kanonikus am Domstift zu Limburg und einer der Hauptinitiatoren, dass die alte, am Rhein gelegene Peterskirche in Neuendorf größer als ursprünglich geplant erbaut wird. Ein anderer Schwang ist Pastor in Ransbach, Niederlahnstein und Kesselheim. Ein juristisch ausgebildeter Schwang wird Ende des 17. Jahrhunderts Stadtschreiber in Kochem, und eine Tochter des Johannes Schwang heiratet einen Professor der Universität Trier.

Christian Camps zweite Frau Sophia Niebern, geboren 1689 in Niederlahnstein, ist die Tochter des Deutschherrenhofmanns Johannes Niebern und seiner aus Waldbreitbach stammenden Frau Anna Maria Höcht (Högt). Interessant ist eine Bescheinigung des Gerichts Horchheim vom 20.7.1789 in einem Rechtstreit der Universität Trier als Verwalter des Vermögens der Witwe Professor Susewind geb. Schwang aus Horchheim gegen den Neffen der Witwe, Johann Thomas Breitbach, Kaufmann und Stadthauptmann zu Koblenz, wegen der von der Witwe Susewind vermachten 3.000 Reichstaler zur Stiftung einer Frühmesse in Horchheim. Darin heißt es, dass die Eltern der Ottilia Camp – sie ist Nichte der Witwe Susewind und Nichte, Miterbin und Haushälterin des Offizials Johann Conrad Schwang, von dem die 3.000 Reichstaler ursprünglich stammen – nicht das geringste Vermögen besessen, nur Hofleute des Stifts St. Florin gewesen und keine eigenen Güter gehabt hätten. Dies zeigt auch ein Blick in das Horchheimer Extraktenbuch vom 22.6.1719. Für Christian Camp ist nur ein Eigenbesitz von 36 Ruten Acker in Horchheim und 610 Stock in Niederlahnstein angegeben, ein Zeichen dafür, dass Camp neben der Ernährung seiner 18 Kinder jeden Heller und Pfennig in den Erhalt seines Pachtgutes steckte und damit für St. Florin ein guter und rechtschaffener Pächter gewesen ist. Nach Camps Tod 1733 setzt seine Witwe die Lehnung fort. Sie scheint 1742 verstorben zu sein, denn im selben Jahr bittet wiederholt der Gerichtsschöffe zu Niederlahnstein, Johannes Rübenach, die Tochter Anna Wilhelma des Horchheimer Florinshofmanns Christian Camp, die schon neun Jahre auf dem Deutschordenshof zu Niederlahnstein bei ihrem Onkel Martin Reck als Magd beschäftigt sei und gute Kenntnisse im Acker- und Weinbau besitze, als Hoffrau zu Horchheim anzunehmen, da sein Sohn Carl Rübenach dieselbe zu ehelichen gedenke. Die Verbindung der beiden kommt jedoch nicht zustande, sie heiratet 1745 den Johann Ems.


Hofmann Göbel

Neuer Hofmann wird Johann Adam Göbel, der am 1.5.1743 die 1712 geborene Tochter Anna Maria des Christian Camp heiratet. Noch vor der Heirat verbürgt sich seine Mutter Barbara Raubach, Witwe des Johann Wilhelm Göbel, für ihren Sohn, der mit seiner zukünftigen Frau den Florinshof übernehmen will, und setzt dem Stift einen Garten ,,hinter der Kirche“ im Wert von 100 Reichstalern, eine Wiese „in der Bertelsbach“ von 100 Reichstalern und eine Wiese „auf Frantzgesfeld“ im Wert von 50 Reichstalern zu Pfand. Göbel entstammt einer angesehenen Horchheimer Familie. Sein verstorbener Vater, der Send- und Gerichtsschöffe Johann Wilhelm Göbel, war ein äußerst tätiger Mensch, der neben der Bebauung seiner eigenen Weingärten und Felder den Altenberger Hof von seinem Schwiegervater Johannes Raubach übernommen hatte. Neben reger Bautätigkeit – er baute die beiden abgerissenen Häuser in der Emserstraße (vormals Hotel Holler resp. Kaffee Zimmermann und das im Freilichtmuseum Sobernheim auf Halde liegende und den Dornröschenschlaf schlafende stattliche Fachwerkhaus, das ehemals auf dem Rewe-Parkplatz neben der Römerapotheke gestanden hatte) – betrieb er eine gutgehende Bierbrauerei und Gastwirtschaft. Johann Adam Göbel stirbt am 10. 6. 1758.


Hofmänner Camp und Sauter

Einige Tage später schreibt Conrad Camp an St. Florin, dass sein Schwager Johann Adam Göbel und seine Schwester Anna Maria unter Hinterlassung von zwei unmündigen Kindern verstorben seien und bittet, ihm den Hof zu überlassen, da seine Vorfahren den Hof über hundert Jahre besessen hätten. Camp erhält den Hof und bebaut ihn mit seiner Frau Eulalia Katharina Mantz, Tochter des Johannes Mands und der Anna Saur, bis zu seinem Tod am 24.7.1779. Seine Witwe setzt die Pacht bis 1787 fort.

Am 25.5.1787 schreibt sie, dass sie ihrer Tochter Anna Maria und deren Ehemann Johannes Sauter den Hof übergeben habe, und bittet das Kapitel, dem zuzustimmen. Sie stirbt am 4.2.1795. Johannes Sauter, Sohn des Laurenz Sauter von Arzheim, der am 1.8.1786 die 1768 geborene Tochter Anna Maria der Witwe Eulalia Katharina Camp geheiratet hatte, wird am 20.11.1801 vom Dechant Johann Anton Bolen von St. Florin auf 12 Jahre belehnt. Von 1787 bis 1812 wird er Vater von elf Kindern und mit seinem ebenfalls nach Horchheim verzogenen Bruder Stammvater der Horchheimer Sauter.

Zwischenzeitlich hatte sich die politische Landschaft grundlegend geändert. Nach dem Reichsdeputationshauptschluss vom 25.2.1803 hatte das Heilige Römische Reich deutscher Nation und damit der Trierer Kurstaat aufgehört zu existieren. In der Folge werden das linke Rheinufer an Frankreich und die rechtsrheinischen Gebiete Kurtriers an den mit Frankeich verbündeten Rheinbundstaat Nassau abgetreten. So auch das kurtrierische Amt Ehrenbreitstein, zu dem Horchheim damals gehörte. Das Stift St. Florin wird enteignet, der Horchheimer Hof der nassau-weilburgischen Domänenkammer zugeschlagen. Ein übereifriger Beamter der neuen Regierung sieht in dem am 20.11.1801 abgeschlossenen Pachtvertrag seitens St. Florin mit Sauter eine offensichtliche Manipulation, da die Pacht zu niedrig angesetzt sei und das Stift die Grundsteuer zur Hälfte trage, also Nassau-Weilburg als Rechtsnachfolger diese ebenfalls tragen müsse, was unüblich sei. Er bittet um Einsichtnahme in den alten Pachtvertrag.

Mittlerweile war der Weinbau gegenüber dem Feldbau zurückgegangen. Mit Genehmigung der Regierung vom 15.10.1805 werden 1805/1806 insgesamt 2.197 Weinstöcke gerodet und zu Acker gemacht. Ein neuer Pachtvertrag vom 25.2.1806 bestimmt, dass der Pächter 6 Malter Korn, die Hälfte der Traubenernte und die Hälfte des Simpels (Steuer) zu zahlen habe, wogegen er von der Beköstigung des Herbstherrn befreit sein solle. Die Pachtzeit wird auf Bitten Sauters um 2 Jahre bis 1815 verlängert. Sauter wird in der Folge für 4 Jahre die Kornpacht schuldig, so dass die herzogliche Regierung bei der Kellerei Ehrenbreitstein am 4.5.1814 nach der Ursache fragt. Am 26.4.1814 schreibt Sauter an die herzogliche Hofkammer wegen des Pachtrückstandes. Er sagt, dass er durch häusliches Missgeschick und die Kriegszeiten (Durchmärsche und Einquartierungen) 18 Malter Kornpacht im Rückstand sei, worauf ihm die Kellerei Ehrenbreitstein die gerichtliche Exekution angedroht habe. Der Kellereibeamte ist allerdings Sauter gewogen. Am 21.2.1815 schreibt er, Sauter sei kein vermögender Mann, lange Zeit krank und habe viele Kinder. Er fragt, ob er Sauter angreifen und dessen Vieh beschlagnahmen oder ihm Ausstand gewähren soll in der Hoffnung, dass Sauters Bruder, Bürgermeister in Horchheim, ihn unterstützen und vom Untergang retten wolle.

Sauter schreibt weiter:

„In dieser bedrängten Lage bleibt mir kein anderes Mittel übrig, um mich und die Meinen vom nahen Untergang zu retten, als mich in die Arme meiner gnädigen Herrschaft zu werfen“.

Gleichzeitig präsentiert er die Quittung und Bescheinigung der Gemeinden Horchheim und Niederlahnstein, dass er die Grundsteuer und die Kosten der Einquartierung vom 5.11.1813 bis 23.3.1814, insgesamt 159 Gulden 4 ½ Kreuzer, bezahlt habe. Er bittet um Begleichung, um damit den Pachtrückstand bezahlen zu können, und verweist auf die hohen Kriegskosten von 1792 bis 1800, die am 12.9.1803 aufgestellt worden sind. So habe er in diesem Zeitraum manchmal bis zu 20 Personen, meist Unteroffiziere mit ihren Frauen, halten müssen. Der unterste Stock seines Hofhauses sei zur Wachtstube gemacht und total ruiniert worden. 1796 sei er zu Fronfahrten zum Bau der Batterie um die Festung Ehrenbreitstein und 1799 für die Franzosen zu insgesamt 177 großen und 350 kleinen Fahrten an Fourage, Brot und Fleisch herangezogen worden. Er gibt als Ziele Lutzerath, Kemel, Montabaur, Ems, Limburg, Neuwied, Heddesdorf, Meuth, Großholbach, Nastätten, Monreal, Polch, Ochtendung, Saffig, Arnstein, den Masserother Wald, Andernach, Heimbach Weis und Kamp an. Außerdem habe er 50 Zentner Heu liefern müssen, und ihm seien von den Soldaten 10.700 Weinbergspfähle entwendet worden.

Auf dieses Schreiben antwortet die Regierung, dass die Amtskellerei Ehrenbreitstein lediglich die gezahlte Grundsteuer ersetzen wolle. Sauter scheint auch diese Klippe umschifft zu haben. Anfang 1815 sagt er, seine Pachtzeit gehe Martini 1815 zu Ende, und bittet um weitere 12 Jahre um den Bestand des Hofes. Er schreibt:

„Die Kornpacht der vorigen Lehnung fällt zwar schwer, wenn Soldaten den Landmann aufzehren, was er an Ernährung seiner Familie mit seiner Arbeit dem Boden abgewinnet“.

In der Zwischenzeit hatte sich das Rad der Geschichte weiter gedreht. Nach der Schlacht bei Waterloo oder Belle Alliance hatte sich nach Napoleon Bonapartes Rückkehr von Elba das Glück zu Gunsten der Verbündeten und gegen Frankreich gewendet. Der anschließende Wiener Kongress, deren führender Kopf der 1773 in Koblenz im Metternicher Hof auf dem Münzplatz geborene spätere österreichische Haus-, Hof- und Staatskanzler Clemens Wenzeslaus Nepomuk Lothar Fürst von Metternich war, gestaltete die politische Landkarte um. Horchheim wurde der neu gebildeten Rheinprovinz Preußens zugeschlagen. Die preußische Regierung – der ehemals nassau-weilburgische Beamte Riel ist jetzt für die neuen Herren tätig – setzt am 30.8.1815 die Verpachtung des ehemaligen Florinshofes auf 9 Jahre bis 1824 an. Allein- und Letztbietender bleibt Johannes Sauter mit 6 Maltern Korn, „weil die ehemals herzogliche Hofkammer zu Weilburg die Pacht zu hoch angesetzt und keiner den durch den Krieg gelittenen Hofmann habe verdrängen wollen“, wie Riel schreibt. Sauter muss für 2 Jahre für die Pacht einen Bürgen stellen, wozu sich der frühere herzoglich-usingensche und nassau-oranische, jetzt preußische Schultheiß Georg Breitbach bereit erklärt. Das Hofgut wird verpachtet ohne Gewähr für Mängel, wie es sich darstellt. Die Pacht ist auch bei Unglücksfällen, Misswachs, Hagelschlag, Viehsterben usw. fällig. Die preußische Regierung trägt alle auf dem Hof liegenden Steuern und der Pächter verpflichtet sich, einstweilen die Einquartierungen von Soldaten zu tragen. Die Niederlahnsteiner Güter sind von der Verpachtung ausgenommen, da sie jetzt im Ausland liegen und dem Herzogtum Nassau zugefallen sind. Kurz nach der Pachtübernahme scheint Sauter gestorben zu sein, denn Preußen verlehnt den Hof nicht neu, sondern verkauft ihn 1819 samt allen Liegenschaften an den Rat Meurers zu Koblenz, der 1822 die einzelnen Grundstücke und das Hofhaus samt Stall und Scheuer an Horchheimer Bürger verkauft. Damit endet 1822 nach vielhundertjährigem Bestehen die Geschichte des ehemaligen Hofs von St. Florin.

Manfred Gillissen



Der Hof des Koblenzer Stifts St. Florin, Teil 1
Horchheimer Kirmes-Magazin 2001

Der Hof des Koblenzer Stifts St. Florin, Teil 2
Horchheimer Kirmes-Magazin 2002

Zur Geschichte des Stift St. Florin

https://www.klosterlexikon-rlp.de/mittelrhein-lahn-taunus/koblenz-stift-st-florin/geschichtlicher-abriss.html


Über Manfred Gillessem




Reise in die Vergangenheit

Horchheim lädt zur Reise in die Vergangenheit ein

Mit Helmut Mandt von den Heimatfreunden werden Objekte im Ortsmuseum lebendig

Rhein-Zeitung vom 10. September 2021 | Redakteurin: Katrin Steinert | Foto: Katrin Steinert

Der Einheimische Helmut Mandt ist in Horchheim aufgewachsen und kann einiges aus dem Ort berichten. Hier steht er vor einer Bildkopie, die den Eisenbahntunnel als Zufluchtsstätte im Zweiten Weltkrieg zeigt, was er selbst erlebt hat. Dass Koblenz durch einen Horchheimer zur Großstadt wurde, zeigt ein Foto mit dem 100.000. Schängel (oben, rechts). Daneben steht eine der unzähligen Prozessionsfiguren, die dem Museum zugetragen wurden. Das Schild unten rechts steht für den Wegfall einer Bahnverbindung für die Horchheimer. Ende Mai 1988 waren die Einheimischen abgehängt.

Horchheim. Wer das Ortsmuseum der Heimatfreunde Horchheim besuchen will, lässt sich dabei am besten von jemandem begleiten, der hier aufgewachsen ist und viel zu den Fotos und Ausstellungsstücken erzählen kann. Helmut Mandt ist so einer. Der 86-Jährige stammt aus dem Ort und gehört zu den Gründungsmitgliedern des Museums. Er wurde von der Vorsitzenden der Heimatfreunde, Gertrud Block, ausgesucht, um uns durch die Ausstellungsräume zu führen. Ein Glücksgriff. Mandt kennt nicht nur viele Geschichten, sondern hat auch einiges erlebt.

Das wird klar, als er beim Rundgang im Obergeschoss vor einem DIN-A 3-großen Bild stehen bleibt. Es zeigt eine Ansammlung von Menschen im Horchheimer Eisenbahntunnel. In einer Mauernische sitzen Kinder auf einem Sofa, weit im Hintergrund ist eine Dampflok zu sehen. Mandt erzählt: „Wir hatten keinen Bunker in Horchheim und waren alle im Krieg im Tunnel.“ Er selbst war gerade zehn Jahre alt, als die Sirenen heulten: Fliegeralarm. Mit seiner Mutter und einem Köfferchen eilte er über die Bächelstraße ins schützende Bauwerk – wie Hunderte andere. „Auch Militärfahrzeuge wurden dort abgestellt, um sie vor den Angriffen zu schützen. „Für uns Kinder war es toll, darauf rumzuklettern“, sagt Mandt und grinst spitzbübisch. Das Bild, das hier hängt, ist eine Farbkopie. Das Original des Horchheimer Malers Alfred Erich Euchler (1888–1968), der später in Andernach und Mayen wirkte, hängt im Eifeler Landschaftsmuseum in der Mayener Genovevaburg.

Dass es heute überhaupt dieses Museum in Horchheim gibt, liegt an den Heimatfreunden. Damals gab es Einheimische, die am Ortsgeschehen interessiert waren und die Idee hatten, Historisches zu erhalten, berichtet Mandt. Das sprach sich rum, und so wurde der Verein 1991 gegründet. Mandt wurde zum Schatzmeister gewählt. „Dann haben wir eine Basisstation gesucht.“ Die fand der Verein in einem Raum der Grundschule. „Unser erstes Ausstellungsstück war eine gelbe Telefonzelle“, erinnert sich der 86-Jährige. Sie wurde in der Schulaula aufgestellt und mit Bildern von Horchheim bestückt. Mandt erklärt: „Wir wollten Schülern zeigen, dass es uns gibt.“ Bis zum eigenen Heimatmuseum dauerte es dann nicht mehr lang. Dem Verein wurde ein uraltes Haus in der Alte Heerstraße 14 angeboten. „Man überließ es uns mietfrei, aber die Auflage war, es zu versichern.“ Später konnte es durch Mitgliedsbeiträge und Spenden gekauft werden.

„Wir haben es mit großer Eigenleistung und viel Manpower so hergerichtet, dass wir es als Museum nutzen konnten“, sagt Mandt und fügt augenzwinkernd hinzu: „Da waren wir alle auch 30 Jahre jünger.“ Den Grundstock des Museums kann man heute noch im Obergeschoss anschauen: Zig Bilder auf Stellwänden nach Kategorien geordnet – etwa Kirchen, Vereine, Persönlichkeiten. Zusammengetragen wurden sie von dem Horchheimer Heinrich Fischer, um sie auf Pfarrfesten auszustellen. „Die Familie stellte uns die Bilder von Fischer zur Verfügung“, erzählt Mandt dankbar.

Vieles, was man im Museum sehen kann, entstammt früheren Haushalten oder Firmen. Umtriebigen Mitgliedern ist es zu verdanken, dass ein Stück des alten Horchheims hier aufbewahrt wird. „Wir werden auch heute noch angerufen und gefragt: „Könnt ihr das gebrauchen?“, sagt Mandt. Sogar Grabungsfunde gibt es hier, weil aktive Mitglieder stets zur Stelle waren, wenn irgendwo der Boden aufgemacht wurde. So kam beim Neubau einer Mauer eine alte Leitung aus Ton zutage, die das bekannte Mendelssohn-Palais mit Wasser versorgte.

Einzug ins Museum fanden neben unzähligen Prozessionsfiguren und -kreuzen, die in Fenstern standen, auch Milchkannen, schicke alte Damenhüte, ein Auslieferungsfahrrad der Metzgerei Puth, die alte Kinokasse, eine alte Waschmaschine, das alte Bahnschild von 1988, das bekannt gab, dass ab dem 29. Mai 1988 der Bahnhaltepunkt „Horchheimer Brücke“ aufgehoben wird, ein Klavier aus dem Mendelssohn-Palais oder auch aussagekräftige Bilder von dem mehrfach ausgezeichneten Fotografen Karl-Heinz Melters.

Als Helmut Mandt am Ausgang ankommt, blättert er durch den Wandkalender. Den geben die Heimatfreunde jedes Jahr heraus. Mandt bleibt bei einem Bild hängen, das den Einsturz der Südbrücke am 10. November 1971 zeigt. Er selbst war 34 Jahre bei der Koblenzer Berufsfeuerwehr im Einsatz, so auch an diesem Tag als Taucher. „Wir sind um 14:20 Uhr ausgerückt“, weiß der 86-Jährige noch genau: „Aber das ist eine andere Geschichte“, sagt Mandt zum Abschied.


Artikel aus der Rhein-Zeitung von Freitag, 10. September 2021




Vier Neue hinter Horchheims Tresen

von Joachim Hof

Horchheimer Kirmes Magazin 1980
Seite 26-27

Gaststätte Turnerheim ca. 1970

Wirte – eine Klasse für sich. Leute ohne Wochenende, mit täglicher Nachtschicht, Schwerarbeiter im Dunst von Alkohol und Nikotin, Seelentröster, wandelnde Nachrichtenblätter, Geschäftsleute….

Ein harter Beruf im Kampf mit Gästelaunen und Umsatzzahlen, ein Beruf, der mehr als mancher andere stresst und verschleißt. In Horchheim kam erhebliche Bewegung in das Wirtschaftsleben, drehte sich das Wirte Karussell schneller als gewohnt. Im Berichtsjahr von „Kirmes“ stiegen 4 neue Pächterpaare in das Geschäft hinter dem Tresen ein. Joachim Hof hat sie besucht.

„Wir haben gute Gäste.“

Es ist Dienstag, 16.05 Uhr. Ich besuche die in Horchheim am weitesten nördlich gelegene Gaststätte, das Horchheimer Eck. Das heißt noch lange nicht, daß man dort kühl behandelt wird. Dorothea Geis und Okan Balikci, beide 45, sorgen für eine angenehme Atmosphäre. Frau Geis arbeitet seit 1972 in der Gastronomie und hält das Horchheimer Eck seit dem 16. September 1978. Die beiden Wirtsleute sind im Großen und Ganzen zufrieden. Sie haben ihre Stammgäste. „Das Publikum ist vom Alter her gemischt“, meint Frau Geis. Das Urteil eines Gastes: „Das Bier ist gut. Außerdem gefällt mir die ganze Umgebung hier. Ich war schon in vielen Horchheimer Wirtschaften, aber hier fühle ich mich am wohlsten.“

Frau Geis: „Großen Wert legen wir auf eine gepflegte Bierleitung. Denn ohne die kann das beste Bier nicht schmecken.“ Außerdem kann sie auf eine reichhaltige Speisekarte verweisen. Von 17.00 h bis zur Polizeistunde hat das Horchheimer Eck ziemlich gleichmäßigen Zuspruch. „Wir haben gute Gäste, keinen Ärger mit Randalierern“, sagt Dorothea Geis, und Okan ergänzt: „Wer sich bei uns nicht benimmt, hat hier keinen Platz.“

Beginn bei Null

Nachdem der letzte Pächter des Kolpinghauses das Handtuch geworfen hatte, blieb der Platz am Zapfhahn längere Zeit vakant, bis der Vorstand des Kolpingvereins nach wochenlangem Bemühen ein neues Pächterehepaar unter Vertrag hatte. Marlies Firla (49) und Franz Firla (58) bewirtschaften seit November 79 das Kolpinghaus.

„Hier war Null, wir haben viel investiert und können heute, nach viereinhalb Monaten, mit einiger Genugtuung auf die geleistete Arbeit zurückblicken.“ Marlies Firla hat die Gastronomie von der Pike im elterlichen Betrieb in Gelsenkirchen gelernt. Sie ist spezialisiert auf die gute Küche und arrangiert am liebsten kleinere oder größere Gesellschaften. Franz Firla, mit seinen Stammgästen längst per Du, ist seit seiner Pensionierung nur noch Hobbygastronom, geht seiner Frau ab und zu hinter dem Tresen zur Hand. ln der Gaststube haben etwa 40 Personen Platz, nebenan im kleinen Saal, der gemütlich hergerichtet worden ist, können noch mal ca. 40 Leute bedient werden, der große Saal bietet ca. 250 Personen Platz.

„Platz haben wir ja, nur die Lage ist vom Parkplatzangebot nicht die beste. Die Parkplätze reichen nicht hinten und nicht vorne.“ Der Platz hinter dem Kolpinghaus könnte ja als Parkplatz dienen, aber der gehört dem Krankenhaus. Feste Umsatzgrößen schätzt jeder Wirt, und in dieser Hinsicht hatte das Kolpinghaus schon immer etwas zu bieten. Das gilt auch heute. Montags trifft sich der Männerchor, dienstags der Kirchenchor, donnerstags die Senioren, freitags die verschiedenen Stammtische, und sonntags geht man zum Frühschoppen ins „Gesellenhaus“. Ein Gast: „Ich besuche seit 1953 das Gesellenhaus – einige Unterbrechungen ausgenommen – das Gesellenhaus ist Horchheim; und unter der neuen Leitung ist es wieder Horchheim werdend.“ Es kommen auch Gäste von der Höhe oder aus Lahnstein: „… daß das Kolpinghaus so gemütlich geworden ist, haben wir gar nicht gewusst.“ „Das Kolpinghaus soll wieder was werden“, meint Franz Firla.

Nach dem Schosch kam Ambum

Der Name blieb, und auch der Werbeslogan steht noch: „Vadder, Modder, Schatz und Bosch – esse, trenke good beim Schosch“. Hinter dem Tresen aber steht ein recht junges neues Pächterehepaar:

Andreas Morschhäuser (37), Elisabeth Morschhäuser (35). Sie bringt als Qualifikation den Abschluß der Haushaltungsschule und 8 Jahre Erfahrung im lmbiß mit. Ihn, Andreas Morschhäuser, kennt fast niemand unter seinem richtigen Namen. „Ambum“, ja den, den kennt man. Die beiden kommen aus Lahnstein. Sie kennen sich in Horchheim noch nicht allzu gut aus. Doch ihre Gäste, die Wünsche ihrer Gäste und die eigenen Spezialitäten, die kennen sie. Sie haben neben den „alten Stammgästen“ auch neue „Stammgäste“ aus der lmbißzeit mitgebracht: „Die kommen hauptsächlich sonntags am Rhein entlang und gucken bei uns rein; auf ein Glas Bier oder auf ein Stück Kuchen und ’nen Schluck Kaffee. Oder sie erinnern sich an unsere Spezialitäten: Hähnchen vom Grill oder Spießbraten.“

Eine Gaststätte, gemütlich aufgemacht, ca. 40 Sitzplätze, Publikum gemischt: Schrottstars, Anglerverein oder die Alten Herren vom TuS Horchheim. Hier ist man unter sich. Oder auch nicht. Übers Wochenende findet man kaum Platz, montags und dienstags ist es ruhiger: keine Hektik, Zeit für ein Bierchen oder ein gemütliches Glas Wein, ein Schwätzchen an der Theke mit dem Wirt, mit der Wirtin. „Das einzige, was mir noch Kummer macht, sind die vielen Vertreter. Die rennen einem die Bude ein! Na ja, ist ja erst drei Wochen her…“ stöhnt Frau Morschhäuser. Derweil steht Ambum hinter der Theke und sorgt dafür, daß das Bier in den Gläsern nicht warm wird.

Giros und griechischer Wein

Der größte Wandel im „Horchheimer Wirtschaftsleben“ vollzog sich ohne Zweifel im Turnerheim. Schon das Transparent macht dies deutlich. Restaurant Hellas nennt sich die traditionelle Turner-Gaststube jetzt. Nach langem Suchen fanden die TuS-Bosse ein sehr junges Pächterpaar. Marianne und Michael Pavlopoulos, sie 25, er 26 Jahre alt. Sie ist Diplom-Kaufmann, er bringt eine 8-jährige Erfahrung als Kellner und Koch in guten Restaurants mit. Das Lokal hat sich auf griechische Küche spezialisiert. Seit dem 15.12.1979 bewirtschaften die Pavlopoulos ihr Restaurant „Hellas“ (= Griechenland). Es ist gemütlich aufgemacht, auf „griechisch“ herausgeputzt. Besucher des Lokals sind „Leute, die Griechenland mögen, die schon einmal da waren.“ (Marianne P.)

„Wir halten 41 Gerichte auf der Speisekarte. Eins davon ist auch Schnitzel, aber das werden wir in Kürze streichen müssen. Das geht bei uns überhaupt nicht. Unsere Spezialitäten sind Giros, das ist geschnetzeltes Schweinefleisch vom Drehspieß, und Moussakas, das ist ein Auflauf auf Kartoffeln mit Hackfleisch und Auberginen, mit griechischer Creme überbacken. Dazu trinkt man griechischen Wein.“ (Michael)

Das Publikum sind meist jüngere oder mittelalte Leute, auch Horchheimer sind darunter. Aber wer kennt schon die griechische Küche? Ich kann sie jedenfalls weiterempfehlen. Michael: „Stoßzeiten sind noch schlecht einzuschätzen. Dafür sind wir noch nicht lange genug hier.“ Die beiden legen Wert auf eine gepflegte Atmosphäre bei gedämpfter Sirtaki-Musik und setzen sich, wenn es der Betrieb zulässt, auch zu einem Gespräch zu den Gästen. Die Konzeption „Hellas“ stößt natürlich nicht nur auf Gegenliebe. Mit dem Verlust des Vereinslokal-Charakters findet man sich in TUS-Kreisen nicht ohne weiteres ab, denn ein Spezialitätenrestaurant eignet sich kaum als Stätte gemeinsamer lauter Siegesfeiern, feuchtfröhlicher Niederlagenbewältigung oder sonstiger Geselligkeitspflege. Gewisse „Absatzreaktionen“ alter Stammgäste sind unverkennbar.




Lass Horchheim dir empfohlen sein

von Robert Stoll
Kirmes Magazin 1980
Seite 53-55

Beim Stichwort „Heiligenhäuschen“ denken die meisten Horchheimer sicher zunächst an das jahrelang heiß umkämpfte, in vielen Planspielen hin- und her- und schließlich beinahe abgerissene Bauwerk in der Alten Heerstraße, das buchstäblich in letzter Minute gerettet wurde. Weniger Glück hatte das Heiligenhäuschen auf unserem Bild, von dem diesmal die Rede sein soll:

Heiligenhäuschen Bächelstrasse Horchheim

Das Marienkapellchen in der Einmündung der Bächelstraße in die Emser Straße

Im Frühjahr dieses Jahres (1980) waren es 35 Jahre her, da es in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges durch Artilleriebeschuss stark beschädigt wurde. 1948 beschloss man, die Trümmer zu beseitigen und es aus Verkehrsgründen nicht mehr an seiner alten Stelle aufzubauen. Noch im selben Jahr begann man als Ersatz mit dem Bau eines Heiligenhäuschens an der Einmündung der Mendelssohnstraße (damals noch Hochstraße) in die Bächelstraße. Das Baugelände stiftete auf ihrem Hausgrundstück die Familie Severus Knopp, indem sie es der Pfarrgemeinde übertrug. Den Bau übernahmen ohne Entgelt die beiden Horchheimer Bauunternehmer Franz Schneider und Dachdeckermeister Robert Stoll.

Die Immerwährende Hilfe

Wenn wir das jetzige Heiligenhäuschen mit dem auf unserem Bild vergleichen, so lässt sich keine Ähnlichkeit feststellen. Das Bauwerk an der Ecke Bächelstraße/Emser Straße (früher Hauptstraße) war viel größer und ähnelte den auch heute hoch in unserer näheren Heimat anzutreffenden Kapellen. Der Grundriss war rechteckig und lief in der Bächelstraße in einem Halbrund aus. Gebaut war es aus Bruchsteinen, innen und außen aber verputzt. Die Außenmauern waren in gelben Farben gestrichen. Das Innere erreichte man von der Emser Straße aus über drei Basaltstufen. Der Giebel auf dieser Seite trug die Inschrift:

O Maria Jungfrau rein, Lass Horchheim Dir befohlen sein.

Das Dach war aus Holz und mit Schiefer gedeckt. Im Innern der Kapelle standen vor dem Bild der „Immerwährenden Hilfe“ zwei Holzbänke, die zum Gebete einluden. Das auf Holz gemalte Bild hatte wohl keinen größeren künstlerischen Wert und ging in den Wirren der Nachkriegszeit verloren. An kirchlichen Feiertagen brannten vor ihm die von Gläubigen zu Ehren der Muttergottes gestifteten Kerzen, und in den Sommermonaten schmückten es Blumen aus den benachbarten Hausgärten.

Aus dem 17. Jahrhundert?

Das Alter dieses Heiligenhäuschens ist ungewiss, ebenso seine Entstehungsgeschichte. So wurde es u.a. in einer Veröffentlichung von Heinz Schüler aus dem Jahre 1977 „Wegekreuze und Heiligenhäuschen im Stadtkreis Koblenz“ mit einer für Horchheim folgenschweren Begebenheit im Dreißigjährigen Krieg in Verbindung gebracht. Auf Seite 47 dieser Schrift heißt es:

Vorläufer eines Horchheimer Heiligenhäuschens soll ein Wegekreuz gewesen sein, das für den Kroatenführer Janco Draganic gesetzt wurde.

In der 1964 erschienenen Festschrift „750 Jahre Pfarrgemeinde Horchheim“ (Seite 63) wird diese Geschichte wie folgt erzählt:

In den Jahren des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) wurde auch unsere engere Heimat zum Kriegsschauplatz. Aus Furcht vor den anrückenden Schweden flüchteten die Horchheimer in einen zwischen Horchheim und Niederlahnstein gelegenen Hohlweg.

Der „Rheinische Antiquarius“ berichtete hierzu:

Jener Hohlweg schien den Flüchtlingen ein sicheres Versteck. Darin sind sie tatsächlich vom Feinde nicht beunruhigt worden. Aber ein großer Teil von ihnen, Frauen und Kinder besonders, mussten verschmachten oder erfrieren, wegen des strengen Winters und weil die Schweden länger als erwartet in der Horchheimer Gemarkung liegen blieben.

Der Hohlweg heißt heute noch Hungergasse. Nach den Schweden kamen mit den Kaiserlichen die Kroaten unter Führung von Janco Draganic. Dieser schwor beim Anblick des sich in dem Hohlweg bietenden Leides, an den Schweden Rache zu nehmen. Bei der Belagerung von Koblenz und Ehrenbreitstein fügte der Kroate mit seinen Mannen dem Gegner schwere Verluste zu, so dass eine Belohnung von 1000 Liores auf seinen Kopf ausgesetzt wurde. Bei einem Ausfall der Belagerten kam es zu einem Kampf, bei dem Draganic getötet wurde. An der Stelle, wo der von der Bevölkerung geachtete Kroate starb, wurde ein Kreuz errichtet. Mitte des 18. Jahrhunderts ließ der kurtrierische General von Hohenfeld hier ein Heiligenhäuschen bauen. So weit aus der Festschrift.

Eine Verwechslung?

In der Horchheimer Kirmeszeitung des Jahres 1954 wurde schon einmal diese Geschichte unter dem Titel „Die Hungergasse und der Kroatenhauptmann“ veröffentlicht. Hier heißt es im letzten Satz:

An der Stelle zwischen Horchheim und der Hungergasse, wo Draganic fiel, errichteten die Bauern damals ein Kreuz, an dessen Stelle ein Jahrhundert später ein Muttergotteshäuschen kam.

Diesem Bericht nach handelt es sich hier um das Wendelinuskapellchen an der Weitenbornstraße Nr. 11. Einen weiteren Hinweis darauf, dass es sich um dieses Heiligenhäuschen handeln muss, erhalten wir in einem weiteren Beitrag in der Kirmeszeitung des Jahres 1971 aus der Feder des Koblenzer Stadtarchivars Dr. Hans Bellinghausen. Hierin beschreibt er die Stelle, an der Draganic starb, „als nicht weit von der Hungergasse“. Dies geschah im Jahre 1636 bei Horchheim, gegen Ende des Monats Oktober. An das Geschehen in der Hungergasse erinnert aber auch der Bildstock in der Koblenzer Straße in Niederlahnstein auf der Grenze zu dem Betriebsgelände der Firma C. S. Schmidt.

Zeichen alter Frömmigkeit

Sollte also die Entstehung des auf unserem Foto gezeigten Heiligenhäuschens nicht im Zusammenhang mit der Geschichte um den Kroaten stehen, so gehen doch seine Anfänge wohl in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurück, hatten doch die Menschen in diesen Jahrzehnten in ihrer großen Not oft genug Anlass, Gott und seine Heiligen um Hilfe zu bitten. Aus Dank und zur Erinnerung entstanden viele Kreuze, Bildstöcke und die für unsere Gegend typischen Heiligenhäuschen. So ist es nicht zu verwundern, dass die alten Horchheimer von dem Heiligenhäuschen am Wege nach Pfaffendorf, umgeben von Weinbergen, schon immer zu erzählen wussten. Sie hatten es, wie auch die anderen in der Horchheimer Gemarkung, in ihrer tiefen Frömmigkeit über Jahrhunderte erhalten. Die von der Familie Kipp/Mock zur Verfügung gestellte Aufnahme aus den dreißiger Jahren soll uns Erinnerung aber auch Mahnung sein, die uns gebliebenen Zeugnisse früherer Zeiten ebenso zu bewahren.

Robert Stoll




Als es bei uns noch Bauern gab

Bauern in Horchheim vor 25 Jahren –
ein „agrarökonomischer Rückblick“
von Hans Feldkirchner

Kirmes-Magazin 1980 Seite 40-41

Lange ist es her, als Ochsenkarren zu einer vertrauten Erscheinung auf Horchheims Straßen waren, als Frischmilch direkt vom Erzeuger mit dem Pferdewagen ausgefahren wurde und Horchheims Hobbygärtner mit Schaufel und Besen auf die Straße stürzten, um sich gewisse „Hinterlassenschaften“ der Vierbeiner als Dünger für den Hausgarten zu sichern. Äußerst gründlich hat man Horchheims Gemarkung umgepflügt, neu planiert, aufgerissen, ausbetoniert und asphaltiert – alles im Sinne von verbesserter Infrastruktur. Die ursprüngliche Struktur unseres Ortes ging dabei verloren, gründlich, endgültig. Natürlich haben Horchheims Groß- und Kleingrundbesitzer ihren Schnitt gemacht, als sie die Felder der Väter und Großväter Straßenbauämtern und Siedlungsgesellschaften überließen und ihre bäuerIiche Selbständigkeit aufgaben. So mancher Rummele-Acker, so manches Erdbeerfeld wurde so zur kleinen Goldgrube …

Horchheim war um die Jahrhundertwende ein Dorf mit kleinbäuerlicher Struktur. Neben Weinbau war der Obstanbau vorherrschend. Bis zum 1. Weltkrieg wurden Horchheimer Bohnäpfel in Holztonnen verpackt und zum größten Teil nach England verschifft. Nach dem 1. Weltkrieg nahm der Erdbeeranbau immer mehr zu. Der Weinbau ging wegen der Ausbreitung der Schädlinge (Reblaus) und der immer dichter werdenden Besiedlung der Ortslage zurück und verschwand im Jahre 1923 ganz. Getreide und Hackfrucht wurden weiter oberhalb der Umgehungsstraße B 42 angebaut. Diese Anbauflächen verschwanden durch die Ausbreitung der militärischen Anlagen wie Bau der Augusta-, Gneisenau-, Deines-Bruchmüller-Kaserne und der Anlage des Schieß- und Truppenübungsplatzes Schmidtenhöhe. Bis zum Beginn des 2. Weltkrieges war die bäuerliche Struktur fast zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Auf den verbleibenden Resten der landwirtschaftlichen Fläche bauten die Horchheimer Bauern meist nur noch zu ihrem eigenen Gebrauch für die Nutzviehhaltung Getreide und Hackfrucht an. In den Mangeljahren nach dem 2. Weltkrieg blühte das bäuerliche Leben noch einmal auf. Der Erdbeeranbau war eine der wichtigen Einnahmequellen. Durch die dann einsetzende Ausweitung des Wohnungsbaues verschwanden immer mehr Erdbeerfelder. Nachdem die Bundesrepublik sich dem europäischen Markt öffnete und das Baugebiet Horchheimer Höhe entstand, war es mit den bäuerlichen Betrieben vorbei. Den Rest gab ihnen der Straßenbau.

Ein Dutzend Voll-Bauern

Heute haben wir in Horchheim leider keinen einzigen landwirtschaftlichen Betrieb mehr. 1955 existierten immerhin noch 16 Betriebe, davon 12 als Vollerwerbsbetriebe. Wer erinnert sich an „Pinke Jupp“ in der Emser Straße – Ecke von Eyßstraße, der sich als später Junggeselle in den bayerischen Hafen der Ehe begeben hatte oder an den „Schuster Will“ gegenüber dem Krankenhaus, der bis 1955 Herr und Gebieter über viele Erdbeerfelder war und heute als Rentner lebt, oder an Siegfried Sauder, der spät aus der russischen Gefangenschaft zurückkam und mit seinem Ochsen und Misthaufen vor der Tür in der Brandenburgstraße zum dörfIichen Leben der damaligen Zeit gehörte? Hinzu kommen Vater und Sohn Josef und Konrad Geissler in der Emser Straße. Während sich Josef Geissler mehr dem Gesellenhaus als Hausvater widmete, übernahm Sohn Konrad den elterlichen Betrieb. Er war der erste und auch der Einzige, der von den Horchheimer Bauern einen Traktor besaß. Heute noch ist der „Konn“ bei allen Umzügen in Horchheim mit seinem altersschwachen Traktor dabei. Auf dem Kommers der Kirmesgesellschaft 1965 hat er die letzte Kuh Horchheims in den Saal geführt.

Am längsten hielt sich Esters Hein

Weiter zu nennen ist „Pretze Jakob“ in der Heddesdorffstraße. Er gehörte mit seinem Kuhgespann zu den letzten Bauern, die sich schwer von ihren Äckern trennen konnten. Der absolut „letzte“ Bauer war schließlich der „Ester Hein“, allen Horchheimern wohlbekannt. Hatte der „Hein“ doch zur Freude der Horchheimer Kinder lange Jahre das Pferd des St. Martin in Pension.

Schmitze Hannes aus der Meesgaß

Bei der Aufzählung der Horchheimer Bauern darf einer nicht vergessen werden. Er war ein Original, er und seine Frau waren menschlich so prachtvolle Mitbürger, wie man sie selten findet. lch meine „Schmitz Jusseps Hannes“ und seine Frau „Appelchen“. Für Nichteingeweihte: Johann Schmitz und seine Frau Appollonia aus dem Meesgäßchen. Vielen Horchheimern klingt noch die etwas heisere Stimme des Han-nes in den Ohren, wenn er seinen Ochsen die Viehgass hinauftrieb: „Hans, dau doller Hond, nau mach ohn gieh.“ Der Ochse war für den Hannes kein Nutzvieh, sondern Arbeitskamerad. Oft erzählte er den Leuten: „Et gibt schlecht Wedder, der Ochs hat et en de Knoche.“ Bescheidene, hilfreiche Leute, die mit Reichtum nicht gesegnet, aber wegen ihrer Herzlichkeit vor allem bei den Kindern sehr beliebt waren.

Zu unseren Bauern der damaligen Zeit gehörte auch Johann Brühl in der Alten Heerstraße. Nachdem Herr Brühl verstarb, ging dieser Betrieb ein. ln der Mendelssohnstraße befanden sich noch 3 Bauern, Jakob Geissler, Karl Hahn und Jakob Schmitz. Alle 3 haben im Laufe der Zeit aus Altersgründen und nach Aufgabe ihrer Felder die Landwirtschaft eingestellt.

Zum Schluß ist noch Johann Saal in der Mittelstraße zu erwähnen. ln den letzten Jahren hatte Herr Saal 2 Maultiere, mit denen er seine Felder bewirtschaftete. Die Horchheimer Kinder hatten immer viel Freude, wenn er mit seinem Gespann rasselnd durch den Ort fuhr. Die Beschaulichkeit dieses Zeitabschnittes ist dahin. Das Rad der Zeit rollt unaufhaltsam weiter. Hin und wieder sollte man es anhalten und einmal rückwärts schauen, damit wir den Blick für morgen nicht verlieren.




Unser Heimatlied „O Horchheim, mein Horchheim!“

Von Hans Josef Schmidt
Festschrift 1214 – 2014
Seite 298 – 300

Der Text und die Melodie unseres „Nationalliedes“ stammen aus der Feder von Karl („Wurscht“) Wörsdörfer, das harmonische Gerüst bzw. die Vertonung für Klavier von Hans Wüst, dem Organisten und Dirigenten des Horchheimer Kirchenchores.


O Horchheim, mein Horchheim!

Wo einst die Sonne schien auf edle Reben,
Schräg vis-à-vis von Stolzenfels,
Wo über’m Waldrand hoch die Sperber schweben,
Und lustig singt die Lerche über’m Feld,
Da liegt im Tale, den Römern schon bekannt,
Ein kleines Städtchen, verträumt am Rheinesstrand.

Refrain:
O Horchheim, o Horchheim,
So murmeln leis die Wellen;
In dir gibt’s schöne Mädchen
Und lustige Gesellen!

Und abends dann oft im Mondenschein
Gibt man sich im Park ein Stelldichein.
O Horchheim, o Horchheim,
Sollt ich mal fern dir sein,
Zieht mich die Sehnsucht wieder
Zu dir am schönen Rhein!

Es herrscht der Frohsinn schon seit alten Zeiten
In jedem Haus in jeder Gass’.
Ja, man versteht es, Feste zu bereiten,
Und kehrt erst heim, wenn leer das letzte Fass!
Drum Wand’rer kommst du mal an des Rheines Strand,
Dann setz dich nieder und lausch am Uferrand:

Refrain:
O Horchheim, o Horchheim, …

Werd’ ich dereinst zum Himmel abgerufen,
Dann trete ich zu Petrus hin:
Ach, lass’ als Engel mich sitzen auf den Stufen
Am Rhein, am Rhein, wo ich geboren bin ‒
Lausch’ in den Park ich, wo man sich Liebe schwört;
Singt mir die Nixe, die einst mich hat betört:

Refrain:
O Horchheim, o Horchheim, …

Text und Melodie: Karl Wörsdörfer, Klaviersatz: Hans Wüst


Karl Wörsdörfer als Oberst Itzeblitz
Karl Wörsdörfer als Oberst Itzeblitz

Karl Wörsdörfer

geboren am 21. August 1919 in der Südlichen Vorstadt, kam 1948 mit seiner Familie nach Horchheim. Hier fasste er schnell Fuß und wurde zu einer wertvollen Bereicherung der Vereinswelt. Männerchor, Carnevalsverein (HCV) und Kirmesgesellschaft boten ihm ein breites Podium. Seine Paraderolle war „Oberst Itzeplitz“, ein Gütezeichen in der Koblenzer Faasenacht.
1950 schenkte er den Horchheimern ihr Heimatlied „O Horchheim“, dessen Text zum ersten Mal in der Kirmes-Zeitung 1952 gedruckt wurde.

Über die Entstehung des Liedes sagte er:

„Im Herbst 1950 machte ich einen Feierabend-Spaziergang mit meinem damals dreijährigen Sohn Klaus durch den Park am Rhein, auch ‚Allee‘ genannt. Beim Anblick der herrlichen, hohen Bäume, der Schiffe auf dem Rhein, der Liebespärchen und des über der Brüstung lehnenden Rentnerklubs überkam mich eine friedliche Stimmung, die mich auf dem Heimweg zur Mendelssohnstraße begleitete. Zu Hause setzte ich mich hin und versuchte, diese Stimmung in ein paar Verse umzusetzen.“

Nach einigen Versuchen hatte „Wurscht“ eine Walzermelodie hinzugefügt, denn wenn man am und vom Rhein singt, konnte es ja auch nur ein Schunkellied sein. Die Melodie, primitiv auf einem selbst gebastelten Notenblatt festgehalten, wurde dann vom Horchheimer Organisten Hans Wüst mit viel Freude „musikalisch hingetrimmt“. Bei der Karnevalssitzung des Männerchores am 11. November 1950 erfolgte im Gesellenhaus die Uraufführung.

Die Nachfrage war so groß, dass das Lied mit Unterstützung durch Hans Wagner auf Postkarten gedruckt werden konnte, die sogar bis nach Amerika verschickt wurden, aber schon bald vergriffen waren.

„Wurscht“ Wörsdörfer starb am 12. Juni 1994 im Alter von 74 Jahren.

Hans Wüst

am 11. September 1909 in Duisburg-Großenbaum geboren, absolvierte nach der Schulzeit zunächst eine Klavierbauer-Lehre bei der berühmten Firma Mand in Koblenz. Er stammte aus einer Familie, in der die Musik immer eine große Rolle gespielt hat. Sein Großvater Heinrich Wüst (1832-1916) kam 1857 als Lehrer, Küster und Organist nach Horchheim. Auch der Vater Josef (1878-1945) fungierte eine Zeitlang als Organist an St. Maximin. So kam es nicht von ungefähr, dass Hans Wüst schon im Alter von 15 Jahren (1924) als Organist an St. Maximin tätig war.

Hans Wüst

Seine ersten musikalischen Gehversuche ging er allerdings als Autodidakt an. Die entscheidende musikalische Fortbildung erhielt er am Konservatorium in Koblenz. Sein Mentor war Adolf Heinemann, Organist an St. Florin und damals schon ein in Koblenz bekannter Orgelkünstler. Ihm eiferte Hans Wüst nach und machte sich ebenfalls schon bald im Koblenzer Raum einen Namen, wobei ihm nicht zuletzt auch das 1½-jährige Studium an der Rheinischen Musikschule in Köln ab 1930 zu Gute kam. Mit Bravour legte er ein vorgezogenes Examen bei seinen Lehrmeistern Prof. Wilhelm Maler (Musiktheorie) und P. Baumgartner (Klavierunterricht) ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Hans Wüst 1945 die Leitung des Horchheimer Kirchenchores. Drei Messen hat er geschrieben: die Ostermesse „Christ ist erstanden“ 1940, die Weihnachtsmesse mit Melodieanfängen bekannter Weihnachtslieder 1945/46 und die Marienmesse „Salve Regina“ 1952. Daneben hat er noch mehrere Liedsätze und Motetten komponiert und halt eben auch die Harmonie zum Horchheimer Nationallied nach Text und Melodie von Karl Wörsdörfer geschrieben. Seit 1955 war Wüst auch Musiklehrer am Johannes-Gymnasium Lahnstein.

Er verstarb leider viel zu früh am 18. Januar 1963.


Die Originalnoten von 1950

Original-Noten "Oh Horchheim, mein Horchheim!"



Notenblatt: „O Horchheim, mein Horchheim“ (PDF)